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Seite:Die Gartenlaube (1880) 511.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


in seinem tiefsten Grunde geborgen wurde. Darauf überließ die würdige Mama sich einer genußreichen Siesta, die auch von ihren Kindern nicht beeinträchtigt wurde, da diese durch einen andern Gegenstand vollauf beschäftigt waren.

Unbeachtet von der Alten, waren zwei Stückchen Rattenhaut übriggeblieben, und über diese dürftigen Reste der Mahlzeit fielen die Kleinen mit einem Eifer und einer Gier her, wie ich etwas Aehnliches nie gesehen. Es gab eine Balgerei, welche mir Lachthränen in die Augen lockte. Die fünf bunten Gesichter, die fünf wolligen Körper, die fünf ragenden Schwänze verwirren, überkugeln, verwickeln sich; die tölpelhaften Gesellen laufen, fallen purzeln über und durch einander, kollern auf den Dielen dahin, überklettern die geduldige Alte, steigen an dem Kletterbaume auf und nieder, und das Alles mit solcher Eilfertigkeit, daß man die größte Mühe hat, einen von ihnen bestimmt mit den Augen zu verfolgen. Einmal in Bewegung, versuchen sie sich auch in Künsten, denen sie unbedingt nicht gewachsen sind, klettern an dem Mittelstamme ihres Käfigs empor, fallen schwerfällig herab, versuchen es von Neuem, laufen auf wagerechten Aesten hinaus, kippen um, kommen nochmals in Gefahr, herabzufallen, halten sich mühsam an der Unterseite des Astes fest und setzen von hier den Weg bis zum Ende des Astes fort. Hier ist guter Rath theuer. Auf dem schmalen Steige umzukehren, erlaubt die Ungeschicklichkeit noch nicht – verschiedene Versuche fallen äußerst unbefriedigend aus – und so bleibt nichts anderes übrig, als zu springen: der kühne Kletterer läßt also die Vorderfüße los; er angelt mit ihnen nach dem Boden – endlich wagt er den Sprung. In demselben Augenblicke rennt aber zufällig einer der Brüder unter ihm hin, er fällt diesem auf den Rücken und schreit auf; ein dritter, welcher jenen verfolgt, bleibt erschreckt zurück, und die beiden durch Zufall Verbundenen setzen nun die Hetze ihrerseits fort. Am Ende blieben die beiden flinksten der Geschwister im Besitze der Hautstückchen. Die andern gingen bei Frau Mutter zu Tische und gewährten mir durch wechselnde Gruppirungen eine Reihe reizender Familienbilder.

Herrschen keine aufregenden Verhältnisse, so treiben es die Jungen durchaus wie die Alten. Bedächtig, wie alle Sohlengänger, schreiten sie im Käfige umher, untersuchen jedes tausendmal ausgekratzte Loch auf das Gewissenhafteste, sondern sich in Paare, spielen in lustiger Weise mit einander, rennen in einem drolligen Galopp hinter einander her, klettern am Baume in die Höhe oder steigen auf der Alten umher, welche ihrerseits mit unzerstörbarem Gleichmuthe alle Unbequemlichkeiten duldet und sich, obgleich sie nur selten zärtlich wird, dem Willen der Kinder unterwirft. Der Abend vereinigt das Völkchen im Schooße der Mutter, und das zuerst gezeichnete Bild gestaltet sich von Neuem, bis endlich die Alte, nachdem die Jungen ihrer Meinung nach sich gesättigt, auf die Seite sinkt und einnickt, gleichviel ob das kleine Volk noch an ihren Zitzen haftet oder nicht.




Blätter und Blüthen.


