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Seite:Die Gartenlaube (1880) 250.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)

Der Todesgruß auf der Tay-Brücke.


„Ade, lieb’ Mutter!“ – „Mit Gott, mein Kind!“
Da pfeift’s. Ein Taschentuch flattert im Wind:
Der Abschiedsgruß von der jungen Braut,
Die heute dem Gatten ward angetraut.

Hin hastet der hochauf ächzende Zug,
Besiegend den Sturm im wuchtigen Flug,
Doch dort in der Ecke das selige Paar
Wird von dem Allen Nichts gewahr.

Still, Arm um Nacken und Hand in Hand,
So fliegen sie über das schneeige Land,
Ohn’ es zu achten, weltentrückt,
Voll seliger Träume, beglückend, beglückt.

Es tauchte unter so Raum wie Zeit
Tief in dem Meere von Seligkeit,
Das durch die Herzen wogend rauscht,
Wenn Liebe man um Liebe tauscht.

Genüber der lebensmüde Greis
Betrachtet die Beiden und flüstert leis:
„O, ginge nimmer solch Glück vorbei!
War auch einst glücklich wie diese Zwei.

O Tod, Du langsamer falscher Knecht,
Wie übst Du Dein Amt so träg und schlecht!
Als einst ich genossen das höchste Glück –
Das war Deine Zeit: was hielt Dich zurück?“

Hin stürmt der Zug durch die Grafschaft Perth,
Wild stürmt die See in dem buchtigen Firth,
Darein der Tay seine Wogen stürzt,
Deß stürmisch Gefäll seinen Lauf verkürzt.

Doch stürmischer als des Zuges Flucht,
Und stürmischer als der Wogen Wucht
Erbraust und dränget und wühlt der Orkan,
Der dröhnend umheult des Zuges Bahn.

Die Liebenden träumen von ewigem Glück;
Des Greises Seele weilt weit zurück:
Da plötzlich zittert und wankt der Pfad,
Als sich der Zug der Brücke genaht …

Ein Pulsschlag noch … Wo blieb der Zug?
Wo blieben sie, die er landwärts trug?
Hinunter, hinab von der Brücke des Tay
Ward er gesenkt in die tiefe See.

Der Sturm erbraust und heult wie vorher;
Wild tost und schäumt und gischtet das Meer –
Kein Zeichen, kein Trümmer verräth das Grab,
Dem der Tod so reiche Ernte gab.

Die junge Liebe, den müden Greis,
Sie mähte der Sturm auf des Tods Geheiß:
Doch hatte ihnen das Glück verliehn
Ein selig Lächeln als Gruß für ihn.

Von schweren Unglücks langem Bann
Erlöste der Tod den alten Mann …
Die Liebenden aber hat er zart
Vor aller Trübung des Glücks bewahrt.

Johannes Proelß.


Das Frühlingsblümchen.
Erzählung von A. Godin.
(Schluß.)

„Mir war zu Muthe, wie Einem wohl im Traume ist, wo man sich mitunter wie gefesselt fühlt, sich nicht bewegen, nichts sprechen kann, während man doch weiß, wie nothwendig das wäre. Ein bewimpelter Nachen glitt vorüber; junge Stimmen sangen darin; der Klang hallte melodisch über das Wasser.

‚Warum sollt’ ich mit einem Fremden wegziehen? Daheim ist es doch so schön,‘ sagte Anna in klarem Tone. ‚Wenn ich Abends einschlafe, freue ich mich schon auf den nächsten Tag; ich käme um vor Heimweh, müßte ich fort?‘

‚Das ist Einbildung, Anna,‘ sagte ich beinahe schroff. ‚Wie Klein dazu gekommen ist, um Dich zu werben, weiß ich nicht; Du hast damit heimlich gegen mich gethan von Anfang bis zu Ende, weißt Du aber nichts weiter gegen ihn einzuwenden, als daß Du lieber daheim bleibst, so wäre das ein kindischer Grund. Du bist freilich noch sehr jung, hast aber doch schon genug gesehen, um zu wissen, was ein Arbeitsleben heißt, wie es Dir bevorsteht. Sieh Deine Mutter an! Wie müde sie ist, wie sie sich plagt vom Morgen bis in die Nacht! Du hast mehr gelernt, vielleicht denkst Du Dir die Zukunft leichter. Das wird sie aber nicht sein; fremdes Brod ist selten schmackhaft – glaube mir! In die Fremde, wie Du es nennst, mußt Du nun ohnehin bald – das weißt Du selbst. Hätte Klein Dich nicht sehr lieb gewonnen, so würde er nicht um Dich geworben haben; er könnte überall anfragen und wäre bester Aufnahme sicher. Du wirst glücklich mit ihm sein; es ist ein guter, wackerer Mensch; sein Wohlstand wird nicht nur Dir selbst ein angenehmes Leben bereiten, Du kannst später auch für Deine kleinen Brüder mitsorgen, kannst manches für Deine Mutter thun, welche Dir so lieb ist. Sei deshalb nicht kindisch, nicht eigensinnig, Anna! Das wäre unrecht.‘

