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Seite:Die Gartenlaube (1880) 671.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


so genannt) (7) vor. „Ein Marterl?“ höre ich den Leser fragen, „was ist ein Marterl?“ Nun, ein auf Holz gemaltes Angedenken an einen Unglücksfall, der einem Menschenkinde das Leben gekostet. Die alte Frau auf unserem Bilde erklärt dem neugierigen Touristen die traurige Begebenheit.

Neben solchen Bildern stehen gewöhnlich etliche kunstlose Verse, deren Verfasser aber immer im Dunkeln bleiben. Die städtischen Aesthetiker ergötzen sich oft lächelnd an ihrer Naivetät, und es wäre gerade nicht schwer, von solchen Versen mehrere classische Beispiele zusammenzustellen; im Augenblick aber fällt mir kein anderes ein, als dieses:

„Hier ward vom Blitz erschlagen
Ein Ochs, ein Bua, eine Kuh.
Herr, gieb ihnen die ewige Ruh!“

Nunmehr noch einen Sprung in’s Kaisergebirge! Dieses also bildet auf einem Raum von vier Quadratmeilen eine steinerne Runde, welche von einem rüstigen Wanderer in zwei Tagen kaum umgangen werden kann. Es ist ein Knäuel von schauerlichen Zacken, die zwar nicht zu den höchsten, aber zu den wildesten und zerrissensten des Landes gehören. Zwischen diesen findet sich kein Dörflein und kein Weiler, aber doch die und jene grüne Alm und braune Sennhütte. Die höchsten Gipfel sind früher wohl manchmal von Gemsenjägern oder Wildschützen, systematisch aber zum ersten Mal von Professor Thurwieser aus Salzburg in den vierziger Jahren erstiegen worden. Später, im Jahre 1869, folgte ihm Karl Hofmann aus München, ein vielversprechender junger Mann, der bei Bazeilles als baierischer Lieutenant sein Leben lassen mußte. Dieser scheute keine Beschwerde, um des Gebirges unbetretene Irrsale alle auszuforschen. Er erkletterte den Treffauer Kaiser und die Haltspitze nebst anderen nachbarlichen Ungethümen und legte dann seine Beschreibung in der Zeitschrift des deutschen Alpenvereins nieder. Es erhellt daraus, daß die Besteigung dieser Höhen sehr gefährlich und nur ganz schwindelfreien Waghälsen anheimzustellen ist.

Im Kaisergebirge gehen auch verschiedene Sagen um, aber sie handeln nicht von seligen Fräulein, sind überhaupt nicht anmuthig, sondern durchaus unheimlich wie diese Riffe selbst. Noch geistert da die Huberbäuerin aus dem Baierlande, die wegen ihres Geizes hierher verbannt worden ist und verwegenen Wildschützen, um sie zu schrecken, mitunter polternde Steine nachsendet. Es ist noch nicht so lange her, daß in der Elmau eine Hexe spukte, welche, da alles häusliche Gebet nicht fruchtete, endlich von einem frommen Klosterbruder in diese Schluchten verwiesen wurde, aus denen sie bisher nicht zurückgekehrt. Als einst drei unfriedliche Bauern von Lauterbach während der heiligen Messe über die Grenzen ihrer Felder stritten, erfaßte sie plötzlich ein Windstoß und entrückte sie auf die Haltspitze, welche daher auch die Geisterspitze heißt. Wenn die Berge von schauerlichen Donnerschlägen widerhallen, sagt man noch jetzt: die Lauterbacher schelten.

Wer aber ohne große Beschwerde und ohne alle Lebensgefahr dem wilden Kaiser seine Ehre erweisen und die Schauer dieser Bergwelt aus einiger Nähe betrachten will, dem ist die gütige Natur dadurch entgegengekommen, daß sie das schmale Kaiserthal eingesprengt hat. Wer in dieses hinaufsteigen will, der geht zuerst von der Stadt Kufstein in die Sparchen, die er in einer halben Stunde erreicht. Dort findet er einige Mühlen und eine finstere Klamm, aus der ein starker Bach herauskommt, um über malerische Mühlwehren hinunterzustürzen. Ist der Wanderer über die Brücke gegangen, so hat er einen steilen Felsensteg hinanzuklimmen, bis sich ihm jenes Thal aufthut; eine unabsehbar lange, jäh abfallende Wiese, deren unterer Saum sich in der dunklen, von mächtigen Fichten beschatteten Bachrinne verliert, während der obere an schroffen Kämmen endet. Mitten durch diese Wiese zieht sich ein schmaler Fußpfad, der den Wanderer an fünf wohlhabenden Bauernhöfen vorbeiführt, bis er die Antonius-Capelle und nach dieser den sechsten und letzten der Kaiserbauern erreicht. Dort mag er sich zur Ruhe niederlassen und den Anblick genießen, den ihm Püttner’s Bild, das diese Nummer der „Gartenlaube“ (S. 677) schmückt, eröffnet.

