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Seite:Die Gartenlaube (1880) 278.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


Lehren, die darin verflochten, sind mit so wenig Lehrermiene und so viel Laune vorgetragen, daß mir ihr künstlerischer Werth ebensowohl als ihr pädagogischer unzweifelhaft däucht.“ Den illustrativen Theil zu der Ausgabe der Güll'schen Gedichte hatte der ebenfalls als Jugenddichter bekannte Graf Franz Pocci übernommen.

Die „Kinderheimath“ wurde bald zur Heimath der Kinder, bei der sie immer und immer wieder einkehrte. Sie erlebte mehrere Ausgaben; der Verfasser veranstaltete später auch eine Volksausgabe. Wir schließen uns freudig dem Wunsche der „Augsburger allgemeinen Zeitung“ an, daß es einem Meister wie Oscar Pletsch gefallen möge, diese Gedichtsammlung mit Bildern zu schmücken. Der Stift dieses Künstlers wäre der richtige Zauberstab, um den Klapperstorch, die Kätzchen und Mäuschen, den Nicolaus etc. lebensvoll und möglichst individuell ausgestattet vor die Augen der Kinder hinzustellen.

Der Jugendlehrer Güll hatte als Jugenddichter den Ton des Kinderliedes in der glücklichsten Weise getroffen. Der Lehrer, als Führer des Verstandes, ward als Dichter der Priester des Herzens. Güll kannte als Lehrer durch täglichen Umgang die Welt der Kleinen, verstand deren Thun, las ihre Wünsche, redete ihre Sprache, wußte, warum und wann das Kind lacht und weint; und nur einem so eifrigen Naturforscher der Kindesseele, wie er, der zugleich so innig vertraut mit der Volkspoesie und ein so gestaltungskräftiger Künstler war, konnte es gelingen, vereint dem kindlichen Bedürfniß und den Ansprüchen der Kunst gerecht zu werden.

Die Gedichte Güll's zeichnet – wenn auch nicht alle in gleicher Weise – eine wohlthuende Frische, eine packende, kindliche Darstellung aus. Dabei durchziehen dieselben die Silberfäden eines gesunden Humors. Die Sprache ist voll Melodie und Wohllaut, der Versbau schlicht, die Form rein. Die fabula docet springt leicht in die Augen, ohne daß sie sich je prätentiös aufdrängt, oder nur lose angefügt wäre, wie etwa bei Gellert und Anderen.

Wie traute Freunde blicken diese Gedichte jedem Kinde liebevoll in das Gesicht, schmeicheln sich in die Kindesseele ein und werden bald zu Lieblingen der Kleinen. Ja selbst auf die Erwachsenen machen die Gedichte vom „Steckenpferd“ „Schneemann“, „Kletterbüblein“ und wie sie alle heißen, einen äußerst anheimelnden Eindruck. Die ganze Jugendzeit mit all ihren Reizen kehrt wieder und steht mit frischen Farben in der Erinnerung bei diesen Liedchen, die wir als Kinder auch gelernt und gesungen.

Daß Güll ein gesuchter Mitarbeiter der deutschen Jugendzeitschriften war, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Mit Stolz zählten ihn diese zu ihrem Mitarbeiter; und in ganz Deutschland existirt kaum noch ein Schullesebuch, das nicht eine Anleihe bei der „Kinderheimath“ gemacht hätte.

Neben den eigentlichen Kinderliedern stehen eine große Zahl von vielfach in der Form äußerst pikanten Räthseln und eine noch größere von Sprüchen. Die letzteren sind vielleicht als die reifste Leistung Güll's zu betrachten. Graziös in der Form, bergen sie einen außerordentlichen Schatz von Lebensweisheit, eine Fülle von feinen Beobachtungen. Freilich läuft da mancher bekannte Gedanke unter, wenn auch immer eigenartig ausgesprochen; aber das ist kein Wunder bei ihrer Menge. In den Jahren von 1873 bis 1877 hat Güll allein nahezu 600 Sprüche, 300 Räthsel und 20 Gedichte geschaffen, nachdem das warmherzige Drängen seines neugewonnenen Freundes Julius Lohmeyer, des Begründers der „Deutschen Jugend“, den ermüdeten, mißmuthig und alt gewordenen Dichter noch einmal aufgestachelt hatte, und der umfangreiche literarische Nachlaß hat an Sprüchen und Räthseln noch mindestens eine ebenso große Zahl ergeben. Lohmeyer hat das Vermächtniß überkommen, diesen Nachlaß zusammen mit den sonstigen, bisher nur zerstreut veröffentlichten Schöpfungen Güll's herauszugeben. Eine kurze Selbstbiographie des Dichters hat er jüngst in seiner „Deutschen Jugend“ veröffentlicht.

