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Seite:Die Gartenlaube (1881) 288.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1881)

Blätter und Blüthen.


W. Hoffmann's Nähstuhl. Wie oft haben schon Aerzte erkrankten Frauen und Mädchen gegenüber das Verdict erlassen müssen. „Bewegen Sie keine Nähmaschinen!“ Fallen diese Worte in wohlhabenden Bürgerhäusern, so haben sie nicht viel zu sagen hier sind sie leicht zu befolgen; anders liegt es bei dem Kleinbürger, in der Mansardenstube der armen Näherin und in den Werkstätten der Wäsche- und Kleiderfabrikanten. Hier hat dieser ärztliche Rath nur zu oft die Bedeutung. „Gieb Dein Brod auf!“

Dutzende von Aufforderungen und selbst Preisausschreiben sind schon erlassen worden, um einen billigen und leicht zu handhabenden Motor für die Nähmaschinen zu erhalten, und die Frauen von der nervös-aufreibenden Arbeit des Nähmaschinentretens zu befreien. Man construirte elektrische Motoren und benutzte die Druckkraft der Wasserleitungen, man baute große Uhrwerke mit gewaltiger Federkraft und setzte Heißluftmotoren in Betrieb - nichts davon hat sich bis jetzt dauernd das Weltbürgerrecht erobern können. Der elektrische Motor producirt sich nur hier und da noch im Schaufenster einer Nähmaschinenhandlung; die Kraft einer Wasserleitung kann nur Wenigen zu Gute kommen, am allerwenigsten aber der armen Näherin in der Mansarde, die heute hier, morgen dort wohnt und die kostspielige Anlage nicht mit fortnehmen kann. Das Uhrwerk beanspruchte die Muskeln eines Hausknechts zum Aufziehen, und dann nähte es zehn Minuten lang mit der ätherischen Kraft eines kränklichen Backfischchens. Der Heißluftmotor hat vielleicht noch eine Zukunft; nur müßte er sich sehr verbessern und im Betriebe vereinfachen. Die altbewährte Dampfkraft kann leider hier nicht in Frage kommen; sie gleicht dem Grossisten und kann sich auf Detailkram nicht einlassen.

Der Mechaniker Wilhelm Hoffmann in Mühlhausen in Thüringen hat nun eine uralte Kraft zu dieser Dienstleistung neu herangezogen, die Anziehungskraft der Erde.

Sein Werk stellt den hier im Bilde wiedergegebenen Sessel dar; vor sich zu Füßen hat man einen Hebeltritt (g), der nach der Gliederlänge der Nähenden kürzer oder länger gestellt werden kann.

Man drückt mit beiden Füßen auf diesen beweglichen Fußschemel; damit hebt man den Sitz des Schemels sammt seiner eigenen Person etwa zwölf Zentimeter empor. Die aufgewendete Kraft ist nun gleichsam bei der Schwerkraft der Erde auf allmähliche Rückzahlung angelegt worden. Die Körperlast drückt auf eine Zahnstange (c), die ein erfindungsreiches und doch sehr einfaches Räderwerk in Bewegung setzt; dieses treibt die Riemenscheibe (d), welche ihrerseits die Kraft auf die Nähmaschine (A) überträgt. In sanftem Tempo sinken wir in zwölf bis fünfzehn Secunden wieder auf den alten Punkte die Glieder, die inzwischen ausgeruht haben würden, wenn überhaupt eine Anstrengung stattgefunden hätte, drücken nun auf's Neue auf den Hebel, während der ganze Mechanismus ruhig seinen Gang weiter geht. Für sofortigen Stillstand der Maschine sorgt die Ausrückvorrichtung b.

