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Seite:Die Gartenlaube (1880) 794.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


hat er eine Karte berührt. Seine Mäßigkeit, Prunklosigkeit und spartanische Abhärtung nahm er auch auf seine häufigen Reisen mit, welche für sein Gefolge nichts weniger als Lustpartieen waren. Er wohnte dabei in Gasthäusern, wurde nie müde, zu sehen und zu lernen, vermied keineswegs die Berührung mit dem Volke und verkehrte zwanglos mit allen Klassen desselben. Ein schöner, für dazumal doppelt schöner Zug war es, daß er, in einer Stadt angelangt und von der Bewohnerschaft erkannt und begrüßt, sogleich im Wagen sich erhob, um stehend und entblößten Hauptes den Willkomm vonseiten des Volkes entgegenzunehmen.

So war, in flüchtigem Umrisse gezeichnet, Kaiser Josefs Lebensführung. Wer die Hofgeschichten damaliger Zeit kennt, namentlich auch die deutschen, wer die widerliche Reihenfolge gleichzeitiger Fürstlichkeiten, diese Jagdwütheriche, Menschenschinder, Seelenverkäufer, Prasser, Trunkenbolde, Wüstlinge an seiner Erinnerung vorübergehen läßt, der wird verstehen, daß und warum die Persönlichkeit des guten und unglücklichen Kaisers dem Volksgedächtniß unverwischbar sich einprägen mußte.

Ja, des guten und unglücklichen Kaisers, der auch als Mensch, als Gatte und Vater kein Glücklicher gewesen ist. Zwar seine erste, im Oktober von 1760 geschlossene Ehe mit der Infantin Isabella von Parma, welche, ohne schön zu sein, graziös und liebenswürdig zu sein verstand, schien eine glückliche werden zu wollen. Josef liebte seine Frau zärtlich, allein Isabella litt an unheilbarer Melancholie und trug sich fortwährend mit Todesgedanken, welche auch nur allzu bald sich verwirklichten, indem die Prinzessin in ihrem zweiten Wochenbett von den Pocken ergriffen wurde und im November von 1763 starb. Ihr zweites Kind, Christine, war ihr im Tode vorangegangen; ihr erstes, Maria Theresia, folgte der Mutter bald ins Grab. Der junge Witwer litt furchtbar unter diesen Schicksalsschlägen. Ob, wie eine historisch nicht erwiesene Sage will, sein Schmerz über den Verlust der geliebten Isabella noch verschärft oder vielmehr vergiftet worden sei dadurch, daß seine Schwester Christine in der wohlmeinenden Absicht, den niedergeschmetterten Bruder zu trösten und aufzurichten, ihm mittheilte, sie wüßte von der Verstorbenen selbst, daß dieselbe ihn nie wirklich geliebt hätte, mag dahingestellt bleiben. Nur das unablässige Drängen vonseiten seiner Eltern vermochte Josef, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, und halb willenlos ließ er sich im Januar von 1765 mit der Prinzessin Josefa von Baiern verheiraten. Das schlug ganz übel aus. Der Widerwille, welchen die arme Josefa, in jedem Sinne ein Opferlamm der „Staatsraison“, vom Anfang an ihrem Gemahl oder Scheingemahl einflößte, war so stark, daß Josefs Gutherzigkeit nicht dagegen aufzukommen vermochte. Er sah es als eine Erlösung von Unerträglichem an, als Josefa im Mai 1767 durch die Pocken in ihrer bösartigsten Gestalt weggerafft wurde, und war durch nichts zu bewegen, einen dritten Heiratsversuch zu machen. Verschiedene seiner vertraulichen Briefe bezeugen aber, daß er den Mangel häuslichen Glückes bitter genug empfand. Er suchte den ihm ziemlichsten Trost und Ersatz für dieses ihm versagte Glück darin, daß er sich mit ganzer Seele der Erfüllung seiner Regentenpflichten hingab. Das ist ja das Vorrecht edler Naturen, daß sie, wann das eigene Glück in Trümmern liegt, noch für das Glück anderer zu leben, zu denken und zu sorgen vermögen.

