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Seite:Die Gartenlaube (1880) 070.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)


„Schweige!“ unterbrach ihn der Pascha mit zorniger Geberde. „Sie muß genesen – hörst Du? Beanspruche ein Vermögen, aber heile sie! Mebruhki muß leben. Weh Dir, wenn Du noch einmal sagst, daß ihr Zustand ein bedenklicher sei! Jetzt eile zu ihr!“ –

Anfangs hatte es den Anschein, als wolle die Natur dem Befehl des mächtigen Mannes Folge leisten. Man weiß nicht, ob es der Luftwechsel oder Doctor O.'s Behandlung war, was das Zehrfieber des schönen Geschöpfes plötzlich hemmte, kurz, Mebruhki schien überraschend schnell zu genesen.

Hundertmal am Tage eilte der Pascha an das Lager der liebreizenden Kranken, um nachzusehen, wie es ihr ergehe, sie auf's Zärtlichste zu fragen, ob sie nichts wünsche, und immer brachte er Mebruhki ein Geschenk mit, entweder seltene Blumen, köstliche Früchte, auch werthvolle Toilettegegenstände, funkelndes Geschmeide, Pariser Spielzeug, Geschenke, welche die Sclavin nicht wenig zu erfreuen schienen. Ein Lächeln ihres Rosenmundes, ein Aufleuchten in ihren dunkeln Augen erfüllte den verliebten Mann mit Seligkeit.

Die Kunde von der so plötzlich aufgekeimten Leidenschaft des Pascha verursachte im Harem keinen geringen Schrecken, der zunahm, je mehr die Krankheit der neuen Favoritin, die eine zweite legitime Gemahlin zu werden drohte, abzunehmen schien.

Als die Damen das Palais in Kairo auf's Neue bezogen hatten und selbst dann Alles beim Alten blieb, als der Pascha sämmtliche Frauen seines Harems einschließlich der Gemahlin ignorirte und jeden freien Augenblick am Lager der „rothhaarigen Kranken“, wie der Harem Mebruhki nannte, zubrachte, da geriethen die Zurückgesetzten, Vergessenen in eine Wuth, die das Schlimmste für die schöne Sclavin befürchten ließ.

Der Leibarzt, den die Damen wegen Mebruhki's halb zu Tode quälten sagte dem Pascha, es sei gefährlich, die Aufregung, welche zur Zeit im Harem herrsche, zunehmen zu lassen.

Hierauf erwiderte der Orientale mit vollendeter Ruhe:

„,Wenn mir der Mond leuchtet, kümmere ich mich nicht um die Sterne.'[1] Sage meiner Gemahlin, ,daß die Eifersucht der Schlüssel zur Scheidung ist.'[1] Die Uebrigen aber sollen es nicht wagen, Mebruhki ein Haar zu krümmen sonst erfahren sie, was ein Löwe zu thun vermag, wenn man ihn reizt. Das sage ihnen, Doctor!“

Doctor O. richtete diese Botschaft nicht aus, sondern theilte den erzürnten Damen zu ihrer Freude mit, daß der Pascha gar bald sein Krankenwärteramt niederlegen würde, da die Verhaßte in Bälde sterben müsse. In Folge dessen legte sich der Sturm, der sich im Harem erhoben. Dem Pascha selbst suchte der Arzt schonend beizubringen, daß ein Rückfall in den alten Zustand zu gewärtigen sei und dieser Rückfall Mebruhki lebensgefährlich werden könnte. Der Pascha lächelte bei dieser Eröffnung und meinte zum ersten Male, daß sein Leibarzt verzweifelt wenig verstehe. Und der Rückfall blieb nicht aus. Indeß bemerkte ihn der Verblendete nicht.

An einem wunderschönen Abend saß er am Rande des Divans, auf welchem die geliebte, in ein duftiges weißes Gewand gehüllte Sclavin ausgestreckt lag. Der Pascha hatte seinem Lieblinge ein goldenes Ei mitgebracht, das lauter Perlen und Rubinen enthielt. Diese schüttete Mebruhki langsam von einer Hand in die andere, während ihre großen glänzenden schwarzen Augen auf den Mann an ihrer Seite gerichtet waren, der zum ersten Male von Liebe sprach und köstliche Luftschlösser für die Zukunft baute.

Auf den rings um die Wände laufenden Divans, welche mit dem zeltartigen, schleierbehangenen Bette die Ausstattung des mit dunkelbraunem Holz getäfelten und von goldenen und blauen Arabesken überwölbten Gemachs bildete, auf diesem Divan aus taubengrauem Atlas, dessen eine Ecke der Pascha und die Sclavin einnahmen, lagen in malerischer Unordnung die Geschenke umhergestreut, mit welchen der Crösus seinen kranken Liebling überschüttet hatte, bunt schillernde Seidengewänder, milchweiße Gewebe aus Brussa, werthvolle Spitzen, blitzendes Edelsteingeschmeide, Goldschmuck, Diademe und Halsbänder von Brillanten, Handspiegel in kostbaren Rahmen, farbige Blumenkronen, Puppen, Bonbonniéren in den verschiedensten Formen und allerlei Tand.

