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Seite:Die Gartenlaube (1880) 808.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


wissen, was man sie rechtfertigen heißt, sagten und sagen freilich: Falls Oestreich und Preußen nicht mitgethan, so hätte Russland den polnischen Raub allein eingesackt. Und wenn? fragen dagegen das „offenbare Recht“ und die „gesunde Vernunft“. Wäre es etwa ein Unglück für Deutschland, für Oestreich, für Europa, wenn Russland den ganzen polnischen Pfahl in seinem Fleische stecken hätte?

(Schluß folgt.)




Zwischen Fels und Klippen.
Eine Strandromanze von Ernst Ziel.
(Schluß.)


Die Truhe angetrieben! Karin horchte freudig auf. Für Hallerstein war es eine aufregende Nachricht. Und doch, wie beruhigte ihn die Gewißheit, das seltsame Erbstück, an das sich für ihn die Erfüllung einer Gewissenspflicht knüpfte, geborgen zu wissen! Hatte er doch geloben müssen, die geheimnißvolle Lade am dritten Tage nach der Hochzeit – der heutige war freilich schon der vierte – zu öffnen. Was hatte sein Schwiegervater mit diesem sonderbaren Vermächtniß bezweckt, das seit dessen Tode im Familienarchiv zu Stockholm gehegt und behütet worden, um nach des Schicksals wunderbarer Fügung heute auf einer öden Felseninsel von ihm, dem eben Vermählten, seines Geheimnisses entkleidet zu werden? Was mochte die Truhe enthalten?

Diese Fragen beschäftigten Hallerstein, als die starkwandige kleine Kiste, massiv und prächtig im Rococostile gearbeitet und vielfach mit Gold beschlagen, von Axel herbeigebracht wurde.

„Herr,“ sagte der Bursche, zu Vater Claus gewandt, „Daniel erwartet mich bei dem Boote; es giebt viel Arbeit daran.“

Auf einen Wink des Alten ging er wieder; die Anderen hatten sich im Kreise um das merkwürdige Schaustück versammelt.

„Karin, so war Dein kühnes Wagniß doch nicht umsonst,“ richtete sich Hallerstein an das Mädchen, als der erste vorsichtige Hammerschlag zur Sprengung des Schlosses gefallen war.

Die Truhe sprang auf. Die Documente, welche sie enthielt, waren vom Wasser stark durchweicht, aber die Schrift darauf keineswegs unleserlich. Obenauf lag in versiegeltes Papier mit der Adresse des Barons.

Er erbrach es.

„Ein Brief meines Schwiegervaters.“

Er setzte sich abseits auf einen Stein, und während er las, malte sich in seinen Zügen zuerst Ueberraschung, dann wachsendes Erstaunen.

„Seltsam!“ sagte er, nachdem er gelesen und sich erhoben hatte. „Wer hätte das vermuthet!“

Er reichte Vater Claus den Brief.

„Nehmt! Es ist ja eine Post aus dem Jenseits. Die Zwei, um die es sich handelt, sind todt, und ich, der Dritte, begehe keinen Vertrauensbruch, wenn ich sage: Lest! Liegt diese einsame Insel doch außerhalb der Welt.“

„'Lieber Neffe, der Du in Zukunft mein Schwiegersohn heißen wirst',“ las der Alte vernehmlich, „'mein Gewissen gebietet mir, Dir, ehe ich das Zeitliche segne, ein Geständniß abzulegen. Es war, wie Du gewiß anerkennen wirst, ein weiser und nur im Interesse des Familienwohles gethaner Schritt, daß wir, meine Gemahlin und ich, im Einverständniß mit Deinen Eltern Dir schon im zartesten Knabenalter unsere einzige Tochter Margaretha verlobten und durch diese Verbindung der beiden letzten Träger unseres Namens das Anheimfallen unserer großen Güter an schwedische Vettern und Schwäger verhinderten. Nun aber hätte das Schicksal, welches mich schwer geprüft hat, die Früchte dieses unseres wohlüberdachten Schrittes vereitelt, hülfe die Klugheit mir nicht dennoch zum Ziel. Auf der Rückreise von Deutschland nämlich, wohin wir zur Ordnung der Angelegenheit mit dem Kinde gegangen und wo Du, noch ein Knabe, der Bräutigam unserer kleinen Margaretha geworden, verschlug uns der Sturm in die finnischen Schären – '“

„In die finnischen Schären?“ unterbrach sich Vater Claus.

