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Seite:Die Gartenlaube (1882) 434.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882)

gegen den allmächtigen Minister, verlor aber dafür bei der nächsten Abgeordnetenwahl seinen Sitz an den Candidaten der Kriegspartei.

Eine besondere Neubelebung des Friedensgedankens wurde von dem im Herbst 1867 nach Genf ausgeschriebenen internationalen Friedenscongresse erwartet, zu dem sich politische Capacitäten aus allen Ländern eingefunden hatten, u. A. der damals noch mit unbeflecktem Lorbeer einherwandelnde Garibaldi. Aber gerade er war es, der die Resultate des Congresses mit vereiteln half, indem er denselben zu einer Demonstration gegen das Papstthum benutzte. Auch sonst wurden dort allerlei socialistische Glaubensbekenntnisse zu Markte getragen, die weit ab von dem Ziele gingen, und nur mit Mühe gelangte der Congreß zu einigen allgemeinen Beschlüssen.

Eine indirect ebenfalls auf das Ziel der Schaffung eines bleibenden Friedenszustandes hinarbeitende Schöpfung ist das im Jahre 1873 gegründete Institut für Völkerrecht (institut de droit international), als dessen Hauptbegründer der deutsche Staats- und Völkerrechtslehrer Bluntschli (vergl. „Gartenlaube“ 1881, Nr. 49) bezeichnet werden muß. Bluntschli sieht in Kant’s „Ewigem Frieden“ ein Werk, das beachtenswerthe Wahrheiten enthält, die zum Theil bereits in das Bewußtsein des Volkes übergegangen sind und sicher noch eine Zukunft haben.

Die Debatte über die Frage des ewigen Friedens ist selbst theoretisch noch lange nicht abgeschlossen. Wie sehr hier noch die Meinungen im Unklaren liegen, documentirt die eigenthümliche Thatsache, daß in dem Kopfe des großen Schlachtendenkers Graf Moltke sowohl das Für wie das Wider kurz nach einander Raum gefunden haben. Während Moltke in seinem Antwortschreiben an einen sächsischen Landmann (1880) den Krieg als ein nationales Unglück bezeichnet, und zwar selbst den siegreichen, eine Meinung, die zwar leider noch keine allgemeine sei, aber in Folge einer bessern religiösen und sittlichen Erziehung der Völker es doch in Zukunft werden könne, schreibt er ein Jahr darauf an Professor Bluntschli: „Der ewige Friede ist ein Traum und nicht einmal ein schöner Traum; der Krieg ist ein Element der von Gott eingesetzten Weltordnung – ohne den Krieg, würde die Welt versumpfen.“

Als neuester Friedensapostel ist seltsamer Weise ein Maler aufgetreten, der Russe Wereschagin, dessen malerische Verkörperung der Kriegsgräuel die Tendenz verfolgt, den Krieg im Wege der Abschreckung zu beseitigen. Seine berüchtigte Pyramide menschlicher Schädel widmet er mit schneidiger Ironie allen Siegern der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

Und trotz aller dieser Demonstrationen ist der Krieg gerade in den letzten Jahrzehnten wieder der Hauptgegenstand der weltgeschichtlichen Tagesordnung gewesen. Hat da der Friede wohl je auf einen Permanenzzustand zu hoffen? Bleibt der „Ewige Friede“ nicht doch zuletzt ein schöner Traum, dessen Verwirklichung zwar der Logik der Philosophie, nie aber der Logik der Thatsachen unterfällt? Muß die Menschheit den Fluch Kain’s ewig mit sich herumtragen? Soll es ihr nie vergönnt sein, sich der errungenen Güter des Friedens dauernd zu erfreuen?

Die Entwickelung der Menschheit weist auf einen langsamen, aber beständigen Fortschritt in intellectueller und sittlicher Hinsicht hin. Am Ende ihrer Entwickelung muß der Friede, der ruhige Genuß des Errungenen stehen – nicht der Krieg; denn er kann wohl Mittel, niemals aber Zweck sein. Es giebt kein Ideal des Kriegs; es giebt nur ein Ideal des Friedens. Diesem Ideale, das zugleich mit dem höchsten Entwickelungsziele der Menschheit zusammenfällt, nähern wir uns immer mehr und nicht zuletzt erst durch das Mittel des Kriegs, dessen reinigende und veredelnde Wirkung zugestanden werden soll.

Mit der wachsenden Selbstständigkeit und Besonnenheit der alternden Menschheit werden auch der Kriege immer weniger werden; denn die Menschheit bedarf ihrer nicht mehr. Bis dahin aber muß ihr Trachten dahin gehen, die bittere Arznei des Krieges nur in seltenen schweren Fällen anzuwenden, die Leiden zu mildern, die Wunden zu heilen, die Schäden zu bessern und das der Wahrheit, dem Guten und der Freiheit Gerettete und Errungene sich zu erhalten und für ihre weitere Entwickelung fruchtbringend zu machen.

