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Seite:Die Gartenlaube (1882) 381.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882)


Literaturbriefe an eine Dame.

Von Rudolf von Gottschall.
XXIX.

Unsere neue Romanliteratur, verehrte Freundin, schielt zum Theile wieder etwas nach der Seine. Obschon wir durchaus nicht im Schlepptau der Franzosen sind, abgesehen von vielen hauptstädtischen Theatern und ihrem Gefolge, so wirkt doch jede neue Richtung, die in Paris von einem tonangebenden Autor eingeschlagen wird, immer auf die deutsche Dichtung zurück. Diese Wirkungen sind oft leise, aber doch dem aufmerksamen Auge wohl bemerklich. Besonders wenn ein Autor in Frankreich sich eines großen Erfolges rühmen darf, so sucht man in Deutschland dahinter zu kommen, auf welchen Grundlagen dieser Erfolg sich aufbaut, und ist rasch bei der Hand, den gleichen oder ähnlichen Grund zu legen. Die Unterhaltungsliteratur ist ja von der Mode abhängig, und die Mode wird in Paris gemacht.

Die Versuchung der Katze.
Nach dem Oelgemälde von A. Rotta.


Ich glaube nicht, verehrte Freundin, daß Sie zu den Frauen gehören, welche in Zola’s „Nana“ französische Sprachstudien gemacht haben. Das Buch eignet sich freilich dazu; denn es bringt eine beträchtliche Zahl neufranzösischer Wendungen, welche allerdings zum Theil der Zigeunersprache der Liederlichkeit angehören: es ist ein unangenehmes Buch; es ist dem Autor nicht gelungen, aus den Bestandtheilen der Pariser Cloaken Eau de mille fleurs der Poesie zu bereiten. Gleichwohl ist es in Deutschland viel gelesen und gekauft worden und hat auch diesseits des Rheines einen Skandalerfolg erlebt. Der neueste Roman Zola’s „Pot-Bouille“ zeigt denselben brüsken Ton wie „Nana“, dieselbe das Gebiet der fixen Idee streifende Vorliebe für den Schmutz der Existenz. Diese Vorbilder sind indeß zu craß, um in deutschen Originalromanen nachgeahmt zu werden. „Was ist die deutsch Sprak für ein plump Sprak,“ sagt Riccaut de la Marlinière, und diese Plumpheit der deutschen Sprache macht sie ungeeignet, Situationen von haarsträubendem Cynismus mit der nöthigen Lebenswahrheit zu schildern. Was im Französischen noch immer leidlich klingt, würde sich im Deutschen allzu empörend ausnehmen. Einem deutschen Schriftsteller würde die Entrüstung des Publicums begegnen, wenn er die organischen Basen der Zola’schen Romandichtung auch nur in verdünnten homöopathischen Dosen überreichen wollte. So kann bei uns von eigentlicher Nachdichtung der neufranzösischen Muster nicht die Rede sein; wohl aber findet man in neueren deutschen Romanen kühne Streiflichter, welche wenigstens beweisen, daß die Sonne Zola’s auch bei uns leuchtet.

Doch Zola ist nicht blos ein Romanschriftsteller von herausfordernder Keckheit; er hat auch in einer Reihe von Essys seine Theorie vertreten, und die Einwirkung dieser kritischen Thätigkeit

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882). Leipzig: Ernst Keil, 1882, Seite 381. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1882)_381.jpg&oldid=- (Version vom 10.3.2023)