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Seite:Die Gartenlaube (1877) 828.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Er hatte sich das fetteste herausgesucht, da die am langsamsten gehen und nicht leicht entwischen. Zuletzt trug er’s fort auf dem Arme wie ein Kind. Es kam den gefangenen französischen Officieren komisch vor, einen preußischen General einen gemeinen Dragoner umarmen zu sehen.

Inzwischen waren Massen von Gefangenen, zum Theil zu Fuß, zum Theil zu Wagen, ein General zu Pferde, auf dem Wege nach Deutschland durch die Stadt gezogen, Kürassiere, Husaren, Infanterie vom 22., 52. und 58. Regiment, alte Troupiers mit Krim-Medaillen, auch etliche schwarze Affengesichter in arabischer Tracht dabei. Dabei soll sich folgender tragikomischer Vorfall ereignet haben. Ein dahermarschirender Gefangener sieht auf dem Markte einen Verwundeten und erkennt in ihm seinen Bruder. „Eh, mon frère!“ ruft er und will auf ihn zu. Gevatter Schwab' aus der Escorte aber sagt: „Ach was frieren, mich friert auch,“ und stößt ihn in die Colonne zurück. Ich bitte um Entschuldigung, wenn das ein Kalauer ist, aber ich habe ihn dann nur nacherzählt, nicht verbrochen.

Unter den Einwohnern unseres Städtchens herrschte Noth, und selbst unser Wirth – beiläufig wie seine Frau eine gute Seele – litt Mangel an Brod. Der Ort ist überfüllt mit Einquartierung und Verwundeten. Hofvolk will unser Haus für den Erbgroßherzog von Weimar in Anspruch nehmen. Wir wehren es mit Erfolg ab. Dann fordert ein Officier für einen mecklenburgischen Prinzen bei uns Quartier. Wir vertreten ihm den Weg und sagen auch ihm, das ginge nicht, hier wohnte der Bundeskanzler. Als ich dann aber eine Weile weg war, hatten sich die Herren doch eingedrängt, und man mußte froh sein, daß sie nicht auch unserm Chef sein Bett genommen hatten.

Am Morgen des 3. Septembers gab mir der Minister fünfhundert Cigarren, die er soeben bekommen, zur Vertheilung an unsere Verwundeten in den Ställen hinter den Häusern und in der zu einem Lazarethe umgewandelten Caserne. Als ich hier anfangs nur den Preußen welche geben wollte, machten die zwischen ihnen sitzenden Franzosen so sehnsüchtig entsagende Gesichter und ihre deutschen Nachbarn auf dem Stroh baten so schön für sie – „Sie dürfen nicht zusehen – sie haben auch Alles mit uns getheilt“ – daß ich es nicht für einen Raub hielt, sie auch zu bedenken.

Als ich gegen elf Uhr mit meinem Auftrage fertig war und bei naßkaltem Regenwetter durch den ungeheuren Koth des Marktes watete, drängte mich ein langer, von schwarzen Todtenkopfshusaren escortirter Wagenzug, der von der Maasbrücke her kam, zur Seite. Es waren vier oder fünf elegante Kutschen, eine Anzahl von Reitpferden und mehrere Küchenwagen. In einer der geschlossenen Kutschen aber saß neben dem preußischen General Boyen der „Gefangene von Sedan“, der Kaiser Napoleon, auf dem Wege über Belgien nach Wilhelmshöhe.




Der Tunnel über der Spree.
Von Fedor von Köppen.

Am 3. December dieses Jahres begeht in Berlin ein Verein das Fest seines fünfzigjährigen Bestehens, welcher sowohl durch seine Tendenz wie durch die eigenthümlichen Formen seines Wirkens die Theilnahme unserer Literaturfreunde verdient. Sein Streben und Schaffen ist allein der Pflege des Schönen in der Kunst, vorzugsweise in der Dichtkunst, gewidmet, und wenn er auch nicht mit glänzenden Erfolgen vor die Oeffentlichkeit getreten ist, so haben wir doch dem treuen Zusammenwirken geistiger Kräfte in diesem Vereine so manche duftige Blüthe, manche edle Frucht zu danken. Große Ereignisse sind während eines halben Jahrhunderts an uns vorübergegangen; sie haben unsere Staatseinrichtungen umgewandelt und die Physiognomie der preußischen Hauptstadt verändert, aber unabhängig von den Zeit- und Tagesfragen versammelte sich das Völkchen Berliner Poeten, welches den Namen des „Literarischen Sonntagsvereins“ oder des „Tunnels über der Spree“ führt, allsonntäglich an den Winternachmittagen in den bescheidenen Räumen des Café Belvedere, um sich dort seine Gedichte vorzulesen und den Maßstab einer unbefangenen Kritik daran zu legen. Die langjährige Versammlungsstätte ward ihm genommen und das Café Belvedere zu einem stattlichen Hause umgebaut; die Sänger sahen ihr altes Nest zerstört und bauten sich ein neues im Café Zennig (Unter den Linden Nr. 13), um dort weiter zu „tunneln“ bis auf den heutigen Tag.

