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Seite:Die Gartenlaube (1882) 519.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882)

als Hochverräther den Tod verdient, so habe der Khedive doch Gnade für Recht ergehen lassen und ihn nur nach Dongola in’s Exil geschickt. So der „Moniteur“, dem natürlich kein vernünftiger Mensch glaubte, aber alle Welt athmete doch auf, weil der Quälgeist des Landes beseitigt war. Das Wie war dabei ja gleichgültig.

Das Vermögen und die Güter des Muffetisch wurden sofort confiscirt – das war die Hauptsache. Man sprach von unermeßlichen Summen, unter Anderem von mehr als hunderttausend Goldstücken, die man in eisernen Kisten vorgefunden habe, was recht gut möglich sein konnte. Das Gold- und Silbergeschirr seines Hausraths und die in seinem Harem vorgefundenen Juwelen wurden auf viele Millionen Franken geschätzt – Alles erklärte der Khedive für gute Prise. Von den vierhundert Sclavinnen wurden die sechs schönsten Circassierinnen dem Sultan nach Constantinopel geschickt; dann traf der Khedive seine Auswahl, und die übrigen wurden nach rechts und links hin verkauft. Und dabei war der Sclavenhandel, dank den humanen Gesinnungen des Khedive, in ganz Aegypten längst unterdrückt, wie man beständig nach Europa hin meldete.

Mittlerweile hatten die Engländer, ganz im Geheimen und hinter dem Rücken der Franzosen, einen geschickten, und wichtigen Coup gemacht: sie hatten nämlich dem Khedive seine sämmtlichen Suezcanalactien für vier Millionen Pfund Sterling abgekauft. In England befanden sich dadurch mehr als zwei Drittel sämmtlicher Actien, also das bedeutendste Anrecht auf den Besitz des Canals. Als darauf die Finanzcommissäre ihre fast nutzlose Enquête beendigt hatten, war es den Engländern bei ihrem stets Wachsenden Einfluß leicht, in alle großen Administrationszweige englische Directoren einzusetzen: bei den Eisenbahnen, bei der Douane, bei der Verwaltung der directen und indirecten Steuern, beim Post- und Telegraphendienst, und vor Allem bei der Staatsschuldentilgungscommission, sodaß in erster Reihe das Finanzministerium so gut wie ganz lahm gelegt wurde.

Das war die Zeit der sogenannten Generalcontrolleure, eine schöne Zeit wenigstens für die Controlleure selbst, deren jeder 4000 Pfund Sterling Jahresgehalt bezog, den sie sich, weil sie die Hände auf allen Cassen hatten, auch immer vorweg auszahlten. Diese Controlleure zogen ein ganzes Heer von Unterbeamten in’s Land, die alle reichlich besoldet waren, pro forma immer im Einverständniß und unter Mitwirkung der Franzosen, aber unter vier Beamten gab es stets drei englische und nur einen französischen. Factisch waren also die Engländer schon jetzt, das heißt zu Anfang des Jahres 1877 die Herren von Aegypten; es sollte freilich noch ein Rückschlag eintreten, aber vor der Hand verhielt sich der Khedive passiv und übte nominell eine Art Scheinregierung aus, die seiner Eitelkeit und seinen Souverainetätsgelüsten schwer genug ankommen mußte. Schon damals sprach man von seiner Abdankung zu Gunsten seines ältesten Sohnes; ob er selbst diesen Gedanken je gehegt und erwogen, sticht sehr dahin; denn im Orient steigt man noch seltener freiwillig vom Regentenstuhl herab, als im Occident, obwohl auch dafür die gewaltsamen Entthronungen dort weit häufiger sind. Das sollte der Khedive Ismaïl nur zu bald an sich selbst erfahren. Hierüber in unserm nächsten Artikel!




Blätter und Blüthen.

Die preisgekrönten Entwürfe des neuen deutschen Reichstagsgebäudes in Berlin. (Mit Abbildungen auf S. 516 und 517.) Endlich nach zehnjährigen vergeblichen Versuchen hat der deutsche Reichstag in seiner letzten Session sich für die Wahl eines Platzes entschieden, auf welchem der stolze Bau errichtet werden soll, in welchem künftig die Vertreter der deutschen Nation über die Geschicke derselben berathen werden.

