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Seite:Die Gartenlaube (1880) 444.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


„Wenn es auf Erden und im Himmel Erhabeneres gäbe als Dein Geist, so wäre es Dein Herz.“ So bedeutend Hugo auch sein mag, der ohne Zweifel ansehnliche Werth seiner Dichtung motivirt keineswegs maßlose Verhimmelung. Man muß da Vieles auf Rechnung des französischen Nationalcharakters setzen, der stets seinen Personencultus haben muß, und welch würdigeren Gegenstand könnte er finden, als den ruhmgekrönten Romantiker und unentwegten Kämpfer für alle Humanität? Aber diese lärmvolle Begeisterung ist auch berechnete Reclame einer starken Partei, die gegen die überrealistischen Neigungen der neuesten Kunst protestiren will und dagegen Hugo’s ideales Banner aufpflanzt.

Ein anderer Umstand ist dem deutschen Beobachter peinlich. Die unduldsamen Trabanten verbieten bei allerhöchster Ungnade, im Salon ihres Meisters den Namen „Goethe“ auszusprechen. Hugo selbst vermeidet seit vielen Jahrzehnten in Wort und Schrift ebenfalls die Nennung des Weimaraner Jupiters. Schmerzt den Greis noch immer das scharfe Urtheil über seinen Jugendroman: „Notre-Dame de Paris!“ in Eckermann’s Gesprächen? Der geistreiche Wiener Feuilletonist H. Wittmann hat wohl das Richtige getroffen, wenn er den Grund dafür in Hugo’s Eifersucht auf seinen gefährlichsten Nebenbuhler um die Palme des Jahrhunderts vermuthet. Wie man das sechszehnte und das vorige Säculum auf die Namen Luther’s und Voltaire’s getauft hat, so schmeichelt sich der französische Poet, die Nachwelt werde unsere Zeit das Jahrhundert Victor Hugo’s nennen. Er kennt aber des deutschen Dichterfürsten Universalgenie, das die Höhen und Tiefen der Wissenschaft und Poesie mit gleicher Allmacht umfaßte, viel zu gut, um nicht zu befürchten, wenn die Weltenuhr zum neunzehnten Schlage aushebe, so werde die Menschheit nicht seinen Namen rufen, sondern: Johann Wolfgang Goethe!




Aus der alten Bischofstadt Halberstadt.


„Mukuh von Halberstadt,
Brenk doch unsen Kinde wat!
Wat soll ick ehm denn brengen?
Ein Hottepiäthen un raude Schoh,
Un en holtenen Wagen dato.
Heide, Holle, hutt!“

singen die Kinder auf den Straßen in Halberstadt und erinnern uns an die Zeit, wo Bischof Buko, der Kinderfreund, mit glänzendem Gefolge einzog, um den erledigten Bischofsstuhl einzunehmen. Ihrem kindlichen Munde ist „Mukuh“ geläufiger als Buko – und so muß sich denn der alte Herr diese Verstümmelung seines Namens gefallen lassen.

Ja, Halberstadt ist ein alter Bischofssitz, das sieht man, sobald man sich ihm nähert; die zahlreichen Thürme zeugen davon, sie geben der Stadt schon aus der Ferne ein ehrwürdiges Aussehen, und vor Allem fallen dem Beschauer die schlanken gothischen Thürme des Domes auf.

Halberstadt liegt in einer Thalmulde, die von der Holtemme, dem munteren Kinde der grünen Harzberge, durchflossen wird, vor widrigen Winden geschützt durch die Höhenzüge der zerklüfteten Klusberge und des buchenbekränzten Huys. Am fernen Horizonte zeichnen sich die Contouren des Harzes scharf am Himmel ab, und wie ein Patriarch erhebt über ihnen der alte Brocken sein sagenumwobenes Haupt. Gesegnet ist dieses Thal, die wogenden Korn- und grünenden Rübenfelder zeugen davon; viele Morgen des Halberstädter Weichbildes sind aber auch mit den duftigen Kindern Floras geschmückt: da hauchen ganze Felder voll Reseda ihr würziges Arom; da glühen weite Strecken Astern bunt und farbenprächtig uns entgegen. Schienenwege führen nach allen Richtungen der Windrose hin; Handel und Wandel blühen – dafür sprechen die rauchenden Schornsteine, die schmucken Läden der Straßen und Plätze.

Treten wir eine Wanderung durch die gebogenen und gewundenen Straßen der Stadt an, so begegnen uns überall die antiken Giebelhäuser mit der gut erhaltenen Holzschnitzerei, mit den überstehenden Etagen; hier und da blickt uns ein alter Erker, dort ein reich verzierter Vorbau, ein Wahr-, ein seltsames Innungszeichen an. Die weitaus meisten dieser Bauten stammen aus dem sechszehnten und siebenzehnten Jahrhundert, gerade so, wie die der Harzschwesterstädte Goslar, Osterwieck, Quedlinburg und Wernigerode.

