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Seite:Die Gartenlaube (1881) 634.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1881)

in welchen Tiefen dasselbe entstanden ist, so sind wir nach dem heutigem Stand der Wissensdurst leider nur auf Vermuthungen angewiesen, die jedoch die größte Wahrscheinlichkeit für sich haben.

Die chemische Zusammensetzung des aus der Erde hervorquellenden Oeles beweist zunächst, daß es ein Zersetzungsproduct thierischer und pflanzlicher kohlehaltiger Ueberreste ist. Wir wissen auch ferner, daß in den ältesten geologischen Perioden, in welchen lebende Wesen zum ersten Male aufgetreten waren, zahllose Thierarten den Weltocean, aus dem nur wenige Inseln hervorragten, erfüllten, während die nachfolgende carbonische Zeitepoche sich durch üppiges Pflanzenleben auszeichnete. Alle diese lebenden Wesen sind den Naturgesetzen gemäß zu Grunde gegangen, und ihre massenhaften Ueberreste bedeckten in großen Schichten die damalige Oberfläche der dünnen Erdkruste. Damit wäre also auch ein genügendes pflanzliches und thierisches Material zur Bildung von Petroleum in den tiefsten Erdschichten als vorhanden nachgewiesen.

Allmählich wurden nun diese Ueberreste der ursprünglichen Thier- und Pflanzenwelt mit neuen Formationen bedeckt, die sich Hunderte voll Metern hoch über denselben aufthürmten. Aber von Zeit zu Zeit wurde auch die Ruhe dieser Massengräber gestört. Der flüssige Erdkern schrumpfte zusammen, und die Erdkruste durfte nicht locker um ihn hängen. Die gewaltige Anziehungskraft zog sie unwiderstehlich nach unten; da brach die Rinde unseres Planeten an vielen Stellen durch, und tiefe Falten und hohe Bergzüge bildeten das Resultat dieser unter furchtbaren Erdbeben vor sich gehenden Naturerscheinungen.

Nun sanken an solchen Orten die verkohlten Ueberreste der Urahnen der heutigen Thiere und Pflanzen in die Tiefen hinab, in welchen die Gluth des Erdinnern ihre zersetzenden Mächte walten läßt. Hier wurden sie, gleich den Steinkohlen in den Retorten unserer Gasanstalten, in brennbare Gase verwandelt, die in der kälteren höheren Schichten die tropfbar flüssige Form annahmen.

Und in der That soll die nordwestliche Petroleumzone Deutschlands eine derartige eingesunkene Mulde, eine breite Falte der Erdrinde bilden; in der That sehen wir in der Regel dort Petroleum aus der Erde hervorquellen, wo Spuren derartiger gewaltsamer Durchbrüche deutlich vorhanden sind.

Der praktische Geschäftsmann fragt jedoch weniger nach der Entstehung des Petroleums, als vielmehr darnach, ob es wahrscheinlich ist, daß aus unserm Petroleumgebiet jemals größere Petroleumquellen aufgeschlossen werden. Daraus kann nun der Sachverständige mit ziemlicher Sicherheit antworten, daß dort, wo Petroleum zu Tage getreten ist, auch auf größere Ansammlungen desselben in beträchtlichen Tiefen von etwa 600 Meter zu schließen ist, und daß Tiefbohrungen nicht nur ihre Berechtigung haben, sondern daß hierauf eine umfangreiche Entwickelung der Petroleum- Industrie Nordwestdeutschlands ausdrücklich hinweist. Dabei aber muß vorläufig eine Oelgewinnung in kleinerem Maßstäbe durch rationell eingerichteten Pumpenbetrieb vorgesehen werden, welche, wie Leo Strippelmann[1] nachweist, bereits bei einer Tageserzeugung von zwei bis drei Centnern mit befriedigenden finanziellen Ergebnissen verbunden ist, während eine Tiefbohrung von 600 Meter schon bei einer Tagesgewinnung von sechs Centnern den für die ausgeworfenen Kostenbetrag von circa 60,000 Mark in fünf Jahren zu amortisiren vermag.

In der That erwies sich der rationell betriebene Petroleum-Bergbau in Deutschland auch dann lohnend, wenn man auf größere Quellen nicht gestoßen war. Ehe noch die neuesten Bohrwerke bei Oelheim und in Hölle bei Hemmingstedt errichtet wurden, producirten wir im Ganzen 20,000 Centner freiausfließendes Petroleum pro Jahr, welches auf dem heimischen Markte mit gutem Gewinne abgesetzt wurde. Denn während die Amerikaner mit einem Gewinne (ab Waggon-Grube) von 19 bis 22 Procent arbeiten, in Galizien der durchschnittliche Nutzen im Vergleiche zu den Rohölgestehungskosten etwa 45 Procent beträgt, haben die kleinen Werke der Provinz Hannover und Holsteins einen Nutzen von 21,5 Procent und der rationelle Bergbau im Elsaß sogar einen Gewinn von circa 60 Procent erzielt. Indem aber ferner die durchschnittliche Dauer eines Petroleumbrunnens in Amerika zwei bis drei Jahre beträgt und in Galizien in der Regel fünf Jahre übersteigt, währt diese Dauer der Ergiebigkeit in den deutschen Schachten der nordwestlichen Petroleumzone fünf Jahre und darüber und im Elsaß sogar zehn Jahre.

