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Seite:Die Gartenlaube (1883) 024.jpg

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verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Die Thür, durch welche Paul eingetreten war, hatte sich geräuschlos wieder hinter ihm geschlossen; jetzt öffnete sich ebenso geräuschlos eine andere Thür, welche in die inneren Gemächer führte, und der Herr des Schlosses trat ein. Der junge Mann ging ihm rasch, aber doch mit einer gewissen Befangenheit entgegen, und während er sich verneigte, haftete sein Blick mit verzeihlicher Neugierde auf dem Vielbesprochenen.

Vor ihm stand ein hoher, schlanker Mann, dessen Aeußeres in keiner Weise den Sonderling verrieth. Was an diesem Aeußeren zunächst auffiel, war eine unverkennbare Aehnlichkeit mit dem jungen Verwandten. Es waren offenbar Familienzüge, die sich bei Beiden wiederholten, aber sie hatten eben nur diese regelmäßigen edlen Linien gemein, während sich in allem Uebrigen die größte Verschiedenheit kundgab.

Bei dem Freiherrn waren Haar und Augen dunkler, und in seinem Antlitze lag jenes Etwas, das man bei Paul vermißte, ein tiefdurchgeistigter Ausdruck. Freilich gruben sich auch scharfe Linien in dieses Antlitz, das in seiner auffallenden, krankhaften Blässe den vollsten Gegensatz zu dem blühend heiteren Gesicht des jungen Mannes bildete. In das dunkelblonde Haar und den vollen Bart mischten sich schon hier und da einzelne Silberfäden, und die Augen waren von jener stahlgrauen Farbe, die bisweilen schwarz erscheint, während sie in anderen Augenblicken einen leuchtend hellen Schimmer zeigt. Es waren seltsame Augen: tief, träumerisch und räthselvoll, schienen sie das Innere eher zu verschleiern, als zu offenbaren. Sie mußten sehr schön gewesen sein, als sie einst in der Schwärmerei der Jugend aufflammten; jetzt lag nur tiefe Ermüdung darin, und wenn der Blick sich für einen Moment belebte, war es nur der Widerschein erloschener Gluthen.

„Ich freue mich, Dich zu sehen, Paul,“ sagte der Freiherr, indem er seinem Neffen die Hand reichte. „Sei willkommen!“

Der junge Mann hatte Mühe, seine Betroffenheit zu verbergen; er hatte sich die Persönlichkeit und den Empfang des Onkels so ganz anders gedacht. Diese einfach vornehme Erscheinung mit dem ruhigen Ernste in Haltung und Sprache paßte durchaus nicht zu dem excentrischen Bilde, welches seine Phantasie entworfen hatte. Er sprach etwas von seiner Freude, dem Onkel endlich persönlich nahen zu dürfen, und von dem längst gehegten sehnlichen Wunsche, ihm mündlich für all seine Großmuth zu danken, aber Werdenfels schien weder auf diese Freude noch auf die Dankbarkeit besonderes Gewicht zu legen. Er erwiderte keine Silbe darauf, sondern lud den jungen Mann[WS 1] nur mit einer Handbewegung zum Sitzen ein, während er sich gleichfalls niederließ.

„Du bist vermuthlich überrascht, Felseneck in dieser Gestalt wiederzusehen,“ begann er die Unterhaltung. „Du kennst es ja wohl nur als Ruine?“

„Ich bewundere immer von Neuem, was Du aus diesen alten Steintrümmern geschaffen hast,“ entgegnete Paul, diesmal mit voller Aufrichtigkeit. „Du hast ja die ehemalige Burg in ihrer ganzen Pracht wieder erstehen lassen.“

„So weit das nach den vorhandenen Plänen und Rissen möglich war, allerdings; der Bau hat freilich jahrelang gedauert; er ist erst im vergangenen Herbste vollendet worden.“

„Und trotzdem wohnst Du hier in dem alten Thurme, der allein noch von den früheren Resten erhalten ist?“

„Ja, und ich denke auch hier zu bleiben.“

„Aber weshalb bautest Du denn das Schloß, wenn weder Du noch Andere es bewohnen?“ fragte Paul verwundert.

„Weshalb?“ wiederholte der Freiherr ruhig. „Nun, zur Unterhaltung! Man muß doch irgend etwas zu thun haben. Es ist nur schade, daß mit der Vollendung eines solchen Baues auch das Interesse daran aufhört. Seit Felseneck fertig dasteht, ist es mir sehr gleichgültig geworden.“

Der junge Mann sah in sprachloser Ueberraschung auf seinen Verwandten, der nur „zur Unterhaltung“ Hunderttausende an ein derartiges Bauwerk verschwendete und dann jedes Interesse an seiner vollendeten Schöpfung verlor.

