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Seite:Die Gartenlaube (1880) 166.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


sind besonders nennenswerth „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ (zwei Bände) und „Die Metamorphose der Insecten von Surinam“.

Zu der Zahl der reisenden Frauen, die künstlerische Thätigkeit bewährt haben, gehören auch Frau Agassiz und Frau Fedtschenko. Erstere, die Gattin des berühmten Naturforschers und Ichthyologen, begleitete denselben auf seinen Forschungsreisen nach dem Amazonenstrom. Die Erlebnisse dieser ertragreichen Reise sind von Frau Agassiz veröffentlicht worden, die ebenso gut die Feder wie den Pinsel zu führen verstand. Frau Fedtschenko, eine Russin, theilte mit dem Gatten auf einer mehrjährigen, sehr beschwerlichen Forschungsreise im Altaigebiete, am Oxus, in Chokand alle Beschwerden und künstlerischen Arbeiten.

Die Völkerkunde des Orients hat Lady Mary Worthley Montagu in hohem Maße gefördert. Als Gemahlin des Lord Edward Montagu, der als Gesandter nach Constantinopel gegangen war, lernte sie die Levante und das Leben im türkischen Orient kennen, wie nie eine Frau zuvor. Mit der Sultanin eng befreundet, hatte sie Zutritt in den Harem. Ihre Reisebriefe an die Dichter Addison, Young, Pope setzten die geistreiche Welt Albions in preisende Bewunderung. Sie hat zuerst das orientalische Leben, die Sitten und Zustände des Morgenlandes in ihrer innersten Eigenthümlichkeit entschleiert. Sie war es auch, welche die Impfung der Schutzpocken in Constantinopel kennen gelernt, dieselbe an ihren eigenen Kindern selbst angewandt und zuerst, lange vor Jenner, 1721, in England eingeführt hat.

An die Wanderungen der Lady Montagu reihen sich die Reisen ihrer Landsmännin Lady Rich an. Ihr Gatte war Consul in Bagdad und einer der berühmtesten englischen Orientalisten, Alterthumsforscher und Diplomaten. Das Consulathaus desselben zu Bassora war offenes Asyl, Gasthaus, Hospital, Akademie für Sprach- und antiquarische Studien, Bibliothek und Museum. Und an der Spitze dieses Hauses waltete Lady Rich. Sie theilte mit dem Gatten seine sprachlichen, historischen, antiquarischen Studien, als er die Ruinen von Babylon erforschte und die von Niniveh bei Mosul zuerst entdeckte. Lady Rich begleitete ihn hoch zu Roß und Kameel durch ganz Vorderasien nach Constantinopel, und von da wieder zurück durch ganz Kleinasien, den Kaukasus, Armenien bis an den Tigris. Ein ganzes Jahr hindurch folgte sie ihm auf seiner Entdeckungsreise durch das damals noch unbesuchte Kurdistan, dann nach Persien, zur Untersuchung der Ruinen und Keilschriften von Persepolis. Von hier wollte Sir James Rich zu Lande nach Bombay gehen, wo er eine hohe Stellung im indischen Gouvernement antreten sollte, während Lady Rich ihm zu Schiff dorthin vorauseilte. Glücklich ist sie gelandet; Monate gehen vorüber; mit Sehnsucht erwartet sie den Gatten – da naht das persische Schiff mit der Trauerflagge und bringt Todesbotschaft von dem Ersehnten, welcher der Cholera erlegen war. Der Schrecken wirft sie zu Boden, und nach dreitägiger todesähnlicher Ohnmacht war ihr vielbewundertes, glänzendes, tiefschwarzes Haupthaar zu stumpfer, farbloser Blässe ergraut und sie selbst bis zur Unkenntlichkeit gealtert. – Die Geographie verdankt ihr mehrere classische Werke, die sie später herausgab.

Bombay erinnert an Frau Amalie Heber[WS 1], die Gemahlin des Bischofs Heber in Calcutta. Sie war 1823 mit dem Gatten nach Bengalen gekommen, durchwanderte an seiner Seite die große Diöcese, ganz Hindostan von Calcutta bis Bombay und Madras, und beschrieb nach des Gatten frühem Tode (1826) die Reisen, sein Leben und seine Wirksamkeit auf eine für die Länder- und Völkerkunde Indiens anerkannt sehr lehrreiche Weise.

