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Seite:Die Gartenlaube (1883) 001.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

No. 1.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Gebannt und erlöst.

Von E. Werner.

Der Dampfer lag zur Abfahrt bereit. In einer Stunde sollte er den Hafen verlassen, um nach der nahen deutschen Küste zu steuern, die bei einer schnellen und günstigen Fahrt schon mit Tagesanbruch zu erreichen war.

Auf dem Meere draußen lag die tiefe, stille Ruhe der Mondnacht, im Hafen aber und am Ufer herrschte noch das regste Leben und Treiben. Blendender Lichtglanz strömte über die Piazzetta hin, und dichtes Menschengewoge erfüllte den weiten, beinahe tageshellen Raum. Das ganze Leben des Südens entfaltete sich an diesem Herbstabende, dessen weiche, beinahe schwüle Luft den heißen Sommerabenden des Nordens nichts nachgab. In immer neuen, wechselnden Bildern zog das bunte Gewühl vorüber, wie bewegt und getragen von den Klängen der Musik, und über diesem Meer von Licht, Glanz und Tönen ragten die mächtigen Kirchen und Paläste der Stadt empor, hell beschienen vom Mondlicht, das sie wie mit geisterhaftem Schimmer umfloß und jede Linie klar und deutlich hervortreten ließ gegen den sternfunkelnden Nachthimmel.

Die Zeit war schon ziemlich weit vorgerückt, als eine Gruppe von jungen Männern sich aus dem Gewühl löste und die Richtung nach dem Ufer einschlug. Sie gehörten offenbar verschiedenen Nationalitäten an; denn die sehr laute und lebhafte Unterhaltung wurde bald deutsch, bald italienisch geführt, verrieth aber die übermüthigste Stimmung. Die Neckereien flogen unaufhörlich hin und her, und jeder Einfall, jede Bemerkung wurde mit hellem Gelächter aufgenommen. Am Ufer, das die kleine Gesellschaft jetzt erreichte, harrte bereits eine Gondel mit verschiedenem Reisegepäck. Scharf und dunkel hoben sich die Umrisse des Dampfers ab, der in geringer Entfernung lag, während das Licht und die Musik von der Piazza her nur gedämpft herüberdrang.

„Jetzt heißt es, all dieser Schönheit Lebewohl sagen,“ rief einer der jungen Männer, indem er nach jenem Lichtkreise zurückblickte. „Wenn ich daran denke, daß ich fort muß, um für diese Sommertage und Mondesnächte die eisigen Herbstnebel und Winterstürme unserer deutschen Hochgebirge einzutauschen, dann möchte ich den Einfall meines Onkels verwünschen, der mich zurück ruft.“

Er war bei den letzten Worten stehen geblieben, und das Licht des Gascandelabers fiel hell auf seine Gestalt, eine schlanke elegante Gestalt im dunklen Reise-Anzuge. Die blonden Haare und blauen Augen des jungen Mannes verriethen den Nordländer, wenn auch seine ursprünglich helle Hautfarbe jetzt gebräunt erschien; seine Züge hätten nur etwas ausdrucksvoller sein müssen, um für wirklich schön zu gelten. Man suchte in diesen edel gezeichneten Linien unwillkürlich einen tieferen Ausdruck, der nicht vorhanden war, aber sie waren voll Jugend, Heiterkeit und Leben, dabei anziehend, wie die ganze Persönlichkeit.

„Warum gehst Du denn überhaupt?“ fragte einer der Begleiter, eine echt italienische Erscheinung mit südlichem Teint und dunklen, brennenden Augen. „Ich würde mich viel um die Einfälle eines alten Menschenfeindes kümmern, der auf seinem langweiligen Felsennest da oben mit sich und aller Welt im Kriege lebt. Ich würde ihm in aller Hochachtung melden, daß mir die Gesellschaft der Uhus und Fledermäuse nicht behagt – ich würde einfach hier bleiben. Ich habe Dir das schon vorgestern gerathen, Paul, als die Abberufungsordre eintraf, aber Du wolltest ja nichts davon hören.“

„Mein lieber Bernardo,“ sagte Paul lachend, „dieser weise Rathschlag beweist sonnenklar, daß Du nicht weißt, was es heißt, einen Verwandten zu besitzen, von dessen Wohlwollen Deine gegenwärtige Existenz und Deine ganze Zukunft abhängt – sonst würdest Du anders urtheilen.“

„Ich wollte, ich hätte ihn!“ rief Bernardo. „Solch ein alter Erbonkel, der mindestens eine Million hinterläßt, ist unter allen Umständen eine schätzenswerthe Sache, selbst wenn er mit verschiedenen Uhu-Eigenthümlichkeiten behaftet ist. Leider befindet sich in meiner ganzen Verwandtschaft kein derartiges kostbares Exemplar; Du hast eben darin Glück, wie in allen Dingen.“

„Was ist es denn eigentlich mit diesem Anverwandten, Herr von Werdenfels?“ mischte sich jetzt ein Dritter in das Gespräch. „Ich war, ehe ich Deutschland verließ, zufällig in seiner Heimath, wo die tollsten und abenteuerlichsten Gerüchte über ihn im Gange sind. Dieser Burgherr von Felseneck ist so recht eigentlich das Märchen der ganzen Umgegend. Ihnen gegenüber wird er doch seine sonstige Unzugänglichkeit und Unsichtbarkeit nicht festhalten.“

Der junge Werdenfels zuckte die Achseln.

„Ich kann Ihnen darüber keine Auskunft geben, lieber Osten; denn ich weiß nicht mehr als jeder Andere. Es ist ein Vetter meines verstorbenen Vaters, aber die Beiden standen sich stets fern, und ich selbst habe ihn überhaupt nur ein einziges Mal gesehen und gesprochen. Das war vor Jahren, als ich nach dem Tode des Vaters seiner Vormundschaft übergeben wurde. Seitdem beschränkt sich unser Verkehr auf die Briefe, in denen ich ihm regelmäßig von meinem Leben und Treiben Nachricht gebe, und auf die kurzen, flüchtigen Antworten, die er mir bisweilen zu Theil werden läßt. Ich habe übrigens kaum jemals erwartet,

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 1. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_001.jpg&oldid=- (Version vom 9.12.2023)