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Seite:Die Gartenlaube (1880) 590.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)

Wenige Minuten darauf aber bot sich mir ein Anblick dar, der mich beinahe vergessen ließ, daß ich selber mit der Büchse in der Hand dastand; so sehr ward davon vor Allem mein Malerauge in Anspruch genommen. Und dies konnte – leider! muß ich hinzufügen – auch ohne Eintrag für den Jäger in mir geschehen; denn die in vollster Flucht daherstürmenden Gemsen, die eben dem Herzog angelaufen und von ihm und seinen beiden Nebenschützen beschossen worden waren, bogen, ehe sie uns Untenstehenden auf Schußweite nahe gekommen, ab, dabei seitwärts eine kleine grasige mit Steintrümmern übersäete Blöße überfliehend, und strebten wieder der Höhe zu, wobei sie denn abermals in’s Feuer der dort verbliebenen fürstlichen Schützen kamen. Offenbar scheute das geängstete Wild die weitere Tiefe, in welcher unser Kleeblatt verloren Posto gefaßt.

Diesmal ward ich Augenzeuge der unmittelbaren Wirkung des Feuers. Da ich jede Aussicht auf einen anzubringenden Schuß aufgeben mußte, war ich nur noch bestrebt, das mir so interessante Alpenwild möglichst lange im Auge zu behalten. Zu diesem Zweck umsprang ich behend eine mir die Aussicht versperrende, weit vorschneidende Felsenkante und konnte so denn auch wirklich die unvergleichliche Flucht der unaufhaltsam Emporstürmenden weithin verfolgen und mit ansehen, wie eben ein stattlicher Bock aus der Mitte des Rudels die Kugel empfing. Davon augenblicklich zum Tode verwundet, stürzte das edle Thier rücklings zusammen und kopfüber in die jähe Tiefe.

Die anderen Flüchtigen aber, denen noch mehrere Schüsse, doch ohne sichtbaren Erfolg, nachgesandt wurden, flohen nun in verdoppelt beschleunigter Hast über das angenommene zerklüftete Terrain dahin. Mit unglaublichen Sätzen überfielen hierbei die auf’s Aeußerste Erschreckten die ihren Pfad kreuzenden gähnenden Risse und Schlünde, sodaß die stahlgesehnten Springer wie im Fluge über das starre Geklipp und auf kaum handbreit erscheinenden Simsen der senkrecht abstürzenden Felsenwände hineilten, um ihre schützenden, für Menschen unzugänglichen Stände in den himmelanstrebenden Jochen zu gewinnen. Dabei hörte man noch lange hinterher, als bereits das letzte Stück außer Sicht gekommen, daß durch die eisenharten Schalen der Entschwundenen losgetretene lockere Gestein zur unabsehbaren Tiefe poltern.

Darauf aber folgte lautlose Ruhe – tiefes Grabesschweigen lag wieder ringsum über dem weiten, weiten Gebirge, als berge es auch nicht ein lebendes Wesen mehr in sich. Doch bald schwand diese Täuschung. Der in Alles eingreifende Mensch störte von Neuem die hehre Naturstimmung; aus dem Lärmen der beendeten Jagd erscholl nun das Abrufen der Schützen von ihren Ständen, und in das Juchzen und Jägergeschrei aus den Reihen der Treiber und des anderen Trosses mischte sich der frohe Jubel der glücklichen Schützen. Heitere, lustige Lebendigkeit trat überall an die Stelle der kaum entflohenen Todtenstille.

Als das ganze laute Jagdvölkchen zum Sammelorte gekommen, ergab es sich, wie viel der Beute errungen worden war; sie betrug im Ganzen immerhin fünf Gemsen. Vier Stück davon wurden von den herzukommenden Treibern sofort zur Stelle gebracht und gestreckt, während der zuletzt geschossene Bock, den ich abstürzen sah, erst noch von dem ihm nachgestiegenen Jäger heraufgebracht werden mußte. Die glücklichen Erleger des gefällten Wildes aber waren der waidgerechte, selten fehlende Herzog – mit drei Böcken, den eben zur Tiefe gefallenen mit inbegriffen – sowie der Prinz und der Graf, die je eine Gemse geschossen hatten. Außerdem waren noch mehrere Stück als angeschossen angesagt, auf deren Schweißspuren die geübtesten Jäger nun noch nachzogen.

Jetzt ward zum Abstieg verschritten. Bald erreichte die Jagdgesellschaft nebst dem ganzen nachfolgenden Troß eine verlassene Alm, auf deren noch saftig grüner Matte ein Pürschhaus stand; hier war bereits für den Herzog und seine Gäste ein schmackhaftes Mahl, aus Gems- und anderm Wildbraten nebst Tiroler Wein bestehend, vorbereitet und wurde von uns Allen in heiterster Laune und mit nicht wenig geschärfter Eßlust eingenommen. Dabei umstanden die Jäger und Treiber in malerischen Gruppen das Jagdhäuschen, an dessen vorgreifender Dachrinne einstweilen die erbeuteten Gemsen vermittelst ihrer Krickeln aufgehangen worden waren. Die wetterharten Männer genossen ebenfalls in ausgelassener Frohheit den ihnen gebotenen Imbiß. Nach dieser allgemeinen Stärkung ging’s dann unverweilt weiter bergein, hinab bis zum Thale, wo im hirschgeweihgeschmückten Saale des reizend gelegenen herzoglichen Jagdschlosses das Diner unser wartete.

Dieses Diner aber, welches durch die Betheiligung der geistvollen und anmuthigen Frau Herzogin verschönt wurde, gab dem so genußreich verlaufenen Jagdtage erst die rechte Weihe.

