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Seite:Die Gartenlaube (1882) 543.jpg

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verschiedene: Die Gartenlaube (1882)

wenn er sagt: „Die Gläubiger Aegyptens sind bei Licht besehen nur die Gläubiger des Ex-Khedives; sie mögen sich also an ihn halten und sich von ihm bezahlen lassen.“

Ist es nach dem Obigen also zu verwundern, wenn die Aegypter in den fremden Gläubigern und überhaupt in den Europäern die Quälgeister ihres Landes sehen, die von allen Einkünften und Erträgen für sich zuerst den Rahm abschöpfen und ihnen den saueren Bodensatz zurücklassen? Und welche Rolle haben dabei von jeher diese „Frengis“ in Aegypten gespielt, und ganz besonders die Franzosen und Engländer? Sie kamen nur, um Geld zu machen, und je mehr Geld, desto besser, wobei sie in der Wahl ihrer Mittel niemals ängstlich waren. „Wer nach Aegypten kommt, um dort sein Glück zu machen, muß ein weites Gewissen haben,“ sagt ein geflügeltes Wort, das nur zu wahr ist. Jeder brachte deshalb solches Gewissen oder gar keines mit.

In den ersten Regierungsjahren Ismaïl’s war der Zuzug der Franzosen, der schon unter Saïd Pascha bedeutend gewesen, enorm; denn Tausende wollten in einem Lande ihr Glück machen, dessen neuer Herrscher, noch mehr als sein Vorgänger, dem französischen Wesen so zugethan war und sich für seinen Hof die Tuilerien als Muster nahm. Bald wimmelte es in Alexandria und Kairo von französischen Abenteurern und Glücksrittern, von Schwindlern und Projectenmachern, und die Jagd nach dem Mammon begann.

Außer Frankreich waren es hauptsächlich Italien und Griechenland, die ihre Söhne, und nicht eben die besten und edelsten, über das Mittelmeer in das Goldland der Pyramiden sandten, Alle, Alle nur von dem einen Gedanken beseelt, reich zu werden und so sehr und so schnell wie möglich. Man könnte Bände füllen mit all den Geschichten, die sämmtlich keinen anderen Zweck hatten, als den Khedive und sein Land auszubeuten, Geschichten, die in Europa vielfach die betreffenden Personen mit der Polizei und den Gerichten in argen Conflict gebracht haben würden, aber an den Ufern des Nils nahm man es nicht so genau, und überdies hatten die Europäer dort eine besondere Gerichtsbarkeit, die sehr illusorisch war. Daß es unter der Menge der Fremden manche lobenswerthe und ehrenhafte Ausnahmen gab, ist selbstverständlich, aber es waren doch immer nur Ausnahmen, und die weitaus größere Mehrzahl bestand aus zweideutigen und oft sogar aus sehr anrüchigen Elementen. Die praktischen Engländer gingen von Anfang an umsichtiger und ernster zu Werke; sie gründeten Banken und Agenturen und hatten bald einen bedeutenden Theil des Export- und Importhandels in Händen, auch entwickelten sie ihre eigentliche Thätigkeit erst nach der Eröffnung des Suezcanals, der von da an ihr Hauptaugenmerk blieb und heute der eigentliche und wahre Grund ihres Einschreitens ist, ob sie auch noch so viel anderweitige philanthropische Motive vorschützen. Die Welt kennt die englische Philanthropie in fremden Ländern zur Genüge. Von der deutschen Colonie ist am wenigsten zu sagen; sie war von jeher die kleinste, kam aber nach 1870 zu großem Ansehen; denn der Name Bismarck hat auch am Nil einen gewaltigen Klang. In der europäischen Skandalchronik Aegyptens sind die Deutschen so gut wie gar nicht vertreten – das müssen wir durchaus, weil es die Wahrheit ist, hinzufügen.

Aber die Aegypter werfen jetzt, wo ihnen von Europa so hart mitgespielt wird, Alles ohne weiteren Unterschied in einen Topf und nennen heute jeden Europäer einen Ungläubigen, einen Christenhund (kelb nusrani), dessen Vertilgung eine Allah wohlgefällige Sache ist. Viel Böses, Arges und Ungerechtes muß geschehen sein, bevor das sanftmüthige, schüchterne Volk, dem es indeß keineswegs an Intelligenz fehlt, wie man so oft von Unkundigen versichern hört, so gereizt und von Haß und Rache erfüllt werden konnte.