Ein Werk deutscher Kaufleute. Aus dem großen „Germanischen Nationalmuseum“ in Nürnberg, dieser allmählich so stolz erblühten Schöpfung des wissenschaftlichen und patriotischen Geistes, wird hoffentlich binnen Kurzem ein neuer Zweig sich hervorgebildet haben, eine Fach- und Specialsammlung von großem Interesse und unleugbarer Wichtigkeit für die Kenntniß unserer Cultur und ihrer Entwickelungsgeschichte: ein deutsches Handelsmuseum. Der Wunsch, dieser bisher nur schwach vertretenen Abtheilung des Instituts die ihr gebührende Vollständigkeit und Selbstständigkeit zu geben, war natürlich längst vorhanden, mußte aber einstweilen hinter andern Zwecken zurücktreten, besonders da Geldmittel dafür aus dem eigenen Besitze des Germanischen Museums nicht verfügbar waren. Erst im Herbste 1877 war man so weit, die Angelegenheit in Angriff zu nehmen. Ein Prospect, welcher nach mannigfachen Vorbesprechungen damals von der Leitung der Nürnberger Gesammtanstalt verfaßt, aber in Rücksicht auf die trüben Geschäftsverhälnisse erst im Frühjahre 1878 nach einzelnen Orten ausgesandt worden war, wendete sich zur Anregung der Theilnahme für das Vorhaben an die kaufmännischen Kreise, und es wurde diese vertrauensvolle Erwartung auch nicht getäuscht. Der Aufruf fand in den betreffenden Kreisen so schnelles Verständniß, so ermunternden Anklang, daß schon am 23. Januar 1879 im Saale der Nürnberger Handelskammer eine Versammlung stattfinden, auf gesicherten materiellen Grundlagen die sofortige Constituirung beschlossen und zur weiteren Organisation und Führung der Sache ein Comité erwählt werden konnte.

Dieses aus hervorragenden Kaufleuten und Industriellen bestehende Comité hat nun am Jahrestage seiner Begründung, unter dem 23. Januar 1880, seinen ersten Rechenschaftsbericht veröffentlicht, der einen glücklichen Fortgang des Unternehmens zeigt und das Zustandekommen desselben durch den rege sich bethätigenden Gemeinsinn des deutschen Handelsstandes kaum noch bezweifeln läßt. Es haben die Handelskammern und die diesen entsprechenden Collegien in Berlin, Bochum, Bremen, Düsseldorf, Fürth, Hamburg, Heilbronn, Köln, Königsberg, Leipzig, Lübeck, Magdeburg, Mainz, Mannheim, Nürnberg, Rastatt, Reutlingen, Ulm und Würzburg sich alsbald des Planes durch Uebernahme von Anteilscheinen an genommen, und es sind überhaupt von diesen Anteilscheinen à 50 Mark, welche die Stiftung ermöglichen sollen, bis jetzt schon 500 untergebracht worden, hauptsächlich in Berlin, Bremen, Frankfurt am Main, Fürth, München, Norden, Nürnberg, Prag, Stuttgart und Ulm. Das angesammelte Vermögen belief sich bei Abschluß der ersten Rechnung auf 19,631 Mark. Auch an mannigfach interessanten Geschenken – Werken für die Bibliothek, Geschäftsbüchern, Acten Tabellen, Formularen, Preiscouranten, bildlichen Darstellungen, Münzen, Maßen, Gewichten, Einrichtungen und Comptoirutensilien aus alter Zeit etc. – ist aus allen Gegenden Deutschlands für die projectirten Sammlungen schon eine erhebliche Anzahl eingelaufen, sodaß sich diese Gegenstände mit Einschluß der durch Ankauf erworbenen bereits auf tausend Nummern belaufen.

