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Seite:Die Gartenlaube (1879) 658.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1879)

„Pranten! alte gute Familie!“ ergänzte dieser lachend und fuhr fort: „Meine Bedingungen? Ah, die sind herzlich einfach: Mittwoch und Sonnabend Nachmittag habe ich frei, wie in goldener Kinderzeit, könnte also ganz nach der Damen Wunsch erscheinen. Die Stunden des dritten Nachmittags – etwa Montags? – müßten sich allerdings nach meinem Dienst richten, also nach fünf Uhr gelegt werden; wie Ihnen meine Karte gesagt haben wird, bin ich Hülfsarzt in der Pflummern’schen Klinik. Damit ist Alles erschöpft, was ich an Bedingungen zu stellen hätte. Darf ich nun die Ihrigen hören?“

„Ja, aber,“ fiel Frau Ballingen mit vorwurfsvollem Blick auf die Blinde ein, welche den Worten des jungen Mannes lächelnd zugehört hatte, „damit ist doch unmöglich Alles erschöpft? Sie sind uns völlig fremd, wir Ihnen; meine Cousine würde sich ebenso wenig wie ich dazu verstehen können, ein solches Opfer ohne – ohne –“

„Eine Gegenleistung anzunehmen,“ unterbrach sie Pranten ernsthaft. „Gewiß, das begreife ich. Augenblicklich scheint ja die ganze Welt ein großer Handelsplatz; eigentlich ist Alles käuflich, und Jeder, der Fürst wie der Bettler, macht Geschäfte. Natürlich darf ein bloßer Baron, dabei ein armer, keine Ausnahme machen, ob seine Ahnen auch dem Grundsatz huldigten, daß im Handel der Adel erlischt. Auch seine Freistunden haben ihren Werth und sind daher meistbietend loszuschlagen. Bieten Sie also, gnädige Frau, oder lieber Sie, mein Fräulein, ich würde gern erfahren, wie hoch gerade Sie meine Freistunden anschlagen.“

Eine Pause der Verlegenheit entstand. Zwar schien Alles scherzend hingeworfen, dennoch hatte sich, dem Sprecher vielleicht unbewußt, hie und da ein Ton von Bitterkeit durchhören lassen, der geschont sein wollte. Das empfand wenigstens eine seiner Zuhörerinnen wie eine Nothwendigkeit und suchte nach einem zarten Uebergang. Doch schon löste Pranten’s heitrer Uebermuth die kleine Spannung mit den Worten:

„Fordere ich zu viel, wenn ich für zwei Stunden, wie ich hoffe, erträglichen Lesens eine gute Tasse Kaffee mit – denken Sie darum nicht gering von meiner Männlichkeit! – mit Kuchen fordere? Kaffee ohne Kuchen ist einmal für mich wie Schönheit ohne Anmuth.“

Cousine Ballingen konnte nicht umhin, einen milderen Blick auf ihr Gegenüber zu werfen, da eine ihrer wenigen Schwächen auch in „Kaffee mit Kuchen“ bestand. Sie paßten doch in etwas zu einander, denn im Uebrigen erschien ihr die Möglichkeit, mit diesem sans façon Baron als halbem Hausgenossen verkehren zu sollen, durchaus nicht sympathisch.

Die Blinde dagegen rief heiter: „Das bringt uns aber um keinen Schritt vorwärts, denn es versteht sich doch von selbst, daß Sie den Kaffee mit uns nehmen. Auch darf ich Ihnen versichern, daß es ein Ehrenpunkt für meine Cousine ist, stets ein vortreffliches Stückchen Kuchen bereit zu halten.“

„Eine ebenso schätzbare wie reizvolle Eigenschaft!“ richtete Planten sich verbindlich an die Frau Assessor. Dann wandte er sich ernst zu der Blinden. „Ich will offen sein: ich war vor einigen Tagen bei der Untersuchung Ihrer Augen in unserer Klinik zugegen, und die Art, in welcher der Staar bei Ihnen auftritt, interessirt mich. Doctor Pflummern scheint mir diesmal allzu dunkel zu sehen; nach meiner, allerdings erst geringen, Erfahrung möchte ich glauben, daß wir auch Ihren Staar trotz seiner Größe bezwingen werden, sobald nur der des linken Auges erst reif geworden ist.“

„O, wirklich? Mein Gott, welche Hoffnung!“ jubelte die Blinde auf, indem sie ihre zarten Hände unwillkürlich faltete.

„Nur nicht zu sanguinisch, liebste Josephine!“ Sanguinisch war ein Lieblingswort der Frau Assessor. „Du hörst ja, es ist eine bloße Ansicht des Herrn Baron.“

„Sie heißen Josephine?“ fragte Pranten rasch.

Die Blinde nickte.

