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Seite:Die Gartenlaube (1880) 758.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


Präsidium des preußischen Ministeriums 1862 der Vorgänger Bismarck’s.

Fürst Ludwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der gegenwärtige Botschafter des deutschen Reichs in Paris, der als baierischer Reichsrath und Minister in den Jahren 1866–1870 den Anschluß Baierns an Preußen anbahnte, entstammt der anderen Hauptlinie Hohenlohe-Waldenburg.

Kehren wir nun zu dem durch die Erinnerung an manche hervorragende geschichtliche Gestalt geweiheten „Schlosse Neuenstein“ zurück, so haben wir schließlich zu berichten, daß die Gemächer desselben längst ihres fürstlichen Schmuckes entkleidet sind und einem Zwecke der Nächstenliebe dienen. Vor mehr als einem Jahrhundert (1777) erhielt nämlich das Schloß von seinen damaligen Besitzern den Namen und Charakter eines „Hospitalinstitutes“, und als solches ist es noch heute ein Asyl für alte, gebrechliche Leute.

So haben wir es der Menschenliebe zu danken, daß das Schloß in seiner äußeren Gestalt seinen alterthümlichen Charakter bewahren durfte. Hätte es fernerhin den Zwecken eines Fürstensitzes zu dienen gehabt, so wäre aller Wahrscheinlichkeit nach Vieles an ihm der Neuerungssucht zum Opfer gefallen.

O. B.




Johann Kepler, ein Mann der Freiheit und des Lichts.

Zum Gedächtniß der zweihundertundfünfzigsten Wiederkehr seines Todestages (15. November).

Die folgenden Zeilen sollen als Todtenopfer am Grabe eines Mannes dargebracht werden, der in seltener Weise den vollen Pulsschlag des deutschen Geistes in sich fühlte und in seinen Werken glänzend ausprägte. Es ist Johann Kepler, der Astronom, der vor nunmehr zweihundertfünfzig Jahren aus diesem Leben schied.

Kepler’s irdische Laufbahn fällt in das Ende des sechszehnten und den Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts, jene wüste, trauervolle Zeit, in der unser Vaterland von religiösen und politischen Wirren, von zahllosen blutigen Dramen erschüttert wurde und endlich in den düsteren Flammen des Dreißigjährigen Krieges seinen Wohlstand in rauchenden Schutt sinken sah. Mitten in den rollenden Wogen dieser weh- und haßerfüllten Zeit trieb das Lebensschiff unseres Geisteshelden, ohne jemals den ersehnten sicheren Hafen finden zu können. Schon die Tage seiner Kindheit waren keine goldene Jugendzeit. Sein Vater war ein unstäter, unbändiger Mann, der bald nach der Geburt des Kindes – sie erfolgte am 27. December 1571 in der württembergischen Stadt Weil – mit dem wilden Heere des Herzogs Alba in die Niederlande ging, nach seiner Rückkehr eine Gastwirthschaft betrieb und schließlich in den Türkenkrieg zog, in welchem er verscholl. Seine Mutter war von rauher, unverträglicher Gemüthsart, er selber, zwei Monde zu früh in die Welt gesandt, von schwächlichem Körperbau und oft von Krankheiten heimgesucht. Da er die schweren häuslichen Arbeiten während der Gastwirthschaft seines Vaters nicht auszuführen vermochte, ließ man ihn die Klosterschulen von Maulbronn und Hirsau besuchen und schließlich zur Universität Tübingen gehen, in deren theologischem Stifte er auf öffentliche Kosten und unter sonst dürftigen Verhältnissen die Gottesgelahrtheit studirte. Doch der Theologe verdarb bald in ihm; sein Gewissen gerieth in Widerspruch mit den lutherischen Heißspornen jener Universität, und als er seine Studien vollendet hatte, erhielt er nur das Zeugniß, daß er sich in der Beredsamkeit ausgezeichnet habe.

So wurde er zum lutherischen Geistlichen für untauglich erklärt, und seine Hoffnungen auf eine Anstellung im engeren Heimathlande gingen nicht in Erfüllung. Da erfolgte 1593 der Ruf an den zweiundzwanzigjährigen jungen Mann, eine Professur für Mathematik und Moral an dem Gymnasium zu Graz in Steiermark zu übernehmen. Er verließ Württemberg mit widerstrebenden Gefühlen und trug während seines ganzen übrigen Lebens die Sehnsucht nach einer gesicherten Existenz im Heimathlande unerfüllt in der Brust. Doch war sein neuer Beruf entscheidend für seine weitere wissenschaftliche Thätigkeit; denn er führte ihn mehr und mehr zur Astronomie hin, welche sich seit fünfzig Jahren in Folge der welterschütternden Arbeit des Copernicus in einem Zustande der Gährung befand.

