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Seite:Die Gartenlaube (1880) 446.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


„Broihaus“, und dann das Bild „Tetzel’s mit dem Ablaßkasten“ an dem sogenannten „Tetzel-Hause“ neben dem mit Holzarchitektur so überaus reich ausgestatteten „Schuhhof“ – Wappen, Inschriften, Gewerkzeichen ziehen sich wohlbehalten in ununterbrochener Reihe an seiner Font hin und das

     “Anno Domini 1520 hanc posui.“
(„Im Jahre 1520 habe ich dies Haus gebaut.“)

spricht für sein respectables Alter.

Das zweite Bauwerk, welches die Abbildung zeigt, ist die sogenannte „Commisse“, das zweite bischöfliche Residenzschloß, 1596 von Heinrich Julius für 72,000 Thaler erbaut, jetzt der Sitz des Hauptsteueramtes; seinen Namen erhielt es, weil die Waaren, welche von dem Fiscus als gepascht recognoscirt wurden, demselben „in commissum“ verfallen waren und dorthin gebracht wurden.

Das dritte Gebäude, welches wir erblicken, ist die Krone aller Häuser der Stadt, der nach seiner Inschrift: „anno domini 1461 in die Dorothee“ auf der Stelle des ehemaligen, vom Grafen von Reinstein oder Regenstein erbauten Franziskaner-Klosters errichtete „Rathskeller“. Reich an Holzarchitektur, welche einen hohen Kunstwerth besitzt, ist er gut erhalten; die Etagen springen über einander hervor und berühren in ihren oberen Stockwerken fast das sich gleichfalls nach oben erweiternde Nachbarhaus, welches auf unserem Bilde die Straße abschließt und ebenso wie ersteres durch sein Alter und sein wohlerhaltenes, kunstvolles Schnitzwerk ausgezeichnet ist.

E. von Wald.




Aus dem Zeitalter der Polizei.
Schicksale eines Buches.


Der Mann, in dessen Schicksalsbuche ich flüchtig blättern will, ist vorzeitig grau geworden, aber seine Gestalt blieb aufrecht, wie ein Baumstamm, der sich nichts aus Wind und Wetter macht. Als er jung war und seine ersten Lieder sang, mögen die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen an ihm gehangen haben; nun er alt geworden, schauen respektvoll die Männer auf ihn. Ich spreche von Johannes Nordmann, dem Präsidenten des Wiener Journalisten- und Schriftstellervereins „Concordia“. Oder vielmehr nicht von ihm, sondern von einem seiner Bücher, welches vor Kurzem in dritter Auflage erschienen ist und eine wunderliche Jugendgeschichte hat. Es heißt: „Frühlingsnächte in Salamanca“ und ist eine Erzählung, aus dem lustigen Novellino des alten Italieners Masuccio herausgearbeitet, aber dem heiteren Glanze, der über die Darstellung ausgegossen ist, merkt man es nicht an, daß an der Wiege dieses Büchleins die Polizei gesessen hat. Ja wohl, die Polizei. Und zwar diejenige der tollsten Reaction, deren noch heute jeder betagte Wiener sich mit geheimem Grauen erinnert.

Die Völker lieben es, ihren Städten charakteristische Prädicate beizulegen. Namentlich wissen die Italiener stolze und klangvolle Beiworte für ihre großen städtischen Gemeinwesen zu finden. „La felice“, „la bella“, „la superba“. Auch wir Deutsche sprechen wohl gern von unseren großen Städten in bezeichnenden Eigenschaftswörtern. Das „kritische“ Berlin, das „reiche“ Leipzig, das „schöne“ Dresden, das „ehrwürdige“ Prag, das „gemüthliche“ Wien. Und just von Wien gilt das alte Prädicat nicht mehr; es hat seit Anno Windischgrätz und der Concordatsherrschaft aufgehört, das „gemüthliche“ zu sein. Die Lebenslust konnte ihm nicht vergällt und die Schönheit seiner Frauen nicht getilgt werden, aber die Naivetät ist ihm ausgetrieben worden; denn zehn volle Jahre clerical-feudaler Polizeiwirthschaft bringen es schon zuwege, daß, um mit Schiller zu reden, der Spiritus zum Teufel geht und das Phlegma bleibt. So ganz wörtlich braucht das Citat allerdings nicht genommen zu werden; was übrig blieb, langt eben schon noch für eine sehr große, sehr schöne, sehr bewegliche Stadt; nur eben die „Gemüthlichkeit“ ist dahin, und die Sünde, sie verscheucht zu haben, lastet neben vielen anderen auf den Schultern der Polizei in der bitterbösen Episode zwischen Windischgrätz und Schmerling.

