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Seite:Die Gartenlaube (1880) 356.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


Verpackung etwa auf eine Mark kommen würde, erscheint ihm durchaus angemessen. Das Attest, welches für das Wundermittel gegen rothe Nasen, genannt Rosalin, des Herrn Louis Dufrêne in Leipzig (fingirter Name des Erfinders) schließlich von Dr. Werner einging, lautet:

„Certificat für Herrn Louis Dufrêne in Leipzig.

Seit der ebenso zeitgemäßen wie heilsamen Einrichtung und Schaffung des deutschen Reichsgesundheitsamtes und des damit verbundenen Gesetzes vom 14. Mai 1879 hat das Publicum eine bleibende Garantie für die Güte, Reellität und Unschädlichen derjenigen Fabrikate, die von unparteiischer, sachverständiger Seite auf ihre chemische Zusammensetzung geprüft und durch die Analyse für unschädliche und reelle erkannt werden.

Von dieser bereits allgemein anerkannten Thatsache ausgehend und überzeugt, übersandte mir Herr Louis Dufrêne zu Leipzig eine größere Probe des von ihm unter Beihülfe namhafter Autoritäten erfundenen, nach eigener Methode bereiteten Mittels gegen Hautreiz, namentlich gegen rothe Nasen und Flechten, welches der Herr Fabrikant unter dem Namen ‚Rosalin‘ in praktischer und eleganter Verpackung in den Handel bringt, mit dem Wunsche, mich als Sachverständiger und Fachmann unparteiisch über das Resultat meiner Untersuchung zu äußern. Ich habe das oben näher bezeichnete Fabrikat, welches eine butterartige, sehr angenehm riechende Substanz ist, persönlich in meinem analytisch-chemischen Laboratorium für Öffentliche Gesundheitspflege einer genauen, sowohl qualitativen als auch quantitativen Untersuchung, wodurch anerkanntermaßen am ehesten und sichersten der reelle Werth eines derartigen Fabrikates constatirt werden kann, unterworfen und bin zu nachstehendem Urtheil berechtigt.

Das ‚Rosalin‘ ist ein auf kunstgerechte und durchaus sachgemäße Weise bereitetes Fabrikat, das unschädliche, Hautepidermalreize lindernde und heilende chemische Ingredienzien enthält, welche letztere in höchst sinnreicher Weise in so concentrirter Form darin enthalten sind, daß bei richtiger Anwendung schon nach kurzem Gebrauch die erwähnten Hautkrankheiten, namentlich aber die unangenehme Röthe der Nase, bedeutend gelindert und nach längerem Gebrauch vollständig gehoben wird.

Ich erwähne ausdrücklich, daß das ‚Rosalin‘ frei ist von schädlichen ätzenden und narkotischen Stoffen und dasselbe keine Ingredienzien enthält, welche durch das Gesetz vom 14. Mai 1879 verboten sind. Alle die erwähnten Vorzüge berechtigen mich, dem ‚Rosalin‘ das Prädicat 'vorzüglich' zu ertheilen und die Anwendung desselben aus vollster Ueberzeugung da, wo es nöthig ist, angelegentlichst zu empfehlen.

Breslau, im März 1880.

Der Director des analytisch-chemischen Laboratoriums
und polytechnischen Instituts.
Dr. Th. Werner, vereideter Chemiker.“

Die „persönliche“, „genaue qualitative Untersuchung“ dieses würdigen Sachverständigen hatte keinen Arsenik gefunden. Ein völlig unschädliches, „linderndes“ (der Arsenik wird vorzugsweise als Aetzmittel bei Krebsleiden angewendet!) Mittelchen gegen rothe Nasen ist der Welt geschenkt.

Etwas umständlicher gestaltete sich die Sache mit dem schreibseligen Dr. Heß, schon darum, weil derselbe zwei Mittel zu attestiren hatte, erstens das Mittel des Herrn Dufrêne gegen rothe Nasen, zweitens die Epilepsiepulver, für welche ein Freund, Herr Max Kröhl, den Erfinder spielte.

