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Seite:Die Gartenlaube (1877) 804.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


„Wir werden natürlich Alle Einquartierung bekommen – nicht?“

„Jawohl! Ich habe angeordnet, daß in Fleurmont Haus und Hof zum Empfange bereit sein werden. Mögen so viele kommen, wie nur immer wollen! Sie sollen mir willkommene Gäste sein.“

„Wenn unser lieber Junge kommen sollte, dann müßte er bei uns wohnen,“ rief Marie.

„Ihr Haus, fürchte ich, wird jetzt kaum in einem Zustande sein, um Gäste aufzunehmen. Kayser und ich haben uns erboten, den Officieren Quartier zu geben.“

„Vielleicht kommt nur Einer, Paula.“

„Möglich! Diesen Einen aber beanspruche ich, hört Ihr? Ich will ihn haben; mein muß er sein.“

„St! – Hört Ihr Nichts? Was ist das?“

„Das ist Pferdegetrappel – sie kommen; sie kommen.“

In der Ferne ließ sich ein sonderbares, donnerähnliches Getöse hören, das mit jeder Minute näher und näher kam. Es währte nicht lange, bis auch die beiden anderen Mädchen darin den Hufschlag vieler Rosse erkannten, die in raschem Trabe herankamen. Nur pausenweise vernahmen sie es – dann ging es ihrem aufhorchenden Ohre wieder verloren in dem verworrenen, wüthenden Toben des erbitterten Kampfes.

Und jetzt erblickten sie sie, die langersehnten Retter. Helm um Helm tauchte aus dem Thalgrunde empor. Die ersten Reiter verschwanden bereits im Gebüsche, das den Damm einfaßte, indeß das Ende des Zuges noch im Thale verborgen war.

„Ich kann nichts mehr sehen,“ sagte Marie, „mir flimmert's vor den Augen. Die ganze Gegend scheint mir in Nebel gehüllt. Schauen Sie aus, Paula! Sind sie schon diesseits des Dammes?“

„Ja, da kommt eben der erste Reiter aus dem Gebüsche hervor – er ist schneller geritten, als die Anderen – er hält wartend auf der Straße. Er ist’s – ich erkenne ihn. O mein Gott, ich erkenne ihn.“

Die Sonne, welche eben aufging, stand hinter Paula; daher konnten es nicht ihre Strahlen sein, welche sie blendeten. Etwas aber mußte sie am Sehen hindern, denn sie fuhr hastig mit der Hand über die Augen.

„Wen erkennen Sie? Wer ist es?“ rief Marie eifrig.

„Wer es ist? – Nun, natürlich der Officier!“ antwortete Paula, wieder mit der Hand ihre Augen beschattend.

„O, wenn es doch Richard wäre! Ich habe ihn schon so lange nicht gesehen. Ist er noch jung, Paula? Strengen Sie Ihre Augen an! Wie sieht der erste Reiter aus?“

Paula’s Brust hob und senkte sich ungestüm. Wäre Mariens Aufmerksamkeit nicht so sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, so hätte sie die Erregung des Mädchens gewahr werden müssen, die ihr Antlitz mit tiefer Purpurgluth färbte.

„Wie er aussieht, fragen Sie, Marie?“ entgegnete sie nach einer kurzen Pause. „Nun, wie anders, als hübsch – sehr hübsch! – Eine schlanke Gestalt – mittelgroß – braune Augen, klug wie die Ihrigen, Marie, aber feuriger, siegesgewisser in die Welt schauend –“

„Sie kennen ihn, Paula?“

„Ein kleiner, dunkler Bart auf der Lippe – und auf der linken Wange eine Narbe, die ehrenvolle Narbe eines Kriegers, die sein Gesicht noch schöner macht, als Natur es gebildet.“

„Paula! – Wäre es möglich – sollten Sie es sein? Kommen Sie herab, Kind! – O Himmel, ich hätte das ahnen können.“

„Hier bin ich, Mütterchen,“ sagte das junge Mädchen, mit einem leichten Sprunge ihren erhöhten Standpunkt verlassend und an Mariens Seite tretend. „Was befiehlt die gestrenge Mama?“

Sie schauten sich in die Augen, und Marie sah, wie in denen Paula’s, neben dem gewöhnlichen neckischen Funkeln, ein Blick tiefen, innigen Gefühls erglänzte. Sie ergriff die Hände des jungen Mädchens und drückte sie liebevoll in den ihrigen.

„Willst Du mir nicht vertrauen Paula?“ fragte sie.

