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Seite:Die Gartenlaube (1880) 212.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


Das Frühlingsblümchen.
Erzählung von A. Godin.

Vor Jahren, als mich mein Arzt zum Curgebrauch nach Wiesbaden gesandt hatte, bemerkte ich dort unter der großen Zahl von Kranken und Gesunden einen jungen Mann, der, in einem Rollwagen ruhend, viele Stunden im Freien zubrachte. Ein ältlicher Bedienter setzte das kleine Fuhrwerk in Bewegung; sein hageres, grämliches Gesicht diente gewissermaßen zur Folie des schönen Kopfes seines Herrn, dessen blühende Farbe und freie Haltung bei einem Leidenszustande auffallen mußte, der offenbar einen Theil der Glieder lähmte. Noch größere Gegensätze bildeten der schwermüthig durchgeistigte Ausdruck der Züge und der lebhafte Blick; körperliches Leiden hatte das Feuer dieser Augen nicht zu dämpfen vermocht; es verrieth sich auch dann, wenn sie an Menschen und Dingen nur vorüberstreiften.

Unfern des Curgartens liegt ein grün umschatteter Weiher, dessen kleine Insel durch eine leichte Bogenbrücke mit dem Parkwege verbunden ist. Auf diesem Inselchen pflegte ich mich Nachmittags einzufinden, um fünf Uhr, wo die große Fontaine springt und das Concert beginnt; um diese Zeit war es dort einsam; man konnte in ungestörter Freiheit nach dem Menschengewimmel jenseits ausschauen. Bald bemerkte ich, daß der Curgast, welcher mich interessirte, diese Liebhaberei mit mir theilte. Der alte Bediente fuhr den Wagen regelmäßig bei Beginn des Concertes unter eine Buche, die breite Schatten warf, und zog sich dann schweigend zurück. Der Leidende blieb immer allein, sah aber nie gelangweilt oder verstimmt aus, was meine Sympathie für ihn steigerte. Wer mochte er sein? Ein im Felde verstümmelter Officier? Ein durch Krankheit Gelähmter? Zuweilen schien mir, als müßte mein eigenes Gedächtniß darauf Antwort geben; ich hätte darauf schwören mögen, das Gesicht schon früher gesehen zu haben. Aber wann und wo?

Eines Nachmittags, als wir beiderseits wieder der Musik zuhörten, kam mein Arzt des Weges. Er hielt seinen Schritt vor dem Rollstuhl an, wechselte einige Worte mit dessen Insassen und ging weiter. Dann bemerkte er mich und kam zu mir heran, sehr willkommen; denn schon wartete auf meinen Lippen die Frage:

„Mit wem sprachen Sie eben, Doctor?“

Er folgte meinem Blick. „Wie?“ sagte er verwundert. „Das ist ja Reinhold Isen.“

„Der Name klingt gut, aber Sie sprechen ihn aus, als sagten Sie: das ist ja Napoleon, oder Richard Wagner, oder sonst ein Weltwundermann. Mir ist er ein Klang, kein Begriff.“

„Und doch streiften Sie an diesem Begriff nahe vorbei, als Sie eben Richard Wagner nannten. Isen war einer von dessen ersten Interpreten. Sollte Ihnen wirklich der zur Zeit in ganz Deutschland genannte Tenor unbekannt geblieben sein?“

Plötzlich ward es hell in meiner Erinnerung; nun wußte ich, welche Aehnlichkeit stets vor mir gaukelte. Zwar hatte ich den Künstler nie selbst gesehen oder gehört, doch ging sein Bild damals durch alle illustrirten Blätter.

„Derselbe Reinhold Isen,“ fragte ich interessirt, „welcher mit der Flugmaschine so unglücklich stürzte?“

„Derselbe. Seit Jahren ist er hier ein regelmäßiger Curgast und nebst seinem typisch gewordenen Joseph jedem Kinde in Wiesbaden bekannt.“

Die Mandolinata verhallte als letztes Concertstück, während der Doctor seinen Weg fortsetzte. Ich saß nachdenklich; mein Blick schweifte mit gesteigertem Antheil zu dem Unglücklichen hinüber, dessen Namen und Loos ich soeben erfahren. Welch ein Loos! Von der Höhe des Ruhmes, des Erfolges gestürzt, nicht nur die Füße gelähmt, gewissermaßen auch die Flügel – Alles dahin, was Anderen das Leben beschwingt, und – allein!

