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Seite:Die Gartenlaube (1877) 870.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


und geräumig und mit jeder Bequemlichkeit ausgestattet. Auch bemerkte er zwei große Bilder; das eine stellte ein Artilleriemanöver vor, das andere eine Elenjagd. In dem Stangenreiter des einen Geschützes auf dem ersten Bilde, sowie in einem Hülfsjäger auf dem zweiten glaubte er die breiten Gesichtszüge seines treuen Dieners wiederzuerkennen.

„Das ist für Skarnikatis, wenn Ihr hier zum Besuche kommt,“ erläuterte der Onkel.

Diese Aufmerksamkeit rührte den Hauptmann so, daß ihm die Thränen in die Augen traten; er belohnte sie mit einem herzlichen Händedrucke.

Nun ging es die Treppe hinauf; doch was der Hauptmann hier erblickte, war ganz geeignet, ihn außer Fassung zu setzen.

Unter einer Kuppel, die ein schönes Oberlicht gewährte, befand sich eine Rotunde, von welcher neun fächerförmige Ausstrahlungen nach den Fenstern zu gingen. Diese durch Zwischenwände geschiedenen Räumlichkeiten konnten als eben so viele Zimmer betrachtet werden. In der Mitte der Rotunde stand ein großer runder Tisch, mit Schreibzeug jeder Art versehen. Ueber jedem Eingang nach den Seitenräumen befanden sich Vorhänge in bunter Farbe; der Hauptmann erkannte bei näherem Hinblick, daß dieses die Landesfarben waren, die seine Pfeifengalerie schmückten. Er schritt in das französische Zimmer; an beiden Seiten standen Repositorien mit prachtvoll eingebundenen Werken der französischen Literatur, unterbrochen nur auf der einen Seite von einem Sopha, über dem kostbare Meerschaumköpfe mit französischen Quasten hingen, auf der andern von einem Stehpult. Er schritt in das englische Zimmer; hier trugen die Repositorien die ausgesuchtesten Werke der englischen Literatur und die Quasten der Pfeifen die englischen Landesfarben. Fast erschrocken über diese Entdeckung und zweifelnd an seinen gesunden Sinnen, schritt der Hauptmann von Zimmer zu Zimmer, in das spanische, italienische, russische, schwedische, polnische, türkische, griechische; überall dieselbe Einrichtung, überall dieselbe glänzende Bibliothek, auch wo es sich um die seltenen Werke der wenig bekannten Sprachen handelte.

„Sesam, thu’ Dich auf! Aber träum’ ich denn?“ rief der Hauptmann, als er zu dem Onkel und seiner jungen Frau von seiner Wanderung zurückkehrte. „Es ist unmöglich; es kann nur ein Traum sein.“

„Aber glaubtest Du denn, wackerer Schwiegersohn,“ fuhr der Onkel fort, „daß ich den Liebling meines Herzens, so viel Sorgen er mir auch gemacht, daß ich meine Hulda in die Welt hinausziehen lassen würde, ohne für sie und den Gatten ihrer Wahl zu sorgen? Diese Wahl – ich gestehe es – hat mich anfangs befremdet; sie entsprach nicht meinen Erwartungen, doch der eine Gedanke: das ist ein Ehrenmann – schlug alle Bedenken nieder. Fast schien es mir strafbar, daß ich sie hegen konnte; ich mußte gut machen, was ich verschuldet hatte. Diese Villa, lieber Schwiegersohn, gehört Dir und Deiner Frau; sie ist Euer Hochzeitsgeschenk, und herzlich freu’ ich mich, daß ich Euch in meiner Nähe habe.“

Der Hauptmann, immer mehr verwirrt, stotterte Worte des Dankes und küßte sein liebes Weibchen. Dann aber kamen neue Skrupel und Zweifel über ihn.

„Doch das Quartier, das ich dort schon gemiethet habe –“

Onkel und Nichte konnten ein heiteres Lachen nicht unterdrücken, daß sich der brave Mann so wenig in seine neuen Verhältnisse zu finden wußte.

„Ihr lacht? Der Onkel mag lachen! Der ist ein reicher Mann. Doch wir? Was sollen wir thun? Dort habe ich meine Privatstunden; ich fand jetzt neue Schüler und Schülerinnen. Und hier? Wie sollen wir in dieser herrlichen Villa leben? Dazu muß man reich sein.“

„Er hat nicht Unrecht, der brave Schwiegersohn,“ sagte der Onkel schmunzelnd, „doch warum ist er so leichtsinnig und stürzt sich in eine Ehe, ohne sich nach den Verhältnissen seiner Braut zu erkundigen? Bester Hauptmann, Hulda ist ja Erbin einer halben Million, die ich für sie verwalte, und vom heutigen Tage ab erhaltet Ihr die vollen Zinsen ihres Vermögens.“

„Ich bin glücklich,“ rief Hulda, „Du liebtest ein armes Mädchen um seiner selbst willen; Andere liebten mein Geld. Diese Liebe verbürgt mir ein dauerndes Glück.“

Und in herzlicher Umarmung konnte der Hauptmann die Betäubung verbergen, in die ihn diese unerwartete Enthüllung versetzt hatte.