Durch die weitgeöffneten Fenster drang die weiche, wohlige Abendluft, getränkt mit den Düften des blühenden Rosengartens, drangen die Strahlen der sinkenden Sonne, die schöne Sclavin mit rosig-goldenem Schimmer umwebend. Draußen säuselte der Wind in den leise sich wiegenden Zweigen der mit purpurnem Licht umflossenen Palmen; innen war es still, ganz still geworden. Beide schwiegen. Er war über Mebruhki gebeugt, seine Augen senkten sich in ihre feuchtschimmernden „schwarzen Diamanten“.

Mebruhki erhob nach langem Stillschweigen das Haupt, um mit matter Stimme die letzten Worte zu wiederholen, die er ausgesprochen hatte: „Wenn Du mich gesehen hättest, würdest Du mich früher geliebt haben? Sprachst Du wahr?“

Edelsteine und Perlen glitten von dem Schooße der sich Aufrichtenden und fielen leise klirrend auf den marmornen Boden.

„Ich sprach die Wahrheit, Mebruhki!“

„O, hättest Du mich früher gesehen!“ hauchte sie, indem eine tödliche Blässe ihr Antlitz bedeckte, und sank auf das Kissen zurück. Mit lautem Schmerzensschrei warf sich der Pascha auf die Gestalt der Ohnmächtigen.

Der Doctor, welcher bis jetzt stumm in einem Winkel des Zimmers gesessen hatte, erhob sich, trat sanft zu der Gruppe und faßte die Hand Mebruhki's ... es war die Hand einer Todten.

„Todt! todt!“ stöhnte der Minister.

Wenige Minuten später saß der Pascha in einem eleganten Wagen neben seinem Fürsten. Der Khedive hatte ihn abgeholt, um mit ihm spazieren zu fahren. Solche Wünsche sind Befehle.

Der Wagen jagte durch das neue Stadtviertel Ismailia, über die Brücke des Nil, die Ghezireh-Allee hinauf und hielt vor dem viceköniglichen Schloß. Ein Officier trat herzu und legte die Hand auf die Schulter des Ministers.

„Im Namen des Gesetzes sind Sie verhaftet,“ sagte er.

Der Khedive, von seiner bekannten Geldnoth gedrängt, hatte mit echt orientalischer Rücksichtslosigkeit beschlossen, sich der Reichthümer seines Finanzministers und Jugendfreundes zu bemächtigen und ihn selbst aus dem Wege zu schaffen. Damit Ismail-Pascha Saddik keinen Argwohn schöpfen und entfliehen möchte, behandelte ihn der heimtückische Fürst bis zum letzten Augenblick, da er ihn den Schergen überlieferte, mit wärmster Freundlichkeit. Darnach ließ er ihn unverzüglich nach Oberägypten schaffen, ohne ihm zu gestatten, daß er von seinen Frauen und Kindern Abschied nehme, und als während der Nilreise der Geächtete plötzlich starb, argwohnten Viele eine Vergiftung.

Jetzt hat auch ihn, den heimtückischen Khedive, die Nemesis ereilt.




Von unseren Landsleuten in Rio Grande do Sul.

Wer die Wasserwüste des Atlantischen Oceans durchschifft hat und endlich in das große Binnenmeer der brasilianischen Provinz Rio Grande do Sul, die Lagôa dos Patos (das heißt Entensee), eingelaufen ist, der fühlt sich zunächst von dem Lande seiner Sehnsucht, Brasilien, das ihm in der Heimath als schön und paradiesisch geschildert wurde, bitter enttäuscht; die Ufer tragen kein freundliches Grün, sondern flach und kahl liegen sie da. Sand und immer wieder Sand – soweit das Auge reicht – ein öder trauriger Anblick!

Kaum aber hat man das nördliche Ende dieses salzigen Binnenmeeres erreicht, so verändert sich die Scenerie: bewaldete Felsenkuppen ragen steil aus dem Wasser empor, und oben wiegt sich die Königin des Südens, die Palme, im Morgenwind, als wollte sie den Fremdling an diesem Gestade willkommen heißen.

Man fühlt, daß man hier in eine neue, fremde Welt eintritt. Das Dampfschiff nähert sich immer mehr und mehr dem waldigen Gestade, und endlich unterscheidet man die einzelnen Bäume, welche durch schlanke Lianen mit einander verbunden sind und auf ihren Zweigen eine üppige Vegetation blühender Orchideen tragen. Tukane mit weit schimmerndem Gefieder und Papageien mancherlei Art fliegen erschreckt und lärmend davon, selbst das Kapuzineräffchen in den Zweigen scheint sich zu fürchten und versteckt sich im dichteren Grün.

Der bewaldete Berg ist bald umschifft. An seiner äußersten Spitze ragt der Leuchtturm von Itapuam; der Thürmer steht oben und grüßt mit der Flagge des Landes, und an der Bewegung des Schiffes fühlt

man, daß der Kiel ein ruhigeres Gewässer durchschneidet, als da draußen auf der Lagôa dos Patos. Man befindet sich hier in dem Becken des

  1. a b Arabische Sprüchwörter.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 70. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_070.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)