Auch in die Einöden Australiens drang der Forschungstrieb einer deutschen reisemuthigen Frau. Frau Amalie Dietrich aus Siebenlehn in Sachsen bereiste von 1863 bis 1873 im Auftrag des Herrn Godefroy in Hamburg für dessen berühmtes Museum Australien, namentlich Queensland, die in unseren Tagen vielbesprochenen Samoa-, die Tonga- oder Freundschaftsinseln, um daselbst naturwissenschaftliche Sammlungen zu machen. Sie brachte eine reiche ethnologische Auslese mit, die zu den werthvollsten Schätzen in dem genannten Museum gehört. – Und eben wird aus Kopenhagen berichtet: Fräulein Therese Peturson, eine Tochter des Bischofs in Reykjavik, hat in dem letzten Sommer, 1879, mit geologischen Untersuchungen beschäftigt, den Hekla bestiegen, mannigfache Beobachtungen im Krater und auf dessen Boden über Temperatur, Schwefelgehalt etc. angestellt und Stöße, Ausbrüche vorhergesagt, die später nach Ort und Stärke genau erfolgt sind.

An hochinteressante Reisewerke von Frauen erinnern schon die bloßen Namen Lady Esther Stanhope, Frau von Staël, Frau Talvj (Therese Jacobs), Frau Ida Pfeiffer, der der jugendlichen Holländerin Fräulein Tinne. Die reiche belletristische Literatur der „Reise-Briefe“, „Reise-Schilderungen“, „Reise-Eindrücke“ etc. von Frauen kann hier füglich ganz übergangen werden.

Was bisher gesagt worden, möge genügen, um daran zu beweisen, daß die geistigen Fähigkeiten der Frauen oft überraschend reicher sind, als man gewöhnlich anzunehmen beliebt – es möge genügen als Einleitung für die folgenden zwanglosen Mittheilungen aus Reisen von Frauen, welche an den großen geographischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte verdienst- und ruhmvollen Antheil genommen haben.

J. Loewenberg.




Karpathen-Menschen.
2. Paulu, der Vergeßliche.
Von F. Sch.


Nach mehrwöchentlichem Umherwandern hatte ich wieder einmal festen Wohnsitz auf einem der zahl- und namenlosen, tief in’s Rumänenland sich erstreckenden Ausläufer der Karpathen genommen, einem gar heimlichen, erquickenden Stück Erde. Die gleich einer ruhenden Meereswoge gestaltete Bergkuppe selbst, auf welcher ich hauste, bot den anmuthigsten Wechsel von sammtgrünen Wiesenteppichen und dunkelschattigen Waldpartien, durch welche reizende Pfade neben lustig plätschernden Silberbächen führten, ringsum aber gab es prächtige Bergformen, grotesk zerklüftete Felsenwände und brausende Sturzquellen zwischen Triften mit weidenden Heerden und idyllischen Hütten. Was letztere betrifft, so wußte ich freilich aus Erfahrung, daß sich das „Idyllische“ derselben auf ihre Außenseite beschränkte, wie denn das Innere der von mir zum Aufenthalt erkorenen Hütte mir beim ersten Eintritte eher dem Gedeihen räucherungsbedürftiger Speckseiten, als demjenigen menschlicher Wesen förderlich erschien.

Als mir jedoch Margita, ein wunderhübsches Kind der Berge, das hier als rumänische Vestalin den ewigen Rauch des Herdfeuers unterhielt, frisch und rosig wie eine von der Sonne reif geküßte Aprikose entgegenlächelte, erkannte ich meinen Irrthum, rieb die brennenden Augen und blieb.

Diesen Entschluß bereute ich nicht; denn so widerwärtig das zweite weibliche Wesen in der Hütte, die Mutter Dordona war – Margita’s heiteres Walten bewirkte, daß ich das stete Rumoren der Alten schließlich gleichmüthig hinnahm.

Ueberdies hatte ich in dem Diener des Hauses, auf welchem Dordona’s Knochenhand mit voller Schwere lastete, ein wahres Muster von christlicher Ergebung vor Augen. Dem gutmüthigen Burschen, der sich trotz seines etwas einfältigen Gesichtsausdruckes als einer der tüchtigsten Führer in den Karpathen erwies, schien das Gekeife der Alten kaum störender, als dem Müller das Klappern der Mühle, und selbst wenn die Alte dem Kleingewehrfeuer scharfer Worte das grobe Geschütz von Feuerbränden oder eisernen Kesseln folgen ließ, wich er diesen mit demselben verbindlichen Lächeln aus, mit dem etwa der galante Städter einer ihm auf den Fuß tretenden Dame sein „Bitte, es war mir ein Vergnügen!“ erwidert.

An Veranlassungen zu solchen Gefechtsübungen fehlte es um so weniger, als Paulu an einer wirklich hochgradigen Vergeßlichkeit litt, deren Ueberraschungen, an und für sich nur komisch, Frau Dordona aus irgend welchem mir damals noch nicht erklärbaren Grunde stets in unbeschreibliche Wuth versetzten.

Saß der arme Bursche während der Mittagsruhe beim Herdfeuer, gedankenvoll und schweißtriefend, bis ihn Margita

Anmerkungen (Wikisource)

  1. i.e.: Amelia Heber, 1789–1870‏
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 166. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_166.jpg&oldid=- (Version vom 20.8.2021)