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Seite:Die Gartenlaube (1877) 812.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


oftmals auch der Gesundheit keineswegs förderliche Schönungsmittel beigebracht wird.

Um diese Uebelstände zu erkennen, braucht man gar nicht bis zu diesen allergeringsten Erzeugnissen hinabzusteigen; es genügt zu wissen, daß beispielsweise heute noch in öffentlichen Blättern Chocoladenpulver mit Gewürz à Pfund zu 50, schreibe: fünfzig Pfennig, Stückenchocolade mit Gewürz à Pfund zu 70, schreibe: siebenzig Pfennig ausgeboten wird, während dem Fabrikanten der Cacao in dem reinen Zustande, in welchem er allein bei der Chocoladenfabrikation in Anwendung kommen sollte, per Pfund zwei- bis dreimal so theuer einsteht, als die obigen Chocoladenpreise und vierzig bis fünfzig Pfennig per Pfund theurer als vor Jahr und Tag. Wie viel darin Cacao enthalten sein kann, wie viel darin Mehl enthalten sein muß, läßt sich ahnen, aber das Publicum ist nur zu geneigt, darüber hinwegzugehen und seinen Beifall der Zuvorkommenheit solcher Fabrikanten zuzuwenden, welche trotz aller Conjuncturen unverändert an ihren billigen Preisen festhalten und in der Kunstfertigkeit, noch immer billiger zu liefern, unerschöpflich zu sein scheinen.

Wenn, wie der Fall gegenwärtig vorliegt, der wichtigste Rohstoff der Chocoladenfabrikation, der Cacao, in Folge von Mißernten in den Productionsländern, woselbst die Anpflanzungen von Stürmen dergestalt verwüstet sind, daß auf Jahre hinaus ein namhaftes Zurückbleiben der Einfuhr zu erwarten steht, eine circa siebenzig Procent seines früheren Werthes betragende Steigerung erfahren hat, dann liegt die Unmöglichkeit auf der Hand, Chocoladen in gleicher Güte zu unveränderten Preisen zu verkaufen, denn auch die Chocoladenfabrikanten sind nicht uneigennützig und opferwillig genug, ohne Profit oder gar mit Verlust zu arbeiten, mancher von ihnen aber läßt sich in solchen Zeiten nur zu leicht verleiten, ganz abgesehen von anderen Kunststücken zu dem beliebten Hülfsmittel des Mehlzusatzes in immer größeren Dimensionen seine Zuflucht zu nehmen, und kommt man so mehr und mehr auf dem Punkte an, daß statt einer angemessenen Mischung von Cacao und Zucker eine solche von wenig Cacao, viel Zucker und noch mehr Mehl als Chocolade geboten wird.

Daß hierbei trotz des scheinbar billigen Preises der Consument den Kürzeren zieht, ist unbestreitbar, und es dürfte unseren verehrten Hausfrauen einleuchten, daß sie, um sich vor einer Täuschung zu bewahren besser thun, wenn sie, je nach Umständen, um zehn, zwanzig oder dreißig Pfennige per Pfund beim Einkauf eines Pfundes Chocolade nicht feilschen und sich, wenn es durchaus sein muß, die Bestimmung des Mehlzusatzes bei der Bereitung selbst vorbehalten. In Frankreich, dem gelobten Lande der Chocoladenfabrikation, denken und handeln die Frauen so, und in Folge dessen kennt man dort Chocoladen zu so exorbitant billigen Preisen, wie bei uns, überhaupt nicht, obwohl sich der Verbrauch in allen Bevölkerungsclassen eingebürgert hat. Ebenso wenig kennt man dort jene bedenklichen Spielarten, wie Block-, Stücken-, Krümel-Chocolade, und kauft wohlweislich nur solche Fabrikate, deren Ursprung auf der Etiquette zu erkennen ist.

Um auch in der Chocoladenbranche die schlimme Kritik „Billig und schlecht“ zu nichte zu machen, bedarf es eines kräftigen Zusammenwirkens von Consumenten und Fabrikanten, und deshalb gestatten wir uns, uns mit diesen wenigen Bemerkungen vorzugsweise an die Adresse der Ersteren zu richten, indem wir damit auch dem wahren Interesse der Letzteren am besten zu dienen hoffen.

     Dresden, im October 1877.

Jordan & Timaeus.




Drei Tage in Widdin.
Ein Erinnerungsbild von Otto von Breitschwert.


