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Seite:Die Gartenlaube (1880) 423.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)

erkennen, daß, wenn die Partei eine so ansehnliche Macht erworben hatte, es das ABC aller politischen Taktik erheischte, daß man die volle Kraft gegen den gemeinsamen Gegner richte, statt sich gegenseitig in häuslichem Zwist lahm zu legen – dies um so mehr, als die Gegner gar keinen Anstand nahmen, die feindlichen Brüder über einen Kamm zu scheeren; alsbald nach den Wahlen verfolgten die Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften mit gleichem Eifer die Anhänger von Lassalle wie diejenigen von Marx. Nichts eint so sehr, wie gemeinsames Leid; das gegenseitige Mißtrauen schwand, und der Verschmelzung beider Fractionen stand kein ernstliches Hinderniß mehr im Wege.

Diese Verschmelzung fand nach mancherlei Verhandlungen im Mai 1875 auf einem Parteicongresse zu Gotha statt. Man kann dabei eigentlich weniger von einer Vereinigung, als vielmehr nur von einer völligen Aufsaugung der Lassalleanischen Secte durch den deutschen Zweig des internationalen Arbeiterbundes sprechen.

Obgleich jene 15,000 dieser nur 9000 aus dem Congresse durch Abgeordnete vertretene Anhänger musterte, so enthielt das neue Programm der Gesammtpartei doch kaum noch die leiseste Spur von den Gedanken Lassalle’s, dagegen enthüllte es den nacktesten Communismus in seiner ganzen Schönheit.

Mit diesem Congresse endete der zweite große Abschnitt in der Geschichte der deutschen Socialdemokratie. Er umfaßte gewissermaßen die Kinderkrankheiten der Partei, von denen sie nach schwerem Ringen endlich gesundete. Hinfort konnte sie sich in ihrer schwefelgelben Glorie voll entfalten, konnte sie ihre ganze, nicht mehr durch innere Kämpfe verzehrte Kraft gegen die moderne Cultur, das reiche Erbe reicher Jahrtausende, zu Gunsten einer düsteren und ungewissen Zukunft wenden. Und volle drei Jahre hindurch hat sie diesen Kampf geführt mit einer Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit, wie sie in der modernen Culturgeschichte bisher ohne Beispiel sind.




Der Hasbruch.
Ein deutsches Waldbild.
Von Ferdinand Lindner.

So schwierig es ist, den Charakter eines Volkes im Allgeinen zu bestimmen, so leicht lassen sich einzelne Eigenthümlichkeiten desselben herausfinden. Von denjenigen, welche bei uns Deutschen in Frage kommen, nimmt die Liebe zum Walde eine hervorragende Stelle ein. Unser Wald! Welches deutsche Leben wäre so arm, daß es nicht eine erquickende Stunde reinen Frohsinnes im Schatten unseres Waldes sein nennen könnte! Aber auch die antike Welt, wenngleich sie in der Auffassung des Waldes durchaus nicht die Innigkeit der unserigen erreicht, hat uns doch in der Sage von den Hainen, an deren Gebiet die Furien ihr Opfer verlassen mußten, eines jener goldenen Bilder hinterlassen, welche noch heute das kostbare Erbtheil unseres Phantasielebens bilden. Wer hätte nicht schon in tiefster Seele die Wahrheit dieser Sage empfunden, wenn er, die Sorgen des Tages in der Brust, zum Walde kam, dessen Bäume ihm tröstend ihre Aeste entgegenstreckten und mit ihrem Blätterdache wie ein Asyl winkten, das mit der Abwehr der Sonnengluth zugleich Sänftigung und Kühlung für das heiße Herz versprach!

Ein Freund der Seele, ein Arzt des Körpers, ein Segenspender unserer Aecker – was ließe sich Alles vom Walde sagen – doch sind das Dinge allgemeinen Werthes, auch dem Angehörigen jeder andern Nation verständlich. Das Band aber, welches den Deutschen mit seinem Walde verbindet, ist ein viel engeres – es schlingt sich in die Tiefen seines ganzen Denkens und Fühlens und vererbt sich von Geschlecht zu Geschlecht; denn die Geschichte seines Volkes knüpft allenthalben an den Wald an. Wie sich in den Nebeln, welche über den deutschen Wäldern lagerten, der Blick des Geschichtsforschers verliert, bis ein ernster Römer den Schleier lüftet und uns ein Volk zeigt, das in, mit und durch den Wald lebt, an Sitten rein wie die Natur, die es umgiebt, so beginnt auch unser Eintritt in die große Weltgeschichte mit einer riesenhaften entscheidungsschweren Waldschlacht, und das Christenthum führt sich bei uns ein, indem es als Symbol, daß ein neuer Glaube in die Wälder einziehe, Axt und Feuer an die heiligen Bäume legt. Und unsere Sage, tritt sie nicht vor uns, ausgestattet mit allem Zauber des Waldes; sind die Gaben, welche unser Märchen mit blauem Auge und lachendem Kindermunde uns darbietet, sind sie nicht zwischen den Farren und Kräutern des Waldes gesammelt? Allenthalben, wir mögen blicken, wohin wir wollen, ragt diese grüne Welt in unser nationales Leben herein – tragen doch selbst jene vierundzwanzig modernen Gnomen, welche die Schätze unseres Wissens geschäftig aller Welt vermitteln, die Buchstaben (d. h. Buchenstäbe) – tragen doch auch sie in ihrem Namen die Reminiscenzen des Waldes und eines seiner schönsten Geschlechter. Darum – wer mit uns einstimmt in „das hohe Lied vom Walde“, der wird uns heute mit Freuden in einen ehrwürdigen heiligen Hain begleiten, den ältesten und schönsten, der seines Gleichen nicht hat in ganz Deutschland.