Dies Alles ergiebt einen Anfang, wie er im Verhältniß zu der überaus kurzen Zeit seit dem Erlaß der Aufforderung nicht besser gewünscht werden kann. Das vorgesteckte Ziel ist kein geringes: in einem eigenen Gebäude soll zum ersten Male eine möglichst vollständige Sammlung von Originaldenkmalen und Documenten zur Geschichte des deutschen Handels nebst Copien, Modellen und der entsprechenden Literatur vereinigt werden. Um dies in einer der Würde der Wissenschaft und der Ehre unseres Vaterlandes angemessenen Weise zu erreichen, bleibt im Laufe dieses Jahres noch Vieles zu thun. Gleichwohl ist im Grunde eine ausgebreitete Agitation für die Sache noch nicht in Gang gebracht worden, und noch sind deshalb in den Reihen der bisherigen Subscribenten sehr viele bedeutende Handelsplätze gar nicht vertreten. Das ist der Punkt, auf den wir hiermit unter Verweisung auf den oben genannten, jedenfalls durch das „Germanische Nationalmuseum“ zu beziehenden Jahresbericht die Aufmerksamkeit lenken wollen. Möchten bald allenthalben alle Kaufleute dem hier und dort von ihren Berufsgenossen gegebenen schönen Beispiele folgen, und möchten dabei auch namentlich die Inhaber „alter“ Geschäfte es nicht versäumen, manchen bei ihnen unbeachtet in Winkeln vermodernden Gegenständen einen Ehrenplatz da zu verschaffen, wo sie, mit ähnlichem Material vereint, Tausenden als Anregung, Belehrung und Unterstützung bei ihren Studien und Forschungen auf historischem und wirthschaftlichem Gebiete dienen können! Wird nach allen diesen Seiten hin von Einzelnen wie von Corporationen der Sache die erforderliche Bereitwilligkeit entgegengebracht, so darf man mit Sicherheit auf die Verwirklichung des Gedankens hoffen, daß das deutsche Handelsmuseum in einer unserer Nation würdigen Gestaltung an das Licht treten werde, nicht allein als ein Denkmal der früheren Größe und heutigen Blüthe des deutschen Handels, sondern auch als eine Schöpfung, die Zeugniß giebt von der Empfänglichkeit des gegenwärtigen deutschen Handelsstandes für eine tiefere Erfassung seiner Berufsthätigkeit und ihrer idealen Zusammenhänge. Daß auch dem Buch- und Kunsthandel mit allen seinen Zweigen in dem neuen Museum ein hervorragender Platz angewiesen ist, versteht sich von selbst.




Ein absterbender Gebrauch. Bekanntlich gabt es auch in Deutschland „Saisons“ für Badereisen, Sommerfrischen, Theaterbesuch, Bälle etc. Des Landmanns „Ballsaison“ liegt zwischen beendeter Ernte und beginnendem Winter und heißt – Kirchweihzeit (rheinisch: Kerrwĕzeit; „Kerrwĕ“ Mehrzahl von „Kerrb“).

Etwa bis zum Jahre 1848, das den Landmann modernisirte, war am Mittelrheine die Kirchweih das einzige Vergnügen in großem Stile, das jener sich das Jahr über erlaubte; denn da sah er „Fremde“, das heißt außerhalb des Dorfes wohnende Verwandte und Freunde bei sich. Wehe ihm, wenn er Einen oder gar Eine zu laden vergaß! Das geschah jedoch schon aus Klugheit nicht leicht; denn waren viele Freunde geladen, so war auch sichere Aussicht vorhanden, wieder an viele Orte geladen zu werden, so zwar, daß die Einladung zur heimischen Kirchweih unter Umständen Einladungen zu allen Kirchweihen in mehrstündigem Umkreise zur Folge hatte. – Die Freunde kamen am Kirchweihsonntagmorgen auf zweirädrigen Karren; großstreifige, mächtige Bettkissen lagen auf den Sitzen, um die gewaltigen Stöße des sprungfederlosen Gefährts einigermaßen zu brechen.

Das Kirchweihfest war (und ist vielfach noch) zusammengesetzt aus der „Vorkerrb“ und der acht Tage später folgenden „Nachkerrb“; die erstere währt drei volle Tage und – nicht zu vergessen – Nächte, vom Sonntag ab gerechnet, die letztere nur einen Tag und eine Nacht.

Während der „Kerrwĕwoch“ hatten die Häuser innen und außen einen neuen Anstrich in meist augenfälliger Farbenzusammenstellung erhalten. Kirchweihsamstag war der bewegteste Tag. Er gehörte durchaus dem weiblichen Theile. Dieser putzte im ganzen Hause unter vieler Wasserverschwendung; das Geschirr ward blank gerieben und in der Küche geordnet, Alles ward zu unterst und oberst gekehrt, daneben aber wurden Kuchen gebacken, eine unendliche Zahl, zwanzig bis fünfzig Stück je nach der Stärke der Haushaltung und des geladenen Besuches, die meisten von Quadratmetergröße. Oft kam man erst spät in der Nacht damit zu Ende. Dann ward noch der Fußboden gescheuert und mit Sand bestreut, dieser auch in schöne Muster gestrichen.

Samstags war zu Hause nicht gut sein. Deshalb zog sich der

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 511. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_511.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)