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Seite:Die Gartenlaube (1882) 260.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882)

hinlänglich orientirt, um auf den Nachmittag seine Abreise feststellen zu können, und nun drängte ihn nur noch Eines: über Edwin mit der Mutter zu reden. Als auch dies geschehen, als er dann mit dem Versprechen baldiger Rückkehr von seinem Patienten Abschied genommen, fuhr er in der Equipage des alten Herrn der nächsten Eisenbahnstation zu – gedankenreich und sinnend genug, und doch ohne zu ahnen, daß ihm böse Wünsche und zornige Worte nachflogen auf dieser Fahrt.

In ihrer ganzen Stärke und von Thränen begleiteten Heftigkeit wurden diese zornigen Worte freilich erst in der späten Abendstunde und ganz heimlich laut – nämlich im Walde. Es war, während die verehrten Cousinen aus Nord- und Süddeutschland mit dem Baron Whist spielten, Damian in der Fensternische zu der belehrenden Unterhaltung des Vetters Sergius gähnte und – – Fräulein Dora wieder einmal durch ihre Abwesenheit glänzte. Als sie endlich wieder auftauchte, sah sie auffallend blaß aus – sie klagte über Kopfweh.




7.

„Wir haben eine Königin im Haus, eine wahre Königin, Fräulein Diering,“ sagte nach einer Woche der alte Andreas, indem er das hinter den Küchenräumen auf Haus Dortenbach liegende freundliche Wohnzimmer der Wirthschafterin betrat und die Hände vor Vergnügen zusammenschlug, „ist sie nicht wahrhaftig wie eine Königin? Regina heißt zu deutsch: Königin, Fräulein Diering.“

Das sie bezog sich auf die vor wenigen Tagen angekommene Krankenpflegerin.

„Nun ja,“ antwortete Fräulein Diering, die waltende Hauswirthin, „königlich thut sie genug; wenn mir das Königthum nur nicht ein wenig viel zu schaffen machte! Die ganze Hausordnung hat sie ja umgeworfen …“

„Wie mit einer Bewegung des kleinen Fingers,“ fiel Andreas triumphirend ein. „Wie mit einem Hauch ihres Mundes! Sie sagt: Das soll so sein, und richten Sie dies so ein! und wie sie’s sagt, geschieht’s, blos weil es für sie gar nicht denkbar ist, daß etwas, was sie anordnete, nicht geschähe. Man sieht ihr in’s Gesicht, wundert sich und thut’s.“

„Besonders,“ sagte lächelnd Fräulein Diering, „wenn man sich in sie verliebt hat, wie Sie, Andreas.“

„Verliebt – wahrhaftig, thäte sich so etwas für unser Eins schicken, und hätte man nicht seine Sechszig auf dem Rücken, man könnt’ verliebt werden in dieses Fräulein Regine; es wär’ kein Wunder und würde ihr denn auch wohl nicht zum ersten Male vorgekommen sein. … Unser lieber, weiser, junger Herr, der Herr Sergius von Sander, ist wenigstens auf dem besten Wege dazu; er macht ihr, wo er ihr begegnet, die schönsten Augen und hat schon einen verunglückten Versuch angestellt, ihr mit der Blumensprache beizukommen – Junker Damian, der ihn mit einem Strauße daher kommen sah, hatte seinen Spott darüber. Junker Damian behauptete, er sei so furchtbar gebildet; er verstehe die Blumen phonographisch herzurichten, und wenn Fräulein Regine Bertram sie in ein Glas Wasser gestellt habe, in der Mitte ihres Kämmerleins, würden sie sich zu verlautbaren anfangen und ihr plötzlich das schöne: ‚Reich mir die Hand, mein Leben!‘ zuflöten.“

„Ich fürchte nur, die Frau Generalin, wenn sie so etwas wahrnimmt, singt dem jungen Herrn etwas anderes vor – bin überhaupt neugierig, wie lange der Frieden währt da oben; daß die beiden Gnädigen grollen, daß sich über dieses Fräulein Bertram ein dunkles Gewitter zusammenzieht – das merkt man, ohne Wetterprophet zu sein; sie brauchen nur erst unter sich ihre Donnerorgeln auf denselben Ton zu stimmen – dann kann das Concert losgehen.“

„Und Sie werden Ihre Freude daran haben, Fräulein Diering, wie das Fräulein Bertram ihnen die Glocke läutet, welche solche Gewitterstürme besänftigen,“ sagte Andreas sich die Hände reibend.

