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Seite:Die Gartenlaube (1882) 330.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882)


in entgegenkommender Weise unentgeltlich hergegeben ist. Die Größe des Terrains beträgt rund 62,000 Quadratmeter oder 24 Morgen, eine Ausdehnung, die anfangs die hier vorhandenen Bedürfnisse bei Weitem zu übertreffen schien, schließlich aber doch kaum zur Verwirklichung des Planes hinreichten. Drei Eingänge führen in den Bereich des Ausstellungsgebiets selbst. Das Terrain der Ausstellung wird durch den Stadtbahnviaduct in zwei Abschnitte getheilt, von denen der vordere das Hauptgebäude mit seinem großen Vorgarten, der weiter zurückliegende die parkartigen Anlagen mit den Einzelbauten enthält. Die 28 Stadtbahnbögen, die demnach innerhalb des Ausstellungsterrains liegen, sind für die Zwecke der Ausstellung in Anspruch genommen, als seien sie von vornherein dazu bestimmt, abgesehen von denen, welche die Communication innerhalb des von der Stadtbahn durchschnittenen Terrains vermitteln.

Das Hauptgebäude bedeckt einen Raum von circa 12,000 Quadratmeter, daran schließen sich die Stadtbahnbögen mit 5000 Quadratmeter, die Einzelbauten mit 2800 Quadratmeter, die Restaurationshalle mit 2200 Quadratmeter an. Der Architekt der Ausstellung hat bei dieser Gelegenheit wiederum die schon in der Fischerei-Ausstellung bewunderte Findigkeit in der Benutzung des gegebenen Materials in höchst interessanter Weise gezeigt; denn war es aus Sparsamkeitsrücksichten nothwendig, die Baulichkeiten der vorjährigen Gewerbe-Ausstellung in Halle zu benutzen, so ist es Herrn Kyllmann doch gelungen, durch eine veränderte Gruppirung der Körper, durch Erhöhung der Hauptkuppel, durch Neuanlage von Portalen und Thürmen, die der Situation vollkommen entsprechen, die Anschauung des Gebäudes wesentlich und in der vortheilhaftesten Weise zu verändern. Die weithin sichtbare Kuppel hebt den Mißstand, daß das Terrain gegen die Straße Alt-Moabit liegt und daß der Körper der Stadtbahn das Gebäude gegen die Invalidenstraße gewissermaßen deckt, in vortrefflich vermittelnder Weise auf. Die Thürme, welche die Kuppel und die Portale flankiren, geben der ganzen Anlage eine freundliche Silhouette und dienen dazu, die durch strenge Sparsamkeit gebotene schlichte Anordnung der äußeren Architektur anziehend zu unterbrechen.

Die Gebäude selbst gruppiren sich um drei Höfe, die schließlich zum Theil noch haben bebaut werden müssen, um den immer steigenden Anforderungen der Aussteller zu genügen. Auf dem größeren der Höfe befindet sich als ein ganz abgeschlossener Bau das Normalwohnhaus, welches einer Collectiv-Ausstellung der beim Wohnhausbau betheiligten Gewerbe- und Industriezweige seine Entstehung verdankt. Einen schönen Abschluß des Bildes der Ausstellung repräsentirt das durch Professor Wilberg hergestellte Panorama der Thermen des Caracalla. Eine halbkreisförmige Säulenhalle gestattet einen Einblick in diese Thermenanlage und ihren großen Mittelsaal und sodann einen Blick über den nach den Sabiner und Albaner Bergen hin gelegenen Theil der alten Stadt Rom, sowie ihren von den Wasserleitungen der Appischen Straße etc. durchzogenen Umgebungen.

Inmitten der Parkanlagen endlich befindet sich eine Wasserfläche von 3000 Quadratmeter, um welche sich die von schönen Bäumen und Boskets, die jetzt schon im vollen Schmucke des Frühlings prangen, bepflanzten Wege ziehen.

Auch für die materielleren Bedürfnisse der Besucher ist reichlich Sorge getragen. In der Ecke der Ulanen- und Invalidenstraße liegt das Hauptgebäude der Restauration, ein oblonger Saal, an den sich Hallen für den Bierausschank längst der Straße schließen, und eine stattliche Anzahl von Einzelbauten und Pavillons umsäumt die Gartenanlagen, unter denen als die hervorragendsten zu nennen sind: das Taucherbassin, die Musikhalle, die meteorologische Station, das Volksbad, das indisch-chinesische Theehaus, mehrere Pavillons, die Militärküche, die Filter der Stadt Berlin, eine Coulisse für die Feuerwehr, das große und das kleine Kesselhaus und der Siemens’sche Leichenverbrennungs-Apparat.