Sie hatte mich ausreden lassen, ihre großen Augen aufmerksam auf mich geheftet. Als ich zu Ende war, sagte sie ernsthaft:

‚Alles, was Sie da sagen, ist wahr, Herr Isen, nur Eines nicht: daß ich heimlich gegen Sie gethan hätte. Nicht im Traume ist mir’s eingefallen, daß der Herr Klein solche Gedanken haben könnte, bis heute. Wenn er mit dem Vater gerechnet oder Sie besucht hatte, saß er wohl nachher immer ein Stündchen bei uns, und ich plauderte mit ihm, wie mit den Anderen auch, die herkommen. Er hat sich aber nie so etwas anmerken lassen, oder ich hab’s doch nicht gemerkt. Der Mann ist gut und brav – ja wohl, aber er geht mich nichts an? Sie meinen, ich müßte doch fortgehen? O nein, das hab’ ich schon lange bei mir in’s Reine gebracht. Die Klosterfräulein geben mir feine Arbeit herüber. Nähen und Häkeln kann ich gut; damit verdiene ich genug. Es kann Ihr Ernst nicht sein, daß ich fort soll, so lange Sie hier sind, und Sie bleiben doch bei uns?‘ Ihre unschuldigen Augen blickten sonnig und treuherzig wie die eines Kindes, als sie lächelnd hinzufügte: ‚Was sollten Sie wohl ohne das Frühlingsblümle anfangen, und was würde aus mir – ohne Sie!‘

Ihre Innigkeit drang mir in die Seele. In diesem Augenblicke erschien mir, was sie so schlicht aussprach, wirklich als Wahrheit. Was sollten wir Beide anfangen ohne einander? Ich schwieg aber dazu.

Nach dem Verschwinden der Sonne machte sich der Abendwind auf; rasch brach Dämmerung herein.

‚Es wird kühl,‘ sagte Anna, setzte, ohne zu fragen; die Ruder in Bewegung und fuhr heimwärts. Wir wechselten kein weiteres Wort.

Ich konnte in der folgenden Nacht nur wenig schlafen. Mit der bloßen Möglichkeit, daß sich ein weibliches Herz dem armen Krüppel anders zuwenden sollte, als in freundschaftlicher Theilnahme, hatte ich längst und vollständig abgeschlossen. Auch hätte Anna’s Offenheit mich beruhigen können; dennoch tauchte der eine kurze Blick, welcher so beredt gesprochen, durch Dunkelheit und Schweigen immer wieder auf. Arglos, wir unser Verkehr seit Jahren gewesen, bot er doch, nun ich darüber nachsann, gar manches, um eine junge, unbeschäftigte Phantasie zu reizen. Der Gedanke, daß Anna mich lieben könne und sich dessen bewußt sei, beunruhigte mich mehr, als ich mir zugeben wollte. In der Seele dieses Kindes lag bei aller Fröhlichkeit etwas Tiefgründiges; was sie erfaßte, hielt sie fest. Das Unbehagen, durch Sorglosigkeit etwas groß gezogen zu haben, was sich nicht mehr ungeschehen machen ließe, hielt aber nicht Stand – weder vor meinem reinen Bewußtsein, noch vor der Ueberlegung, daß es sich hier doch um ein halbes Kind handle.

Ich beschloß, mit offenen Augen zu prüfen, ob ich mich nicht vielleicht ganz und gar getäuscht. Im unerwünschten Falle gab es einen sicheren Weg, das gewiß erst keimende Unheil in sein Nichts aufzulösen: das alte bewährte Mittel der Entfernung. Die Angelegenheit Klein’s bedurfte auf alle Fälle der Vertagung; ich nahm mir vor, die Eltern und, wenn mir dazu Gelegenheit werden sollte, den Freier selbst auf Geduld zu verweisen, da Anna wirklich zu jung sei, als daß es gerathen erscheine, sie zu überreden. Was ich mir während der Nacht so verständig zurecht gelegt, erschien noch viel richtiger im Lichte des Tages. Ein Brief Klein’s bestärkte mich. Es mochte seiner etwas zurückhaltenden

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 250. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_250.jpg&oldid=- (Version vom 24.4.2022)