Und in unverlöschlicher Erinnerung an jene schönen Stunden, die mir bei meinem neuesten Besuche der Hinterriß im letztvergangenen Sommer wieder in lebendiger Frische vor die Seele traten, ist es mir ein wahres Herzensbedürfniß, an dieser Stelle schließlich noch dem ritterlichsten Alpenjäger, der mir so Herrliches geboten, in Dankbarkeit und mit ehrerbietigstem Gruß ein herzliches, bestgemeintes Waidmanns-Heil! zuzurufen.




Goethe und Friederike von Sessenheim.
Ein neues Streiflicht auf Goethe’s Jugendliebe.


Das berühmte „Goethe-Idyll von Sessenheim“ ist jetzt nach länger als hundert Jahren zu einer Art von beruhigendem Abschluß gelangt. Aus den Erträgen der unseren Lesern bekannten Sammlungen ist der „Friederiken-Ruh“ genannte Hügel dort angekauft und bereits zu einer bleibenden Gedächtnißstätte geweiht worden. Seitdem Goethe die Welt in seiner Selbstbiographie mit der theilweisen Enthüllung seines Sessenheimer Liebesidylls überraschte, haben sich die Gemüther nicht wieder von dem eigenthümlich bannenden Zauber desselben abzuwenden vermocht. Man erkannte den Einfluß auf seine Dichtung und deren rührendste Frauengestalten; das Dörfchen Sessenheim wurde ein Wallfahrtsort der Schwärmer und Literarhistoriker; es entstand der Friederiken-Cultus und die Friederiken-Forschung, und es sammelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine besondere Friederiken-Literatur, die noch immer nicht zur Ruhe kommen will. Wohlwollende Moralisten beseufzten, zelotische Anschwärzer des Genius verleumdeten und verdammten, feinfühlende Poeten und Aesthetiker vertheidigten den Dichter. Ihn hier von einem sittlichen und humanen Standpunkte aus zu rechtfertigen wird jedoch nicht möglich sein und wäre auch nicht pietätvoll, dem eigenen reuevollen Bekenntniß seines hochreifen Lebensalters gegenüber. Für uns steht es fest, daß das einfache Landmädchen mit ihrer gläubigen Hingebung und stummen Entsagung in dieser Herzenstragödie größer dasteht, als der gewaltige Heros.

Wenn es gewiß ist, daß er der Nation kein „Gretchen“ gegeben hätte ohne das Schmerzensbild Friederikens in seiner Brust, so bleibt es doch ein peinliches Gefühl, daß er selbst diesen Schmerz verschuldet und vernichtendes Wehe untilgbar in den glücklichen Frieden des harmlosen Kindes geworfen hat. Diesen Flecken wäscht keine Bewunderung seiner Größe aus der Geschichte seines Lebens hinweg. Immerhin aber hat man es mit einem Goethe zu thun, an den man unbedingt keine alltäglichen Maßstäbe legen darf. Was er selber nach so langer Zeit über seine Beweggründe mitgetheilt hat oder durchschimmern läßt, giebt im Hinblicke namentlich auf die Schnelligkeit seines Gefühlswandels keine befriedigende Erklärung. Die Lichtung des halbdunkeln Vorganges ist ein Problem der Seelenkunde, eine Aufgabe der Goethe-Biographen geblieben. Die Einen sagen, Friederike sei ihm an Bildung nicht ebenbürtig gewesen, und er habe auch keine Möglichkeit gesehen, die einfache Pfarrerstochter in das Patricierhaus seines Vaters zu führen. Andere wiederum führen den Schritt auf eine frühe Erkenntniß seiner Mission zurück und spenden ihm Lob, daß er nicht durch einen vorzeitigen Herzensbund den freien Aufflug seines Genius gelähmt habe. Dies Alles läßt sich hören, aber es bleiben doch Fragen übrig, welche damit nicht gelöst sind, wenn man dem ritterlichen und auf hohe Ziele gerichteten Dichterjüngling nicht die leere Gewissenlosigkeit eines gewöhnlichen Leichtfußes beimessen will. Von besonderem Interesse wird daher der Versuch einer zum Theil neuen Erklärung sein, die uns einleuchtender als alle bisherigen erscheint, da sie ihre Gründe aus der ganzen Natur der Goethe’schen Charakteranlage und aus dem Gesammtwesen seines Genius schöpft. In dem augenblicklich im Erscheinen begriffenen letzten Bande von K. Biedermann’s hervorragendem und anerkanntem Werke „Deutschland im achtzehnten Jahrhundert“, welches wir hiermit der allgemeinen Beachtung warm empfehlen, findet sich auch eine auf den Sessenheimer Jugendtraum bezügliche Ausführung, die uns der Verfasser im Voraus und in Rücksicht auf die jüngst in Sessenheim stattgehabte Feier zum Abdruck freundlichst überlassen hat.

Nachdem Biedermann den Unterschied zwischen den früheren knabenhaften Liebeleien des jungen Goethe und der mit voller Gewalt ihn ergreifenden Liebe zu Friederike dargelegt hat, fährt er fort:

„Und dennoch barg auch dieses so reizende Verhältniß den Keim der Wiederauflösung schon vom Anfange an in sich. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir es mit einem Dichter zu thun haben, und zwar mit einem jener besonderen Art, wie Goethe war, dem nach Anlage und Gewöhnung Dichtung und Leben in gewissem Sinne in einander flossen. Wie es in Goethe’s Natur lag, seine Dichtung aus seinem Inneren herauszuspinnen (‚in seinen Busen greifen‘, nennt er es), ein Stück eigenen Lebens durch

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 590. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_590.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)