Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1880) 276.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


ästhetischen Anschauungen und beruhte keineswegs auf seiner positiven Ueberzeugung. Ich hatte ihm einmal eine Anzahl geharnischter Sonette geschickt, die, aus einer äußern Veranlassung entstanden, gegen die despotische Kirche zu Felde zogen, und erhielt folgende schriftliche Abweisung: „Ich fühle mich nicht befähiget, Dichtungen zu beurtheilen, welche gegen den Katholicismus im Allgemeinen gerichtet sind, da ich an diesem stets nur das poetische Ideal betrachtet habe, ohne mich von den Entartungen der Realität abschrecken zu lassen.“

Das poetische Ideal war es, was ihn zum weihraucherfüllten, von Musik durchklungenen Dome und zu der Menge anbetender Gläubigen hinzog; vor dem Unbegreiflichen und Ewigen wollte er mit ihnen auf den Knieen liegen, ohne darum ihre Dogmen und Satzungen zu beobachten. Er unterschied zwischen religiöser Stimmung und religiösem Glauben und mochte nicht leiden, daß ihm dieser durch eine protestantische Predigt aufgenöthigt wurde, während er jene am reinsten und unmittelbarsten im Cultus der katholischen Kirche zu empfangen schien. Sein intimer Umgang mit dem ehemaligen Fürstbischof von Breslau, der sofort abgebrochen wurde, als Dr. Heinrich Förster seinen Beitritt zur Unfehlbarkeitserklärung aussprach, ist Holtei, wie vieles Andere, von den biederen Breslauern schwer verübelt worden. Sie nannten ihn einen Achselträger und Heuchler und hatten keine Ahnung davon, wie ungebunden und rückhaltlos der Dichter mit dem geistlichen Oberhaupte vom Dome verkehrte, und wie er auch ihm gegenüber aus seinen freien Ansichten durchaus nicht den geringsten Hehl machte.

Holtei’s Lebensabend wurde durch zwei außergewöhnliche Ereignisse verschönt: durch sein goldenes Dichterjubiläum, das in seiner Vaterstadt festlich begangen wurde, und durch die allgemeine Feier seines achtzigjährigen Geburtstages, an welcher ganz Deutschland sich betheiligte. Auch für mich waren der 21. Mai 1869 und der 24. Januar 1878 denkwürdige Ehrentage; denn man hatte mich ausersehen, für Widmung und Prolog zu sorgen, und ich bin der ehrenvollen Aufforderung mit großer Freude nachgekommen. Konnte ich dem väterlichen Freunde doch einmal vor vielen Ohrenzeugen sagen, wie lieb ich ihn hatte und wie dankbar ich ihm war!

Die Erinnerung an Holtei’s Dichterjubiläum wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Hinter einer glänzenden und zahlreichen Deputation vornehmer Herren und schöner Damen – die Artôt und Padilla waren als junges Ehepaar dabei – schlich ich in einem geliehenen Frack die Stiegen des bekannten Hôtels hinauf. Freiherr von Ende trug auf einem Atlaskissen den Lorbeer aus massivem Golde, welcher auf seinen Blättern die Titel von Holtei’schen Werken zeigte. Eine Dame überreichte dem Jubilar das Zueignungsblatt, das außer meinen Versen die Namen seiner Freunde und Kranzspender enthielt; eine andere Dame übergab ihm ein verblichenes gedrucktes Papier mit altmodischen Lettern, von einem gestickten Rahmen eingefaßt – es war der Theaterzettel vom 21. Mai 1819, der die erste Aufführung der „Farben“ im Breslauer Stadttheater ankündigte. Während die Schauspielerin Helene Widmann die Zueignung sprach, lehnte Holtei an dem Thürpfosten und weinte wie ein Kind. Dann aber war er schnell gefaßt, unterhielt die Gesellschaft auf’s Lustigste und erzählte seine „Göttergeschichten“.

Ernster und trauriger für den Dichter verlief die Feier seines achtzigjährigen Geburtstages. In völliger Gebrochenheit und von Leiden aller Art gequält, saß er in der stillen einsamen Zelle des „Barmherzigen Bruderklosters“, die er nur verlassen sollte, um sie mit einer noch einsameren und stilleren unter der Erde zu vertauschen. Nur wenige Gratulanten wurden vorgelassen, und die wenigen standen verlegen, einsilbig und niedergeschlagen um den Kranken, dem die Vernichtung schon ihre sichtbaren Zeichen in’s Antlitz geprägt zu haben schien. Während am Abend vor einem unabsehbaren Publicum, das aus ganz Schlesien nach der Hauptstadt geeilt war, Holtei’s Lieder gesungen und seine Gedichte declamirt wurden und der Festredner Karl Weinhold den Dichter in warmen beredten Worten feierte, stöhnte der gequälte Mensch auf seinem Schmerzenslager und rief vergebens nach dem einzigen barmherzigen Bruder, der ihn von seinen Schmerzen erlösen konnte, nach dem Allerbarmer Tod. Noch zwei lange, unsäglich elende Jahre sollten hingehen, ehe der ersehnte Erlöser und Befreier an seine Thür klopfte.