Nicht weit von da, wo die Oldenburger Geest in der Nähe der alten Cisterzienser-Abtei Hude an die Marsch grenzt, liegt mitten in Waldungen jüngeren und jüngsten Datums wie ein Allerheiligstes der Hasbruch. Gewöhnlich pflegt man ihn mit dem Namen eines Urwaldes zu bezeichnen, doch ist er dies nicht, insofern man als Charakteristikum eines solchen die wildverschlungene Mannigfaltigkeit landschaftlicher Scenerie auffaßt. Diese Bezeichnung kommt vielmehr dem Neuenbürger Urwald zu, der, gleichfalls einzig in seiner Art, hauptsächlich das malerische Element vertritt, während der Hasbruch einen friedlichen, durchaus historischen Charakter trägt.

Ursprünglich war der Hasbruch wohl ein heiliger Hain, der wahrscheinlich noch größere Ausdehnung hatte als heute; denn im weiten Umkreise des gegenwärtigen liegen viel Opfersteine und Hünengräber, „de groten Steene“, wie sie die Leute dort nennen. Ja, daß er unter demselben Namen, unter dem wir ihn heute noch kennen, in historisch überlieferter Zeit eine mehr als gewöhnliche Bedeutung genoß, beweist seine Erwähnung durch Karl den Großen im Jahre 786, der ihn als Grenze für das Bremer Gebiet nach Nordwesten bestimmte – er heißt in der Urkunde: Aschbrouch.

Unter dem Schutze ihres geweihten Ansehens mögen die Bäume nun erstarkt und bereits zu so gewaltigem Umfange gelangt sein, daß nur bei Vereinigung von Arbeitskräften die aufgewandte Mühe dem Nutzen des Weghauens entsprechen konnte. Aber die Höfe lagen, wie zum größten Theile noch heute, vereinzelt umher, und jeder kümmerte sich nur um sich. Danach kamen die herrschenden Grafengeschlechter und nahmen den Wald als ihren Jagdgrund in Anspruch – und da braucht wohl nicht hinzugefügt zu werden, daß derselbe nun erst recht verschont blieb. Und als nun endlich in neuerer Zeit eine ernste Gefahr durch die rationelle Forstwirthschaft drohte, da war inzwischen die Zeit der Romantik. herangekommen – der Sinn für Naturschönheit und die Verehrung für unsere Vorzeit hielten Axt und Säge zurück.

Aber für weitere Kreise des Publicums wurde der Hasbruch eigentlich erst gegen die Mitte unseres Jahrhunderts neu entdeckt; Kohl erzählt darüber folgende hübsche Geschichte. Der oldenburgische Maler Willers hatte nach Studien aus dem Hasbruch gemalte Eichenbilder in München ausgestellt, wo sie der König Ludwig sah; dieser wollte jedoch durchaus nicht glauben, daß solche fabelhafte Eichen in Wirklichkeit existirten. Die Sache interessirte ihn aber doch so, daß er seinen Hofmaler in den Hasbruch schickte, um sich von der Wahrheit zu überzeugen – dieser mußte natürlich die Angaben Willers’ vollinhaltlich bestätigen. Von da ab wurde der Hasbruch zu einem vielbesuchten Punkte; Fürsten und Künstler kamen hin, und in den Werkstätten unserer Landschaftsmaler werden wir oft alten Bekannten aus dem Hasbruch begegnen.

In der That, demjenigen muß das Herz zu und der Sinn todt sein, der beim Eintritt in diesen ehrwürdigen Wald nicht den Schauer empfindet, der uns in den feierlichen Räumen eines Domes zu erfassen pflegt. Ein geheimnißvolles Halbdunkel empfängt uns, das sich weiterhin in den Wald zu tiefer Nacht verdichtet – nur hier und da, soweit der Blick vorzudringen vermag, bricht durch das dichte Laubdach, wie durch bemalte

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 423. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_423.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)