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Seite:Die Gartenlaube (1881) 244.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1881)


an die des jungen Mannes erinnerten, aber viel mehr gesunde Frische und selbstbewußten Jugendmuth zeigten, als die seinigen.

„Mag sein,“ versetzte der ältere Herr; „aber Du wirst mir zugeben, daß ich richtig sehe und daß es nun auch unnütz ist, über die Sache viel Worte zu verlieren. Was Aurel Lanken gegenüber etwa noch zu sagen wäre – vorausgesetzt, er wäre so tactlos noch eine Erklärung zu verlangen, das überlasse mir! Und was Dich betrifft, so kann doch die Sache nicht einfacher abgemacht werden, als indem Du, von Ludwig begleitet, morgen zu Deiner Tante Hedwig reisest und bei ihr den Herbst über bleibst, vielleicht für den Winter sie nach Nizza begleitest …“

Die beiden jungen Leute nahmen diese Anordnung mit einem gedankenvollen Schweigen auf; nur Ludwig nickte ein paar Mal zustimmend mit dem Kopfe.

„Du, Ludwig,“ fuhr darauf Graf Gollheim fort, „kommst jedoch augenblicklich von der Tante Hedwig zurück. Es ist Zeit, daß Du Dich wieder bei Deiner Truppe zum Dienst meldest.“

„Zum Dienst?“ fragte Ludwig mit einem bitteren Lächeln.

„Du fühlst Dich als freier Weltbürger wohl über den fleißigen pflichttreuen Dienst hinausgewachsen –“

„In der That, Vater – unmittelbar nach einer Weltreise lockt die Aussicht, wieder Recruten zu exerciren, nicht sehr.“

„Ich habe Dich doch die Weltreise nur machen lassen, damit Deine Gesundheit sich zum weiteren Dienst hinreichend kräftige. Das ist, gottlob, erreicht, und Du wirst nun wieder eine Beschäftigung, eine Pflichterfüllung auf Dich nehmen, welche Deinem Müßiggange ein Ende macht.“

„Ich bin nicht müßig, Vater – ich ordne meine Tagebücher, arbeite die Eindrücke meiner langen Fahrt aus –“

„Nun ja, kann mir’s denken. Die Eindrücke! Die Eindrücke haben immer eine große Rolle bei Dir gespielt. Hast Dich ihnen immer ziemlich kopf- und willenlos hingegeben. Ich will nun aber ein Ende dieser an Deine Eindrücke verwendeten Thätigkeit sehen. Hast Du’s bis zum Rittmeister gebracht, magst Du Deinen Abschied nehmen und das Majorat beziehen, das ich für Dich gründe, jetzt aber, sobald Du von der Tante Hedwig zurückgekehrt, zu der Du Regina begleitest, trittst Du Deinen Dienst an.“

Graf Gollheim sprach das mit solcher Bestimmtheit, daß man sah, Widerstand gegen die väterlichen Anordnungen gab es in diesem Hause nicht. Auch schien Ludwig Gollheim den Muth zu einem weiteren Widerstreben nicht zu finden; er murmelte nur noch leise ein paar Worte, als ob er irgend einem unterdrückten Gefühle damit Luft machen müsse. Dann schwiegen alle Drei, wie in ihre Gedanken, die sehr verschiedene Straßen ziehen mochten, versunken, bis Regina wieder das Wort nahm und mit einer gewissen Entschiedenheit und fest zu ihrem Vater aufblickend sagte:

„Ich möchte doch Lanken noch erst sprechen.“

„Unsinn! Das wäre völlig unzweckmäßig –“

„Zweckmäßigkeit und Nutzen,“ fiel sie bitter ein, „sind auch nicht das, was ich dabei im Auge habe, Vater.“

„Auch ich meine,“ bemerkte Ludwig, „wenn es zu Regina’s Beruhigung dient, solltest Du Dich nicht widersetzen, nachdem Du –“

„Nachdem ich – was?“

„Nachdem Du,“ antwortete Regina statt ihres Bruders, „so lange Lanken’s Annäherungen ermuthigt und begünstigt hast.“

„So lange? Wie lange? So lange ich ihn nicht kannte – was doch aber bald genug der Fall war.“

„Und bis Du richtig Dein Diplom in der Tasche hattest,“ sagte hier halblaut Ludwig.

„Was murmelst Du da von Diplom?“ fiel stehen bleibend mit seinem zornigen Discant der Vater ein. „ Glaubst Du etwa, ich hätte zu unserer Standeserhöhung Lanken’s bedurft? Wahrhaftig nicht. Meine Verbindungen in B… – –“

„Konnten Dir doch nicht den guten Willen unseres dirigirenden Ministers überflüssig machen,“ fiel der junge Mann ein.