Zu voller Lebensfreudigkeit ist Güll in München, obgleich er seinem arbeitsvollen Berufe gern oblag und manche Stunde anregenden Umganges genießen durfte, je länger, je weniger gekommen. Mochten seine Schüler musterhaft sein und besonders die Theilnehmerinnen an seinem privaten Fortbildungscursus schwärmerisch an ihm hängen, mochten ihn die Abende unter den „Zwanglosen“, im „Deutschen Hause“ mit Thäter, König, Schwind und Anderen, bei Schnorr, Kaulbach etc. mit der Ueberzeugung erfüllen, daß er den Besten werth war – zu vollem Genusse dessen blieb dem von der Brodarbeit abgematteten und gequälten Manne nur selten die Fähigkeit, und zum Schaffen eben nicht häufiger. Nur in den Ferienausflügen genoß er wirklich. Und als die Behörde ein Einsehen hatte und seit 1870 ihm die Last erleichterte, ja zwei Jahre Urlaub und 1876 die Versetzung in den Ruhestand gewährte, traf die Wohlthat einen Mann mit zerrütteten Nerven, den Nervenschmerzen, Ermattung und oft düstere Melancholie peinigten.

Besondere Lichtblicke waren für ihn die Zeichen der Anerkennung, welche ihm von Seiten der beiden kunstsinnigen Fürsten Maximilian's des Zweiten und Ludwig's des Zweiten zu Theil wurden, namentlich die Aussetzung einer jährlichen Subvention, die er vom Erscheinen der „Kinderheimath“ ab genoß; ferner die Ehrenbezeigungen, mit denen die Stadt München sowie die Collegenschaft ihn feierten, als er aus seiner öffentlichen Thätigkeit schied.

Wie beliebt und geachtet Güll war, zeigte sich erst recht bei seinem Begräbnisse am letztverflossenen zweiten Weihnachtstage. Die höchsten Schulbeamten des Staates, des Kreises und der Stadt gaben dem schlichten Schullehrer das letzte Geleite.

Während der Dichter in das Grab gebettet wurde, prangte in jedem Hause der Christbaum, den er wie kaum ein zweiter Jugenddichter besungen. Gar manches Kind erfreute sich an der Festgabe der „Kinderheimath“, als über deren Verfasser sich der Grabeshügel wölbte.

Fr. Gärtner.




Das Haftpflichtgesetz und seine Revision.
Von K. Biedermann.

Die moderne Industrie hat durch eine gründliche Arbeitstheilung, durch die Einführung zahlloser Maschinen, vor Allem dadurch, daß sie die elementaren Naturkräfte in ihren Dienst zwang, ihre Wirkungen verhundert-, ja vertausendfacht. Allein neben der Lichtseite steht auch eine Schattenseite. Mit der Kühnheit ihrer Unternehmungen, mit der Massenhaftigkeit der Stoffe, die sie bewältigt, mit der fieberhaften Hast, mit welcher die Maschinen und die zu ihrer Bedienung verwendeten Menschenhände arbeiten müssen, sind auch die Gefahren für Gesundheit und Leben der dabei beschäftigten Millionen von Arbeitern wesentlich gestiegen. Ganz besonders aber sind es eben jene in den Dienst des Menschen gezwungenen Elementarkräfte, welche nicht selten gegen ihn selbst ihre zerstörende Macht richten und so sich gleichsam rächen für die Herrschaft, die der Menschengeist über sie ausübt. „Denn,“ wie schon der Dichter singt, „die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.“ Der Dampf allein, dieser Riese im Schaffen, solange er dem Menschen gehorcht, dieser furchtbare Dämon, sobald er seine Fesseln sprengt, hat Tausende und aber Tausende von Leben vernichtet. Ja auch schon seine regelrechten Functionen im Umtriebe von Rädern verleihen den von ihm in Bewegung gesetzten Maschinen eine solche Schnellkraft, daß die mit denselben in Berührung kommenden Menschen immerfort in Gefahr schweben, von ihnen erfaßt, beschädigt, wo nicht verstümmelt oder zermalmt zu werden. Nicht am wenigsten sind es ferner auch jene unterirdischen, unberechenbaren, unheimlichen Elementargeister der giftigen Dämpfe und der sogenannten schlagenden Wetter, welche leider so häufig Menschenopfer, und zwar gewöhnlich gleich massenweise, fordern.

Den Gefahren, welchen somit die im Dienste der modernen Industrie arbeitende Bevölkerung tagtäglich ausgesetzt ist, kann freilich vielfach vorgebeugt werden durch Vorsicht, und zwar auf Seiten der Arbeiter wie der Unternehmer. Leider aber wird diese Vorsicht beiderseits nur zu oft vernachlässigt.

Von einem sehr großen Theile aller der Unglücksfälle in Fabriken etc. läßt sich mit ziemlicher Sicherheit constatiren, daß er nur durch Unvorsichtigkeit oder Leichtsinn der Arbeiter selbst

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 278. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_278.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)