Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1880) 580.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


Geschichte, in welcher Verhängniß und eigene Schuld sich zu tragischem Schlusse zusammenwebten.

Eine Zeitlang lebte sie – wir erfuhren es mit Theilnahme – durch ihre erschütterte Gesundheit gezwungen, in Monaco; dort hatte sich ihr ein Vetter, Bodo von Maltiz, der früher um sie geworben und inzwischen sein väterliches Erbe verschwendet hatte, nach zufälliger Begegnung angeschlossen, glühende Liebe ihr heuchelnd, weil sie inzwischen eine nicht mittellose Wittwe geworden.

„Ich war so allein, so verlassen, und ich wurde Bodo's Weib,“ klagte sie, und ihre Augen sahen uns so kindlich flehend, so hülflos aus dem magern Gesichte an, wie einst aus Ina Maltiz' lachendem Kinderantlitz, wenn sie von ihrem Hans diesen oder jenen Dienst forderte. Alles was sie besaß, hatte Bodo Maltiz dann seiner unseligen Spielleidenschaft hingeopfert. Ina's Hände sahen aus, als hätten sie Arbeit, rauhe, harte Arbeit kennen gelernt. Arme, verwöhnte, zarte kleine Hände, die Rochus Bassowitz einst ritterlich an seine Lippen führte, war das euer Schicksal? „Rochus!“ klang es durch das stille Zimmer, und als Ina nach wenigen Tagen in meinen Armen ihre müde Seele aushauchte, da klang es noch einmal durch das Sterbezimmer:

„Rochus!“ – –

Sie hat ihn doch geliebt, ihn allein.

„Thalatta. Thalatta! sei mir gegrüßt, Du ewiges Meer! Ich jauchze Dir zu.“ Wie ein Märchenwunder liegt es vor uns, das uralte Element, am Morgen der heiligen Weihnacht. Wir sind nicht länger arm unter den Reichen; in den jubelnden Kindersegen auf Eichenhof tragen wir glücklich unseren eigenen Schatz, unsere liebliche kleine Ingeborg. Meine Ingeborg, meine meergeschenkte Perle, halte ich stillbeglückt und dankbar am Herzen, während wir vom Fenster aus auf das Wunder des jungen Morgens, auf das leuchtend als blutrothe Kugel hinter dem Meeresrande auftauchende Tagesgestirn blicken, das seine Strahlen bald über die krystallisirten Baumäste der Eichen gießen wird.

Gefesselt liegen Woge und Wind, und unter dem Winterschlafe ruht neues erwachendes Leben; so ruhen auch die Stürme in unserm Leben, und hoffnungsvoll blicken wir nieder auf das blühende junge Dasein, das zärtlich seine Hände in die unsern legt. –

O Sonne, stehe still! – Ihr Parzen, haltet den Faden an!

Das Meer ist still – die Stürme schlafen,
Der Himmel ist so sternenklar;
Am Anker ruht im sichern Hafen
Das Schiff geborgen vor Gefahr.
So laß auch mich nach Kampf und Schmerzen
An Deiner Brust vor Anker gehn
Und, blick' ich auf von Deinem Herzen,
Den Himmel Dir im Auge sehn!“

Ich flüstere innig Sturm’s[WS 1] schöne Worte meiner Ingeborg zu. Meines Weibes Herz ruht an meinem Herzen; inbrünstig umschlingen meine Arme ihre geliebte Gestalt. So blicken wir lange hinaus auf das heilige Meer.




Der Donnersberg und das pfälzische Hochland.
Von M. Grundschöttel.


Dem, der nicht die Flügel zum Besuch weit entlegner Naturschönheiten spannen kann, wenn es gilt, durch einen Sommerausflug die Lungen für längere Zeit wieder mit dem Gehalte kräftiger Wald- und Bergluft zu füllen, dem rathen wir zu einem noch wenig bekannten schönen Berglande Deutschlands, das vom Rheine aus leicht zu erreichen ist. Es ist die schöne Pfalz, „der Garten Gottes“, welchem Haardt-Gebirge und Vogesen den Stempel des Hochlandes aufdrücken, während im Osten der Rhein seine reichen und fruchtbaren Ebenen durchströmt.

Als Vorposten springt nach Norden die Berggruppe des Donnersberges hervor, der, in der Ferne wie ein langgestreckter Berg erscheinend, in Wahrheit viele waldige Kuppen über die Wolken erhebt und eine Reihe eigenthümlich interessanter Thäler in den tiefen Einsenkungen seiner Vorsprünge birgt.

