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Seite:Die Gartenlaube (1879) 630.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1879)

Baron Schilling hatte nahezu zwei Jahre in Skandinavien verweilt. Es schien, als wolle er nicht einen Athemzug deutscher Luft schöpfen, so lange noch lösend an der Kette gefeilt wurde, welche zwei Menschen in unglückseliger Ehe an einander gefesselt hatte. Was die Baronin an Grimm und glühendem Rachedurst im Herzen aufgespeichert, es war bei diesen widerwärtigen Auseinandersetzungen zum Austrag gekommen. Vor Allem hatte sie ihm mit Aufgebot aller Mittel doch noch den Schillingshof zu entreißen gesucht und war dabei von mancher Seite her kräftig unterstützt worden, weil man den durch die Schillings „usurpirten“, ehemals klösterlichen Besitz wieder in die Hand der Kirche zurückzuleiten wünschte. Aber das war nicht geglückt. Die verbrieften Zahlungen, die Baron Schilling seit Jahren zur Tilgung der Steinbrück’schen Hypothek auf seinem Vaterhause geleistet, waren der feste Wall, an welchem die geistlichen Bestrebungen zersplitterten.

Und nach langem, erbittertem Kampfe war endlich auch die Stunde gekommen, in welcher er sich sagen durfte, daß er frei sei. „Die Seele, die einst durch Habsucht und Ueberredungskunst irregeleitet und dem heiligsten Beruf entrissen worden, sei reuig heimgeflüchtet aus dem sündhaften Treiben der Welt,“ hatte es in der letzten Zuschrift gelautet. Mit der Baronin zugleich hatte Fräulein von Riedt den Schleier genommen, nachdem sie die große Aufgabe gelöst, welche sie sich gestellt gehabt: das entflohene und geraubte „Lamm“ mit all seinen weltlichen Gütern in die „eigentliche Heimath“ zurückzuführen. Ihr, der Strengen, Unerbittlichen, der fanatisch Gläubigen, winkte die Aebtissinnenglorie in nicht gar weiter Ferne, wie einmüthig angenommen wurde.

Baron Schilling war schon in den ersten Tagen nach seiner Abreise mit der Majorin in Correspondenz getreten – er wolle einen heimleitenden Faden draußen in den großen Irrgängen des Welttreibens festhalten, hatte er geschrieben. Anfänglich war die alte Frau auch eine wackere, pünktliche Berichterstatterin gewesen, aber allmählich hatten unaufschiebbare häusliche Geschäfte, auch hier und da ein Unwohlsein der Kinder oft mehrtägige Stockungen veranlaßt, und da hatte sich dann Donna Mercedes gezwungen gesehen, die stets sehnsüchtig erwarteten Nachrichten zu geben.... Es war wirklich seltsam, daß die Majorin eine Wandlung gar nicht zu bemerken schien, die sich nach und nach vollzog. Zuerst wurde ihr pünktlich jeder Brief aus Schweden und Norwegen zum Durchlesen vorgelegt; später nahm Donna Mercedes die Gewohnheit an, halbe Seiten des Geschriebenen wegbiegend, die „Großmama“ nur die auf die allgemeinen Familienverhältnisse bezügliche Stelle lesen zu lassen, und schließlich bekam die alte Frau gar keinen der Briefe mehr zu Gesicht, und Donna Mercedes erzählte nur noch unter stetem Farbenwechsel, stockend und mit fast scheuer Stimmung, was – die Großmama eben wissen sollte.

Inzwischen hatte Baron Schilling als Künstler neue Lorbeeren geerntet. Das durch die weibliche Rachsucht bedrohte Bild hatte großes Aufsehen gemacht und war, wie verlautete, von einem New-Yorker Nabob um einen exorbitanten Preis angekauft worden. Er sei im Einheimsen neuer Motive bienenfleißig gewesen, hatte der Baron einmal geschrieben und baldige Rückkehr in Aussicht gestellt. Allein gerade um diese Zeit war der deutsch-französische Krieg ausgebrochen. Mehrere Wochen waren die Nachrichten aus Scandinavien ausgeblieben, bis ein Brief aus Frankreich meldete, daß „der germanische Zorn“ den Heimreisenden auf den feindlichen [WS 1] Boden getrieben habe und daß er sich nicht gestatten dürfte, in der Heimath glücklich zu sein, während deutsche Krieger draußen kämpften.

Seit dieser Nachricht war es gewesen, als stehe eine schwarze Wolke über der Villa Valmaseda und schaue düster und dräuend in die Fenster. Man sah Donna Mercedes nur noch lächeln, wenn ein halb zerknitterter Feldpostbrief oder eine mit Bleistiftzügen bedeckte Karte einliefen. Wenn aber der Telegraph die Nachricht von einer stattgehabten Schlacht brachte, dann warf sie sich auf ihr Pferd und jagte wild hinein in die Einsamkeit, in Sturm und Wetter, oft mit triefenden Kleidern auf dem abgehetzten treuen Thier heimkehrend. Dann litt sie sichtlich Qualen der angstvollen Ungewißheit, aber ihre Lippen blieben geschlossen – Niemand konnte sich rühmen, durch irgend ein verrätherisch entschlüpftes Wort die Vorgänge in dieser stolzen Frauenseele belauscht zu haben.

