Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1880) 060.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880)

nichts Besseres zu thun gewußt, als wieder auf der Ofenbank Platz zu nehmen, und wieder saß Philomena in der Nähe: es schien, als wollte sie sich, wenn es zum Kampfe käme, des Bundesgenossen versichern.

Ueber Allen lag ein gedrücktes Gefühl, wie die Vorahnung dessen, was die nächsten Augenblicke bringen sollten.

Der Eintritt des Knechtes, welcher meldete, der Wagen sei zum Einspannen bereit, brach das Eis und brachte die darunter festgehaltenen Wellen in Fluß.

„Also ist es Ernst?“ sagte der Kogelhofer. „Der Vetter hat sich also anders entschlossen und will schon fortreisen? Habt Ihr gestern nicht gesagt, Ihr wolltet länger bleiben?“

„Das hab’ ich wohl gesagt,“ entgegnete der Krämer, indem er einen Blick auf den Alten heftete, der diesen stille stehen machte. „Es ist auch gerade noch keine ganz ausgemachte Sache, daß ich reise. Es wird nur auf den Vetter ankommen, ob ich mich nicht anders resolvir’. Wie ist’s? Guter Rath kommt oft über Nacht. Wie haben wir’s heut mit einander?“

„Wenn’s weiter nichts ist,“ rief der Alte, in welchem die Regungen des Jähzorns wie Funken aus der Asche aufstiebten, „wenn den Vetter sonst nichts aufhalt’ auf dem Kogelhof, dann kann er alle Bot’ reisen, wohin er will, meinetwegen nach Tripsdrill oder wo der Pfeffer wachst.“

„Ich kann’s doch noch nicht recht glauben,“ entgegnete Rab gereizt, aber an sich haltend. „Ich mein’ immer noch, der Vetter Kogelhofer sollte sich’s besser überlegen, und weil die Kinder doch einmal da sind, will ich gleich Alles heraussagen, damit sie’s auch hören und wissen, wie sie dran sind. Ich will meine Handlung meinem Sohn geben; Ihr sollt den Lenz zum Kogelhofbauer machen und meine Philomena zur Bäuerin.“

Das Hin- und Widergehen des Alten ward zum Rennen.

„No, wenn Ihr’s nicht anders wollt, habe ich auch nichts dagegen,“ schrie er. „Von mir aus können’s die Kinder auch hören, daß ich davon nichts wissen will; von mir aus könnt Ihr Eure Kramerei sieden oder braten, aber über den Kogelhof bin ich Herr; den übergeb’ ich erst, wenn’s mich g’freut, und die Bäuerin such’ ich mir aus nach meinem Gusto und nicht –“

Er wollte noch etwas hinzusetzen, aber ein halb unwillkürliches Mitleid mit dem verunstalteten Mädchen, das in der Gewißheit, daß sich jetzt sein Lebensschicksal entscheide, so bleich und entsetzt da saß, als sollte sie ihr Todesurtheil vernehmen, hielt den Rest auf seiner Zunge fest.

„Ich hab’ Euch gestern schon Alles gesagt, Vetter,“ brach der Bauer ab, „und sehe nicht ein, warum wir das leere Stroh noch einmal dreschen sollen. Sollt’ mich doch wundern, wenn Ihr meine Rede vergessen hättet.“

„Ich hab’ sie nicht vergessen,“ entgegnete der Krämer nach Luft ringend, „aber es kommt mir vor, als hättet Ihr die meinige nicht recht verstanden. Ich hab’ gesagt, Ihr sollt Alles wohl bedenken, damit ’s Euch nicht reut, was Ihr thut!“

„Was?“ rief der Kogelhofer, indem er vor seinen Gegner hinsprang und die Faust gegen ihn erhob, kaum mehr Herr über seine bebenden Glieder und über seine Zunge, „Ihr untersteht Euch noch ’mal, mir zu drohen? Es giebt keinen Menschen auf der Welt, der sich vor den Kogelhofer hinstellen und ihm drohen darf, ohne daß er ihn niederschlägt wie einen Stier, und Du, verflixter Bandelkramer, Du willst mir drohen?!“

Lenz war aufgesprungen und hatte sich zwischen Vater und Vetter gestellt, um es nicht zur Gewalt kommen zu lassen, die so nahe lag, wie das Auffliegen eines Pulverfasses, dem ein Funke bereits nahe gebracht war.

„Ja, ich kann’s,“ war die Antwort des Krämers, der, je mehr sein Widerpart in Hitze gerieth, immer kälter und giftiger wurde. „Ja, ich kann’s; ich sag’ es nochmal und will’s Euch auch sagen, Vetter, mit was ich Euch drohen kann – aber ich thu’ dabei noch ein Uebriges und will’s Euch nicht vor den Kindern sagen, sondern blos in’s Ohr.“

Der Alte stand unbewegt. Seine Stirnadern schlugen ihm sichtbar; die Augen schienen aus den Höhlen treten zu wollen. Der Krämer trat zu ihm, neigte sich zu seinem Ohre und flüsterte ihm einige Worte zu. Es konnten nur wenige Worte sein, die er sprach, denn sie währten keine Secunde. Desto gewaltiger war die Wirkung.