„Doch so innig ich Dich liebe, ich will nicht blos der Mann meiner Frau sein. Ich habe ein großes Werk unter der Feder, ein militärisches Lexikon in neun Sprachen; jetzt habe ich Muße, es zu vollenden; es bringt mir einen sicheren Gewinn.“

„Ohne Sorge, mein Freund! Doch die Privatstunden hören auf,“ flüsterte Hulda.

„Nicht alle,“ sagte der Hauptmann, indem er sie an’s Herz drückte, „der Cursus, der jetzt beginnt, soll erst mit unserem Leben enden.“

Die schönsten Flitterwochen folgten. – Das junge Paar hörte, daß Smith Gabriele geheiratet habe. Bald aber kam die Nachricht, daß er wenige Tage nach der Hochzeit nach Calcutta abgereist sei, von wo er erst nach langen Jahren zurückkehren werde. Mrs. Smith blieb zurück und hatte an ihrem Namen zu leiden, da sie durchaus die Zisch- und Gurgellaute der englischen Sprache nicht zu beherrschen vermochte; eine so wenig englische Mistreß erregte besonders bei den echten Söhnen John Bull’s achselzuckendes Mitleid. Im Uebrigen wußte sie sich über die Abwesenheit ihres Gatten, die sich in ein chronisches Uebel für ihr ganzes Leben verwandelte, zu trösten. Es fanden ihretwegen mehrere Duelle statt, und die Chronik der Residenz kam nicht zu Athem, wenn sie von ihr zu erzählen hatte.

Der Hauptmann und seine junge Frau lebten in ungestörtem Glück und Einverständniß in der reizenden Villa. Bald fanden sich kleine Schüler und Schülerinnen ein, welche, zum Hohn für alle Grammatik, die Muttersprache mit den Ausrufungswörtern begannen und dann erst zu den Hauptwörtern Papa und Mama übergingen.

„Du meine zehnte Muse!“ sagte der Hauptmann oft, wenn seine Hulda traulich an seinem Arbeitstisch saß. „O, schöner als alle neun Sprachen, die ich so lange studirt, ist die zehnte, die Du mich gelehrt hast: die Sprache des Herzens.“




Die Mädchenpensionate der französischen Schweiz.
II.

Seien wir ehrlich! Auch unser höheres Mädchenschulwesen liegt noch vielfach im Argen; auch in unsern Instituten wird den Mädchen noch viel leerer Formenkram aufgenöthigt, ihnen viel fertigpräparirte Lehre statt selbstgewonnener Erkenntniß eingegeben. Erst in neuer und neuester Zeit zeigt sich bei uns ein allgemeines Streben zum Besseren; neben den höheren städtischen Mädchenschulen blühen trefflich geführte Privatanstalten, in anderen aber verbirgt sich auch heute noch mehr Oberflächlichkeit und Halbheit, als man in dem Volke der Denker für möglich hält. Kommt aber eine Schülerin solcher Anstalten auch noch in ein französisches Pensionat, das mit der Mädchenerziehung einfach Handel treibt, dann ist sie in den wichtigsten Entwickelungsjahren einem Einfluß anheimgegeben, dem sie vielleicht ihr ganzes Leben lang verfallen bleibt.

Nehmen wir an, das Mädchen hat die beiden unteren Stufen der Anstalt durchlaufen und ist jetzt so weit, von der Sprache ungehindert, an allen Unterrichtsfächern teilnehmen zu können. Was findet es dann?

Der Lehrer oder die Lehrerin trägt vor; die Schülerinnen schreiben nieder. Die Notizen werden nach der Stunde ausgearbeitet und für das nächste Mal auswendig gelernt. Manche Lehrer machen es sich noch bequemer: sie geben einen Abschnitt im Geschichtsbuch auf, und die Mädchen sagen ihn in der nächsten Stunde der Reihe nach auswendig her. Ein anderer verbindet vielleicht gleich ein französisches Exercise damit und läßt ein Stück übersetzen.

Das ist der Geschichtsunterricht, und es mag oft dem deutschen Gefühl unserer Mädchen wohlthätiger sein, daß keine

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 870. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_870.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)