Heute war ein milder, etwas schwüler Abend; über Laub und Wasser brütete eine Stille, die sich wie leise Müdigkeit auch über Glieder und Augen spann. Der Sänger drüben unter der Buche hatte einen kleinen Band aufgeschlagen, in dem er las. Vereinzelte Spaziergänger kamen von Zeit zu Zeit des Weges, um bald wieder zu verschwinden. Es war so still, daß ein schwaches Geräusch mich unwillkürlich von meiner Handarbeit aufblicken ließ. Dem Lesenden war sein Buch entglitten; es lag im Grase. Er machte eine unwillkürliche Bewegung sich abwärts zu neigen; als er bemerkte, daß es zwischen Buch und Wagen doch ein paar Schritte Zwischenraum gab, lehnte er sich resignirt zurück. Schon war ich über der Brücke, reichte ihm mit schweigendem Gruße das Buch und wollte eben an meinen Platz zurückkehren als er mich ansprach:

„Dank für Ihre Güte, verehrte Frau!“ Im melodischen Klang der Stimme lag ein Zögern, das mir den Schritt hemmte, und wirklich setzte er nach einem Augenblick hinzu: „Möchten Sie mir vielleicht einen Moment weiter schenken, weil Sie doch eine Samariterin sind? Und weil wir uns gewissermaßen als Nachbarn betrachten dürfen?“

„Gern,“ sagte ich, und nahm auf der zunächst dem Wagen befindlichen Bank Platz.

Er sah mich freundlich an.

„Sie haben von ferne große Aehnlichkeit mit meiner Mutter,“ sagte er mit liebenswürdigem Ausdruck; „in den Bewegungen, meine ich. Verzeihen Sie, wenn das mich vielleicht unbescheiden machte: wer weiß, ob Sie aufgelegt sind, sich zu unterhalten.“

„In jeder alten Frau regt sich leicht ein mütterlicher Zug,“ sagte ich lächelnd: „wenn Ihr Instinct dies errieth, behält er Recht.“

Während ein angeregtes Gespräch sich weiter spann, erfreute mich die Lebendigkeit, mit der mein neuer Bekannter jedes berührte Thema aufnahm und demselben Inhalt gab. Sein bewegliches Mienenspiel erhöhte den Eindruck der geistreichen Worte. Nun ich ihm nahe saß, gewahrte ich, daß er nicht so jung war, wie er mir von einiger Entfernung aus erschienen. Feine Linien zogen sich bereits um Stirn und Augen. Trotzdem blieb der Eindruck des lebensvollen Kopfes ein jugendlicher; denn gerade um Stirn und Augen lag ein merkwürdig genialer Zug, welcher die leise Spur des Alters gleichsam wieder aufhob. Während er sprach, wurde der geistige Ausdruck intensiv; schwieg er, dann trat um den von keinem Bart beschatteten Mund ein Zug von Schwermuth hervor.

Von dieser ersten Gesprächsstunde an trafen wir, auf Verabredung oder ohne sie, fortan täglich zusammen, im Park oder an irgend einem schönen Punkte, der für Isen’s kleines Fuhrwerk zugänglich war. Die Stimmung, mit der er sein herbes Schicksal trug, setzte mich in wachsendes Erstaunen.

Nach und nach erfuhr ich, daß Isen, als Sohn eines gebildeten Hauses, die sorgfältigste Erziehung genossen und eine Universität besucht hatte, ehe er sich der Bühne zugewandt. Er stand allein, ohne Eltern und Geschwister; der alte Diener war noch ein Erbstück aus dem väterliche Hause.

Meine Curzeit war abgelaufen, und die Heimreise stand bevor. Mit Bedauern dachte ich daran, von Isen scheiden zu müssen; selten war mir ein so sympathischer Mensch begegnet, ein träumerischer und zugleich thätiger Geist, der überall auf gründlicher Wahrheit beruhte.

Wir verabredeten, den letzten Nachmittag auf dem Neroberge zuzubringen. Als ich oben anlangte, fand ich die Stätte vor dem Säulentempel noch leer. Der Himmel war bedeckt: zwar zeichnete sich die Kette des Taunus, der Odenwald deutlich ab, über Thalgrund und Stadt lag aber ein gedämpfter Ton, welcher zu den Abschiedsaugen stimmte, mit denen ich darauf blickte. Das Heranrollen eines Wagens unterbrach bald meine Gedanken; zum erste Male sah ich Isen in einem andern Fuhrwerk als seinem Rollwagen. Joseph sprang vom Kutschersitze, machte das an die Droschke befestigte Wägelchen los und öffnete den Schlag. Er nahm seinen Herrn gleich einem Kinde auf die Arme und trug ihn in den Rollstuhl. Der Plaid, welcher den Unterkörper verhüllte, die Sicherheit, womit der kräftige Mann seine Bürde hielt, verminderten jedes Peinliche; dennoch schnürte es mir das Herz zusammen, als ich die völlige Hülflosigkeit des Armen so vor Augen hatte. Bereits war die Droschke davon gerollt; Joseph hatte ein Körbchen voll schöner Früchte in erreichbare Nähe gestellt und sich dann in seiner discreten Gewohnheit zurückgezogen, als ich noch immer kein Wort fand.

Isen mochte mir die Gedanken von der Stirn lesen. „Ja,

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 212. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_212.jpg&oldid=- (Version vom 24.4.2022)