„Ja, Dir vor Allen! Du sollst Alles wissen – aber später – jetzt nicht! Wir haben auf Dich und Deinen Schutz gerechnet. Haben wir uns getäuscht, Marie?“

Ein fester Händedruck war die einzige Antwort. Dann traten sie zu Hanna heran, die etwas weiter dem Gipfel zu so aufmerksam in die Gegend hinaus geschaut hatte, daß sie die kleine Scene zwischen ihren beiden Gefährtinnen nicht beachtet hatte.

„Da seht!“ sagte sie, „eben geht die Sonne auf, und vor ihrem Lichte müssen alle bösen, unheilvollen Geister der Nacht verschwinden. Schaut hin! Nur das Gute ist geblieben – die dunklen Mächte des Hasses und der Empörung haben das Feld geräumt.“

Als die ersten rothen Strahlen des Morgenlichtes die Gegend erhellten, sahen sie, wie man den eben anlangenden Truppen das Thor des Fabrikhofes öffnete, oder, um richtiger zu sprechen, wie man die Planken und Holzsplitter, welche einst das stattliche Thor gewesen waren, vor ihnen hinwegräumte. Von den Angreifern war nichts mehr zu erblicken; sie hatten noch vor der Ankunft der bewaffneten Macht schleunigst die Flucht ergriffen. Aber die Spuren, die sie auf dem nächtlichen Kampfplatze zurückgelassen, machten die Mädchen schaudern. Verwüstung überall, wohin sie blickten! Und grauenvoller noch als der zerstampfte Boden, die zertrümmerten Thüren und Fenster, die niedergetretenen Rasen- und Blumenstücke des Gartens, waren die regungslosen, dunklen Gestalten, welche als Opfer des nächtlichen Kampfes zurückgeblieben waren.

(Fortsetzung folgt.)




Suleika’s Eden.


Wenn schon im gewöhnlichen Leben die Orte, wo liebe Freude und Bekannte wohnen, ein besonderes Interesse für uns haben, um wie weit mehr ist dies bei den Stätten der Fall, um welche sich Erinnerungen an Menschen weben, die zu den bedeutendsten Geistern ihres Jahrhunderts zählten, und denen die Nachwelt eine gleiche Verehrung und Bewunderung zollt, wie sie die Mitwelt ihnen einst im persönlichen Verkehre huldigend darbrachte.

Eine solche Stätte ist die unweit Frankfurt und Offenbach, nahe Oberrad, am linkem Mainufer belegene Gerbermühle, zugehörig zum Terrain des Strahlenberger Hofes, den der Volksmund „Wasserhof“ benennt.

„Dem alten, noch aus fernen Jahrhunderten stammenden Baue der Gerbermühle, den die prachtvollsten Bäume umschatten, fehlt zwar die zur Zeit übliche Gedenktafel mit der Inschrift, daß Goethe dort wohnte und schon in seiner Kindheit und Jugend der Weg zu diesem Hause am heimathlichen Strome entlang – oder auch weiter darüber hinaus gen Offenbach – sein Lieblingsweg war.

Solche Gedenktafel ist dort aber in der That überflüssig. – Unseres großen Dichters und Denkers Vorliebe für diese Stätte am Main ist längst weltbekannt. Mindestens kamen schon seit vielen Jahren Verehrer und Verehrerinnen Goethe's aus dem In- und Auslande und aus allen Weltgegenden dahin. Sie durchwanderten das Haus und betrachteten mit besonderem Interesse das Zimmer, das Goethe bewohnte; sie durchstreiften den Garten und schauten ehrfurchtsvoll zu den alten Bäumen empor, deren Zweige, wie wohl Mancher sagte, „schon über seiner erhabenen Dichterstirn dahin rauschten,“ und die, wie ich mich etwas einfacher ausdrücken möchte, ihm nicht allein den wohlthuenden Schatten gespendet, sondern auch Zeugen waren, wie die damaligen Bewohner der Gerbermühle, der Geheime Rath von Willemer und dessen reich begabte Gattin Marianne, sowie auch deren ganzer Verwandten- und Freundeskreis, ihn geehrt und gefeiert haben – Zeugen jener abendlichen, stillen, einsamen Spaziergänge, die Goethe dort mit der schönen, geistreichen jungen Frau machte, die er in seiner Suleika des „Westöstlichen Divans“ für alle Zeiten verewigte und die sich durch jene Suleika-Lieder, die sie dazu lieferte, einen berühmten Namen gemacht hat. Ueber Inhalt und Form des „Westöstlichen Divans“, jener im Stil eines Hafis geschriebenen orientalischen Liebes-Gedichte des

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 804. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_804.jpg&oldid=- (Version vom 14.2.2019)