Auch ohne vorausgegangene Uebung fanden sämtliche von mir consultirte Näherinnen das sanfte Auf- und Niedergehen der ganzen Person bei der Arbeit nicht störend. Bei feinen Zierarbeiten mag wohl Vorübung unerläßlich sein. Der Proceß des Nähens wird durch die Vermehrung des Betriebsmechanismus zwar um ein Weniges umständlicher; das soll und darf nicht verschwiegen werden. aber das kann den Vortheilen gegenüber kaum in Frage kommen. Am Trittbrett müssen die Füße in der Secunde zwei Mal drücken, am Nähstuhl in zwölf bis fünfzehn Secunden nur ein Mal. Dieser eine' Druck erfordert bei nur einiger Uebung kaum mehr Kraft, als ein Druck auf das Trittbrett, und die berüchtigte zitternde Bewegung des Körpers, die Ursache des „Nähmaschinenleidens“, fällt gänzlich weg. Das Nähen selbst kann langsam, aber auch mit rasender Schnelligkeit betrieben werden, je nachdem man die Füße während des Niedergehens leicht oder fest auf den Hebel aufsetzt. Jede Nähmaschine, mit und ohne den stets wünschenswerthen Nähtisch, gleichviel, welches Systems sie auch sei, kann durch unwesentliche Veränderung für den Nähstuhl hergerichtet werden. und um die Verschiedenheit des Körpergewichts auszugleichen, sind an der Riemenscheibe mehrere Schnurläufe angebracht, die kleineren dienen für Personen unter hundert Pfund. Geht der Riemen im kleinsten Schnurlauf, so genügt die Last eines dreijährigen Kindes, um den Stuhl nach abwärts zu drücken und die Nähmaschine in Bewegung zu setzen. Selbstverständlich muß der Mechanismus gut mit Oel bedacht werden.

Wir sehen, ganz entlastet sind die Näherinnen noch nicht, aber durch die Hoffmann'sche Erfindung ist ein wesentlicher Fortschritt erzielt worden, der hoffentlich dazu beitragen wird, die Nähmaschine noch populärer zu machen, als sie schon ist, ihre Segnungen zu verallgemeinern und die Schatten dieser herrlichen Erfindung zu verwischen.




Raubritter. (Zu dem Bilde auf Seite 281.) Eine Scene, welche, wie traurig im Grunde, doch des Humors nicht entbehrt. da hält der hergekommene Sprößling eines alten Adelsgeschlechtes, eine wahre Don Quixote-Gestalt auf einem Rößlein, dessen Alter zu würdigen man nicht erst nach den Zähnen zu suchen braucht. Dabei die Mähre des würdigen Knappen, welcher Biedermann soeben den Tragkorb eines heulenden Bauerweibes auf Beute untersucht. Werthvolles ist dabei freilich nicht zu holen, aber auf dem elenden Eulenneste, welches die beiden Strauchdiebe beherbergt und sich „Burg“ so und so – wahrscheinlich ein sehr pompöser Name – benennt, ist Schmalhans Küchenmeister, und was irgend für den Hunger hilft, wird mitgenommen. Ein Schinken und ein paar Flaschen Bier, welche die ersten Griffe lohnen, sind nicht zu verachten; leider ist der Eierkorb dem Entsetzen der Alten zum Opfer gefallen. er entsank den zitternden Händen, und der Eierkuchen, welchen man etwa von dem geretteten Inhalte auf Burg so und so backen wird, dürfte so mager aussehen wie der Burgherr selber. Das struppige Unterholz der Waldparcelle, auf der die ganze Tragikomödie spielt, vervollständigt den Eindruck des Verfalls und der Verkommenheit. Eine beißendere Satire auf das gesunkene Ritterthum, als diese Scene, ist kaum zu denken. Und doch ist sie keine Caricatur, sondern ein Stück Wirklichkeit aus dem Mittelalter, in welchem Meister Wilhelm Dietz, der sie gemalt, wie kaum ein College von ihm zu Hause ist. Eine Anzahl kleiner Burgherren und Adeliger, die Verschwendung ihrer Vorfahren mit kläglichster Armuth büßend und doch außer Stande, sich ehrlich aus der Noth zu helfen, weil sie nichts gelernt hatten, fiel dem Stegreif anheim und verband mit dieser erbaulichen Schmarotzerthätigkeit den glühendsten Haß gegen das behäbig aufblühende Bürgerthum.

Manche Ritter trieben den Rand in großem Stil und per Compagnie, andere so kläglich dürftig, wie unser Ritter von der traurigen Gestalt, vielleicht selbst obdachlos „hin und wider trabend“, Straßenräuber in unverfälschtester Form, welche den heiligen Georg als „Rottmeister“ ihres Reiterordens um gut Wetter anflehten und um Errettung vor allem strengen Recht, wenn sie „im Feld umjagen, das Gütlein zusammen tragen.