Andreas war in der That sehr vergnügt; denn seit das Fräulein Regine Bertram da war – ein schönes, groß und schlank gewachsenes Fräulein, mit einem ovalen, ein wenig blassen Gesicht, in dem ein Paar merkwürdig ausdrucksvoller und glänzender blauer Augen leuchtete, war wie mit einem Zauberschlage Alles im Hause zum Bessern umgewandelt. Der alte Herr jammerte nicht mehr über seine schlaflosen Nächte; der alte Herr hörte mit Interesse auf das, was Andreas ihm erzählte, während es früher gewesen, als ob er von der ganzen Welt nichts mehr hören möge; der alte Herr unterhielt sich mit dem Fräulein wie mit einer Tochter, ja er hatte schon mehrmals über die kurzen drolligen Antworten, welche sie ihm gegeben, herzlich gelacht. Die ganze Tagesordnung war ja aber auch verändert; der Baron kam nicht mehr zum Speisen nach unten in den Eßsaal, sondern speiste für sich in dem kleinen Salon hinter seinem Wohnzimmer, er mit Fräulein Bertram und einem Eingeladenen – nur Einem; bald war es der Förster, bald der Rentmeister, bald die Frau Generalin, bald Herr Sergius etc., stets abwechselnd, sodaß immer für eine ruhige und friedliche Unterhaltung gesorgt war. Und weiter durfte sich Niemand bei ihm blicken lassen; die Whistpartie und der gemeinsame Thee waren gestrichen; statt dessen spielte Fräulein Bertram mit ihm Schach oder las ihm vor, und statt Thee bekam er alten Rheinwein zu trinken. Andreas wußte nicht, ob er mehr den Doctor oder das Fräulein Bertram dafür loben solle – jedenfalls, behauptete er, habe die Menschheit seit hundert Jahren nicht einen solchen Fortschritt gemacht, wie mit diesem Institut der „Krankenpflegerinnen“, worunter er sich etwas so ganz Anderes gedacht und vorgestellt habe.

Während Andreas so bei Fräulein Diering, die nicht verhehlte, daß sie sich unter einer Krankenpflegerin bisher auch nicht solch eine schöne junge Person vorgestellt, sein Herz ausschüttete, war Fräulein Bertram allein ausgegangen. Ueber dem schwarzen einfachen Wollkleide, welches ihre schlanke biegsame Gestalt so vortheilhaft hervorhob, trug sie ein leichtes helles Seidentuch, und so, den Kopf nur mit dem grauen Sonnenschirm schützend, ging sie in den Wald hinein, wo in der schattigen Allee der Schirm sobald unnütz wurde. Als sie die Stelle erreicht hatte, wo der Weg zum Försterhause rechts abbog, blieb sie stehen und blickte eine Weile die Allee hinunter; dann setzte sie sich wie zu stillem Warten auf die Holzbank, die seitwärts an dieser Stelle angebracht war.

Nach einer Weile kam ein rascher Schritt vom Försterhause daher – Regine Bertram blickte mit leisem Erröthen auf; sie schritt dem rasch Nahenden entgegen – und bald lagen ihre beiden Hände in denen des mit freudigen Blicken auf sie niederschauenden Mannes. Es war Leonhard. Er blickte sich um – Niemand beobachtete sie – so hauchte er wie verstohlen einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn, zog ihren Arm in den seinen und führte sie zu der Bank zurück, auf welcher sie gesessen.

„Wie lang Sie mich hier allein gelassen haben, Leonhard!“ sagte sie mit zärtlichem Vorwurf.

„Wenn Sie wüßten, Regine, wie meine Kranken mich bedrängt haben …“

„Wirklich? Waren es wirklich nur die Kranken, welche Sie in der Stadt zurückhielten?“

„Was sollte es anders gewesen sein?“

„Nicht auch,“ sagte sie mit einem flüchtigen, wie prüfenden Blick in seine Züge, „nicht auch ein wenig der Wunsch, mir die Zeit zu lassen, um mich gründlich in unseren alten Herrn zu verlieben?“

„Das,“ antwortete er lächelnd, „wünsche ich ja so sehr, daß ich, wenn ich auch früher gekommen, sicherlich nicht störend dazwischen getreten wäre. Aber vor Allem lassen Sie mich Ihnen danken! Aus Ihren Briefen sah ich, wie gewissenhaft Sie sich der Sache angenommen haben – der alte Herr muß sich wie im Himmel fühlen!“

„Er sagt es,“ erwiderte sie heiter. „Aber meine Gewissenhaftigkeit brauchen Sie dabei nicht zu rühmen. Daß ich so gewissenhaft bin, ist eigentlich recht schlecht von mir; denn sehen Sie, es macht mir ein boshaftes Vergnügen, daß ich mit meiner Sorge für den alten Herrn seine ganze Umgebung in helle Flammen der Empörung versetze; sie hassen mich, diese edlen Verwandten des Barons; sie ärgern sich über alles, was sich ihnen gegenüber diese hochmüthige herrische Krankenpflegerin herausnimmt, ohne nur im Geringsten ihre Einwendungen zu beachten.“

Leonhard lachte.

„Da ich dies boshafte Vergnügen ganz gern mit Ihnen theile, Regine, so darf ich Sie deshalb auch nicht schelten. Ich werde nichts thun, als in meiner ärztlichen Souverainetät Sie mit allen Rechten ausstatten …“

„O, diese Rechte nahm ich mir schon,“ fiel sie in demselben

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1882). Leipzig: Ernst Keil, 1882, Seite 260. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1882)_260.jpg&oldid=- (Version vom 4.8.2020)