Alle diese Thatsachen müßten auf unsere Kapitalisten durchaus ermuthigend wirken; nur sollte man nicht von der Meinung ausgehen, daß eine erschlossene Quelle Millionenwerthe repräsentire; denn kein Sachverständiger vermag zu sagen, wie lange ein anfangs noch so mächtiger Strahl fließen werde; nur sollte man nicht die junge Industrie, für welche alle Bedingungen einer künftigen Blüthe vorhanden sind, zum Gegenstand toller Speculation machen; denn dadurch wird dem Actionär in den seltensten Fällen genützt, wohl aber die gedeihliche Entwicklung des Petroleum-Bergbaues tief geschädigt und für lange Jahre aufgehalten; auch sollte man sich nicht durch amerikanische Trugbilder täuschen und verleiten lassen; denn wohl ist über den Ocean die Kunde von den glänzenden Erfolgen der Speculation zu uns gedrungen, während über das Elend der vielen beim Petroleumgraben zu Grunde gegangenen Existenzen nur selten etwas verlautet.

Wir meinen aber und betonen es nachdrücklich, daß auch ohne das berüchtigte Oelfieber diese Industrie aufblühen kann und daß sie sogar in ruhiger rationeller Weise bei uns sich überhaupt entwickeln muß; denn die alten Völker Europas können unmöglich die tieferschütternden finanziellen Krisen ertragen, welche die junge amerikanische Nation auf dem reichen Boden der Neuen Welt mit großer Leichtigkeit überwindet.

Andererseits darf aber der Entwickelungsgang der amerikanischen Petroleum-Industrie in uns berechtigte Hoffnungen erwecken. Auch jenseits des Oceans war das Petroleum seit uralter Zeit bekannt und in oberflächlicher Weise bewirthschaftet. Noch im Beginn dieses Jahrhunderts wurde das auf der Oberfläche der stehenden Gewässer schwimmende Oel in wollenen Decken gesammelt, welche man, sobald sie mit demselben getränkt waren, auswand, oder man grub auch dort die in Deutschland wohlbekannten Theerkuhlen, um aus ihnen Oel zu schöpfen.

Erst im Juni 1859 kam der Gedanke Georg Bisse’s zur Verwirklichung, wiewohl der Leiter der ersten Bohrung, Drake, von den Einwohnern der Gegend allgemein verspottet wurde, zumal sein erster Versuch vollständig mißglückte. Wie schnell sich aber nach der Erschließung der ersten Quelle am 27. August 1859 die Ansichten änderten, brauchen wir all dieser Stelle nicht besonders hervorzuheben.

Von diesem allgemeinen Standpunkte aus betrachtet, bleibt die Petroleum-Industrie Deutschlands ein ernstes Problem der Zukunft, dessen Lösung uns von dem amerikanischen Monopol befreien würde. Die allgemeine Aufmerksamkeit ist nunmehr auf den Gegenstand gelenkt worden, und sie darf sich weder durch mißlungene Bohrungen, noch durch etwaiges Fiasco einer Actiengesellschaft voll weiteren Versuchen abschrecken lassen; sie muß nur unterscheiden lernen zwischen waghalsiger Börsenspeculation und ernster, früchtetragender Arbeit.

Valerius.




Die Petroleum-Bohrwerke in Oelheim.

Von Alfred Schütze.

Ein öder, unwirthlicher Landstrich durchzieht den nordwestliche Theil Deutschlands. Bald sind es tiefe. unergründliche Moore; bald treffen wir trockenen, unfruchtbaren Sandboden, und nur mit Mühe und harter Arbeit vermag hier der Mensch der widerwilligen Erde einen schmalen Ertrag abzugewinnen. Vereinzelt finden wir wohl kleine Fichtenwaldungen, doch die Bäume bleiben niedrig und verkrüppeln; sonst ist, so weit wir schauen, nirgends ein schattiger Platz zu erspähen. Die Sonne sendet ihre heißen Strahlen herab; kein Windzug regt sich, und lautlose Stille herrscht ringsum. So ist das Bild der Lüneburger Haide. Kommt der Hochsommer, dann wird der Anblick wohl freundlicher für den Wanderer, den der Zufall einmal von dem lauten Treiben der großen

Welt weit ab geführt hat. hier hinein in die Einsamkeit. Dann legen

  1. Vergleiche „Die Petroleum-Industrie Oesterreich-Deutschlands“ vom Berg- und Hüttendirector Leo Strippelmann (Leipzig 1878 und 1879, G. Knapp), sowie die Flugschrift „Petroleum und Asphalt in Deutschland“ von Freiherr von Dücker (Minden 1881, J. Cl. Bruns).
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1881). Leipzig: Ernst Keil, 1881, Seite 634. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1881)_634.jpg&oldid=- (Version vom 10.10.2022)