„Kaufleut sind edel worden,
Das spürt man täglich wol;
So kummt der Reitersorden
Und macht sie reisig vol:
Man soll sie außer klauben
Aus ihren mardren Schauben
Mit Brennen und mit Rauben
Die selbig Kaufleut gut,
Das schafft ihr Uebermuth -“

singt ein aus diesem Kreise überliefertes Lied. Wie schwer es hielt, dem wuchernden Unfug zu steuern, wieviel Burgen gebrochen, wieviel Köpfe dem Henker überliefert werden mußten, ehe ein heilsamer Schrecken in diese Gesellschaft fuhr. lehrt die Geschichte.

Der treffliche Künstler, welcher uns hier ein wenig erbauliches Stück Mittelalter in so drastischem Beispiele vorführt, gehört jetzt zu den gesuchtesten Meistern der Piloty'schen Schule und wirkt als Professor an der Akademie zu München. Er ist ein geborener (1839) Baireuther und erregte zuerst mit Illustrationen zu Schiller's „Geschichte des dreißigjährigen Krieges“ Aufsehen. Der Werth seiner Bilder liegt, abgesehen von der Feinheit der Charakteristik, der großen Lebendigkeit in der Composition und der naturwahren, sicheren Farbengebung , also den Vorzügen des tüchtigen Kunstwerks, in dem culturgeschichtlichen Gehalt derselben; nach Idee wie Detailausführung beruhen sie auf solidem Studium der Vergangenheit. So urechte Arbeiten wie unser Stegreifritter, sind eben nicht – aus dem Stegreif zu malen.





Vier deutsche Kinder in Italien verwaist. Aus Dillenburg im Nassauischen kommt uns eine jener Bitten zu, für deren Erfüllung wir stets offene Herzen und Hände gefunden haben: Der Mühlenbauer Ebner folgte mit Gattin und Kindern der Einladung niedrerer Schweizer zur Leitung eines Mühlengeschäfts in der Nähe von Neapel. Dort befand sich die Familie in guten Verhältnissen bis zum Ausbruche des Vesuv von 1872, bei welcher Gelegenheit die Gattin Ebner’s durch die furchtbare Aufregung – die Familie irrte drei Tage und Nächte, vor dem Aschenregen fliehend, auf freiem Felde umher – sich eine schwere Krankheit zuzog. Nach ihrer Herstellung wollte Ebner mit den Seinen nach Deutschland zurückkehren; da erkrankte auch er, und die gesparten Mittel zur Heimreise wurden aufgezehrt. Ebner würde mit den Seinen in die bitterste Noth gerathen sein, wenn nicht ein braver Mann in Teano ihn und seine Familie zu sich genommen hätte. Da aber brach das Unglück im August 1880 herein: in sechs Tagen starben das jüngste Kind, die Mutter und der Vater. Hülflos standen an den Särgen dieser drei Todten der vierjährige Adolf, die siebenjährige Minna, der neunjährige Emil und die vierzehnjährige Marie. Die verlassenen Kinder sehnen sich nun nach der Heimath, da aber die Reisemittel fehlen – so läßt sich der Inhalt unserer Bitte leicht errathen. Ist es guten Menschen unter den Lesern der „Gartenlaube“ gelungen, die verlassene Thüringerin (vergl. Jahrgang 1879., Nr. 31 u. 45) aus der Walachei wieder in ihre Heimath zu befördern, so werden mit Hülfe solcher edlen Herzen sicherlich auch die armen Nassauer das Land ihrer Geburt wiedersehen.





Berichtigung. In einem kleinen Theile der Auflage unserer Nr. 15 hat sich leider in dem Gedicht Zum Trost von Ernst Scherenberg ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen. Man lese dort in der ersten Zeile der zweiten Strophe nicht „Macht“, sondern „Nacht“!



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Verschiedene: Die Gartenlaube (1881). Leipzig: Ernst Keil, 1881, Seite 288. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1881)_288.jpg&oldid=- (Version vom 13.9.2022)