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Seite:Die Gartenlaube (1880) 571.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


Wellen ein unbestimmtes Etwas, wie ein kleines See-Ungeheuer, auf- und niedersteigen sehen – nur bewegt es sich nicht vom Flecke, und beim Näherkommen erkennt er eine Tonne. Da nämlich, wo mit dem Watt und seinen drohenden Bänken die Flußmündung beginnt, viele Meilen weit draußen in See, wo andere Seezeichen, Baaken z. B., nicht mehr angebracht werden können, tritt die Tonne oder „Boje“ in ihr Recht. Drei namentlich bekannte Tonnen sind es – gar nicht weit aus einander liegend, welche die Mündung von Jahde, Weser und Elbe bezeichnen: die Adlertonne vor der Jahde, die Schlüsseltonne vor der Weser und die rothe Tonne vor der Elbe (bei welcher, wie man zu sagen pflegt, „die Seekrankheit anfängt“).

In früheren Zeiten benutzte man statt der Tonnen einfach Klötze oder Stücken von Masten, welche mit Stricken am Grunde befestigt waren. Tonnen müssen aber schon in sehr früher Zeit eingeführt worden sein, denn ein Document aus dem fünfzehnten Jahrhundert giebt an, daß die Tonne schon seit Menschengedenken an der Wesermündung gelegen hätte. Jetzt hat jeder Fluß an seinem unteren Laufe ein vollständiges Tonnensystem; die Elbe hat zwischen 130 und 140, die Weser 159 Stück Tonnen – und zwar bezeichnen schwarze Tonnen die rechte, weiße die linke Seite des Fahrwassers; außerdem hat noch jede Tonne eine specielle Bezeichnung, und zwar die schwarze einen Buchstaben, die weiße eine römische Ziffer, in aufsteigender Reihe von der Flußmündung beginnend, indem jede der drei oben genannten ersten als Null gilt. Die Tonnen zerfallen ihrer Form nach in zwei Classen: in spitze und stumpfe, von denen die ersteren aus der Elbe, die letzteren aus der Weser in Gebrauch sind. Sie bestehen aus Eichenholz, das durch starke eiserne Bänder zusammengehalten wird; verankert sind sie durch viereckige Sandsteinquadern (früher nahm man einfach erratische Blöcke), deren Umfang mit dem der daran befestigten Tonne in gleichem Verhältniß steht – z. B. wiegt der Stein, an welchem die Schlüsseltonne befestigt ist, zweitausend Kilo. Es läßt sich denken, daß diese Tonnen, namentlich bei schwerem Sturme und Eisgang, sehr gefährdet sind, und sie werden auch in der That in schlimmen Wintern oft zu Dutzenden abgetrieben und allenthalben an die Küsten verstreut. In alten Zeiten sind sie öfter geraubt worden, um im Interesse des Strandraubes das Zeichen verschwinden zu lassen, oder auch um ein Bergegeld zu erlangen. Außer dieser Gefährdung ihrer Existenz durch die Elemente ist aber auch noch ihr reputirliches Aeußere durch den langsam wirkenden Angriff von Seegethier und Seepflanzen bedroht, welche sich allmählich wie eine feste Kruste ansetzen und da auch die Seevögel sich gern auf der tanzenden Tonne niederlassen und sie als Ablagerungsstätte für Guano ansehen, so gleicht dieselbe schließlich eher einem grauen Schalthier, als einem Seezeichen in Amt und Würde. Endlich verändern die Sande und Platen auch ihre Lage und machen dann eine Umsetzung der Tonnen nöthig.

Diese Umstände erheischen bei der Wichtigkeit der Sache für die Schifffahrt eine stete Aufmerksamkeit und Abhülfe – und es sind mit der Aufsicht über die Tonnen Beamte betraut, die oft Wochen, ja Monate lang in ihren mit allen möglichen astronomischen und Hebe-Apparaten versehenen Schiffen zwischen den einzelnen Tonnen umherkreuzen; alljährlich wird ein vollständiger Umtausch vorgenommen, die ausliegenden Tonnen werden eingeholt, um sie von dem daran festgesetzten Unrath zu reinigen, und andere frisch angestrichene Tonnen, welche in einem kleinen Arsenal in den betreffenden Hafenstädten vorräthig liegen, werden an ihre Stelle gelegt. Die Kosten für Erhaltung der Seezeichen werden zum Theil durch die von den Schiffen zu erhebenden Baaken- und Tonnengelder gedeckt.

Außer diesen gewöhnlichen Bojen hat man an wichtigen Punkten noch solche mit Glocken versehene angebracht, welche, durch die Wellen bewegt, ein unausgesetzt tönendes Seezeichen darstellen. Gegenwärtig sind, vor der Hand jedoch nur vor Wilhelmshaven, zwei neue Erfindungen zur Verwendung gekommen, welche einen wesentlichen Fortschritt bezeichnen: die automatische Signalboje und die Gasboje. Die automatische Signalboje beruht auf dem Princip der Verwendung comprimirter Luft zur Schallerzeugung, indem die Luft beim Steigen der Welle in einer Röhre comprimirt wird und beim Fallen der Boje tönend ausströmt, sodaß der Schiffer da, wo ihn alle anderen Seezeichen im Stiche lassen, durch das Gestöhn der automatischen Boje weithin gewarnt wird.