Aber nun war auch diese bittere Zeit überwunden. Der deutsche Nationalkrieg war ruhmvoll beendet. Es wurde frühlingshell in den angstbefreiten Herzen – die Friedensbotschaft und der junge Lenz zogen, innig umschlungen, jubelnd über die deutsche Erde hin und weckten aufjauchzende Echos aller Orten.

Auch über der Villa Valmaseda blaute der Himmel längst wieder. Sie hatte just ihre schönste Zeit. Im Parke sangen die Drosseln, flötete der Pirol; unter dem Laubdom der Waldpartien schwamm noch junggrünes Maienlicht, und schon brachen die Kletterrosen zu Tausenden auf. Von Licht und Farbenglanz überschüttet, stand das Haus auf seinen Terrassen; die Menschen gingen mit hellen Augen umher, und es lag etwas wie Hoffnungsfreudigkeit in der Luft, wenn auch ein Schatten sich eingeschlichen hatte, der mit all dem aufsprießenden Leben traurig contrastirte.

Vor mehreren Monaten war ein Brief aus Petersburg an Donna Mercedes eingelaufen. Lucile hatte nach fast dreijährigem Schweigen geschrieben, daß sie „merkwürdiger Weise“, in Folge eines Katarrhs, ein „ganz dummes, abscheuliches Lungenbluten“ gehabt habe. Der Arzt bestehe hartnäckig darauf, daß sie – selbstverständlich nur für einige Wochen – ihren russischen Triumphzug unterbreche und sich in anderer Luft pflege und erhole, und da sei sie gesonnen, diese unfreiwilligen Ferien „diesmal“ bei ihren Kindern zuzubringen. Donna Mercedes möge ihr aber Geld schicken, da sie augenblicklich nicht bei Casse sei und verschiedene Kleinigkeiten vor ihrer Abreise zu berichtigen habe.

Und sie war gekommen, „so fatiguirt von der langweiligen Reise“, daß man sie aus dem Wagen in ihr Zimmer hatte tragen müssen. Der Kranken gegenüber, die augenscheinlich nur noch wenige Schritte zum Grabe hatte, verbiß die Majorin ihren unsäglichen Widerwillen und ihren heftig wieder aufgerüttelten Mutterschmerz, und auch Donna Mercedes bot alle innere Kraft auf, um geduldig, mit sanfter Güte dem letzten Willen ihres Bruders auch nach dieser Seite hin gerecht zu werden. Beide Frauen berührten mit keinem Wort die Vergangenheit; desto mehr sprach sie, „der vergötterte Liebling der ganze civilisirten Welt“, von ihren Triumphen, ihren Genüssen, in der unumstößlichen Ueberzeugung, daß sie in wenigen Wochen wieder hinausfliegen werde aus der „urlangweiligen Villa“, die wie verwunschen in einer vergessenen Weltecke liege, und nicht einmal zwei, drei neue, amüsante Menschengesichter zur Theestunde herbeizulocken vermöge.


(Schluß folgt.)


Die elektrische Eisenbahn der Berliner Gewerbe-Ausstellung,

als Beispiel der elektrischen Kraft-Uebertragung.

Von den mancherlei Sehenswürdigkeiten der Berliner Gewerbe-Ausstellung des Jahres 1879 wird keine vom großen Publicum mehr bewundert, als die sogenannte elektrische Eisenbahn von Siemens und Halske, die ohne sichtbare Zugkraft den ungefähr dreihundert Meter langen, in sich selbst zurückkehrenden, schmalspurigen Schienenweg mit gewöhnlich neunzehn Personen in zwei Minuten – der Schnelligkeit gewöhnlicher Pferdebahnwagen – zurücklegt. Sie fährt nämlich regelmäßig nur an bestimmten Tagesstunden, und da ist dann der Andrang groß genug, um gewöhnlich alle Plätze auszuverkaufen, da jeder Besucher sich gern einmal von der unsichtbaren Macht befördern läßt, welche die Meisten anstaunen, ohne ihr Wirken zu begreifen. Das allgemeine Staunen wird besonders durch den Umstand erregt, daß die Locomotive, welche den Zugführer trägt, außer dem Hebel zum beliebigen Anhalten des Zuges keinerlei Bewegungsmechanismus sehen läßt, sodaß sie nicht viel anders aussieht, als die drei an einandergeketteten Personenwagen, die mit ihren im Rücken zusammenstoßenden Bänken aus einiger Entfernung in ihrer Gesammtheit genau den Eindruck machen, als ob die Plattform eines gewöhnlichen Omnibus oder Pferdebahnwagens auf niedrige Räder

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: feindichen
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1879). Leipzig: Ernst Keil, 1879, Seite 630. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1879)_630.jpg&oldid=- (Version vom 1.5.2023)