„In die finnischen Schären,“ bestätigte der Baron, „so steht es da – in die auch ich verschlagen wurde.“

„Merkwürdiges Zusammentreffen!“ meinte kopfschüttelnd der Alte. „'Es war ein böses Wetter,'“ fuhr er zu lesen fort. „'Wir strandeten. Mich rettete ein besonderer Glückszufall, aber meine Gemahlin und unsere kleine Margaretha fanden den Tod in den Wellen. O, es war ein harter Schicksalsschlag. Und nun höre weiter: Da das Kind, welches das Band zwischen den deutschen und den schwedischen Hallerstein's war, nun todt, wie sollte ich Dir da das Erbrecht auf meine Güter wahren und es den schwedischen Vettern und Schwägern entziehen? Noch eine Tochter, nur wenige Monate älter als Margaretha, nannte ich mein, von der die Welt nichts wußte, nichts wissen durfte. Nun mußte sie meinem Zwecke dienen: ich nahm die unschuldig Verstoßene an Margarethens Stelle in mein Haus, gab ihr den Namen der Todten und erzog sie Dir. Sie wird Dein Weib sein, wenn Du diese Zeilen liest. Die Adoptionspapiere und alle darauf bezüglichen Documente findest Du in diesem Schrein. Niemand weiß von der Unterschiebung des Kindes, Deine Eltern nicht ausgenommen. Und nun noch Eines: Als Zeichen meiner väterlichen Liebe empfingst Du, wie Du ja weißt, beim Verlöbniß mein Medaillonportrait in Perlenfassung – '“

„Medaillonportrait und gestrandet in den finnischen Schären?“ brach Vater Claus abermals ab, und seine Mienen trugen den Ausdruck gespannter Erwartung.

„In Perlenfassung?“ fragte Mutter Hedda halblaut und in sichtlicher Ueberraschung.

„Seltsam,“ sagte Karin leise, „ganz wie das meinige!“

„Hier,“ rief Hallerstein und zeigte auf seine Brust, „hier trag' ich das Bild noch heute. Was ist da seltsam?“

„'Aber meine Margarethe,'“ knüpfte der Alte den Faden des Briefes wieder an, „'empfing zur Bezeichnung des feierlichen Actes das Portrait Deines Vaters in gleicher Fassung –'“ „In gleicher Fassung,“ wiederholte Vater Claus, auf's Höchste gespannt. „Baron,“ unterbrach er sich plötzlich, „in welchem Jahre trug sich die Strandung zu?“

Hallerstein sann einen Augenblick nach. „Es muß nun fünfzehn Jahre her sein,“ sagte er.

„Wunderbar! Auch das trifft zu,“ murmelte der Graukopf vor sich hin.

„Die Hand des Himmels!“ flüsterte Mutter Hedda, und Karin machte eine Bewegung des Schreckens. Eine Bangigkeit überfiel sie, als trete das gewaltige Schicksal plötzlich an sie heran, und doch war es eine süße Bangigkeit, als würde ein dunkler Abgrund, an dem sie lange gebrütet, auf einmal von tausend Sonnen durchleuchtet.

Vater Claus blickte nachdenklich in den Brief, der in seiner Hand zitterte; er machte eine Bewegung, wie Einer, der einer inneren Unruhe gewaltsam Herr zu werden ringt.

„'Diese Bilder,'“ las er weiter, und seine Stimme bebte heimlich, „'sollten Euch Kindern ein Denkmal elterlicher Liebe und für Fälle der Verwirrung oder Entfremdung ein Erkennungszeichen sein. Aber Margarethens Medaillonbild, Du wirst es früh genug bei Deinem Weibe vermissen; denn es liegt mit der echten Margarethe am Grunde des Meeres. Sei glücklich mit der, die ich statt der legitimen Tochter Dir an's Herz lege! Ich wollte nicht ohne den Trost der Beichte vor Gottes Thron treten.'“

Der Alte schwieg. Mutter Hedda und Karin standen in wortloser Erregung da. Hallerstein blickte die Drei fragend an; er begriff nicht, was vorging.

„Baron,“ begann beklommen Vater Claus, „hier liegt die Lösung eines Räthsels, das tief in unser Aller Leben greift. Ein Blick auf Euer Medaillonbild könnte –“

Hallerstein knöpfte seine Weste auf und reichte ihm das Bild hin.

„Was habt Ihr vor?“ fragte er.

„Kein Zweifel mehr!“ sagte der Alte nach einer Weile, indem er dem Baron das Medaillon zurückgab. Die innere Wallung übermannte ihn fast – er rang nach Worten. „Karin,“ stieß er

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 808. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_808.jpg&oldid=- (Version vom 10.12.2021)