„Es ist jedenfalls ein stolzer Wohnsitz, den Du Dir mitten in der Einsamkeit des Hochgebirges geschaffen hast,“ sagte er nach einer Pause. „Du bist vermuthlich ein geübter Bergsteiger, Onkel Raimund?“

„Nein, meine Gesundheit verbietet mir gänzlich dergleichen Anstrengungen.“

„Dann treibst Du wohl die Jagd mit Leidenschaft in diesen Bergwäldern?“

„Ich jage nie.“

„Oder Du betreibst in ungestörtester Ruhe Deine wissenschaftlichen Studien? Das ist ja wohl von jeher Deine Lieblingsneigung gewesen?“

Werdenfels schüttelte den Kopf.

„Das war in früheren Jahren; jetzt studire ich sehr wenig. Für den Laien hat das auf die Dauer doch keinen Reiz.“

„Aber mein Gott, was fesselt Dich dann hier oben?“ rief Paul, „und was liebst Du eigentlich an diesem Aufenthalte, der Dich so weit von den Menschen entfernt?“

„Die Berge!“ sagte der Freiherr langsam. „Und die Einsamkeit!“

Er erhob sich und trat an die weit geöffnete Thür, die auf den Altan hinausführte.

„Willst Du die Aussicht einmal genießen? Deine Zimmer haben den Blick nach der Ebene hinaus; nur von hier aus sieht man das Hochgebirge.“

(Fortsetzung folgt.)




Das türkische Derwischthum in seiner heutigen Gestalt und Bedeutung.

Von L. von Hirschfeld.

„Vier Wanderer, ein Türke, ein Araber, ein Perser und ein Grieche, trafen einst auf der Landstraße vor einem Khan[1] zusammen. Ihre Reisebaarschaft war auf wenige Para zusammengeschmolzen; sie reichte noch gerade zu einem frugalen Mahl, und die Reisenden beschlossen, dasselbe gemeinschaftlich einzunehmen. Man berieth nun, was dafür einzukaufen sei. ‚Uzum‘, schlug der Türke vor; ‚Ineb‘, verlangte der Araber; ‚Inghur‘, rief der Perser dagegen, während der Grieche auf ‚Stafilion‘ bestand. Da Keiner nachgeben wollte, kam es zu heftigem Wortwechsel, ja, der Streit drohte in Thätlichkeiten auszuarten, als der Wirth, der alle vier Sprachen kannte, noch rechtzeitig einen Korb mit Trauben auf den Tisch stellte. Sofort waren Alle beruhigt; denn Jeder hatte nun, was er wünschte.“

Dieser sinnigen Parabel, die uns von einem persischen Sufy des zwölften Jahrhunderts überliefert wird, mußte ich unwillkürlich gedenken, als ich unlängst dem seltsamen Gottesdienste der „heulenden“ Derwische in Scutari beiwohnte. Der Philosoph hat in jener Erzählung die innere Gleichartigkeit der vier sich damals auf’s Heftigste bekämpfenden Religionsgenossenschaften veranschaulichen wollen. Mir erscheint sie noch heute auf manche äußere Erscheinung des religiösen Lebens anwendbar.

Denn wie der tief in der menschlichen Natur begründete Drang nach dem Uebersinnlichen den Ausgangspunkt aller Religionssysteme bildete, so sind auch schwärmerische Ausschreitungen bei der Ausübung des Gottesdienstes allen Völkern gemeinsam. Am häufigsten sehen wir in den Gemüthern der Gläubigen die Neigung für allerlei heilige Geheimlehren und Bußübungen auftauchen, und diese findet ihren Ausdruck, je nach der Verschiedenheit des nationalen Charakters, des Klimas und der Lebensweise, bald in unthätigem Nachsinnen über religiöse Fragen und stumpfer Weltentsagung, bald in ekstatischer Selbstvernichtung oder geheimnißvoller Schwärmerei. Sind nicht der indische Büßer, der ägyptische Säulenheilige, der christliche Einsiedler im Grunde eine und dieselbe Figur? Lassen sich nicht manche Parallelen ziehen zwischen Springprocessionen und Derwischtänzen, zwischen Heiligen- und Prophetencultus, zwischen Marienwundern und geheimnißvollen Heilungen erleuchteter Scheikhs?

Wer je Constantinopel berührte, kennt die „heulenden“ und „drehenden“ Derwische. Der Besuch ihrer Tekés (Klöster) bildet bekanntlich eine der Hauptnummern in dem Programm jedes gewissenhaften Touristen. Gewöhnlich aber hat der aufgeklärte Europäer nur ein mitleidiges Lächeln, nicht selten sogar ein Wort des Spottes für dieses fremdartige Schauspiel. Der Ursprung


  1. Orientalische Herberge.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Manu
Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1883, Seite 24. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_024.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2023)