Aber wer sind diese wilden „Schrofen“ und wie heißen sie?

Der nächste also, die kahle Wand zur Rechten, ist das Sonneck; ihm folgt gegen die Mitte zu die Haltspitze, dieselbe, die auch als Geisterspitze bekannt ist. Karl Hofmann stellt ihre Höhe auf 7520 Pariser Fuß und giebt sie für den erhabensten Gipfel des Kaisergebirges aus.

Von diesem Kamme durch eine tiefe Schlucht getrennt, zeigt sich die Gamskarlspitze. Ihr zur Linken ragt aus dem abwärts streichenden Grate eine kleine pyramidale, bisher noch nicht erstiegene Felsenzacke empor, welche die Todtenkirche genannt wird, weil sich da jede Nacht die im Kaisergebirge hausenden Geister versammeln. Nebenan liegt des Teufels Wurzgärtlein; da soll einst ein mächtiger Zauberer den Teufel gezwungen haben, ein Gärtlein mit seltsamen, köstlichen, herrlich duftenden Wurzeln und Kräutern anzulegen. Leider ist es später wieder eingegangen.

Wenn sich nun der wohlmeinende Wanderer beim letzten Kaiserbauern (aus eigenen Vorräthen) angenehm erquickt und die wilde Schau zur Genüge genossen, mag er wieder zur Sparchen zurückkehren, von dort durch schöne Auen nach dem gastlichen Kufstein wandeln, sich in dem Schatten des Auracher Gartens zur Rast setzen, die großen Eindrücke des Tages noch einmal an sich vorübergehen lassen und dabei des Zeichners und des Schilderers, die ihn im Geiste dahin begleitet haben, freundlich gedenken.

L. Steub.




Berliner Bilder.
Nr. 5. Die „Rück-Compagnie“.


Mitternacht ist längst vorüber; die Straßen sind öde und menschenleer; nur hier und da begegnet man noch einem taumelnden Nachtschwärmer oder einem verdächtigen Strolche. Auch der Wächter des Reviers läßt sich nicht blicken und ruht von seiner Runde unter irgend einem geschützten Thorwege oder in einem befreundeten Bierkeller aus. Am nächtigen Himmel lagert dichte Finsterniß; die spärlichen Gaslaternen leuchten so düster, daß man kaum auf zehn Schritte eine menschliche Gestalt erkennen kann; auf der Spree liegen die schwarzen Schiffe so ruhig, als ob sie schliefen, und in den angrenzenden Häusern träumen die schlummernden Bewohner in den warmen Betten. In dem entlegenen Stadttheile herrscht eine tiefe, unheimliche Stille. Selbst der Hofhund ist verstummt und bellt nicht mehr.

Nur in einem nach dem Wasser zu gelegenen Keller wacht der arme Budiker Piefke mit seiner Frau voll ängstlicher Spannung. Von dem unnachsichtigen, wegen seiner Hartherzigkeit verrufenen Wirthe des Hauses mit Exmission bedroht, sannen die Ehegatten schon seit mehreren Tagen darauf, sich und ihre Habe den Händen ihres unbarmherzigen Gläubigers zu entziehen. Aber Herr Spieseke war ein „Geriebener“ und kannte den „Rummel“. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend stand er abwechselnd mit seiner würdigen Gattin auf der Lauer und bewachte wie ein Cerberus die Thür seines Schuldners. Selbst in der Nacht löste er sich mit seiner besseren Hälfte ab, und Beide lauschten vor dem offenen Fenster, um das Ausrücken des Budikers zu verhindern.

Umsonst versuchte der arme Piefke, den Argus zu täuschen und durch falsche Nachrichten aus dem Hause zu locken, um in der Zwischenzeit seine heimliche Flucht zu bewerkstelligen. Umsonst speculirte er bald auf die Neugierde, bald auf die Vergnügungssucht seiner Wirthsleute. Selbst die anonyme Zuschickung zweier Billete für das entfernt liegende Vorstadttheater verfehlte ihren Zweck, da Herr Spieseke der Versuchung tapfer widerstand und nur seine Frau mit der ältesten Tochter in’s Theater schickte. Der unglückliche Budiker bedauerte das hinausgeworfene Geld und gab bereits alle Hoffnung auf, doch die resolute Frau tröstete ihn und richtete seinen gesunkenen Muth wieder auf.

„Bestelle auf morjen Nacht die Rück-Compagnie!“ sagte sie entschlossen.

„Die Rück-Compagnie?“ fragte er verwundert.

„Na ja! Vater Brendel mit seinen Leuten.“

„Und können die uns helfen, wenn Spieseke und sein alter Drache den janzen Tag und auch zur nachtschlafenden Zeit wie die Schießhunde aufpassen und uns nicht fortlassen?“

„Thu’ nur, was ich Dich heiße!“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 671. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_671.jpg&oldid=- (Version vom 14.9.2022)