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.


Corvin-Niëllo. Geschichte und Verfahren einer neuen deutschen Kunsttechnik. Dem Streben unserer Zeit, die Arbeit der Menschenhand durch mechanisches Hülfsmittel zu ersetzen, sind selbst deren höchste Leistungen, die Verkörperungen des künstlerischen Genius, nicht völlig entgangen. Natürlich kann die Maschine oder ein beliebiges mechanisches Verfahren niemals die freie Kunstschöpfung ersetzen, und so wird die Photographie zwar die Pfuscher, aber niemals die künstlerisch empfindenden und schaffenden Portraitmaler aus dem Sattel heben. Dagegen leisten die physikalischen und chemischen Hülfsmittel der Neuzeit als treue Gehülfen der zeichnenden und bildenden Menschenhand schon jetzt das Menschenmögliche. Erinnern wir hier nur an den Lichtdruck, der uns die vorher hundertfach mit Gold aufgewogenen Kupferstiche Dürer’s, die Radirungen Rembrandt’s, die Handzeichnungen von Meistern aller Schulen in einer Vollendung wiedergiebt, daß man sie kaum von den Originalen unterscheiden kann, an die Galvanoplastik, welche die getriebene Arbeit und den Guß der schönsten Reliefs und Metallbildwerke mit allen ihren Schwierigkeiten entbehrlich macht. Jene zierlichen silbernen und goldenen Grillen, Käfer, Bienen, Eidechsen, Blumen und Zweige, die den herrlichsten Schmuck jener Pokale Wenzel Jamitzer’s ausmachen, welche die Rothschild’s unserer Tage mit Hunderttausenden bezahlen, fertigt man heute durch galvanische Versilberung oder Vergoldung der natürlichen Zweige und Insecten, deren Oberfläche man für den elektrischen Strom leitend gemacht hat. Eine der interessantesten Neuerungen auf diesem Gebiete ist jedoch vor Kurzem als Krönung langjähriger Bemühungen dem bekannten ehemaligen preußischen Officier und Schriftsteller Otto von Corvin-Wiersbitzky geglückt, nämlich den elektrischen Strom dazu anzuhalten, daß er die mühsamsten aller Kunstwerke, eingelegte Arbeiten und Incrustationen in einer Vollendung liefert, wie sie der menschlichen Hand niemals vorher gelungen ist.

Wer hätte nicht einmal beim Durchwandern fürstlicher Schlösser und Kunstkammern sein Auge mit Entzücken an jenen herrlichen, farbensprühenden Ornamenten geweidet, die durch Einlage von Perlmutter, Bernstein und anderes edles Material in eine beliebige Grundfläche hervorgebracht wurden, und von denen der Castellan gewöhnlich erzählt, daß der Künstler zehn und mehr Jahre daran gearbeitet und so und soviel tausend Thaler dafür empfangen habe. Gerade die schwerste und kostbarste dieser dem Mittelstande bisher unerschwinglichen Kunstarbeiten, nämlich die Einlage in Metallgrund, ist nun durch das neue Verfahren zu einer verhältnißmäßig billig herstellbaren geworden, und hat zugleich eine Vollkommenheit und Schönheit erreicht, die sie kaum je vorher besessen hat. Die bisherige Metallverzierung durch Einlage beschränkte sich fast ganz auf das schon den Alten bekannte, im Mittelalter zum höchsten Ansehen gelangte sogenannte Niëllo, bei welchem Silber- und Goldgegenstände mit tief eingegrabenen Zeichnungen und Ornamenten versetzen wurden, in deren Linien man eine blauschwarze schwefelhaltige Metallmischung einschmolz. Jedermann kennt wohl die namentlich an mehreren russischen Orten, aber auch z. B. in Berlin gefertigten Tabaksdosen u. dergl. in Niëllo-Arbeit, die wegen der Haltbarkeit ihrer Ornamente sehr geschätzt sind, während die vielfach in’s Werk gesetzte galvanoplastische Ausführung gravirter Vertiefungen, wegen der geringen Farben- und Glanz-Unterschiede der auf diese Weise zu verbindenden Metalle nur eine beschränkte Anwendung in der Kunsttechnik erfährt.