Der tyrannische Steuerdruck, der ihnen das Letzte nahm und sie an den Bettelstab brachte, ist die Hauptursache ihrer Gereiztheit; dieser hat wieder seinen Grund in den Anleihen, und die Europäer sind die Gläubiger dieser Anleihen: das ist die heutige Logik des ägyptischen Volkes, die von den Verständigeren und Besonneneren allerdings nicht in ihrem vollen Umfange getheilt wird, die aber die wilden, entfesselten Massen zu Plünderung, Brandstiftungen und grauenhaften Mordthaten treibt. Ein furchtbares Element kommt hinzu, das stets in den Kriegen des Orients eine Schreckensrolle gespielt hat: der Fanatismns, die eigentliche Seele des Islams, der, was man auch sagen mag, noch immer seine Bekenner in den Tagen großer Bedrängniß zusammengehalten hat. Ueberdies war das Christenthum, wie es in Aegypten auftrat, wahrlich nicht geeignet, die Mohammedaner mit großer Achtung vor demselben zu erfüllen, und doch war es die abendländische, also die christliche Civilisation, mit welcher der Khedive sein Land beglücken wollte. Die Aegypter, und speciell die Bewohner der großen Städte, mußten einen ganz eigenthümlichen Begriff von jener Civilisation bekommen, wenn sie dem Treiben der Christen zuschauten.

Hier war es ein schwerer Diebstahl mit Einbruch oder gar eine Mordthat, dort eine Messeraffaire von Trunkenbolden oder auch ein skandalöser Bankerott und ähnliche Vorkommnisse in Menge, welche das Tagesgespräch der Alexandriner und Kairiner bildeten, und immer kamen von zehn Fällen neun auf Rechnung der Europäer, also der Christen, und unter ihnen standen die Griechen, Malteser, Kandioten in erster Reihe.

Es waren allerdings Ereignisse, die sich aus dem Zusammenströmen aller unreinen Elemente des südlichen Europas im Nillande erklärten und mit denen das Christenthum nichts gemein hatte, aber so weit dachte natürlich das Volk nicht. Und wenn die strenggläubigen Ulemas und Softis, denen alles christliche Wesen von jeher ein Gegenstand des Abscheus und der Verwünschung gewesen, jetzt den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen predigen, so ist es kein Wunder, daß ihre fanatischen Reden einen günstigen Boden finden und sofort praktisch verwirklicht werden. Die neuen Massenermordungen der Christen in Tantah und Benha nach den Gräuelscenen von Alexandrien beweisen dies nur allzu deutlich, und es mehren sich bereits die Anzeichen, daß sich die furchtbare Bewegung auch über die Grenzen Aegyptens hinaus und zwar nach Osten hin verbreiten wird; wenigstens lauten die neuesten Berichte aus Mekka, dem Centrum des mohammedanischen Fanatismus, und aus Damaskus, wo im Jahre 1860 die Drusen das entsetzliche Christengemetzel verübten, im höchsten Grade beunruhigend. Vielleicht ist gar die große Feuersbrunst in Smyrna, vom 16. bis 18. Juli, die über 1000 Häuser, darunter fast das ganze Judenviertel, in Asche legte, damit in Verbindung zu bringen.

Wir brechen hier ab; denn unsere Mittheilungen über Aegypten bezweckten nur, die Gegenwart aus der Vergangenheit, so weit dies in allgemeinen Umrissen und unter Hinweis auf einige der hervorragendsten Ursachen möglich war, zu erklären. Ueber die Zukunft des Nillandes, wenn auch nur über die nächste, sich schon jetzt ein Urtheil zu bilden, hieße den Ereignissen vorgreifen, die gerade dort so verwickelter und zugleich so eigenartiger Natur sind, daß man sie wohl unberechenbar nennen darf.




Aus der fränkischen Schweiz.

Von B. Florschütz. Mit Abbildungen von R. Püttner.
(Schluß.)

Das Schotterthal, in welchem wir zuletzt die Riesenburg ausgesucht haben, führt bis zur Einmündung des Aufsees in die Wiesent bei dem lauschig liegenden Wirthshause Doos, mit schönem Wasserfall; von da ab nimmt das Wiesentthal einen immer düstereren und wilderen Charakter an. Auf seinen linken Abhängen meist schroff-felsig und kahl, auf den rechten theils mit Laub-, theils mit Nadelholz bewachsen, wird es immer enger und geschlossener; ja zeitweilig scheinen gewaltige Felsvorsprünge das Thal ganz zu verschließen. Es wird von hier ab das Rabenecker Thal genannt und leitet uns in einer kleinen Stunde zwischen wüsten, dunklen Trümmermassen hindurch zu der auf hochromantischen, vielfach zerspaltenen Felszinnen liegenden Burg Rabeneck, welche wie kaum eine andere dem Berge selbst entsprossen und mit seinem Gesteine verwachsen erscheint. Der Blick auf die ebenfalls aus den

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verschiedene: Die Gartenlaube (1882). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1882, Seite 543. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1882)_543.jpg&oldid=- (Version vom 18.8.2023)