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Seite:Die Gartenlaube (1881) 608.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1881)

Art hingiebt und schon eine Reihe werthvoller Abhandlungen publicirt hat, ferner ein Zimmer für die persönlichen Assistenten des Directors, Dr. R. Kleemann etc. Vorsteher der ersten Abteilung ist Capitain Dinklage, seine Assistenten Capitain Haltermann, Capitain Hegemann, der Nordpolfahrer, und Capitain Pust. Der Arbeitskreis dieser Abtheilung umfaßt die maritime Meteorologie, und bedarf die Seewarte hierzu der Unterstützung von Mitarbeitern zur See. Die Schiffsführer, welche sich aus der Handelsmarine hierzu bereit erklären, erhalten die Vortheile der Benutzung aller Einrichtungen der Seewarte unentgeltlich. Ihre Chronometer, Compasse, Sextanten und meteorologischen Instrumente werden geprüft; die Benutzung der Bibliothek und Kartensammlung der Anstalt ist ihnen freigestellt und bereitwilligst wird ihnen schriftlich und mündlich Rath ertheilt über die Ausführung der zu machenden Reisen und in sonstigen nautischer Angelegenheiten. Die Unterstützung, welche die Schiffscapitaine dafür der Seewarte zu leisten verpflichtet sind, besteht nun darin, daß sie alle sechs Stunden während der Fahrt die gemachten Beobachtungen in meteorologische, von der Seewarte ausgegebene Journale eintragen müssen.

Nach Schluß der Reise wird das Beobachtungsmaterial von der ersten Abtheilung systematisch verwerthet und zusammengestellt.

Das neue Heim der deutschen Seewarte in Hamburg.
Nach einer für ihre „Mitarbeiter zur See“ gestifteten Medaille.

Auch werden an die Mitarbeiter zur See die erforderlichen Instrumente leihweise ausgegeben und solche Capitaine, die sich durch besonderen Eifer in der Förderung der Ziele des Instituts hervortun erhalten eine besondere Prämie. Während bisher als Geschenke für diesen Zweck Uhren, Atlanten, Bücherwecke etc. verwendet wurden, ist die jetzt gestiftete, oben genannte Medaille, welche nach Director Neumayer’s Angaben von dem Medailleur der Hamburger Münze, Herrn Lorenz, ausgeführt wurde, in Gold, Silber oder Bronze nunmehr dazu bestimmt.

Die Verwertung des eingegangenen Materials geschieht nach mehreren Seiten hin, indem auf Grund desselben erstens Publicationen über die Witterungsverhältnisse des Oceans veröffentlicht werden, zweitens aber das sehr großartige Unternehmen der Herausgabe der sogenannten synoptischen Karten ausgeführt wird. Man kann nämlich jedes Schiff auf See für den Moment, wo es Beobachtungen macht, als eine meteorologische Station betrachten und da sich dies für jedes Schiff sehr oft wiederholt, so gewinnt man nach und nach für fast alle Punkte des Oceans eine Menge Material, welches gestattet, aus allen diesen Beobachtungen nachträglich die Witterungsverhältnisse für jeden Tag oder Monat zusammenzustellen und Karten über die Vertheilung des Luftdruckes etc. zu entwerfen. Indem man diese Verhältnisse alsdann später mit den damals auf dem Lande vorherrschenden, die gleichfalls registrirt sind und bekanntlich von einigen Zeitungen sogar täglich als Wetterkarten herausgegeben werden, vergleicht, wird man nach und nach in die Lage versetzt, den Gang der Witterung auf der Erde nachträglich zu verfolgen und die nöthigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Da nun ein einziges Institut diese Riesenarbeit nicht bewältigen kann, so hat in Folge internationaler Vereinbarung die deutsche Seewarte als specielles Arbeitsgebiet einen Theil des Nordatlantischen Oceans übernommen, und zwar denjenigen, welcher sich zwischen dem dreißigsten und fünfzigsten Grad nördlicher Breite erstreckt. Dieses Gebiet wird wieder in Felder von zehn Grad Länge und zehn Grad Breite eingetheilt, und jedes Feld erhält eine besondere Nummer. Beispielsweise führt das Quadrat zwischen vierzig bis fünfzig Grad nördlicher Breite und zehn bis zwanzig Grad westlicher Länge die Bezeichnung: Nummer 146. Ueber dieses „Zehngradfeld 146“ waren bis zum 1. April 1878 nicht weniger als 44,813 Beobachtungssätze von Schiffen eingegangen, welche klimatologisch verarbeitet und publicirt wurden. So wird ein Quadrat nach dem anderen bearbeitet, bis man quer über den Ocean gelangt ist, was etwa sieben bis zehn Jahre dauern wird.