Gleich einem Gefangenen, der kaum ein Stück blauen Himmels und ein paar Schornsteine von seinem vergitterten Fenster aus zu sehen bekommt, verlebte Holtei, an den Lehnstuhl gefesselt, düstere Stunden; von Schreiben und Lesen war bald die Rede nicht mehr; er ließ sich in der ersten Zeit noch manchmal etwas vorlesen und nahm auch an den Ereignissen des Tages Theil, so gut es eben anging. Dann aber kamen Perioden, wo sein Geist umnachtet war, Gesichtstäuschungen und Gedankenstörungen eintraten und er Niemanden erkannte. Nur mit innerstem Widerstreben bin ich den Weg zum Kloster gegangen. Jeder Besuch regte mich im Tiefsten auf; das Bild, das ich aus früheren Tagen von Holtei empfangen hatte, erschien mir bis zur Unkenntlichkeit entstellt und verzerrt, und der Geruch des Krankenhauses, sowie die sich fühlbar machende Nähe von Sterbenden und Todten wirkten so deprimirend auf Geist und Körper, daß ich jedesmal unwohl und im Fieber nach Hause kam.

Bei unserem letzten Wiedersehen hatte er einen guten Tag. Sein Gedächtniß war wieder da, und wir plauderten eine halbe Stunde. Zu meinem Erstaunen fand ich ihn auf das Genaueste über alle meine Verhältnisse, die mich in die Fremde fortgedrängt, unterrichtet. Und er hat mich beruhigt und getröstet wie in alter Zeit, und seine letzten an mich gerichteten Worte waren Worte herzlicher Liebe und Güte. Ich fühle noch den Druck seiner kalten abgestorbenen Hände, die nun in der Erde ruhen.

Als ich ihn noch einmal besuchen wollte, um Abschied von ihm zu nehmen, hatte er selber auf ewig Abschied genommen.




Der Dichter der „Kinderheimath“.

In der Nähe Münchens liegt idyllisch das Dörfchen Krailing. Herrliche Waldungen ziehen das anmuthige Würmthal entlang. Waldesgrün, Waldesluft und Waldesfrieden begrüßen hier den Besucher. Alljährlich, sobald der Frühherbst in das Land zog, durchstreifte diese Gegend ein Gast, der von Alt und Jung gekannt und geliebt war. Derselbe war eine imposante, äußerst gewinnende Erscheinung. Das wohlgeformte Antlitz, durch das ein Zug von Wohlwollen ging, war von einem sorgfältig gepflegten Bart umrahmt. Das freundliche Auge strahlte ein seltenes Feuer des Geistes.

Dieser regelmäßige Besucher war Friedrich Güll, der Dichter der „Kinderheimath“. Wie der Lerche das Saatfeld und die Bläue des Himmels, so war seinem poetischen Gemüthe der Wald ein Bedürfniß. Inmitten der heitern Landschaft suchte und fand er Erholung und geistige Frische. Die von Arbeit und Sorgen gelähmten Schwingen des Geistes sammelten hier neue Flugkraft. Seine in Krailing empfangenen Eindrücke legte Güll in Sprüchen, Versen, Stammbuchblättern etc. nieder und brachte diese als werthvolle Ausbeute mit in die Heimath.

Der Herbst des vergangenen Jahres war der letzte, der ihn in sein geliebtes Walddörfchen führen sollte. Kurz vor Jahresschluß ist er in München aus dem Leben geschieden.

Güll gehört nicht zu jenen Berühmtheiten, deren Name auf Aller Lippen ist; selbst unter den literarisch Gebildeten wird eine ganze Anzahl seinem Namen zuerst an dieser Stelle zu begegnen meinen. Sie irren sich – sie haben es nur vergessen, daß dieser Name unter so manchem Liedchen in den Fibeln und Lesebüchern ihrer Kindheit gestanden, vielleicht gerade unter solchen, die ihnen einst die liebsten waren und die sie heute noch nicht vergessen haben. Und daß ihnen diese Erinnerung nicht wieder aufgefrischt wurde, daran ist jener unbegreifliche, kaum zu bezwingende Wahn schuld, als könne es gar keine Jugenddichtung geben, welche wirklichen Kunstwerth habe, welche in die Literaturgeschichten gehöre. Sie wird in Bausch und Bogen wie das Spielzeug der Kinder behandelt, das man kauft, um es zerreißen und zerbrechen zu lassen.

Aber Güll war ein wirklicher Dichter, und einer, der ein Gedenkblatt an dieser Stelle verdient. Das Leben hat ihn, den unermüdlich ringenden, zur Höhe des Schaffens strebenden Mann, leider immer mit so kurzem Zügel geführt, daß er nie zu rechter

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 276. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_276.jpg&oldid=- (Version vom 29.4.2021)