Jetzt schien sich Kepler’s Lebenshimmel zu klären. Seine erste größere Amtsthätigkeit, die Abfassung eines Kalenders für das Jahr 1594, trug ihm die Popularität ein; auch faßte er Neigung zu einer reichbegüterten Dame und heirathete dieselbe nach Beseitigung hartnäckiger und zahlreicher Hindernisse. Da brach, durch den nachmaligen Kaiser Ferdinand und die Jesuiten veranlaßt, über Steiermark der Sturm der Protestantenverfolgung herein; Kepler’s Glaubensgenossen wurden vertrieben und er selber mußte Graz und seine Güter anfangs für kurze Zeit, dann im Jahre 1600 für immer verlassen. Mit Weib und Kindern zog er aus und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlegen konnte. In dieser Noth nahm er das Anerbieten des berühmten Astronomen Tycho de Brahe an, welcher auf Anordnung des Kaisers Rudolph in Prag mit der Ausarbeitung astronomischer Tafeln über Planetenbewegung beschäftigt war und für dieses schwierige Werk die Hülfe Kepler’s wünschte.

Der Aufenthalt unseres jungen, aufstrebenden Astronomen in Prag war kein angenehmer. Tycho und Kepler geriethen bald in Streit. Der Erstere war stolz und hochfahrend, der Letztere feurig und freimüthig, und die astronomischen Ansichten Beider gingen weit auseinander. Dazu kam noch, daß Kepler sein Gehalt nicht ausgezahlt erhielt und er dasselbe in kleinen Raten von Tycho geradezu erbetteln mußte. Nun wurde dieses unleidliche Verhältniß allerdings 1601 durch den Tod Tycho’s gelöst und Kepler erhielt dessen Stelle als kaiserlicher Mathematiker. Doch ward ihm in den folgenden Jahren, die ihm noch außerdem durch Streitigkeiten mit den Erben Tycho’s verbittert wurden, bei der Leere der kaiserlichen Cassen sein Gehalt nur zum geringen Theile ausgezahlt, sodaß er durch Kalenderschreiben dem häuslichen Mangel abhelfen mußte.

Unter dem folgenden Kaiser Matthias, der ihn im Amte bestätigte, harrte er ebenso fruchtlos auf die Auszahlung seines Gehaltes und seiner Gehaltsrückstände, die schließlich auf die Höhe von 12,000 Gulden anwuchsen. Dergestalt hatte er stets seine häuslichen Sorgen, und das Schicksal häufte dieselben immer mehr. Auch über Prag kamen politische und religiöse Wirren und blutige Katastrophen. Bei dem Anblicke der Plünderungsgräuel wurde Kepler’s Gattin wahnsinnig, und der Tod raffte sie sammt dreien seiner Kinder hinweg. Da wurde es Kepler öde in der Stadt, in welcher er des Leides so viel erfahren hatte, und sein Auge suchte nach einem ruhigen Aufenthaltsorte in dem weiten Vaterlande, das mehr und mehr in den furchtbaren Krieg hinein trieb. Er richtete seine Blicke auf Linz, die Hauptstadt von Oberösterreich. Die Stände dieses Landes nahmen auch den berühmten Mann freundlich auf, bewilligten ihm ein Jahrgehalt, auf daß er die astronomischen Tafeln vollende, sowie die Landeskarte zeichne, und so siedelte Kepler 1611 nach Linz über.

In den ersten Jahren seines neuen Aufenthaltes war ihm das Glück hold. Er heirathete zum zweiten Male und konnte, von etlichen Reisen abgesehen, ruhig seiner Wissenschaft leben. Bald aber sollte, um Kepler’s eigene Worte zu gebrauchen, „ein plötzlich ausgebrochenes Gewitter sein Schifflein gegen die gefahrvollsten Klippen treiben“. Seine greise Mutter war in Folge verschiedener Umstände und Verleumdungen der Hexerei verdächtigt worden und hatte sich durch ein unkluges Betragen dabei mehr und mehr also verwickelt, daß der Hexenproceß gegen sie eröffnet wurde. Kepler machte unendliche Anstrengungen, die Mutter zu retten und die öffentliche Schande von seiner Familie zu nehmen; er schrieb Briefe und Vertheidigungsschriften nach Württemberg; er reiste schließlich selber dorthin und verlor unter dem Opfer bedeutender Geldmittel dabei ein ganzes Jahr seines Lebens. Gleichwohl vermochte er doch 1621 im letzten Stadium die Niederschlagung des Hexenprocesses zu bewirken.

Nach dieser Zeit lichtete sich der Himmel unseres großen Astronomen nicht mehr, und sein Leben wurde durch das ungeheure Leid des Vaterlandes von Jahr zu Jahr düsterer gefärbt. Wohl vollendete er nun sein großes Werk, die astronomischen Tafeln, und begann deren Druck, was ihn zu vorübergehendem Aufenthalte in Regensburg und Ulm veranlaßte, aber er erwartete vergebens von dem Kaiser die Erfüllung seiner rückständigen

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 758. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_758.jpg&oldid=- (Version vom 8.8.2021)