Eine aus Mitgliedern des Bundesrathes und des Reichstages bestehende Commission wurde niedergesetzt, um die Ausführung des großen Werkes in die Hand zu nehmen und dasselbe seiner Vollendung entgegenzuführen. Es wurde eine neue Concurrenz ausgeschrieben, an der sich die berufensten Baukünstler Deutschlands und Deutsch-Oesterreichs betheiligten. Nahe an 200 Entwürfe wurden eingeliefert, die jetzt der Oeffentlichkeit übergeben worden und nahezu alle durch ernstes Streben, durch fleißige Gedankenarbeit der Höhe der Aufgabe gerecht zu werden bemüht gewesen sind. In den letzten Tagen des Juni fiel die Entscheidung, die im ganzen Vaterlande, namentlich aber in Architektenkreisen mit Spannung erwartet worden war. Die ersten Preise von je 15,000 Mark wurden zwei verhältnißmäßig noch sehr jungen Künstlern, dem Architekten Paul Wallot in Frankfurt am Main und dem Professor Thiersch in München, zuerkannt.

Den zweiten Preis von 10,000 Mark erhielten die Berliner Architekten Kayser und von Großheim, Kramer und Wolkenstein und Heinrich Seeling. Der dritte Preis wurde Giese und Weilen in Dresden, Hubert Stier in Hannover, Ende und Beckmann, sowie Bosse und Schwechten in Berlin zu Theil. Außerdem beschloß die parlamentarische Commission noch acht Entwürfe anzukaufen, welche in bestimmten Beziehungen ein besonderes werthvolles Material für die Aufstellung eines zur Ausführung bestimmten Bauplanes darbieten. Ferner sind auf Vorschlag der Jury noch zwei andere Entwürfe angekauft worden, welche wegen Nichteinhaltung der Programmbedingungen von der Concurrenz ausgeschlossen werden mußten. Von diesen hat namentlich der mit dem stolzen Motto „Bramante“ versehene Entwurf des Freiherrn von Ferstel, des Erbauers der Votivkirche, des Museums und der Universität in Wien, durch die Großartigkeit der Conception, die gerechte Anerkennung der Kritik und die Bewunderung des Publicums in hohem Grade hervorgerufen. Doch wir wollen uns nicht auf eine Beurtheilung einzelner Entwürfe, welche von der Jury ausgezeichnet worden sind, entlassen, wir beschränken uns nur darauf, den Lesern der „Gartenlaube“ die beiden Entwürfe im Bilde vorzuführen, welche den ersten Preis erhielten.

Der Wallot’sche Entwurf, dessen Hauptansicht auf unserem Bilde zur Seite des Brandenburger Thores zu erblicken ist, ein imposanter Bau im Stil der hohen Renaissance, zeichnet sich durch eine auf quadratischer Grundlage sich erhebende Kuppel von hoher Schönheit aus, unter welcher, gerade in der Mitte des Gebäudes, der Sitzungssaal für die Abgeordneten sich befindet. Dieser im ersten Stock liegende Sitzungssaal wird bei Tage durch seitliches Oberlicht erhellt, während des Abends elektrisches Licht, das aus der Kuppel durch eine Glasdecke in den Sitzungssaal hineinstrahlt, auch nach außen strömend, „den getreuen Berlinern jederzeit Kunde geben soll von dem Fleiß und der Pflichttreue der Volksvertreter“, wie der Verfasser in seinen erläuternden Bemerkungen sich ausdrückt.

Auch Thiersch aus München, der Gewinner des andern ersten Preises, hat einen mächtigen Kuppelthurm zum Mittelpunkte seines Parlamentsbaues gemacht. Derselbe erhebt sich über einem rechteckigen Hauptbau von drei Etagen und wird durch vier kleine Thürme flankirt. Der nach dem Muster des griechischen Theaters einen großen Halbkreis bildende Sitzungssaal befindet sich aber nicht, wie bei dem Wallot’schen Entwurf, unter der Kuppel, die hier vielmehr das Foyer überwölbt.