„Ludwig,“ rief dieser jetzt wie drohend – „Du willst mir doch nicht vorwerfen, ich hätte Lanken mit der Hoffnung auf die Hand Regina’s gekirrt und gelockt, um durch ihn zu erreichen, was ich erreichen wollte?“

„Ich will Dir nichts vorwerfen, Vater – bin weit davon entfernt, Dich richten zu wollen – nur finde ich es stark, Regina jetzt ihren Wunsch abzuschlagen“

„Und mich so Dir gegenüber zu einer offenen Erklärung zu zwingen, Vater,“ sagte jetzt Regina, indem sie einen Schritt in’s Zimmer hinein machte und mit einem leisen, wie zornigen Erröthen sich groß und stolz aufrichtete.

„Zu einer Erklärung? Ich bin neugierig, zu welcher?“ antwortete mit mitleidigem Gleichmuthe Graf Gollheim.

„Zu der, daß mir Aurel Lanken näher steht, als Du denkst. Du hast seine Bewerbungen um meine Neigung, wie Du selbst gestehst, begünstigt, so lange Du glaubtest, ihn Deinen Absichten dienstbar machen zu können. Die Anschauungen und die politische Richtung des Ministers waren Dir und Deinen Freunden unbequem. Da zeigte sich nun durch Lanken’s Neigung für mich ein schönster Ausweg. Du gewannst durch meine Hand den in der Gunst des Herzogs nun einmal nicht zu erschütternden Minister, und dann war er gebunden, Dir und Deinen Parteigenossen in die Hände geliefert. Das war Deine Berechnung in der Zeit, in welcher Lanken täglich hier im Hause verkehrte und Du keinen theureren Freund kanntest als ihn. Aber nicht lange, und Du begannest zu ahnen, einzusehen, Dir endlich widerwillig zu gestehen, daß Deine Hoffnung auf Sand gebaut sei, daß Lanken ein Mann von ebenso festem Willen wie von klarem Blicke sei, den keine Hofpartei zu sich herumbringen, der nie die Creatur einer Camarilla, wie Ihr sie bilden wolltet, sein werde. Das war’s. Von dem Augenblicke an wurde Lanken in Deinen Augen doch ‚nur ein Bürgerlicher‘ – man mußte doch Bedacht darauf nehmen, daß die eingerissene Intimität mit ihm nicht gar zu weit gehe –“

„Du hältst mir da eine merkwürdige Strafrede, Regina – als ob ich der Mann wäre, mir Vorwürfe von meinen Kindern gefallen zu lassen –“

„Verzeihe, Vater! Ich beabsichtige nicht im Entferntesten Dir eine Strafrede zu halten, sondern nur eine Vertheidigungsrede für mich selber, um Dir zu erklären, weshalb ich mich nicht willenlos in Deine Anordnungen füge.“

„Ah, Du weigerst mir den Gehorsam, Du lehnst Dich wider meine entschiedensten Befehle auf?“

„Ich lehne mich dawider auf, daß Du mich wie einen Preis, wie den Einsatz bei einer Speculation betrachtest, den Du einfach zurückziehst, sobald die Speculation Dir verfehlt scheint. Ich bin zu alt, mich als solchen behandeln zu lassen.“

„Aber zum Henker,“ murmelte Gollheim zwischen den Zähnen, „ich möchte wissen, worüber Du Dich denn beschwerst; wenn Du nicht wie der Einsatz einer Speculation behandelt sein willst – was kann ich denn weiter thun, als diesen Einsatz zurückziehen?“

„Dazu ist es eben zu spät. Ich habe unterdeß etwas, an das Du nicht gedacht hast, eingesetzt – mein Herz! Das gehört Lanken, und ich werde es niemals zurückziehen – nie!“

(Fortsetzung folgt.)




Die neue preußische Herrscher- und Feldherrenhalle.

Seit der König von Preußen zum deutschen Kaiser und somit zum obersten Kriegsherrn der ganzen bewaffneten Macht unseres Vaterlandes erhoben worden, hat die preußische Armee, als solche, aufgehört zu existiren. Sie ist mit den Armeen der anderen zum neuen Reiche verbundenen Staaten in dem großen deutschen Heere aufgegangen. Aber auch unterhalb dieses weiteren Verbandes bewahren die alten Regimenter ihre historischen, durch große Thaten und Geschicke geweihten Namen, und wohl niemals werden die aus Preußen recrutirten Theile des deutschen Heeres dem Cultus ihrer besonderen ruhmvollen Erinnerungen entsagen. So fand auch der königliche Gedanke: dem Waffenruhm der preußischen Armee, ihren Feldherren und fürstlichen höchsten Führern in der Hauptstadt des Landes gleichsam einen Gedächtnißtempel zu weihen, im ganzen Heere begeisterte Zustimmung. Von dem beim Kaiser stets besonders beliebt gewesenen, nunmehr verstorbenen Geheimen Rath Louis Schneider wurde dem Monarchen der Vorschlag unterbreitet: innerhalb des alten Zeughauses zu Berlin eine „Ruhmeshalle des preußischen Heeres“ aus den in ihm vorhandenen Waffen und

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1881). Leipzig: Ernst Keil, 1881, Seite 244. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1881)_244.jpg&oldid=- (Version vom 18.12.2022)