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Seite:Die Gartenlaube (1880) 439.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


die Zarin Irene dem Skepter und ging in ein Kloster, ihr Bruder Boris aber machenschaftete, ränkelte, drohte, bestach und schauspielte so geschickt, daß er selber schon am 21. Februar von 1598 vom Adel, Klerus und Volk Moskaus förmlich angefleht wurde, sich doch um Gotteswillen des verwais’ten Russlands anzunehmen, d. h. Zar zu werden. Godunow ergab sich, wie er sagte, „nur zögernd und nothgedrungen in den Willen Gottes“, ergriff das Skepter und ließ sich im Kremlin mit großer Prachtentfaltung die Zarenkrone aufsetzen. Man muß ihm nachsagen, daß er gewissermaßen die Rolle Peters des Großen vorweggenommen habe, d. h. daß er Rußland aus der Barbarei des Asiatenthums heraus- und in die europäische Civilisation hineinführen wollte.

Aber seine bezüglichen Versuche mißlangen, theils, weil sie zu wenig um- und vorsichtig unternommen wurden, theils, weil Russland dazumal noch zu asiatisch war, um für europäische Cultur überhaupt schon empfänglich zu sein, theils endlich, weil der Zar Boris im Hinblick auf den Ausgang des Zaréwitsch Dmitry der ungeheuren Mehrzahl seiner Unterthanen doch nur für einen Usurpator galt, Adel und Klerisei im Geheimen fortwährend gegen ihn wühlten und sogar solche seiner Absichten und Strebungen, welche zweifellos löblich und ersprießlich waren, zu hemmen, zu hindern und zu durchkreuzen suchten und wußten, so z. B. die Bemühungen des Zaren, einem altherkömmlichen russischen Nationallaster, der Saufwuth, zu steuern oder wenigstens Zaum und Zügel anzulegen. In Bälde war die Unpopularität, ja Verhasstheit Godunows bei allen Ständen und in allen Schichten des Russenthums eine vollendete Thatsache.

Zur Vervollständigung dieser flüchtigen Zeichnung der Lage, in welcher Russland auf der Schwelle vom 16. zum 17. Jahrhundert sich befand, gehören noch zwei Züge: Erstens die Stellung des russischen Staates gegenüber dem polnischen, d. h. die Hinweisung auf den altherkömmlichen, zur erbitterten Feindseligkeit längst verknöcherten Gegensatz zwischen Polen und Russen. Diese Gegensätzlichkeit mag ursprünglich in Stammes- oder gar in Rasseverschiedenheiten gewurzelt haben, war aber höchst bedeutsam verschärft worden durch den Umstand, daß die Russen der anatolisch-byzantinischen Orthodoxie anhingen, während dagegen die Polen orthodoxe römische Katholiken waren, fanatische sogar von der Zeit an, wo das schon halb für den Protestantismus gewonnene polnische Volk durch die Klugheit und Energie des Jesuitenordens wieder in den römischen Pferch zurückgetrieben worden. Dieser religiöse oder konfessionelle Gegensatz von Polen und Russen war fraglos eine unumgängliche Voraussetzung der Möglichkeit einer Erscheinung, wie sie die des falschen Demetrius gewesen. Zweitens ist mit Betonung zu erwähnen, daß in Folge mehrjähriger Mißernten mit dem Jahre 1601 in Russland ein allgemeiner Nothstand begann, welcher sich bis zum Jahre 1604 verlängerte und in vielen Gegenden des Reiches bis zur bitteren, bittersten Hungersnoth sich steigerte. Auch dieses Unglück half das Auftreten und die Erfolge des Betrügers in bedeutendem Grade mitermöglichen.

Denn es ist ja wohlbekannt und durch hunderte von Zeugnissen der Geschichte bestätigt, daß solcherlei Leiden die Gemüther der Menschen und der Völker für das Außerordentliche stimmen, für den Glauben und das Unglaubliche empfänglich machen und auf das Wunderbare vorbereiten. Außerdem wußten es die Machenschaften der Feinde des Boris so einzurichten und dahinzubringen, daß die ganze Schwere der öffentlichen Drang- und Trübsale auf den Usurpator zurückfiel, als ob er der Verursächer der Hungersnoth und jeglichen anderen Uebels wäre. Man weiß ja, wie leicht es unter sothanen Verhältnissen ist, der Angst und dem Grolle der Volksmassen, welche nirgends und zu keiner Zeit logisch zu denken vermochten oder vermögen, einen Sündenbock zu bezeichnen. Die umsichtigen und eifrigen Bemühungen des Zaren, die schwere Noth zu heben oder wenigstens zu lindern, erwiesen sich demzufolge als eitel, den gegen ihn wachgerufenen und geschickt genährten Haß zu beschwichtigen. Er war einmal als Sündenbock stigmatisirt und blieb es.