Von Kirchheim-Bolanden aus, das wir, von Mainz oder Bingen kommend, mit der Alzey-Bahn schnell erreichen, gelangen wir mühelos auf den weithin abfallenden Fuß des in Hufeisenform nach Süden hin sich ausbreitenden Donnersberges. Vor uns erblicken wir von Weitem das malerisch am Abhange, in einer Höhe von 1400 Fuß, liegende Dörfchen Dannenfels in einem Walde prächtiger Edelkastanien; etwa 200 Fuß darüber, ganz isolirt und von Wald umgeben, liegt die Villa Rotberg. Im Dorfe selbst bietet das seit einem halben Jahrhundert rühmlichst bekannte schlichte Haus des Herrn Gümbel, „Vater Gümbel“ genannt, dem Touristen gute Herberge. Wer leidend ist und eine gewisse Abgeschiedenheit auch selbst von dem kleinen Treiben eines Dorfes sucht, der wähle die Villa Rotberg. Ein Fahrweg führt bis zu ihr hinauf durch würzig duftenden Tannenwald, und hier befinden wir uns an dem Knotenpunkte all der schön geebneten Wege, die uns nach allen Richtungen hin am Berge entlang und bis zum Gipfel hinauf führen. Der pfälzische Verschönerungsverein erwarb sich das Verdienst, den sonst so wilden Bergwald an vielen Punkten zum schönsten Parke umgestaltet und allenthalben zugänglich gemacht zu haben. Das beste Mittel zur schnellen und gründlichen Orientirung bietet ein kleines, in der Villa käufliches Buch: „Der Führer zum Donnersberg“, von C. E. Groß, mit Zeichnungen und Karten von Freiherr Schilling von Cannstadt. Ein anderer Führer ist nicht nöthig, da jeder Weg sorgfältig mit Wegweisern versehen ist.

Vor beinahe zwei Jahrtausenden herrschte auf dem Donnersberggipfel der alte Gewittergott Thunar, hochverehrt von dem keltischen Stamme der Mediomatriker, die einen mächtigen Ringwall um seinen heiligen Hain und seine Altäre bauten. Dahinter bargen sie Weiber und Kinder, wie die wehrlosen Alten und Kranken, auch ihr kostbarstes Gut, wenn die feindlichen Stämme der Triboker und Vangionen vom rechten Rheinufer herüberbrausten, um das waldige Bergland in ihren Besitz zu bringen. Und als die Germanen in der That Herren im Lande geworden, nachdem die Schluchten des Donnersberges oft blutige Kämpfe gesehen, wie das Blutbad in der Mordkammerschlucht, da galt es, den von Süden sich heranwälzenden Feind, die Römer, zurückschlagen oder mit herabgerollten Felsblöcken in enge Thalsohle zu zermalmen, bis auch hier die Uebermacht siegte; der heilige Hain fiel in die Hände der Römer, die im Thunar ihren König der Götter, den Donnerer, wiedererkannten. Andächtig opferten auch sie ihm auf den Altären der Germanen und nannten den Berg Mons Jovis.

Auch ihre Zeit verging; die heidnischen Götteraltäre und der heilige Hain sanken unter der Herrschaft christlicher Germanen; fromme, büßende Brüder stiegen auf die verödete Hochfläche, erbauten das Kloster Sanct Jakob und säeten und pflegten jungen Waldwuchs, durch dessen rauschendes Laub die ersten Glockentöne in's Land zitterten. Priester und hoher Herren Gebot herrschten über den Berg und seine Abhänge, und alltäglich stieg ein Bruder hinab nach Dannenfels und las allda die Messe.

Auch das Kloster sank nach dem Schrecken des Dreißigjährigen Krieges; die Brüderschaft wurde aufgelöst, und der letzte Abt von Sanct Jakob, Peter Sutor von Kirchheim-Bolanden, legte seine geistliche Würde nieder, ward Bürger und nahm ein Weib.

Da zog ein stolzes Bauerngeschlecht auf den wieder verödeten Gipfel, baute neben den Ruinen des Klosters ein festes Haus, pflanzte auf dem Boden des heiligen Haines die ersten Kartoffeln und säete sein Korn. Und erstere gediehen vortrefflich und waren weit im Lande berühmt als „Donnersberger Kartoffeln“.

Doch das Geschlecht der Bauern erlosch früh. Das Haus zerfiel, ehe es alt geworden, in der Einsamkeit und in den strengen Wintern, und bald lag eine neue Ruine neben der alten. Nun kaufte der Staat den Berg, ließ einen neuen dunklen Tannenwald sich wie einen schützenden Mantel um die Stätte so verschiedener Herrschaft legen und erbaute inmitten desselben einen Thurm, der die höchsten Wipfel überragt und weithin nach Norden, Süden, Osten und Westen blickt – und der ist geblieben und trägt den Namen des Baiernkönigs Ludwig des Ersten.

Treten wir eine Wanderung zu den bemerkenswerthesten Punkten der Gegend an, von der Villa Rotberg ausgehend! Durch würzig duftendes Tannengezweig und saftiges Grün der Buchen lockt uns der Weg aufwärts, zunächst nach der Gruppe des

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Storm’s
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 580. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_580.jpg&oldid=- (Version vom 12.9.2021)