Vor allen Dingen fesselt der herrliche gothische Dom, welcher schon im Jahrgang 1862 (Seite 277) der „Gartenlaube“ in Bild und Wort dargestellt wurde, die Aufmerksamkeit des Beschauers. Es giebt im nördlichen Deutschland wohl noch manch größeres, aber kein schöneres Gotteshaus, als dieses. Die Form des Doms ist die des Kreuzes; er liegt erhöht, auf drei Seiten von den stattlichen Curien der ehemaligen Domherren, dem 1875 neu errichteten Gymnasium und den Domprediger-Wohnungen umschlossen, während die vierte Seite auf den schönen wohlerhaltenen Domplatz schaut, dessen anderes Ende die 1005 begonnene und 1284 beendete, im romanischen Stile aufgeführte, vierthürmige Liebfrauen-Kirche einnimmt. Eine lange Zeit theilte letztere das Schicksal so manches anderen Gotteshauses der Stadt: sie wurde als Heumagazin verwandt, seit dem Jahre 1848 ist sie aber wieder restaurirt und ihren ursprünglichen Zwecken zurückgegeben. Außer diesen beiden Kirchen finden sich noch die Pauls-Kirche, mit Thüren im Rundbogenstile geschmückt, die dem zwölften Jahrhundert entstammen, die Moritz-Kirche, die im Spitzbogenstil errichtete Martini-, die 1366 in demselben Stil vollendete Andreas- und die St. Katharinen-Kirche, die 1399 gebaut wurde. Sechs geweihte Stätten sind baufällig geworden und werden zu weltlichen Zwecken benutzt; eine darunter ist sogar zum Schauspielhause umgewandelt, in dem sich jedoch die Musen nicht recht heimisch fühlen wollen. Unter ihnen befindet sich auch die am Antonius-Hofe belegene französisch-reformirte Kirche.

Hinter dem Dome versteckt liegt ein bescheidenes Haus, durch dessen niedrige Räume einst der Hauch echter deutscher Poesie zog, in denen die Freundschaft ihren Tempel baute; die Neuzeit zierte es mit einer steinernen Tafel:

„Hier lebte und dichtete Joh. Wilh. Ludw. Gleim,
     gestorben den 18. Februar 1803.“

Nach Möglichkeit hat man die Räume wieder so eingerichtet, wie sie waren, als sie der Canonicus Gleim inne hatte; eine reiche Sammlung von Portraits und Büsten und vielen anderen Sachen, die sich auf sein Leben beziehen, ist darinnen aufgestellt.

Auch die alte bischöfliche Residenz, der Petershof erhebt sich auf dem Domplatz, er ist von Burchard dem Ersten im Jahre 1052 auf einem Felsen erbaut, dessen Fuß von der Holtemme bespült wird; die dem heiligen Petrus geweihte Capelle gab ihm den Namen. Heute wird nun freilich kein glänzendes Hoflager mehr hier gehalten – heute spricht hier das Kreisgericht Recht, und die dort untergebrachten Gefangenen sehen diesem Ausspruch gespannt entgegen.

Wir verlassen den schönen Domplatz und gehen an der Domprobstei vorüber durch den sogenannten „Zwicken“ (Schwibbogen), einen im antiken Geschmacke ausgeführten Bogengang, dessen Fries zahlreiche Familienwappen der ehemaligen Domherren schmücken. Es sind die in und um Halberstadt häufig sich wiederholenden Wappen Derer von Oppen, von Schulenburg, von Bieren, von Wrampe, von Lochow, von Rintorff, von Treskow, von Holle, von Hoppenkorb, von Bennigsen, von Rössing und Spiegel von Pickelsheim.

Der Name Spiegel kommt oft in der Geschichte Halberstadts vor; dieser Familie dankt die Stadt die Anlage ihres schönsten Vergnügungsortes, der „Spiegel’schen Berge“, welches Besitzthum sie dem Publicum bereitwilligst geöffnet hat. Noch bis vor kurzer Zeit lebte hier Domherr von Spiegel, der sich seine hinter dem Dom gelegene Curie mit Kunstwerken ersten Ranges – wovon die hervorragendsten: „Die Söhne Eduard’s“ und: „Die Chorknaben bei der Vesper“ von Th. Hildebrandt – schmückte. Auch schöne Architekturbilder des Malers Hasenpflug sind dort vorhanden. Ueberhaupt findet die Kunst in Halberstadt einen dankbareren Boden, als dies wohl in manchen gleich großen Städten der Fall ist. Die Anregung dazu verdankt man hauptsächlich dem rühmlichst bekannten Dr. Lucanus, der die ambulanten Kunstvereine in’s Leben rief. Auch der ausgezeichneten, reichhaltigen und wohlgeordneten ornithologischen Sammlung des Oberamtmann Heine auf dem Burchardi-Kloster ist hier zu gedenken.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 444. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_444.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)