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Seite:Die Gartenlaube (1878) 421.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1878)

Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

„Wer ist dieser Herr eigentlich?“ fragte der Polizeidirector, den beiden sich Entfernenden nachblickend.

„Ein sehr angenehmer Mann,“ entgegnete der Hofrath wichtig. „Ein College des Doctor Brunnow, mit dem er wohl eng befreundet sein muß, denn er nimmt großen Antheil an ihm.“

„So, ein Freund des Doctor Brunnow! Ich glaubte, der junge Arzt habe seit der Abreise des Assessor Winterfeld gar keine näheren Bekanntschaften hier am Orte. Ist dieser Herr – Doctor Franz nennt er sich ja wohl? – schon öfter bei dem Kranken gewesen?“

„Nein, er erschien heute zum ersten Male, will aber morgen wiederkommen. Ueberdies dankte er mir mit der größten Wärme für meine Aufopferung und deutete sehr zart und rücksichtsvoll auf die Verlegenheiten hin, die mir aus dem allerdings unfreiwilligen Aufenthalte dieses jungen Demagogen in meinem Hause erwachsen. Eine That der edelsten Selbstverleugnung nannte er mein Benehmen. Wirklich ein höchst angenehmer Mann, und jedenfalls auch ein tüchtiger Arzt. Ich sehe das gleich bei der ersten Begegnung; ich habe einen ganz untrüglichen Scharfblick in solchen Dingen.“

„Daran zweifle ich durchaus nicht,“ erklärte der Polizeidirector, um dessen Lippen ein halb spöttisches, halb mitleidiges Lächeln spielte. „Dieser ‚höchst angenehme Mann‘ scheint bei dem Gouverneur ein ebenso plötzliches Wohlwollen erregt zu haben, wie bei Ihnen. Es ist sonst nicht die Art des Freiherrn, den ersten Besten ohne alle Ceremonie mit sich in seine Gemächer zu nehmen. Vielleicht wünschte er den Doctor Franz auch meiner Gesellschaft zu entziehen.“

„Weshalb denn das?“ fragte der Hofrath ahnungslos. „Excellenz wünschen ja nur nähere Auskunft über den Doctor Brunnow.“

„Ganz recht, und die wird ihm wohl an vollsten Maße zu Theil werden. – Guten Abend, Herr Hofrath! Gehen Sie nicht allzu weit in der Selbstverleugnung! Man könnte Ihnen am Ende doch allzu viel davon zumuthen.“

Mit diesem Rathe entfernte sich der Polizeidirector, und der Hofrath, der ihn durchaus nicht verstand, schüttelte würdevoll das Haupt über die seltsamen Reden und kehrte mit seinem „ganz untrüglichen Scharfblicke“ in seine Wohnung zurück. – –

Der Gouverneur und sein Begleiter hatten inzwischen die Wohnung des Ersteren betreten. Raven winkte ungeduldig den herbeieilenden Dienern, sich zu entfernen, befahl kurz, ihn unter keiner Bedingung zu stören, und trat dann mit Brunnow in sein Arbeitszimmer.

Noch war kein Wort zwischen ihnen gefallen, und auch jetzt, wo sie allein waren, herrschte noch ein minutenlanges Schweigen; es war, als scheue sich Jeder, das erste Wort auszusprechen. Zum ersten Male seit mehr als zwanzig Jahren sahen die einstigem Jugendfreunde sich wieder. Damals waren sie Jünglinge gewesen, in denen noch das ganze Feuer und die ganze Begeisterung der Jugend loderte; jetzt standen sich die Männer gegenüber, von denen jeder inzwischen ein halbes Menschenalter durchlebt hatte. Der Eine, noch in vollster Lebens- und Manneskraft, mit der hohen, gebietenden Gestalt und der stolzen Haltung, die deutlich genug die Gewohnheit des Herrschens und Befehlens verrieth; das volle dunkle Haar zeigte noch keine Silberfäden, das eherne Antlitz noch keinen einzigen Zug des Alters – und dagegen der Andere! Kaum ein Jahr älter und doch schon ein Greis dem Aussehen nach. Die Gestalt gebeugt, das Haar ergraut, in dem Antlitz die tiefen Furchen, die Sorge und Leiden darin gegraben hatten. Nur in dem Auge loderte noch etwas von dem einstigen Feuer, der letzte Ueberrest einer längst entschwundenen Zeit.

„Rudolph!“ sagte der Freiherr endlich; es war ein Ton mächtiger, mühsam zurückgehaltener Bewegung, und es schien fast, als wolle der Sprechende sich dem ehemaligen Freunde nähern, aber dieser trat zurück und fragte eisig:

„Was befehlen Excellenz?“

Die Stirn Raven’s verfinsterte sich. „Was soll das zwischen uns? Willst Du mich nicht kennen? Ich erkannte Dich im ersten Moment an Deinen Augen. Sie sind noch dieselben geblieben, wenn auch sonst Vieles – Alles an Dir anders geworden ist.“

Sein Blick glitt dabei langsam über das Gesicht Brunnow’s; Dieser lächelte mit unendlicher Bitterkeit.

„Ich bin vor der Zeit alt geworden. In der Verbannung, im täglichen Kampfe mit den Sorgen und Bitterkeiten des Lebens conservirt man sich schlecht. Freiherr von Raven hat diesen Kampf besser ausgehalten. Freilich, jene Sorgen und Erbärmlichkeiten reichen nicht hinauf zu der Höhe, wo Sie stehen, Excellenz.“

„Ich bitte Dich nochmals, Rudolph, laß den Ton!“ sagte der Freiherr ernst und bestimmt. „Ich weiß, was zwischen uns liegt, und ich denke nicht daran, eine Verständigung zu suchen, die hier nicht mehr möglich ist. Wir sind Gegner geworden, aber es ist eine kleinliche Rache, wenn Du mir mit diesem hohnvollen Nachdruck einen Titel anzuhören giebst, auf den ich nicht mehr

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1878). Leipzig: Ernst Keil, 1878, Seite 421. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1878)_421.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)