Es war am 3. December 1827, als sich auf die Einladung des bekannten Humoristen M. G. Saphir „zur Vermählung der Fräulein Sahne mit dem Herrn Kaffee“ ein gemüthlicher Freundeskreis zusammenfand und auf seine Anregung den Beschluß faßte, nach dem Muster der früher in Wien bestehenden „Ludlamshöhle“ in Berlin einen Verein zu gründen, welcher sich mit dem Vorlesen heiterer Gedichte und Prosaarbeiten unterhalten, dieselben seiner Beurtheilung unterziehen und dabei den Humor in voller Ungebundenheit und Freiheit walten lassen wollte. Schon am nächsten Sonntage (9. December) fand die erste ordentliche Sitzung statt; Saphir ward zum Vorsitzenden, der damalige Hofschauspieler Ludwig Schneider zum Schriftführer der neugegründeten Gesellschaft erwählt.

Schon der Name des Vereins „Tunnel über der Spree“ (nach der Lage des ersten Versammlungsortes und als neckische Parodie des damals gerade durch Brunel in Bau genommenen Tunnels unter der Themse) und seine ältesten Statuten bekunden, wie in seiner ersten Jugendzeit Alles sich in das Gewand fröhlicher Thorheit hüllte, ja bis zur Unkenntlichkeit verhüllte und in luftigen Scherz verlor. In der buntesten Mischung standen bedeutungsvolle Zeichen und Bestimmungen neben inhaltslosen Gebilden einer phantastischen Laune. Tyll Eulenspiegel, der Hauptrepräsentant unseres deutschen Volkshumors, ward aus seinem Grabe zu Mölln heraufbeschworen, um das Patronat zu übernehmen. Das Siegel des Vereins stellte eine Eule dar, welche in der einen Klaue einen Spiegel, in der andern einer Stiefelknecht hält, dessen Zinken in einen Schafskopf und in ein Ziegenohr auslaufen und die beiden Pole des Schaffens im Tunnel, die „unendliche Wehmuth“ und die „ungeheure Ironie“, versinnbildlichen sollen. Sämmtliche Mitglieder führen im Verein nicht ihre eigenen Namen, sondern diejenigen verstorbener berühmter Männer – meistens Dichter oder Künstler – mit denen sie in gewisser Beziehung geistesverwandt sind. Der witzsprudelnde Saphir ward in „Aristophanes“, der Schauspieler Lemm in „Roscius“, L. Schneider in „Campe“ umgetauft. Außerdem ward jedem Mitgliede nach gewissen Eigenthümlichkeiten, die es im Laufe der Zeit verrieth, noch ein scherzhafter Spitzname beigelegt; es dürfte für den Uneingeweihten schwer zu ergründen sein, welche Bedeutung die Beinamen „der Karaibe“, „der Runenspecht“, „die hüpfende Schulhymne“, „die brüllende Philomele“ etc. im Tunnel hatten.

Diese Einrichtungen und Formen sind als Ueberlieferungen aus einer fröhlichen, harmlosen Jugend bis auf die neueste Zeit beibehalten worden, obgleich die Tendenz des Vereins schon in den ersten Jahren eine Wandlung erfuhr. Durch die Stellung, welche Saphir in seiner journalistischen Thätigkeit dem Berliner Publicum gegenüber einnahm, ward der Tunnel in einer für seine Entwickelung nicht förderlichen Weise in die Oeffentlichkeit hineingezogen und gerieth in eine Krisis, durch welche sein junges Leben in Frage gestellt wurde. Die Zahl der Mitglieder und die Theilnahme an den Versammlungen ward geringer und es kam vor, daß „Campe, der Karaibe“, als treuer Schriftführer sich mit dem Protocoll allein zur Sitzung einfand. Es zeigt von dem gesunden Lebenskerne des Tunnels, daß er diese Krisis glücklich überwand. Die wenigen Tunnelgenossen, welche den fast erlöschenden Funken damals bewachten, blieben in der deutschen Redlichkeit ihres Strebens um so inniger verbunden und pflegten fortan eine ernstere Richtung im Tunnel, ohne die Gemüthlichkeit ihres frühern Zusammenwirkens aufzugeben. Der Humor verlor seine unbeschränkten Herrscherrechte; es kamen auch Arbeiten ernsten Inhalts zum Vortrage, und die Beurtheilung, die sich früher in spielenden Formen bewegt hatte, ward eingehend und sachlich.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 828. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_828.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)