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Seite:Die Gartenlaube (1879) 393.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1879)


No. 24. 1879.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 1 ½ bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig· – In Heften à 50 Pfennig.


Im Schillingshof.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.


„Gott sei Dank, daß das lärmende Ungethüm hinaus ist!“ sagte Lucile, als der Baron mit José und Pirat das Zimmer verlassen hatte; müde sank sie auf das Ruhebett zurück. „Das ist vielleicht der einzige Punkt, in welchem ich mit der widerwärtigen, aschgrauen Frau Baronin harmonire,“ fügte sie hinzu; sie sagte es in einem freilich sehr mangelhaften Englisch, um von der anwesenden Bedienung nicht verstanden zu werden. „Ich war von vornherein entschieden dagegen, daß Pirat mitgenommen werde, aber da war ja jeder vernünftige Einwurf in die Luft gesprochen – Mosje José darf eben immer seinen Kopf durchsetzen.“ Sie hob den Kopf ein wenig von den verschränkt untergelegten Armen und musterte mit kritischem Blick das Tablet, das Mamsell Birkner ihr präsentirte. „Kaffee bei dieser veritablen Hitze? – Nein, meine Liebe, ich danke recht schön. Bitte, verschaffen Sie mir ein wenig Vanille- oder Erdbeereis! Ich verschmachte.“

Die gemüthliche, dicke Wirthschaftsmamsell, deren Verstand nicht weiter reichen sollte, als ihr kleiner Finger, wie die Frau Baronin behauptete, sah sehr verblüfft und verlegen drein und besann sich vergeblich auf eine Antwort.

„Ach, es ist wohl kein Eis zu haben – wie?“ rief Lucile belustigt; sie weidete sich an der hülflosen Miene der völlig Bestürzten. „So, so – nun, dann bitte ich um ein Glas Champagner.“

Es erfolgte ein abermaliges momentanes Schweigen. Mamsell Birkner wandte sich langsam nach dem Bedienten um, der sich eben aus dem Staube machen wollte. „Wollen Sie so freundlich sein, Robert –“

„Ich bedaure“, versetzte er achselzuckend und offenbar sehr empört darüber, daß er in diesem Departement so offen seine Machtlosigkeit bekennen mußte. „Die gnädige Frau Baronin –“

Lucile lachte silberhell auf. „Ein Glas frisches Wasser, wenn ich bitten darf!“

Der Bediente ging hinaus. Mamsell Birkner stellte das Präsentirbrett auf den Tisch und verneigte sich respectvoll vor Donna Mercedes, die kurz, aber höflich für jede Erfrischung vorläufig dankte. Dann schloß sich die Thür auch hinter ihr.

„Der Witz ist unbezahlbar,“ lachte Lucile, „die gnädige Frau Baronin hat den Kellerschlüssel mitgenommen.“ Gleich darauf richtete sie sich plötzlich empor, schüttelte mit einer Art von wildem Triumph die Locken aus der Stirn, legte die Arme um die emporgezogenen Kniee und beobachtete einen Moment schweigend mit boshaft funkelnden Augen ihre Schwägerin, die lautlos, aber raschen Schrittes im Salon auf- und abging.

Diese junge Frau, deren fremdartige Erscheinung in keiner Linie, keiner Farbennüance an germanischen Ursprung denken ließ – wie sie auf schlanken, schmalen, weichbeschuhten Füßen von Wand zu Wand unruhig über das Parquetgetäfel hinglitt, war sie das Bild einer Libelle, die der Sturm in verworrenes, dunkles Geäst verschlagen hat, das Bild des verzweifelten Mühens, zu entrinnen.

„Was habe ich immer gesagt, Donna de Valmaseda?“ fragte Lucile spöttisch. „War es etwa übertrieben, wenn ich diese steifleinene Baronin Schilling als das widerwärtigste Weib auf Gottes Erdboden schilderte, als das Non plus ultra von Neid und heimtückischer Eifersucht? Puh, sie ist häßlich wie die Nacht und kann Unsereinen nicht leiden. Aber schlau ist sie, die gute Frau, das muß ihr der Neid lassen. Sie hat dem zurückgelassenen Haushalt einen Zuschnitt gegeben, wie ihn sich anständige Leute nicht gefallen lassen können – die beste Art, uns schnell wieder loszuwerden! Ich frage, was nun, Donna de Valmaseda? – Baron Schilling –“

„Ein fischblütiger Germane, wie er in den Büchern steht,“ scholl es halblaut aus der Fensterecke, in welcher Mercedes für einen Moment stehen geblieben war.

„Ah, endlich!“ jubelte Lucile. Sie sprang wie elektrisirt auf ihre Füße und riß die Thür nach den anstoßenden Zimmern auf, wo Deborah eben die kleine Paula wusch und umkleidete und die Kammerjungfer einen Koffer aufschloß.

„Nur das Nachtzeug wird ausgepackt, Minna; sonst kein Stück weiter!“ befahl die kleine Frau; dann flog sie nach der Fensterecke. „Wüßte Felix, wie armselig wir hier untergebracht sind,“ rief sie in dringlicher Hast, wie Jemand, der nach dem alten Sprüchwort das Eisen schmiedet, so lange es warm ist; „er würde uns um keinen Preis in dieser Spukherberge lassen, die von der Gnädigen selbst offenbar nicht mehr benutzt wird, weil sie sich fürchtet. Und wie gründlich sie erst noch aufgeräumt hat mit allem Comfort, ehe sie gegangen ist, die brave Frau! Siehst Du dort die scheußlichen Kannen und Sahnentöpfe mit den angekitteten Henkeln und Schnäbeln?“ sie zeigte nach den Credenztischen. „Das Zeug ist für uns aus der Rumpelkammer geholt worden. Vor acht Jahren brachen die Platten und Aufsätze fast unter dem Silber- und Krystallgeschirr; ich habe den Eindruck behalten, denn ich weiß noch, daß ich mich damals wahnsinnig ärgerte, weil Mamas prächtiges Büffet gar nicht dagegen aufkommen konnte – ob die Gute gefürchtet hat, ihre Kostbarkeiten möchten uns an den Fingern hängen bleiben?!“

Wie eine flinke Bachstelze huschte das seidenraschelnde, boshaft

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1879). Leipzig: Ernst Keil, 1879, Seite 393. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1879)_393.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)