„Dann müssen Sie mir erst recht gestatten,“ fuhr Pranten fort, „über das Vorschreiten Ihrer Blindheit gleichsam zu wachen. Josephine ist ein Lieblingsname von mir, der meines Pflegemütterchens und einer Jugendfreundin. Schon um dieser Erinnerungen willen darf ich nicht leiden, daß Jemand, der Josephine heißt, einen Tag länger blind bleibe, als nöthig. Nicht wahr, nun sehen Sie auch ein, daß es geradezu nothwendig ist, mir das Amt Ihres Vorlesers anzuvertrauen?“

„Aber –“ begann Frau Ballingen –

„Kein Aber mehr!“ unterbrach sie Pranten. „Als ich Ihre Anzeige las, trieb mich ein unabweisbares Gefühl hierher; ich empfand gleichsam körperlich die Macht einer unbewußten Führung; bei dergleichen soll man nie achtlos bleiben. Und wirklich, so lieb und angenehm ein paar in Damengesellschaft verlebte Stunden auch erscheinen mögen, hier, in diesem Falle, spricht der Arzt in mir ebenso voll mit wie der Mensch. Fräulein Josephine, bei Ihnen – verzeihen Sie, gnädige Frau, doch wir Sehenden haben da zurückzutreten, einzig bei dem Fräulein liegt die Entscheidung: darf ich übermorgen mein Amt antreten?“

In dem Tone Pranten’s, in der ganzen Art seines Sprechens lag etwas durchaus Einfaches; dennoch erzwang es gleichsam die Gewährung seiner Bitte.

So erwiderte Josephine denn, während Blässe und Röthe in ihrem Antlitz wechselten:

„Zwar ist solche Güte ungewöhnlich, Herr Baron, doch auch in mir spricht etwas dafür, daß ich Ihre Gründe gelten lasse und Ihre Aufopferung ohne vieles Klügeln annehmen möge.“

„Dürfen Sie es wirklich Aufopferung heißen,“ versetzte Pranten warm, „daß ich zwei Stunden, welche ich sonst auf dem Sopha oder im Kreise meiner Tischgenossen zubringen würde, nun in Ihrer und eines guten Buches Gesellschaft verleben soll? Thun Sie damit nicht ebenso viel für mich, wie ich für Sie? Oder vielmehr: Sie können nicht ahnen, in welchem Grade Sie mir Gutes erzeigen würden, während mein Verdienst Ihnen in gleicher Weise zu Gute kommen würde, wenn Sie fortführen von Zeit zu Zeit die Klinik zu besuchen.“

„Dieser Besuch der Klinik,“ entgegnete Josephine, „ist aber eine wahre Marter für mich; die Aufregung bei dem Gedanken, wieder dorthin gehen zu müssen, macht mich jedesmal tagelang vorher leidend.“

„Und das letzte Mal,“ setzte Frau Ballingen hinzu, „mußten wir beinahe zwei Stunden warten, ehe die Reihe an Josephine kam. Mir war in der Hitze und unter den vielen Wartenden so unwohl geworden, daß ich früher nach Hause fuhr.“

„Für die Zukunft also,“ sagte Pranten sich erhebend, „sind Sie von allen Fahrten nach der Klinik erlöst. In einer Person ist hiermit der Vorleser und Hausarzt angeworben, bis Sie Beide wieder verabschieden; möge der Abschied – ich will versuchen völlig selbstlos zu sein – bald gegeben werden können!“

„Darüber bestimmen wir ja nicht,“ versetzte Josephine leise.

Sie reichte ihm die Hand, welche Pranten mit festem Druck umschloß.

„Somit auf Wiedersehen!“ sagte er und verließ den Altan.




2.

Die Frau Assessor hatte Pranten’s Verbeugung freundlicher erwidert, als man nach ihrer anfänglichen Kühle hätte vermuthen dürfen; das nunmehrige Fortfallen aller Klinikbesuche, die Doctor Pflummern unbedingt gefordert und welche ihr ganzer Schrecken gewesen, hatte sie milder gestimmt. Diese Milde wäre wohl der Schilderung zugute gekommen, die sie eben auf Josephinens Frage nach der äußern Erscheinung ihres künftigen Vorlesers geben wollte, als das Mädchen einen neuen Besuch meldete.

Die beinahe athemlos hereinstürzende Dame, Frau Kanzleiräthin Schussenried, nahm sich heute nicht die Zeit, mit der Freundin die beiden gewohnten Küsse zu wechseln, oder nur ihrem Pathchen die Hand zu streicheln; schon im Eintreten begann sie:

„Goldene Kinder, dieser Pranten kam von Euch? Was wollte er? Ein schrecklicher Mensch! Das war ein Student! Der erste Krakehler: immer gleich auf die Mensur! Er ist es ja gewesen, der meinem armen Willy die Lippen zerhauen. Und getrunken hat er und trinkt noch! Ueberall soll er der Letzte sein. Mein Gott, warum antwortet Ihr mir nicht? Hattet Ihr nach ihm geschickt? Ist etwas passirt mit Josephine?“

„Nichts, nichts!“ rief diese lächelnd. „Du frägst nur so viel auf einmal, daß man mit der Antwort ‚nicht gerathen kann’, wie Du zu sagen pflegst.“

„Er will die Vorleserei übernehmen!“ fiel Frau Ballingen beunruhigt ein.

„Unmöglich, rein unmöglich!“ erklärte die Räthin.

„Auch mir hat die Idee mit dem Vorlesen von vornherein

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1879). Leipzig: Ernst Keil, 1879, Seite 658. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1879)_658.jpg&oldid=- (Version vom 21.5.2018)