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Seite:Die Gartenlaube (1880) 821.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)

Deckel; das lockige Haar hinter einem Haarbeutel, dazu Kniehosen, Strümpfe und ausgeschnittene Schuhe, das war die äußere Folie jener innerlich schmachtenden Jünglinge, zu denen sich dann die entsprechende Jungfrau gesellte in schmalem, hochgegürtetem Kleide, kurzen bauschigen Aermeln und desto längeren Hand- oder eigentlich Armschuhen, ein großes Busentuch züchtig um Schultern, Brust und Nacken, den Kopf bedeckt mit einer Schlafhaube oder einem Hut von Stroh oder Seide, den Strickbeutel am Arme, einen Rosmarinstengel in der Hand und einen Mops auf dem Schooße.

In Folge der Gegensätze, in welchen sich die Periode der letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts bewegte, wo Pedanterie, Freigeisterei und schwärmerische Sentimentalität hart neben einander hergingen, mußte sich auch die Mode in verschiedenen Extremen bewegen. Und so finden wir im Gegensatze zu der oben geschilderten die Tracht à la sauvage aus den ersten Jahren der französischen Revolution, welche auf männlicher und weiblicher Seite das Unglaublichste leistete – dort als Incroyable, hier als Merveilleuse. Mit

Revolution.       Werther’s Zeit.       Wiener Congreß.
Deutsche Frauentrachten.

Originalzeichnung von Adolf Neumann.

der Einführung der Republik hielten es die französischen Damen für angezeigt, das antike Costüm einzuführen. Sie trugen ärmellose weite Tuniken dicht unter dem Busen gegürtet, trugen Ringe nicht blos an den Fingern, sondern auch an den Zehen ihrer blos mit Sandalen bekleideten Füße.

Auch unter dem Kaiserreiche wurde das antike Motiv noch beibehalten, aber in einer dem Klima und der Zeit entsprechenderen Weise verwerthet. In Deutschland finden wir im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts das Damencostüm auf derselben Grundlage zu einer erschreckend philiströsen Composition gewandelt. Die Taille ist beinahe bis unter die Achsel hinaufgerathen; das kurze Kleid fällt in einer Linie und mit der engsten Spannung von da bis zum Saume herab und vertritt das alte Sackmotiv (elftes und zwölftes Jahrhundert) in ausgeprägtester Form. Es ist, als ob die Frauen jener unglücklichen Periode um das Elend des fremden Fesseln liegenden Vaterlandes auch äußerlich in Sack und Asche hätten trauern wollen. Um aber die ästhetische Carricatur zu vervollständigen, trat dazu noch ein großer Hut, der sich auf dem Hinterkopfe wie ein Thurm erhob und das Vorderhaupt mit einem riesigen Schirm umkleidete.

Schon Ende des ersten Jahrzehntes erhielt der enge Rock wieder eine Erweiterung, die auch ein Herabrücken der Taille zur naturgemäßen Folge hatte. Auch wurden bei den Damen breite Spitzenkragen und aufgebauschte Aermel wieder modern.

Die verlängerte Taille führte die Schnürbrust nun zum dritten Male in Scene. Sie begünstigte wieder eine größere Erweiterung des Rockes und eine Entwickelung der Falte. So finden wir das Costüm in den vierziger Jahren auf einem in gewisser Hinsicht ästhetischen Standpunkte angekommen, bis die in’s Maßlose wachsende Zahl der Unterkleider diese zuletzt unerträglich macht und zur Befreiung von dieser Last Anfangs der vierziger Jahre wieder der Reifrock zur Hülfe gerufen wird. Obwohl schon alt und verbraucht, wurde er jetzt erst und zwar mit dem Wasser der Seine getauft als Crinoline. Die Herrschaft dieser Crinoline, die an äußerem Umfang ihren alten Vorgängerinnen nichts nachgab, war bekanntlich eine ziemlich lange. Als sie aus den oberen Kreisen schon längst verbannt war, führte sie in den untern Regionen noch ein langes glückliches Dasein fort als bevorzugter Liebling der sonntägig geputzten Köchin und des die Stadt besuchenden Landmädchens.

Indessen hat auch der Hut eine wahre Proteusnatur entwickelt. Der hochaufragende Schirm senkte sich zunächst nach vorn, sodaß das holdselige Antlitz seiner Trägerin wie aus einer mit Seide und Gaze gefütterten Ofenröhre herausschaute. Diese Röhre verjüngt sich, das Gesicht wird wieder frei, die Peripherie des Hutes geräth in die mannigfachsten Schwankungen, bis sie in immer steigender Verjüngung mehr und mehr nach dem Hinterhaupte zu sich verliert, schließlich von ihm nichts mehr übrig bleibt als eine blasse Idee und er somit dem runden Hute den Platz ebnet.

Nach Beseitigung des Reifrockes griff die Mode wieder zu den kurzen und engen Kleidern. Der rasche Wechsel ihrer Motive, die indeß nur eine Erneuerung längst dagewesener bedeutet, macht sie zum Abbilde unserer raschlebigen Zeit. Sie hat aber auch die Fühlung mit dem historischen Untergrunde fast ganz verloren; an die Stelle ihrer natürlichen ist eine künstlich gemachte Entwickelung getreten, und damit hört eigentlich ihre Geschichte ganz auf.

In all diesem Chaos von Launen, Vorurtheilen und Capricen ist – der Welt zum Trost – doch Eines immer dasselbe geblieben, und zwar trotz alles Wechsels seiner Hülle, trotz des Bannes von Schnürbrust und Panzertaille. Und dieses Eine, groß in seinem Glauben, in seinem Hoffen, in seiner Treue, ist das Herz der deutschen Frau, welches die sinkende Welt rettet und verjüngt.


Kaiser Josef.
Den Deutsch-Oestreichern zur Säcularfeier von Josefs Thronbesteigung gewidmet
von Johannes Scherr.
(Schluß.)
4.

Unerquicklich also, sahen wir, war die Mitregentschaft Josefs, aber unersprießlich war sie trotz allen ihr bereiteten Hindernissen doch nicht. Die Reihe der während ihrer Dauer angehobenen und durchgeführten Reformen beweist das klärlich. Der in dem Sohn arbeitende neuzeitliche Gedanke war kräftig genug, der widerstrebenden, widerwilligen, häufig gegen Josef verhetzten Mutter eine Einräumung nach der andern abzuringen, und so

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 821. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_821.jpg&oldid=- (Version vom 15.9.2022)