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Seite:Die Gartenlaube (1880) 558.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


durchaus verfehlt. Der Grund liegt in der Vorliebe für leeren Prunk, für alle jene Säulchen Karyatiden, Console, die nichts zu tragen haben, für alle jene Gliederungen, Verkröpfungen und Schnitzereien, mit denen das ganze Möbel von oben bis unten in verschwenderischer Fülle überladen ist, sodaß die Construction nicht ausgeprägt wird und die Verzierung in den seltensten Fällen den höheren Ausdruck der Construction giebt. Das bestechende Aeußere ist eben Hauptzweck.

Die Gründe nun, weshalb unsere eben aufblühende Kunstindustrie wesentlich den Charakter einer Luxusindustrie trägt, liegen in der gänzlich falschen Auffassung, als ob nur gewisse Gewerbe einer künstlerischen Veredelung zugänglich wären, als ob nur ein silberner oder goldener Pokal, eine Elfenbeinschnitzerei, ein Damastgewebe oder ein Mobiliar in imitirtem Ebenholze eine künstlerische Behandlung zulasse. O bewahre! Die sämmtlichen Gewerbe, sogar diejenigen der Schuhmacher und der Schneider, werden von der Kunstindustrie umschlossen. Die Formen aller gewerblichen Producte werden durch ihre zweckliche Bestimmung, durch die Natur des Materials und die dem Material entsprechende Hantirung nur in allgemeinen Umrissen vorgeschrieben, bieten also der Bethätigung künstlerischen Vermögens noch immer einen weiten Spielraum; denn wo es sich um Form und Farbe handelt, kommt überhaupt mehr oder minder die Kunst in Betracht.

Jene aristokratische Auffassung von dem Wesen der Kunstindustrie ist recht verderblich gewesen. Sie hat zur Folge gehabt, daß die neuen Reformbestrebungen vorzugsweise nur in jenen Gewerbekategorien Platz gegriffen haben, welche wegen ihres kostspieligen Rohmaterials eine bedeutende Zahlungsfähigkeit des Consumenten voraussetzen, daß ferner viele kleine, für die breite Masse des Volkes arbeitende Gewerbetreibende in der Ansicht, die Domäne der Kunstindustrie sei die auf das Große und Kostbare gerichtete Production, der neuen Bewegung vollständig fern bleiben und die Majorität des Publicums für Reformen noch wenig Interesse verräth, deren Erfolge sich bisher fast ausnahmslos in der Herstellung kostbarer Schaustücke manifestiren.

Es bleibt nunmehr noch der ästhetische Punkt übrig, der einige Worte verdient.

Wie Schinkel einst eine Wiedergeburt unserer modernen Kunst von der Antike, der Romantiker der dreißiger Jahre hingegen von der Gothik erwartete, so hat man heutigen Tages das Heil der Kunstindustrie in einem engen Anschluß an die Renaissance erblickt. Die Gründe hierfür sind mannigfacher Art. Die letzte Hauptstation vor dem allmählich eintretenden Geschmacksverfall bildend, hat die Renaissance vor allen rückwärtsliegenden Stilarten naturgemäß voraus, daß sie den heutigen Lebensgewohnheiten am nächsten steht. Wir wissen ja, wie in jenen Tagen ein allgemeiner Enthusiasmus für Erhabenheit und Schönheit die Geister ergriff, wie die Kunst das Leben durchdrang und sogar das gewöhnlichste Geräth verschönte. Diese Epoche bietet daher viele Vorbilder, welche bei der Befriedigung der gegenwärtigen Bedürfnisse sehr beachtenswerth sind. Allein im Laufe von dreihundert Jahren wechseln die Anschauungen der Menschen; demgemäß haben sich die Anforderungen vielfach geändert – ja, neue sind hinzugetreten, für welche die Renaissance, da sie dieselben nicht kannte, keinen Rath geben kann. Also müssen wir uns selbst zu helfen und die passenden Formen für das Neue zu finden suchen, oder uns nach anderen Stilarten umsehen, welche Beispiel und Lehre geben. Daraus folgt, daß jene Absicht, Gegenstände in reinem Renaissancestil zu bilden, durchaus verfehlt ist. Und weiter, daß jenes Bestreben, von der uns heute nicht mehr genügenden Renaissance das italienische und französische Gebiet noch abzuschneiden und sich ausschließlich an die deutsche zu halten, nur um einen nationalen Stil zu bilden, barer Unsinn ist.