„Kalafat!“ sagte der Zaptieh neben mir auf dem bulgarischen Bauernwagen, als wir die rumänische Festung drüben über dem Donaustrom zu Gesicht bekamen. Sie lag deutlicher vor uns als Widdin selbst, von dem man nichts als die an Höhe und Schlankheit wetteifernden Pappelbäume und Minarets erblickte. Von Kalafat sah man nicht nur jedes einzelne auf und an der Höhe gelegene Haus, sondern selbst die Fenster der Kirche waren zu unterscheiden, und der Leiterwagen, welcher mich als Berliner Kriegscorrespondenten nach Widdin beförderte, mußte von den rumänischen Artilleristen drüben mit bloßem Auge bemerkt werden. Wäre gerade Schießtag gewesen, so hätten sie uns alle Vier, mich, den Zaptieh, den bulgarischen Bauern, der uns führte, und sein junges Weib, das uns Rosen überreicht hatte, ehe es mit aufstieg, durch ein einziges Krupp-Bonbon mit Füllung vom Erdboden wegfegen können, mitsammt den etwas ruppigen, aber flinken Pferdchen, die uns zogen.

Auf dem Wege von der serbischen Grenze bis an das ziemlich primitive Stadtthor von Widdin, das heißt auf einer Strecke, die ich von Vormittags elf Uhr bis Abends sechs Uhr zurücklegte, war mir nichts Abenteuerliches noch Merkwürdiges passirt. Einzelne Reiter, theils Officiere, theils gewöhnliche Soldaten, anscheinend tscherkessischer Nationalität, passirten an dem Wagen vorüber, ohne ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die lange bulgarische Fouragecolonne, an der wir vorbeifuhren, hatte ein weit schlechteres Ansehen als ähnliche Züge von Wagen mit Futtermaterial, die ich auf serbischer Seite gesehen hatte, sonst aber bot auch diese Begegnung nichts gerade Bemerkenswerthes. – Durch die holperigen Straßen der ganz und gar ländlich anzusehenden westlichen Vorstadt von Widdin fuhr unser Wagen, passirte dann einen großen, schlecht gehaltenen Platz, der die Stelle des Glacis der eigentlichen Festung vertrat und großentheils mit Zeltreihen arabischer Truppen bedeckt war, und hielt endlich vor dem „Marin-Han“ einem Gasthaus, wohin der Chef des Zaptieh im Grenzdorf Rackowitza seinem Untergebenen mich zu führen befohlen hatte. Wohl befand sich auch ein deutsches Gasthaus in Widdin, „Hôtel Bellevue“ genannt, über dessen Thür ein Schild in vaterländischen Schriftzeichen dem Landsmanne aus dem Reich versicherte, daß hier Wein, Bier und Restauration zu finden sei, aber dem Schild war nicht mehr zu glauben, weil der Wirth, in Betracht der benachbarten Kalafater Batterien das Haus geschlossen und seine Person in Sicherheit gebracht hatte.

Ich konnte sogleich merken, warum mich der Effendi in Rackowitza gerade hierher recommandirt hatte; der Eigenthümer des Gasthauses begrüßte mich nämlich in deutscher Sprache, verschwand aber bald wieder, weil er sein Haus an zwei junge Leute, Mann und Frau – er ein Bulgare, sie eine Griechin mit kohlschwarzen, lebhaften Augen – vermiethet hatte. Auch diese Leute radebrechten etwas Deutsch und Italienisch, so daß man sich schon verständigen konnte. Ich erhielt ein Zimmer und ein Bett, an dem mir zunächst die brettartige Härte der Matratze auffiel. Marina – so wurde die Wirthin von den Gästen gerufen – schleppte aber so viel Kissen und Polster, theilweise zierlich gestickt, herbei, daß die Lagerstätte ganz acceptabel wurde. Ich fragte nach den Spuren des Bombardements, aber sei es, daß die junge Frau wirklich so heroisch war, oder daß sie mich als Gast zu verlieren fürchtete, wenn sie die Wahrheit sage – sie wollte von der Gefährlichkeit dieses Aufenthaltes nichts wissen. Erst von verschiedenen Deutschen, die sich in der Wirthschaft einstellten – darunter auch ein Landsmann Mehemed Ali’s, ein Magdeburger im Fez – erfuhr ich, daß die in der Nähe befindlichen Zelte der Araber das Ziel wiederholter Beschießung Seitens der Kalafater Batterien gewesen und einige zu kurz geflogene Geschosse auch dicht neben dem Marin-Han friedliche Wohnungen zertrümmert hätten, was der Augenschein nachträglich bestätigte.

Im Billardzimmer des Han’s machten es sich türkische Subaltern- und Unterofficiere bequem. Sie tranken meist Schnaps (Raki) mit Wasser oder auch ohne solches. Der Wein war nicht nur koranwidrig, sondern auch theuer, wenn man nämlich die bessere Sorte, von den Wirthsleuten „vino bello“ getauft, trinken wollte. Die andere Sorte aber verdiente durch ihre Säure den Namen „vino brutto“, als Gegensatz zu dem „schönen Wein“, vollständig. Was das Essen anbetrifft, so merkte man die türkischen Landesbräuche an den Bestandtheilen der Mahlzeiten, zu denen namentlich Lämmer und Fische die

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 812. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_812.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)