Ein Bild von düsterster Färbung thut sich auf, wenn man in diese und die ihnen vorangegangenen Tage zurückdenkt. Metternich hat die Gewalt, und Sedlnitzky versieht ihm die Polizei. Dem Volke ist so sehr aller bürgerliche Muth abhanden gekommen, daß es vor Schreck erzittert, als Anastasius Grün das dreiste Verlangen äußert, frei sein zu wollen. Kuranda, der frisch von der Leber weg sprechen und schreiben will, muß hinaus in die Fremde, in’s Exil. Moritz Hartmann, Alfred Meißner, Eduard Mautner und auch Johannes Nordmann, welche singen wollen, wie der Vogel singt, müssen aus dem engen heimischen Vogelbauer entfliehen, um in Leipzig sich dürftige Nester zu gründen. Wien lacht über Nestroy’s Späße, aber das Lachen tönt wie dasjenige eines arglosen Kindes. Dann kommt das jähe Aufleuchten vom 13. März, ein kurzes enthusiastisches Ringen, das in den Laufgräben der „gemüthlichen“ Kaiserstadt blutig endet.

Und da es nun stille, todtenstille geworden ist, wie in einem großen Grabe, übernimmt der General und Freiherr von Kempen, eine mitleidslose Sergeantennatur, als Polizeiminister die Sorge für die öffentliche Sicherheit; ihm zur Seite als Stadthauptmann von Wien steht der Oberösterreicher Weiß von Starkenfels, ein Wütherich von Temperament, ein fanatischer Kirchengänger, eine Tilly-Gestalt, aus den Tagen des dreißigjährigen Krieges in unser Jahrhundert versetzt. Alexander Bach, der Renegat, schließt sich als Minister des Inneren würdig an. Graf Leo Thun, der finstere Concordatsgraf, leitet Cultus und Unterricht.

Das ist eine Festtagszeit für Gensd’armen, Jesuiten und Spitzel. Wer je eine Geschichte der Polizei schreiben wird, muß dieses Capitel mit besonderem Fleiße studiren; denn aus demselben ergiebt sich, warum schon das bloße Wort Polizei so gehässig, so abschreckend dem Volke in die Seele klingt. Es wird in der Welt wohl nie an Polizisten fehlen, aber nicht sie sind das Uebel. Nur wenn der Detective sich in die Kutte und der Jesuit sich in die Uniform steckt, dann Gnade Gott den Völkern! Vor den Polizisten nicht, vor den Polizeiseelen bewahre uns der Himmel.

Und mit diesen hatte Johannes Nordmann sein Lebtag viel sich abzukämpfen. Er ist glücklicher Weise ein starker Mann, und als er während der Concordatszeit einem Wiener Blatte Localplaudereien schrieb, that er es unter dem Zeichen des Dreschflegels. Daher ist es denn gekommen, daß er Kempen und Weiß von Starkenfels und Alexander Bach siegreich überdauerte, daß ihm die Liederquelle in seinem Herzen nicht versiechte, und daß sogar seine „Frühlingsnächte in Salamanca“ mit ihrem prächtigen Sternenschimmer wieder aufgingen, nachdem die Nacht der Reaction mit ihrer dichten, seelenlosen Finsterniß verrauscht war – verrauscht, aber vielleicht nicht auf Nimmerwiederkehr. Das Ideal ist unsterblich, aber auch sein Widerspiel ist es. Darum finde ich es so nützlich, in besseren Tagen sich überstandener Leiden zu erinnern. Wer weiß, wie bald sie wieder an unsere Thür klopfen!

Es war im Jahre 1852, als Nordmann, der sich emsig mit italienischer Literatur beschäftigt, der einen Roman „Carrara“ aus Paduas Vorzeit und ein gutes Buch über Dante’s Zeitalter geschrieben hatte, auch über die Geschichten des Masuccio gerieth. Das sind lustige, aber auch ein wenig unsaubere Stücke.

„Ich setzte einen künstlerischen Ehrgeiz darein,“ sagt Nordmann in seiner derben, ungeschminkten Art, „eine Geschichte aus den fünfzig Novellen herauszugreifen, die am schwersten rein zu kriegen schien.“ Und das war gleich die erste des „Novellino“. Unter der Hand wuchs ihm die Arbeit zu einem kleinen Romane an, und da er selber eine Revue „Der Salon“ herausgab, so war nichts natürliches, als daß er sein Opus, das vorerst den Titel „In Salamanca“ trug, in dieser Revue zu veröffentlichen begann. Aber er hatte ohne die Polizei gerechnet. Kaum war die erste Abtheilung erschienen, so ereilte ihn eine Vorladung, die ihn vor den „Preßrath“ Hauk citirte.

Die „spanische Geschichte“, so ward ihm eröffnet, wäre namentlich in clericalen Kreisen „übel vermerkt“ worden, sie sei nicht danach geartet, um in einem „christkatholischen Staate“ zugelassen zu werden. Nordmann, der kein Hasenfuß ist, wallte auf. Die nächste Stunde sah ihn, eine Audienz erwartend, im Vorzimmer des Generalgewaltigen, des Polizeiministers von Kempen. Mag er selbst den Verlauf dieser Audienz berichten:

„‚Excellenz‘, wendete ich mich an den in Wien Verrufenen

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 446. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_446.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)