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Seite:Die Gartenlaube (1877) 823.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

nie durch den Haß oder die Ungunst einer Frau gelitten hat, noch je leiden wird.“

Kayser mochte finden, daß die beiden vor ihm stehenden Repräsentanten des Namens geeignet seien, den alten Ruhm ihres Geschlechtes zu bewähren. Er fügte seiner indirecten Warnung kein weiteres Wort bei.

„Und nun,“ sagte er heiter, „möchte ich den Vorschlag machen, ohne weiteren Verzug zu Tische zu gehen. Kommen Sie, meine Herrschaften! Ich habe seit gestern Abend sehr viel erlebt und sehr wenig genossen. Und in Anbetracht dessen wird mir Marie hoffentlich verzeihen, wenn ich gestehe, daß in diesem Augenblicke die beiden mächtigsten Factoren, welche den Menschen bewegen, die Liebe und der Hunger, sich redlich in meinen inneren Menschen theilen.“


Ein Zweikampf auf dem Gebiete des Geistes.

Zur Verständigung.

Von allen Wanderversammlungen, mit welchen Deutschland Jahr aus Jahr ein gesegnet, sind keine so sehr in das Fleisch und Blut der gesammten Nation übergegangen, wie die seit dem zweiten Decennium unseres Jahrhunderts in’s Leben getretenen und stets wachsenden Zusammenkünfte der deutschen Naturforscher und Aerzte. Zum fünfzigsten Male versammelten sich die Koryphäen deutscher Naturforschung vom 17. bis 22. September dieses Jahres zu München, allwo sie fünfzig Jahre vorher unter den Auspicien des kunstsinnigen Königs Maximilian Joseph des Ersten von Baiern ein gastliches Obdach gefunden.

Den hehrsten Beweis, welch eine Macht die deutsche Naturforschung geworden ist, wie ihre leuchtenden Resultate nicht nur durch die engsten Spalten in die Hütte des Armen gedrungen, sondern auch durch die weiten Pforten der fürstlichen Paläste Eingang gefunden haben, liefert uns die Jubiläumsfeier der großen Wanderversammlung; denn an ihrer Spitze stand ein deutscher Fürst, Mitglied eines kunstsinnigen und die Wissenschaft fördernden Königshauses, und was dem deutschen Forscher zur besonderen Freude gereichen muß, in einem Theile unseres deutschen Vaterlandes, in dessen Süden der dunkle Ultramontanismus und in dessen Norden ein trauriges Muckerthum mit schwarzem Fittige dem klärenden Lichtstrahle den Eingang verdecken möchte.

Leitender Präsident der Verhandlungen war nämlich der Herzog Karl Theodor in Baiern, welcher nicht nur ein allgemeines Interesse für die deutschen naturwissenschaftlichen Forschungen überhaupt seit Jahren bethätigte, sondern auch selbst als bekannter Forscher auf dem Gebiete der Anatomie und Pathologie sich in der wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen erworben hat; von der medicinischen Facultät der Universität München wurde demselben schon vor mehreren Jahren das Ehrendoctorat verliehen. Der Herzog Karl Theodor begrüßte die Versammlung in längerer Rede, in welcher er besonders darauf hinwies, daß der Genius unseres Zeitalters die Gemeinsamkeit aller naturwissenschaftlichen Erkenntniß anstrebe und daß die Naturwissenschaften allein es seien, durch deren Pflege das Volk seinem Wohle mit sicheren und steten Schritten entgegengehe. – Die Versammlung stand unter der weiteren Leitung zweier Geschäftsführer, des berühmten Vorkämpfers für die Einführung der öffentlichen Gesundheitspflege in Deutschland, Geheimrath Max von Pettenkofer und des durch seine trefflichen Schilderungen aus der vorsündfluthlichen Welt weitbekannten Naturforschers Professor Dr. Zittel.

Die Verhandlungen der deutschen Naturforscher zu München haben, im Vergleich mit allen früheren derartigen Versammlungen, in der Oeffentlichkeit einen überwältigenden Eindruck hervorgebracht, denn es wurde daselbst ein Geisteskampf eröffnet, dessen Streitfragen für die freie Forschung, deren wir uns bis jetzt in Deutschland erfreuen, von der bedeutendsten, aber auch von der traurigsten Tragweite werden können.

Wissen ist Macht. Dieser Satz wird von jedem Gebildeten anerkannt. Die Naturwissenschaft aber ist die Macht, die dazu bestimmt ist, in der Culturgeschichte die größte Rolle zu spielen; von ihrer allseitigen Anerkennung hängt nicht nur das körperliche Wohl der gesammten Menschheit ab, sondern vornehmlich die geistige Entwickelung und der Fortschritt der Einzelstaaten und ihrer Völker.