Die Einlage wirksamerer farbiger Muster aus Perlmutter, Bernstein, Elfenbein, Schildpatt, Horn und ähnlichen mit den Metalloberflächen wirksam contrastirenden Materialien scheiterte bisher sowohl an der Mühsamkeit der Einlage-Arbeit wie an der geringen Haltbarkeit der in die Metallgruben geklebten oder gekitteten Flächenzierrathe, und so beschränkte sich die gesammte Einlage und Constructionstechnik immer mehr auf die Verzierung halbweicher oder erweichbarer Grundmasse (Holz, Schildpatt, Hartgummi und Papiermasse), wobei zuletzt ein bloßes Eindrücken des Ornaments in die unedle Grundmasse erfolgt. Ohne Zweifel hat sich mehr als ein Elektrotechniker mit dem Gedanken beschäftigt, edles Gestein und andere schimmernde Stoffe auf galvanoplastischem Wege in Metall zu fassen, und so hat z. B. Goudon in Paris einen Theil der Juwelierarbeit dadurch ersetzt, daß er die zu fassenden Steine in gepreßte Wachsmodelle einsetzt und diese dann mit einem galvanischen Goldniederschlage bedeckt, der den Stein einfaßt und nur einer sehr geringen Nachhülfe bedarf, um in eine billige und doch saubere Marktwaare verwandelt zu werden. Diese Eigenthümlichkeit des durch den galvanischen Strom aus seinen Lösungen ausgeschiedenen Metalles, sich jeder den Strom leitenden Oberfläche streng anzuschmiegen, legt den Gedanken nahe, sich ihrer zu bedienen, um in künstlerischer Freiheit componirte Muster aus beliebigem Material felsenfest von dem durch Elektricität ausgeschiedenen Metall umspannen zu lassen.

Corvin, der vor der Februarrevolution in einem Pariser galvanoplastischen Institute thätig gewesen war, in welchem man auch jenes erwähnte galvanische Niëllo erzeugte, ergriff diesen Gedanken. Die Februarrevolution riß den freiheitsbegeisterten Mann aus dieser Thätigkeit in dem genannten Institute; er nahm als Genosse Herwegh’s an dem badischen Aufstand Theil, dessen unglücklicher Ausgang auch für ihn verhängnißvoll wurde. Erst in der mehrjährigen Einzelhaft zu Bruchsal fand er wieder hinlänglich „freie Zeit“, um über die Lösung wissenschaftlicher und technischer Probleme nachzudenken, auf die sich später vielleicht eine neue Zukunft gründen ließ. So kam er auch auf die Idee einer galvanischen Incrustation mosaikartiger Ornamente, die von ihm, in der Theorie völlig durchgearbeitet, gleich nach dem Austritt aus der Festungshaft (1855) nach seiner Uebersiedeluug nach London praktisch in Angriff genommen wurde.

Der Grundgedanke seines Verfahrens, das Ornament auf eine ebene Fläche zu zeichnen, dann die sorgfältig zurechtgeschnittenen und vollkommen zubereiteten Stückchen von Perlmutter etc. darauf zu kleben, ferner die Rückseite des gesammten Ornaments bis in die feinsten Winkelchen hinein mit Graphitstaub zu überziehen und endlich Metall darauf niederzuschlagen, war so einfach, daß die Sachverständigen, denen er sein Verfahren mittheilte, sich meist vor die Stirn schlugen und „das Ei des Columbus!“ riefen, aber obwohl die ersten praktischen Versuche die Ausführbarkeit der Idee bewiesen, stellten sich so viele kleine Schwierigkeiten und unvermuthete Hindernisse der Herstellung salon- und marktfähiger Artikel entgegen, daß Corvin seine tausend Pfund Sterling in das Unternehmen gesteckt hatte, ohne zu wirklich tadellosen Ergebnissen gelangt zu

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 794. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_794.jpg&oldid=- (Version vom 15.9.2022)