Zunächst liegt auch ihm, was das Nasenmittel betrifft, daran, daß das Kind einen Namen erhalte. Herr Dufrêne schlägt die wohlklingende Bezeichnung „Rhinleucansis“ vor und sendet gleichzeitig 20 Mark für das zu erwartende Attest. Darauf gelangt an seine Adresse folgendes Schriftstück von Dr. Heß:

„Hochgeehrter Herr Dufrêne!

Es freut mich sehr, daß sie die Anfechtungen und Verdächtigungen der Leipziger medicinischen Infallibilisten, Geheimmittelinquisitoren und wie alle diese medicinischen Obscuranten und Dunkelmänner nach einander heißen, nicht scheuen und gerade von Leipzig aus mit einem neuen Geheimmittel in die Oeffentlichkeit treten, doch bedaure ich, daß sie das Mittel 'Rhinleukansis' getauft haben, was fast etwas an 'Rhinoceros' erinnert. Uebrigens muß 'Rhinleukansis' nicht mit 'c', sondern mit 'k' geschrieben werden, wie ich gethan habe. Da Sie mir statt vierzig Mark nur zwanzig Mark gesandt haben, so habe ich das Mittel nicht untersucht, sondern nur begutachtet, auf Grund der Ihnen bekannten Bestandtheile, welche Sie mir ja mitgetheilt hatten. Schaffen Sie sich meine Schriften über Geheimmittel an; Sie sind ein Gleichgesinnter. Wünsche besten geschäftlichen Erfolg von 'Rhinleukansis'. Ergebenst

Dr. Heß.“

Das wissenschaftliche Gutachten lautet nun:

Herr Louis Dufrêne in Leipzig ist im Besitz eines guten Mittels gegen rothe Nasen und beabsichtigt dieses Mittel wegen seiner vortrefflichen specifischen Eigenschaften geschäftlich zu verwerthen. Dieses Mittel führt den Namen 'Rhinleukansis' und gehört zu den sogenannten Geheimmitteln. Bedenkt man, wie namentlich in Leipzig augenblicklich ein wahres Nest von schwarzen Geheimmittelfeinden und Geheimmittelinquisitoren beisammen hockt, so verdient der Muth des Herrn Dufrêne, von Leipzig aus ein neues Geheimmittel der Oeffentlichkeit zu übergeben, die größte Bewunderung und Anerkennung, welche ich demselben um so mehr zolle, als auch ich selbst die schwärzesten Geheimmittelfeinde und Geheimmittelinquisitoren nie fürchte, sondern denselben muthig entgegentrete, und namentlich auch jederzeit für gute Geheimmittel gute Atteste ausstelle, wie hiermit geschieht. Herr Dufrêne hat mir 'Rhinleukansis' zur wissenschaftlichen Begutachtung übersandt und zufolge der Bestandtheile dieses Mittels ist dasselbe vollkommen unschädlich, gehört aber zu den besten Hautverbesserungsmitteln, welche es überhaupt giebt, abgesehen davon, daß es nach Herrn Dufrêne's eigenen Erfahrungen ein vorzügliches Mittel gegen rothe Nasen ist. Herrn Dufrêne's 'Rhinleukansis' verdient daher als vortreffliches Mittel gegen Nasenröthe und als Hautverbesserungsmittel überhaupt die beste Empfehlung, was ich hiermit gutachtlich, der Wissenschaft gemäß, bestätige und beglaubige.

Dr. Heß,
königl. preuß. approbirter Apotheker I. Classe
und gerichtlich vereideter medicinisch-pharmaceutischer und
technisch-chemischer Sachverständiger.“

Wie man sieht, vermeidet das Attest die plumpe Lüge des Herrn Theobald Werner, von einer stattgehabten chemischen Untersuchung zu sprechen. Dennoch muß der Uneingeweihte aus den gesperrten Worten eine solche herauslesen, denn wenn ein Mann vom Standpunkt der Wissenschaft aus erklärt, daß eine Composition „zufolge ihrer Bestandtheile“ unschädlich sei, so muß vorausgesetzt werden, daß er die Art dieser Bestandtheile wissenschaftlich festgestellt hat. So lautete denn auch, als der angebliche Herr Dufrêne noch 20 Mark einsandte und eine chemische Untersuchung forderte, die Antwort des Dr. Heß einfach:

„Sie werden zugeben, daß ich kaum ein besseres Attest für 'Rhinleukansis' ausstellen kann, als ich schon gethan habe, weswegen ich der Meinung bin, wir betrachten die Sache als abgethan.“

Glücklicher war Herr Max Kröhl mit seinem Epilepsiemittel; denn hier constatirt das Attest des Herrn Dr. Heß ausdrücklich die Vornahme einer wissenschaftlichen Prüfung. Das Gutachten lautet:

„Heutzutage werden zwar diejenigen Heilmittel sehr bekämpft und angefochten, welche nicht in den Apotheken angefertigt werden; aber so lange die Medicin noch keine unfehlbare Wissenschaft ist, was gewiß noch sehr lange dauern wird, muß man es, im Interesse der Leidenden und Kranken, sogar als eine große Wohlthat betrachten, daß auch außerhalb der Apotheken Heilmittel angefertigt werden. Die Hauptsache ist nur, daß alle Heilmittel den berechtigten wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen, nämlich vollkommen unschädlich sind und wirklich heilkräftige und wirksame Stoffe enthalten. Herr Max Kröhl in Leipzig hat mir das von ihm bereitete Epilepsiemittel zur wissenschaftlichen Prüfung und Begutachtung übersandt. Zufolge dieser Prüfung und der Zusammensetzung dieses Mittels ist dasselbe für die Gesundheit vollkommen unschädlich, und enthält durchaus nur solche Bestandtheile, welche nach vielfachen Erfahrungen des Herrn Kröhl bei Krampfleiden verschiedener Art, insbesondere aber bei Epilepsie und anderen derartigen Krampfleiden von großer Heilkraft und Wirksamkeit sind. Daher kann Herr Kröhl mit Ruhe und Gelassenheit auf die unerhörten und bösen Verdächtigungen herabschauen, welche nur ein Ausfluß der Unwissenheit und des Brodneides sind und jetzt hauptsächlich von Leipzig aus gegen die sogenannten Geheimmittel und deren Verfertiger und Begutachter geschleudert werden; denn das Kröhl'sche Epilepsiemittel entspricht den berechtigten wissenschaftlichen Anforderungen, was ich hiermit bestätige und beglaubige.

Berlin den 6. April 1880.

Dr. Heß etc.“

Also die „wissenschaftliche Prüfung“ des Dr. Heß hat keine Spur Arsenik gefunden, der Gebrauch des Mittels ist dem Publicum durchaus zu empfehlen – und diesmal ist der Arsenik innerlich zu nehmen!

Nebenher hatte übrigens Herr Max Kröhl eine Episode in dieser Angelegenheit angeregt, welche den Zweck hatte, den Dr. Heß vertrauensseliger zu machen, als er nach meiner Befürchtung zu sein schien. Er hatte sich ganz unter der Hand bei dieser ehrenwerthen wissenschaftlichen Autorität erkundigt, was von dem Mittel gegen rothe Nasen, genannt „Rhinleukansis“, des Herrn Dufrêne zu halten sei; er habe die Bekanntschaft des Letzteren gemacht und nicht übel Lust, sich mit ihm zu associiren. Herr Dr. Heß meint, das Mittel sei als Hautverbesserungsmittel ganz gut, aber er wisse bessere Specifica gegen Nasenröthe, welche er „gegen angemessenes Honorar“ mittheilen wolle, ebenso ein noch besseres Mittel gegen Epilepsie. Er legitimirt sich in dieser Beziehung mit folgendem Satz:

„Wenn man, wie ich, fünfzig Jahre hindurch ununterbrochen mit medicinischen, pharmaceutischen und chemischen Sachen zu thun gehabt hat, dann hat man schon hinreichende Kenntniß von den besten Mitteln gegen die verschiedenen Leiden und Krankheiten.“

Und diese Bemerkung, zusammen mit den vorgängigen Eröffnungen ist nicht uninteressant: es ergiebt sich, daß wir in Dr. Heß die Quelle nicht nur zahlreicher Atteste für Geheimmittel, sondern einer Anzahl dieser Schwindelmittel selbst vor uns haben dürften.

Bevor ich den unerwarteten Abschluß, den die Verhandlungen mit Dr. Heß fanden, mittheile, muß ich über diejenige mit

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 356. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_356.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)