Das hindert Alles nicht, daß auf den Ausstellungen die meisten Zimmereinrichtungen und Gegenstände in deutscher Frührenaissance und in deutscher Renaissance ausgeführt sind. Der entwerfende Künstler sollte doch selbst gestehen, daß sein in deutscher Frührenaissance entworfenes Sopha, wenn es der Bank dieses Stils entsprechen soll, den heutigen Bequemlichkeits-Anforderungen durchaus nicht entspricht, daß hingegen das Sopha, wenn es wirklich bequem ist, mit der Frührenaissance auf sehr gespanntem Fuße steht und höchstens einige unwesentliche Ornamente mit ihr gemein hat. Aber Frührenaissance muß sein, und darum wird der Alterthümlichkeit zu Liebe das Sopha unbequem und unpraktisch gemacht. Wie mit dem Sopha, so geht's mit den meisten andern Geräthen. Lieber sollte man sich von dem Vorsatze leiten lassen, Schönes und Brauchbares zu schaffen. – Das sind die Eindrücke, welche wir auf den Ausstellungen empfangen haben.

Wenn es der Reform unserer Kunstindustrie nicht wie dem Bergbache ergehen soll, der in stolzer Jugendlust von den Felsen herabbraust, um nach seinem Eintritt in die Ebene zu verrinnen, so ist dafür Sorge zu tragen, daß sie zur Volkssache wird.




Alle Rechte vorbehalten.
Frühlingsboten.
Von E. Werner.
(Schluß.)


„Der Graf stand früher gar nicht besonders mit seiner Tante,“ wandte sich Rüstow an seine Cousine, „aber seit dem Unglück, das sie betroffen hat, ist er die Aufmerksamkeit und das Zartgefühl selbst gegen sie. Er hat sich überhaupt merkwürdig verändert. Er kann jetzt sogar liebenswürdig sein, und was seine Wirthschaft in Ettersberg betrifft –“

„So ist er ein landwirthschaftliches Genie,“ ergänzte das Fräulein. „Das haben Sie ja schon vor Jahren entdeckt, als noch Niemand seine zukünftige Bestimmung als Majoratsherr ahnte.“

„Es wäre aber auch unverantwortlich gewesen, wenn das Schicksal einen solchen Menschen zum Juristen gemacht hätte,“ sagte der Oberamtsrath feierlich. „Ich denke noch jetzt mit Vergnügen daran, wie er damals in Ettersberg aufräumte, sobald er nur erst die Zügel in Händen hatte, wie er dem alten Schlendrian, der unsinnigen Verschleuderung in der Verwaltung ein Ende machte. Das ging Schlag auf Schlag. In drei Monaten hatte er all den alten Ballast hinausgeworfen, der auf seiner Herrschaft lastete und ihr jahrelang das Mark aussog. Und wie griff der Mann zu, als es darauf ankam, Neues zu schaffen! Davor muß ich mit meinem ganzen Unternehmungsgeist zurücktreten. Ich habe nie geglaubt, daß sich die Güter in so kurzer Zeit dermaßen heben könnten, und eigentlich sollte mich das ärgern; denn bisher galt Brunneck in der ganzen Gegend als die alleinige Musterwirthschaft, und nun wird ihm Ettersberg bald den Rang streitig machen.“

„Es wird ihm noch manches Andere streitig machen, fürchte ich. Aber Sie werden ganz geduldig zusehen, Erich; denn Graf Oswald ist ja von jeher Ihr erklärter Liebling gewesen.“

„Ja, das ist er, aber einen großen Fehler hat er doch: er will durchaus nicht heirathen. Die ganze Umgegend spricht bereits darüber. Ich werde ihm einmal ernstlich in das Gewissen reden.“

„Lassen Sie das lieber bleiben!“ meinte Fräulein Lina. „Es ist wirklich gar nicht nöthig und noch dazu von Ihrer Seite.“

Rüstow verstand nicht den geheimen Sinn der Worte; er nahm sie als ein Mißtrauen in seine diplomatischen Fähigkeiten und war höchst beleidigt darüber.

„Sie glauben wohl, in Heirathsangelegenheiten dürften nur Frauen mitsprechen? Ich werde Ihnen zeigen, daß ich denn doch auch Einiges davon verstehe. Graf Oswald giebt sehr viel auf meine Ansichten.“

„In diesem Punkte ganz gewiß. Ich bin sogar überzeugt, daß er gar nicht heiraten wird, ohne Sie zuvor um Ihre Einwilligung zu fragen. Fahren Sie doch nicht gleich wieder auf, Erich! Es ist mein voller Ernst – und überdies sehe ich eben den Wagen des Grafen in unseren Hof einbiegen. Ich wußte es, daß er heute kommen würde.“

„Wie können Sie das wissen?“ fragte Rüstow, noch gereizt über den vermeintlichen Spott. „Sie haben sich ja doch gar nicht um meine Dampfmaschine gekümmert.“

„Um welche Dampfmaschine?“

„Eine ganz neue und höchst praktische Erfindung, die ich erst

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 558. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_558.jpg&oldid=- (Version vom 27.8.2021)