Fr. Helbig.     




Wie das Schweizervolk tagt.

Die Landsgemeinde von Uri.

 „Wohlan, so sei der Ring sogleich gebildet!
 Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt!
 Der Landesammann nehme seinen Platz,
 Und seine Waibel stehen ihm zur Seite!“
  Schiller.

Es war ein bewölkter, aber nicht unangenehmer Tag, an dem wir diesmal das Ländchen Uri betraten. Etwas wie eine feierliche Feststimmung lag auf der Gegend und auf den Leuten. Der See war ruhig und spiegelglatt, und die Berge schauten ernst hernieder, da der blaue Himmel über ihnen nicht lachen, die Sonne ihre Spitzen nicht vergolden wollte. Die Landleute erschienen überall in ihren Sonntagskleidern, meist einer Art kurzer nur bis zu den Hüften reichender Blousen von verschiedenen Farben. Erreichte man aber den nur eine halbe Stunde von Flüelen, dem Landungsplatze am Vierwaldstättersee, gelegenen Hauptort des Cantons, das aus der Tell-Sage weltbekannte Altdorf, so zeigte sich moderne Kleidung.

Der schmucke Flecken ist städtisch gebaut, und die Patrizierhäuser mit ihren hohen Giebeln, verzierten Parterrefenstern und wappengeschmückten Thoren bieten einen charakteristischen Anblick dar, ja imponiren zum Theil, namentlich da nicht selten hübsche Lockenköpfchen mit feurigen Augen aus ihnen herauslugen. Bei den Damen waltet hier, wie in Graubünden, eine gewisse, fast italienische Lebhaftigkeit vor, als ob die Straße nach Italien, die man hinwandelt, ihren Einfluß ausübe; die Männer dagegen sind mehr von deutscher Ruhe und nordischem Ernst. Die restaurirte kolossale Tell-Statue mit lebendigem Ausdruck in der ganzen Figur, an deren Sockel Schiller’s Worte stehen:

  „Wohlan, o Herr!’
Weil Ihr mich meines Lebens habt gesichert –
So will ich Euch die Wahrheit gründlich sagen.
Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich – Euch,
Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,
Und Eurer – wahrlich, hätt’ ich nicht gefehlt.“

– diese Tell-Statue zeugt von der Pietät, mit welcher Uri fortwährend an der Tell-Geschichte hängt, deren Wahrheit dort zu bezweifeln nicht ganz rathsam wäre. Verbrennt auch nicht mehr, wie es vor hundert Jahren geschah, der Henker ein Buch, das die Rechte der historischen Kritik vertritt (wenn dies auch heute mit mehr Gründlichkeit und Erfolg geschieht, als damals), so wird doch jener romantisch ausgeschmückten Ueberlieferung in allen Cantonen der Schweiz immer lebhaftere Theilnahme gezollt.

Gerade seitdem die Wissenschaft die Existenz Tell’s in Zweifel gezogen hat, ist nicht nur jene Statue in Altdorf neu errichtet, sondern ist auch das Rütli vom Bunde angekauft und ausgeschmückt worden, seit jener Zeit ist die Tell-Capelle auf der Tell-Platte neu gebaut worden, und der Maler Stückelberger arbeitet noch fortwährend an den prächtigen Fresken in ihrem Innern.

Gegenüber der kräftig realistischen Tell-Gestalt mit dem emporgehobenen Pfeil nimmt sich an dem alten Thurm auf dem Hauptplatze Altdorfs das verschnörkelte Rococo-Gemälde vom Apfelschuß seltsam aus. Um diesen Thurm aber entwickelt sich jetzt reges Leben. Die freien Landleute von Uri sind von allen Seiten herbei geströmt, ihre Bürgerpflicht zu erfüllen, und sammeln sich auf dem Platze des Hauptortes, in Menge aber stärken sie sich noch in den umliegenden, zahlreichen Wirthshäusern mit Speise und Trank auf das bevorstehende Werk der Ausübung ihres uralten Souverainetätsrechtes. Auch Frauen und Kinder haben sich aus dem Canton mit ihren Gatten und Vätern eingefunden; denn die „Landsgemeinde“ ist, wie überall, ein Volksfest.

Jetzt, um halb elf Uhr, wird es Ernst. Ein Peloton Infanterie mit der alten Urnerfahne, dem schwarzen Stierkopf in gelbem Felde, die vielleicht manche Schlacht mitgemacht, zieht unter Musik auf, voran zwei Männer in mittelalterlicher schwarz-gelber Tracht, mit mächtigen Harsthörnern auf den Schultern, und stellt sich vor dem Rathhause, an dessen Thor die stolzen Goldlettern S. P. Q. U. (Rath und Volk von Uri) prangen, in Reih’

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882). Leipzig: Ernst Keil, 1882, Seite 434. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1882)_434.jpg&oldid=- (Version vom 22.3.2023)