In der am 30. April stattgehabten Generalversammlung wurde der bemerkenswerthe Entschluß gefaßt, eine Prämiirung nicht eintreten zu lassen. Männer wie Werner Siemens, Geheime Rath Hirsch, Baurath Blankenstein und Andere mehr, die das Unwesen dieser bisher so beliebten Prämien- und Diplom-Ertheilung zur Genüge kennen gelernt hatten, geißelten es scharf, und so wird denn diese Ausstellung auch in der Beziehung hervorragend sein, daß sie als die erste mit dieser schlechten Gewohnheit der Vergangenheit bricht. Dagegen hat die Kaiserin sich vorbehalten, zwanzig goldene Medaillen zu gewähren, und es werden in einem wissenschaftlichen Berichte nach Schluß der Ausstellung, welcher so bald wie möglich erscheinen soll, die Verdienste der Aussteller in vollem Maße zur Würdigung gelangen.

Eine Zeit schwerer, oft aufreibender Arbeit ist mit der Eröffnung beendet. Wenn man erwägt, daß kaum ein Jahr dazu gehört hat, eine Ausstellung in das Leben zu rufen, bei der die Vorbereitungen besonders wichtig waren, und daß nunmehr, wenn diese Blätter erscheinen, das ganze Werk vollendet sein wird, so wird man den Betheiligten das Lob unermüdlicher Hingebung an die ihnen gestellte Aufgabe nicht versagen können.

Die Presse hat das Unternehmen in dankenswerthester Weise unterstützt. Möge sie ihm auch ferner mit Rath und That zur Seite stehen! Möge sie besonders immer wieder darauf hinweisen, daß der Charakter einer der Hygiene und dem Rettungswesen gewidmeten Ausstellung ein ernster ist und daß, wenn irgendwo, hier vor Allem Gelegenheit gegeben sein soll, zu lernen. Wir hoffen von unserer Ausstellung, daß sie, wie einst ihre Vorgängerin in Brüssel, mächtig dazu beitragen werde, die öffentliche Gesundheitspflege in Deutschland und Oesterreich zu fördern. Wir haben ja nicht vergeblich auf die Mitarbeit der drei Berufsclassen: der Aerzte, der Gesundheitstechniker und der Communal- und Staatsbehörden, gezählt, auf die für die Gesundheitspflege in erster Reihe gerechnet werden mußte.

Der deutsche Reichskanzler hat bekanntlich einst in einem amtlichen Documente ausgesprochen, daß die höchste Leistung der medicinischen Wissenschaft nicht allein in der Heilung, sondern vielmehr zugleich, und in höherem Maße, in der Verhütung von Krankheiten bestehe. Aber das Wort des großen Staatsmannes gilt nicht nur für die Medicin; es gilt ebenso für die Socialpolitik, die der öffentlichen Gesundheitspflege gar nicht entbehren kann. Auch in ihr heißt es ja vor Allem, vorbeugen, damit eingreifende Heilversuche, wenn das Leiden einmal da ist, vermieden werden können. Ein großer Theil der berechtigten Forderungen der Socialpolitik wird aber erfüllt, wenn man in Staat und Gemeinde tüchtige Gesundheitspflege treibt. Welche Mittel aber dafür vorhanden sind, zeigt die Ausstellung, und daß Deutschland sich ihrer nicht schämen darf, kann schon jetzt behauptet werden; die Besucher werden sich überzeugen, daß auch die deutschen Gesundheitstechniker mit Einsicht und Thatkraft die Waffen geschmiedet und geschärft haben, deren die Gesundheitspflege bedarf, um „aus Gefahren zu retten und das menschliche Leben zu erhalten und zu verlängern“.[1]

Paul Börner.




Zwei Lieder.

Von Karl Stieler.[2]
1.0 Feldein.

Kahles Feld und ödes Land
Und der Wald im gelben Laube –
Schweigend streicht am Waldesrand
Ueber’s Feld die wilde Taube.

5
Wie der Weg so einsam wird

Und so stumm die kühle Erde!
Reglos steht im Feld der Hirt,
Reglos steht um ihn die Heerde.

  1. Wir wollen an dieser Stelle nicht unterlassen, dem Verfasser des obigen Artikels, Herrn Oberstabsarzt Dr. Börner, unsere dankbare Anerkennung sowohl in Betreff des obigen Artikels wie auch ganz besonders bezüglich der umsichtigen Unterstützung auszusprechen, welche er uns beim Arrangement der hiermit eröffneten Artikel-Serie über die „Hygiene-Ausstellung“ hat zu Theil werden lassen. Als Redacteur der „Deutschen Medicinischen Wochenschrift“ in Berlin, als zweiter Vorsitzender der „Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege“ wie als Schriftführer der Commission der „Hygiene-Ausstellung“ war Herr Dr. Börner vor Anderen in der Lage, uns mit Rath und That in besonders ausgiebiger und maßgebender Weise zur Seite zu stehen. D. Red.
  2. Aus dem binnen Kurzem erscheinenden Bändchen „Wanderzeit“, auf welche neue Liedergabe des talent- und gemüthvollen baierischen Dichters wir hiermit warm hinweisen. D. Red.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882). Leipzig: Ernst Keil, 1882, Seite 330. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1882)_330.jpg&oldid=- (Version vom 28.2.2023)