Leider gebricht es uns hier an Raum, die Einzelheiten und Schönheiten der beiden Entwürfe zu beschreiben; wir müssen uns somit darauf beschränken, den von allen Seiten anerkannten schönen und imposanten Aufbau der Außenarchitektur hervorzuheben, durch den sich sowohl der Wallot’sche wie der Thiersch’sche Entwurf auszeichnet. Wir haben auch um so weniger nöthig, eine Vergleichung dieser preisgekrönten Entwürfe mit denen anderer Künstler anzustellen oder gar auf die Einwendungen der Kritik gegen die Entscheidung der Jury einzugehen, als die parlamentarische Commission zwar beschlossen, den Wallot’schen Plan der Ausführung zu Grunde zu legen, dem bereits nach Berlin berufenen Künstler aber die Aufgabe gestellt hat, unter Benutzung seines eigenen und der anderen prämiirten und angekauften Entwürfe den eigentlichen Plan erst auszuarbeiten, der dann wahrscheinlich alle heute noch geltend gemachten Bedenken beseitigen wird.

Es ist Hoffnung vorhanden, daß bereits in der nächsten Reichstagssession die Parlamentsbaucommission diesen umgearbeiteten Entwurf dem Reichstage vorlegen und der Reichstag dann in die Lage versetzt sein wird, die zunächst erforderlichen Geldmittel aus dem auf nahe an 30 Millionen Mark angewachsenen Fonds zur Verfügung zu stellen.

Mit dem Abbruch der Gebäude auf dem Bauplatze wird bereits am 1. August begonnen werden, und so ist es nicht unwahrscheinlich, daß Kaiser Wilhelm am 18. Januar 1883, dem Tage der Errichtung des Reiches, im Stande sein wird, den Grundstein zu einer monumentalen Parlamentshalle für die Vertreter der deutschen Nation zu legen. Hoffen wir aber auch, daß, wenn dereinst – in der jetzt endlich absehbaren Zeit von acht, höchstens zehn Jahren – die Vertreter des deutschen Volkes unter dem stolzen Kuppeldach des Parlamentspalastes auf dem Königsplatze sich versammeln, die Schatten sich verzogen haben werden, die heute noch die politische Freiheit und das verfassungsmäßige Recht in Deutschland umdüstern!

H. St.

„Alma Julia-Maximiliana hoch!“ So schallt es in den ersten Tagen des August durch die fröhliche Mainstadt Würzburg, wo „Bursche“ und „Philister“ sich ereifert, das dritte Jahrhundertfest der Universität mit Feuer und Kraft, also „gut fränkisch“ zu begehen. – Ein Universitäts-Jubiläum in Deutschland hat die doppelte Bedeutung, daß es ein Landes- und für Tausende ein Familienfest zugleich ist. Die Stadt selbst ist nur der Herd des Festes; die Festgäste kommen weit über die Weichbilds-, die Provinz-, ja die Landesgrenzen her; denn jede deutsche Hochschule zählt ihre Insassen nach Einheimischen und Fremden, und unter Fremden verstand man ehedem auch diejenigen Deutschen, welche nicht zu den Kindern des Landes der Universitätsstadt gehörten. Größere oder in gewissen Fächern hervorragende Universitäten ziehen sogar von jenseits der Grenzen des Reichs und von jenseits der Meere die strebenden Jünglinge herbei, und als eine solche Hochschule muß auch Würzburg hinsichtlich seiner medicinischen Facultät gelten. Hat die Regierung eines Landes alle Ursache, sich der Ehre einer blühenden Universität an einem Jubiläumstage zu erfreuen und durch ihre Theilnahme dem Feste Glanz zu verleihen, so bleibt der Hauptfreudentheil desselben doch den alten und jungen

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882). Leipzig: Ernst Keil, 1882, Seite 519. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1882)_519.jpg&oldid=- (Version vom 6.8.2023)