In solcher Bedrängniß und Gährung befand sich Rußland, als von Polen her eine wundersame Kunde nach Moskau gelangte.

(Fortsetzung folgt.)




Pariser Salonbilder.[1]
Von Gottlieb Ritter.
I.


Von den gegenwärtigen Pariser Salons soll ich erzählen? Aber giebt es denn noch „derlei Bankete der Vernunft und Schmäuse der Seele“, wie der englische Philosoph Hume sagt, der diese hübsche Umschreibung gewiß in der Seinestadt erdachte? Ja, damals standen sie in voller Blüthe. Gährende Geister und talentvolle Streber, denen die Exclusivität des Hofes die höchsten Stellen in der Armee und Verwaltung verschloß, kamen zu Rang und Reichthum durch jene geselligen Zusammenkünfte im Hause einer schönen oder genialen Frau. Von dort aus verbreitete sich der Ruhm des Findlings d’Alembert, des Uhrmachersohnes Caron, der sich selbst zum Herrn von Beaumarchais adelte, und einiger Ausländer, wie des Pfälzers Holbach und des Regensburgers Grimm, so rasch und nachhaltig über die Welt, daß fremde Regierungen glänzend bezahlte Correspondenten unterhielten, welche die graziösen und geistreichen Salonplaudereien für sie aufzuschreiben hatten. Selbst Prinzen von Geblüt besuchten die mächtigen „Geistesbureaux“ von Frau de Tencin, deren Gunst einen sogar in die Akademie zu bringen vermochte, von Madame du Deffand, die aus der „Diogenestonne“ ihres Lehnstuhles die Unterhaltung leitete, von Fräulein de Lespinasse, wo die Gelehrten der „Encyklopädie“, die bei Madame Geoffrin gespeist, verdauten und philosophirten, von Vauvenargues, der von seinem Schmerzenslager herab mit seinen Gästen über die höchsten Fragen disputirte, und sogar die schöngeistigen Cirkel frivoler Schauspielerinnen, wo der witzige Bachaumont tausend Anekdoten vom Hofe und aus der Gesellschaft zu erzählen wußte.

Im Pariser Salon entstand das moderne Feuilleton, und mancher spätere Tribünendonnerer, wie Mirabeau, Brissot, Camille Desmoulins, bereitete sich dort zu parlamentarischer Beredsamkeit vor. Der Hof mochte über die Körper der Unterthanen gebieten, der Salon regierte die freien Geister; dort war das Schwert, hier Kopf und Herz von Frankreich.

Die Revolution setzte der Herrlichkeit ein schreckliches Ende. Die zierlichen Abbés und die geistreichen Schönheiten zerstoben in alle Winde; der Adel floh über die Grenzen; die politische Phrase bemächtigte sich der Redner, und angesichts der arbeitenden Guillotine fehlte Zeit und Stimmung, um an Kunst und Wissenschaft zu denken. Erst nach den tollen Orgien des Directoriums, bei denen man sich in einer Nacht für zehn verlebte Schreckensjahre entschädigen wollte, und als der Pulverdampf von Wagram und Waterloo verraucht war, wollte man wieder den alten Brauch in’s Leben rufen. Aber die harmonische Einheit der Gesellschaft war vorüber. Zwischen den rachedurstigen und verarmten Adel und den enttäuschten dritten Stand hatten sich säbelklirrend und beuteschwer die Emporkömmlinge des Kaiserreichs gedrängt. Die ehemalige Geselligkeit erwachte höchstens noch in den Salons des Ministers und Dichters Lamartine und am Kamin von Madame Emile de Girardin. Unterm zweiten Kaiserreich jedoch, wo die schöne Souverainin eine Art literarischen Hofes um sich versammelte, dem die geistvolle Prinzessin Mathilde, Plon-Plon’s Schwester, die lebenslustige Fürstin Metternich und die bürgerlichen Romandichter Octave Feuillet und Jules Sandeau angehörten, fand der wahre Salon fast keine Pflege und blieb ohne irgendwelchen Einfluß auf das sociale und künstlerische Leben.

Und die Salons der dritten Republik?

Ich will meinem Tagebuche einige Blätter entnehmen, welche die Antwort leicht machen sollen.

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  1. Wir eröffnen hiermit eine Reihe von Schilderungen aus dem Leben der europäischen Hauptstädte und gewähren in unsern heutigen Federzeichnungen der Seinestadt den Vortritt, für welche auf unser Ersuchen die pikant-lebendige Feder des oben genannten bewährten Feuilletonisten der Wiener „Neuen Freien Presse“ die Berichterstattung übernommen hat.
    D. Red.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 439. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_439.jpg&oldid=- (Version vom 9.7.2021)