Durch das zufällige Zusammentreten gegnerischer Ansichten wurde in den denkwürdigen Sitzungen zu München die wichtige Frage erörtert, wie die Resultate der Wissenschaft für das Leben und die höchsten Ziele der Menschheit verwendet werden sollten, ob es besser sei, das feurige Licht aus den engen Laboratorien der Forscher hinausstrahlen zu lassen in die wissensdurstige Menge, oder ob es vorzuziehen, das Volk im Dunkelen zu halten über die Bestrebungen seiner Geistesfürsten, ob man ihm nur das bieten solle, was in der Küche des Chemikers für den Magen des der feinen Geisteskost Ungewöhnten durchgekocht und unter dem Mikroskope des Anatomen als für den Laiengenuß unschädlich erkannt worden sei, oder ob man das Volk auch einweihen solle in die Hypothesen der freien Forschung. Zwei scharfe Gegensätze machten sich hier geltend: auf der einen Seite die jugendliche Frische und der sprudelnde Geist des berühmten Darwinianers Ernst Häckel aus Jena – auf der anderen die ruhige Bedächtigkeit und der politisch-wägende Verstand des großen Anatomen Rudolph Virchow.

Das allgemeine Interesse, welches die Forschungen dieser beiden Männer der Wissenschaft in ganz Deutschland erregen, veranlaßt uns, den Lesern der „Gartenlaube“ einen Einblick in den geistigen Kampf zu bieten, welcher zwischen den Ansichten der beiden Kämpfer in München erstand. Gleichzeitig traten noch zwei andere Forscher auf, Professor Waldeyer aus Straßburg, der zu Virchow’s Ansicht, und Professor Nägeli aus München, welcher zu Häckel’s Theorie in eingehendem Vortrage hinneigte. Leider verbietet uns der knapp bemessene Raum, auch auf deren Reden näher einzugehen. Hören wir aber, was Ernst Häckel gebracht:

„Ueber die heutige Entwickelungslehre im Verhältnisse zur Gesammtwissenschaft.“ Von Charles Darwin ausgehend, der vor achtzehn Jahren die starre Eisdecke der herrschenden Vorurtheile zuerst durchstieß, wies Redner auf die Zeiten der Naturphilosophie zurück, welche den ersten Grundstein zu dem gewaltigen Bau der einheitlichen Entwickelungsgeschichte legte. Nachdem er in historischer Reihenfolge die Errungenschaften der jüngsten Jahrzehnte dargelegt, wandte er sich der „Seelenfrage“ zu, welche heute in einem ganz anderen Lichte erscheine, als vor zwanzig Jahren. Gleichviel, wie man sich auch den Zusammenhang von Seele und Leib, von Geist und Materie vorstellen wolle, so gehe so viel aus der heutigen Entwickelungslehre hervor, daß mindestens alle organische Materie, wenn nicht überhaupt alle Materie, in gewissem Sinne beseelt sei. Zunächst habe uns die fortgeschrittene mikroskopische Untersuchung gelehrt, daß die anatomischen Elementartheile der Organismen, die Zellen, allgemein ein individuelles Seelenleben besitzen. Bei den einzelligen Organismen, den Infusorien, fände man denn auch dieselben Aeußerungen des Seelenlebens, Empfindung, Darstellung, Willen und Bewegung, wie bei den höheren Thieren. Die Einheit der Weltanschauung, zu der uns die neue Entwickelungslehre hinführe, löse den Gegensatz auf, welcher bisher zwischen den verschiedenen dualistischen Weltsystemen bestand. Sie vermeide die Einseitigkeit des Materialismus, wie des Spiritualismus; sie verbinde den praktischen Idealismus mit dem theoretischen Realismus; sie vereine Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zu einer allumfassenden, einheitlichen Gesammtwissenschaft. Die weitaus wichtigste und schwierigste Anforderung, welche die praktische Philosophie an die Entwickelungslehre stelle, scheine diejenige einer neuen Sittenlehre zu sein. Nun hielten aber bisher die weitesten Kreise an der Ueberzeugung fest, daß diese wichtigste Aufgabe nur im Zusammenhange mit gewissen kirchlichen Glaubenssätzen zu lösen sei.

„Unabhängig von jedem kirchlichen Bekenntnisse,“ fuhr der Vortragende fort, „lebt in der Brust jedes Menschen der Keim einer echten Natur-Religion; sie ist mit den edelsten Seiten des Menschenwesens selbst untrennbar verknüpft. Ihr höchstes Gebot ist die Liebe, die Einschränkung unseres natürlichen Egoismus

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 823. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_823.jpg&oldid=- (Version vom 21.5.2018)