Im zweiter Stockwerk befindet sich die dritte Abtheilung der Seewarte, welcher Dr. von Bebber mit seinen Assistenten Dr. A. Sprung und Capitain C. Felberg vorsteht; hier finden wir auch die Wohnung des Vorstehers, ein Zeichenzimmer, ein Telegraphenzimmer, ein Instrumentenzimmer etc. Die Arbeit dieser Abtheilung umfaßt die Pflege der Witterungskunde, und zwar besonders der Küstenmeteorologie und des Sturmwarnungswesens in Deutschland. Es ist ein weitverzweigter Mechanismus, der hier wirkt und arbeitet. Von allen Seiten strömen hier die telegraphischen Nachrichten zusammen, blitzschnell den Funken mit der Nachricht von den Wetterverhältnissen von Land zu Land, von Ort zu Ort tragend, und, zu einem übersichtlichen Ganzen geordnet, gehen sie von hier an die Häfen und in das Binnenland als Wetterberichte, Wetterkarten und Prognosen, oder sie gehen, wenn es nöthig ist, als Sturmwarnungen an die zahlreichen meteorologischen Stationen und Signalstellen, welche die deutsche Seewarte an den Küsten der Nord- und Ostsee besitzt. Im großen Publicum ist dieser Theil der Thätigkeit der Seewarte bisher am meisten bekannt geworden.

Die vierte Abtheilung der Seewarte, das Chronometer-Prüfungs-Institut, befindet sich nicht im Gebäude selbst, auch nicht auf dem Territorium des Stintfang, sondern vielmehr in einem selbstständigen, gleichfalls von den genannten Architekten erbauten eigenen Hause unmittelbar neben der Hamburger Sternwarte, weil der Director der letzteren George Rümker, gleichzeitig Vorsteher dieser vierten Abtheilung ist. Zweck der Abtheilung ist die Hebung und Förderung der Chronometer – Industrie und die Anfertigung von Correctionen für die Chronometer der Handelsmarine.

Hiermit ist die Zahl der zur deutschen Seewarte gehörenden Gebäude noch nicht erschöpft; sie verfügt noch über ein Compaßobservatorium, das etwa zwanzig Meter von der Südwestfront des Hauptgebäudes entfernt liegt und durch einen unterirdischem Gang mit dem Keller desselben verbunden ist. Auch fungirt in einiger Entfernung von der Nordostfront ein magnetisches Observatorium.

In wenigen Tagen wird nun die deutsche Seewarte unter der erfreulichen Zunahme des Interesses nicht nur des großen Publicums, sondern auch des direct am meisten beteiligten Seemannsstandes in ihre neue Centralstelle unter Beibehaltung ihres bisherigen Arbeitsplanes mit allen Kräften eintreten. Möge es ihr beschieden sein, auch in Zukunft der Mittelpunkt für die Pflege der wissenschaftlichen Nautik und der praktischen Witterungskunde zu bleiben!



Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1881). Leipzig: Ernst Keil, 1881, Seite 608. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1881)_608.jpg&oldid=- (Version vom 18.9.2022)