Die große mächtige Gestalt des Kogelhofers war, als ob sie vom Blitze getroffen wäre: er hob die Arme empor, wie gewaltsam nach Luft ringend, und im nächsten Augenblick stürzte er mit einem dumpfen, unverständlichen Laute zu Boden.

Ein allgemeiner Aufschrei des Schreckens begleitete den Sturz. ... So mag es sein, wenn plötzlich unter den Füßen des Menschen die alte treue Erde schwankt und das Dach des vertrauten Wohnhauses über ihm zusammenzubrechen droht. Man hob den regungslosen Körper auf die Bank; herbeigebrachtes kaltes Wasser wurde über den Kopf gegossen, aber es war Alles vergeblich – schon nach wenigen Augenblicken mußte auch der Unkundigste erkennen, daß die Flamme des Lebens wirklich ausgelöscht war. Hatten noch Zweifel bestanden, so wurden sie durch die Ankunft des Baders gehoben, der nach Auftrag des Bauers richtig bestellt worden war und nicht gesäumt hatte, den reichen Kogelhofer zu besuchen.

Philomena, vom Anblicke des plötzlichen Todes, der ihr wohl noch nie geworden, wie versteinert, vermochte nichts, als ihre Thränen stromweise rinnen zu lassen; auch der Krämer war bestürzt, aber er war dennoch der Erste, der kaltes Blut genug besaß, die Lage der Dinge zu übersehen und sofort für sich zu benutzen.

Der erste Schmerz des Sohnes grenzte an Besinnungslosigkeit. Noch lange versuchte er, den Vater, der eben so kräftig und aufrecht vor ihm gestanden und nun plötzlich unwiderruflich als Leiche dalag, durch Zurufe zu sich zu bringen; er faßte ihn an Armen und Händen, als ob er ihn dadurch aus der Erstarrung wecken könnte. Nachher machte sich sein Leid wohl auch in Thränen Luft, aber nicht in den weichen lindernden Tropfen, welche den Schmerz zu lösen vermögen; sie hatten etwas von der Gluth des schmelzenden Erzes, das beim geringsten Hemmniß seine Hülle zu sprengen droht.

Als er bei einem Seitenblicke den Krämer gewahrte, der die Rolle des alten Bauers übernommen zu haben schien und mit scheinbar tiefem Nachdenken in der Stube hin und wieder lief, schlug sein Schmerz in grimmigen Zorn um.

„Seid Ihr alleweil noch da?“ rief er ihn an, indem er auf ihn zusprang, ihn an beiden Rockkrägen faßte und schüttelte. „Ihr seid’s, der den Vater umgebracht hat. Macht, daß Ihr mir aus den Augen und aus dem Haus’ kommt!“

„Oho!“ sagte der Krämer, indem er stehen blieb und die Arme des Burschen von sich schleuderte. „Nimm Dein Maul nicht gar zu voll! Du willst mich hinausschieben? Nimm Dich in Acht, daß ich den Stiel nicht umkehr’ und Dich hinausschaff’! Dummer Teufel! Nicht ich hab’ Deinen Vater umgebracht; sein unsinniger Zorn hat’s gethan und sein Gewissen, weil das wahr gewesen ist, was ich ihm – wegen Deiner gesagt hab’,“ schloß er mit boshafter Betonung.

(Fortsetzung folgt.)




Das Rettungswesen an der deutschen Küste.

Nochmaliger Blick auf ein nationales Werk der Nächstenliebe.

In einer Zeit, wo die heuchlerische Frömmelei, das unwahre Christenthum sich am Altar und auf dem Markte dreist in den Vordergrund drängt – in solcher Zeit thut es wohl, das Auge auf eine Schöpfung zu richten, bei welcher der ewig lebendige Quell, der Kern des wahren Christenthums, die Nächstenliebe, zum denkbar energischsten Ausdruck gelangt: auf die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Zum denkbar energischsten Ausdruck, sagen wir – denn es handelt sich hier nicht um eine Bethätigung dieser Nächstenliebe in Gestalt von milden Gaben, frommen Wünschen u. dergl., sondern Menschenleben sind es, welche den Einsatz bilden. Menschenleben sind es, um die gekämpft wird, und Niemand fragt, ob der, welcher da draußen mit dem Tode ringt, ein Stammesgenosse sei oder von wannen er komme – es ist ein Mensch; es ist unser Nächster. Wie

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1880). Leipzig: Ernst Keil, 1880, Seite 60. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1880)_060.jpg&oldid=- (Version vom 23.8.2023)