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Seite:Die Gartenlaube (1882) 453.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882)

Menschen kannte, der mehr als er die Liebe zu Gott und seinen Nächsten im Herzen trug und in Thaten übte; ich bin abermals gemaßregelt worden, weil ich einem Juden ein ehrliches Begräbniß schaffte innerhalb der katholischen Friedhofsmauer und nicht wollte, daß der arme, ehrenwerthe Mann, den ich fünfzehn Jahre kannte, irgendwo im freien Felde verscharrt werde wie ein Missethäter. Meine Schulfreunde sind Pröpste und Domherren — ich habe die arme Pfarrstelle hier, aber meinen Lessing habe ich mir nicht nehmen lassen, und ich denke, daß ich da oben“ — er deutete zum Himmel — „vielleicht eher mit meinem Juden und Protestanten zusammentreffen werde, als mit manchem Propst und Canonicus. Mehr als in den Scholasten steckt in dem Buche ‚Nathan der Weise‘, das Dir Deine Lehrer verketzern und verbrennen möchten. Ich aber sage Dir das Wort, das Augustin vor seiner Bekehrung vernahm: ‚Tolle, lege!‘ — Nimm und lies!“

Entwischt!
Nach dem Oelgemalde von H. Karow.


Er nahm ein Büchlein von dem Tische, unscheinbar gebunden und abgerissen an den Blättern, und sagte:

„Ich schenke Dir das Buch, auch wenn es Dir schon längst bekannt sein sollte. Lies es noch einmal, ohne Vorurtheil und mit Aufmerksamkeit, und dann wirf es wieder in den Winkel — wenn Du kannst!“

Reinhold stand wieder vor dem braunen Thor und hielt die Hand auf der Tasche, in welche er das kleine Buch gesteckt hatte; die Worte des Pfarrers hatten einen seltsamen Sturm in ihm erregt; sie klangen so ganz anders, als die Vorträge seiner Lehrer, und wenn er sich prüfte, zu wem ihn sein Herz und seine Ueberzeugung von Meinungsredlichkeit mehr hinziehe, so neigte sich die Schale zu Gunsten des weißhaarigen Priesters in dem alterthümlichen Pfarrhause.

Das Buch brannte ihm wahrhaftig auf dem Herzen, und er eilte seiner Wohnung zu. Der Abend dämmerte herein; der Lampenschimmer grüßte aus den Fenstern der Villa Günther, und in weichen Moll-Accorden klang die Variation eines alten Liedes herab:

„Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb.“

Reinhold war den Abend über schweigsam, sodaß der Vater halb Verstimmung, halb Mitleid empfand und ihm immer klarer ward, daß sein Sohn nicht ganz so glücklich sei, wie er sich und Anderen es vorredete. Dieser zog sich unter dem Vorwande der Müdigkeit bald auf sein Zimmer zurück, das nach dem Hofe hinaus lag, wo ihn weder Licht noch Ton von der Nachbarvilla stören konnte, und begann zu lesen in dem Buche Lessing’s.

Seine Lehrer hatten ihm niemals den „Nathan“ in die Hand gegeben; er fühlte zum ersten Mal den Flügelschlag des großen Genius, und Stunde um Stunde verrann; die Lampe vor ihm brannte trüb und qualmend, aber seine Wangen glühten; seine Augen leuchteten; sein Herz pochte lebhaft bewegt — nein, so sprach kein Atheist, kein Gottesleugner oder Heiligthumsschänder; warum hatten ihm seine Lehrer das angethan und das freie Manneswort eines edlen Geistes ihm verleumdet?! — Erst gegen Morgen schlief er ein, und im Traume sah er die Büste Lessing’s vor sich, wie sie im Studirzimmer des alten Pfarrers sich befand, und mit den klaren, verständnißtiefen Augen des Priesters schien ihn der Dichter des „Nathan“ zu betrachten.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1882). Leipzig: Ernst Keil, 1882, Seite 453. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1882)_453.jpg&oldid=- (Version vom 10.7.2023)