Ist diese Boje für das Gehör, so ist die Gasboje für das Gesicht berechnet und löst die Aufgabe, weit draußen in See, ohne den umständlichen Apparat des Feuerschiffes, Leuchtsignale zu geben. Diese Boje enthält in ihrem Bauche eine für mehrere Monate ausreichende Quantität Gas, das in eine über den Wellen hervorragende Laterne strömt.

Im Ganzen erreicht die Summe der an der deutschen Küste, und zwar der Nord- und Ostseeküste, vorhandenen Seezeichen die respectable Höhe von 5131 Zeichen, nämlich 138 Leuchtthürme, 20 Leuchtschiffe, 177 Baaken, 1889 schwimmende Seezeichen, 2856 in den Boden gesteckte Zeichen und 51 Landmarken.

Hier schließen wir unsere Schilderung. Zwar bildet der Inselkranz, der sich parallel unseren Küsten außerhalb und innerhalb der Watten hinzieht, einen charakteristischen Bestandtheil der ganzen Landschaft, aber er bietet zugleich auch den und zwar sehr reichen Stoff zu einer selbstständigen Schilderung, sodaß wir seiner hier nur erwähnen, um das Bild des Watts zu vervollständigen. Wir haben dem Leser da, wo die heimische Küste scheinbar abzuschließen scheint, noch eine fremde seltsame Welt vorgeführt; wir konnten aus der feuchten Tiefe Schatten und Geister längst verschollener Zeiten heraufbeschwören und Vergangenheit und Gegenwart im Rahmen eines eigenartigen Landschaftsbildes vereinigen, aber freilich war es keine freundliche Idylle, keine anmuthige Scenerie, welche wir dem Auge des Lesers zeigten, sondern ein düsteres, aber großartiges Küstengemälde voll finsteren, fast drohenden Ernstes; doch ihm zur Seite konnten wir an den Schluß ein anderes lichteres Bild stellen, das uns zeigt, wie ein höheres Culturleben zwischen Klippen und Untiefen freundliche Warner und gastliche Leuchten errichtet, und wie der Mensch dem Menschen über den Kampf der Elemente hinaus die Hand reicht.





Das fünfte allgemeine deutsche Turnfest in Frankfurt am Main.
Vom 25. bis 29. Juli 1880.
Von Dr. H. Brendicke. Mit Illustrationen von H. Lüders.


„Geschichtliche Denkwürdigkeit wird in lebendigem Anschauen männlicher Kraft erneuert und die Ehrenthat der Altvordern verjüngt sich im Wettturnen. Wo sich allerlei Leute als müßige Eckner mit dem Bahgesicht angaffen können, da stehen sie einander im Wege, müden sich freudenlos ab, weil die festliche Würze fehlt.“

Jahn.“


„Wo etwas Wichtiges geschehen, das dem Andenken lebendig bleiben soll, trete die Turnkunst als Turnfest auf und fördere die allgemeinen Volksfeste; vom Schmausen ist hier nicht die Rede, sondern von Anregung vaterländischer Gesinnung und von lebendiger Ueberlieferung des Geschehenen.“

Gutsmuths.“


Mit dem „Ruf zur Sammlung“ von Georgii und Kallenberg 1860 wurde die Reihe der großen deutschen Turnfeste eingeleitet. In Coburg fand im selben Jahre ein solches vom 16. bis 19. Juni statt, an den Tagen von Waterloo, an welchen einst Ehre und Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes gegen fremden Uebermuth siegreich gewahrt worden sind. Der Festzug, aus kaum tausend Theilnehmern bestehend, ordnete sich nach Stämmen: die Schwaben mit schwarz-roth-goldenem Banner voran, die einst des Reiches Vordertreffen zu führen hatten, dann Baiern, Sachsen, Preußen, Märker, Hessen, Friesen; die blau-weiß-rothe Fahne Schleswig-Holsteins wurde noch umflort mitgetragen. Was der Präsident Georgii 1860 gesagt, ist erfüllt: „Die turnende Jugend wird an ihrem Theile ehrlich beitragen, daß Deutschland, mit dem Staate voran, der der mächtigste ist, groß und frei wird.“

Schon im nächsten Jahre, 1861, fanden sich die deutschen Turner wiederum zusammen, in Berlin am 10. bis 12. August zur Feier des Geburtstages von Fr. L. Jahn und zur Grundsteinlegung des für ihn zu errichtenden Felsendenkmals. Damals schrieb der Kronprinz des deutschen Reiches unter dem 22. Juli

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 571. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_571.jpg&oldid=- (Version vom 1.9.2021)