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Seite:Die Gartenlaube (1877) 796.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


schon vorher beschrieben gewesen sei oder nicht, ersuchte ihn meine Frau dringend, er möge den Geist auch die andere Seite der Tafel in derselben Lage beschreiben lassen. Was aber gab das Medium zur Antwort? Der Geist sei müde und gehe niemals auf ein unbilliges Verlangen ein. Wie täuschend sich aber das Geräusch eines schreibenden Griffels durch Nagelstriche copiren läßt, davon kann sich jeder Leser selbst überzeugen. Eine Anfrage meiner Frau, ob sie ihren verlorenen Gatten, der leider einen gottlosen Lebenswandel geführt habe, im Himmel oder in der Hölle zu suchen habe, beantwortete der Geist mit der Phrase; „You meet him in a better land“ („Sie treffen ihn in einem bessern Lande“). Mündlich setzte das Medium noch hinzu: „Ihre schlimmen Tage sind jetzt vorüber, Madame; der liebe Gott wird Sie noch mit einem liebenswürdigen zweiten Gatten beglücken.“

Für diesen Trost und die Schreibkunststückchen des langen Fingers ließ sich Mr. Slade von meinen Alliirten dreißig Mark zahlen, eine Summe, welche meiner Frau gering erschien für das Vergnügen, ein Taschenspielerkunststückchen enthüllt zu haben, zu welchem seit einem Jahrzehnt amerikanische, englische und dänische Gelehrte vergeblich den Schlüssel suchten. Und mit solchen Künsten glaubt man hier in Deutschland einen gemeinen Schwindel in Scene setzen zu können, aus welchem schwache Gemüther den Glauben an Geisteroffenbarungen herleiten sollen!

Der Agent des Taschenspielers Slade, Herr L., forderte eine ernste Behandlung des Gegenstandes, und er hat Recht: die Sache ist ganz verteufelt ernst. In einer Zeit, wo man stigmatisirte Jungfern und Madonnenerscheinungen auf Pflaumenbäumen hat, in einer Zeit, wo der Berliner Prediger Bimstein in Sommer’s Salon Hunderten von gläubigen Gemüthern versichert, die Wiederkehr Christi auf diese schnöde Erde müsse in nächster Zeit erfolgen – er weiß nur noch nicht, ob diese per Ballon oder Passagedampfer erfolgt – in einer solchen Zeit bedarf es nur noch des Spiritisten-Humbugs, und wir stehen wieder an der Grenze des Hexenglaubens und nicht allzuweit von den Hexenprocessen. Und man glaube ja nicht, daß dieser Schwindel bei uns keinen Boden finde! Das Hôtel, in welchem Slade abstieg, wird von Gläubigen belagert. Personen aus den besten Gesellschaftskreisen zahlen mit Vergnügen ihr Goldstück, um sich durch ein Taschenspielerkunststückchen betrügen zu lassen. Wer aber die verzückten Ausrufe der Betrogenen hört, der muß sich sagen: „Es giebt mehr Narrheit zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt.“




Die menschliche Stimme – auf Reisen.


Der Sprache, Gesang und Musik in die Ferne sendende Telegraphen-Apparat von Professor Graham Bell aus Boston (Nordamerika), über welchen die „Gartenlaube“ schon früher einige kurze Mittheilungen brachte (Jahrgang 1877, Seite 220 und 466), bewährt sich in einer Weise und ist derartig vervollkommnet worden, daß die ganze Welt auf dem besten Wege ist, wie das Lied verlangt, ein großes Orchester, ja, was noch mehr sagen will, ein einziges großes Plauderstübchen zu werden. Ich male mir gern die Zeit aus, in welcher jedes wohlsituirte Haus sein mit der nächsten Station verbundenes Telephon haben wird, um mit den entfernten Verwandten und Freunden eine Viertelstunde, für welche man die Strecke miethen müßte, angenehm zu verplaudern. Der junge Kaufmann, den seine Geschäfte dreißig Meilen weit von seiner Familie in der Hauptstadt zurückhalten, tritt Abends zur bestimmten Stunde an den Zauberkasten des Hôtels, und im Geiste sich die um den flammenden Kamin versammelte Familie vorstellend, tritt er mit freundlichem Gruße mitten in ihren Kreis. Ein allgemeiner Jubelton antwortet aus der Ferne, und die sympathische Stimme seiner jungen Frau, die ihn seit je mit ihrem Zauberklange fesselte, begrüßt ihn auf’s Zärtlichste. Kaum macht sie eine Pause in ihrem Tagesbericht, so fleht er wie Manfred, fortzufahren:

Sprich, o sprich!
Ich lebe nur im Schall –
’s ist Deine Stimme.

Plötzlich mischt sich ein kindliches Weinen in das Zwiegespräch der Eltern, und: „Hänschen, wer hat Dir den Kopf abgerissen?“ fragt der Vater scherzend. Ein krystallhelles Lachen ist die Antwort. „Ich hab’ ihn vom Schallloch fortgedrängt, Papa, der dumme Junge will immerfort zuhören,“ meldet das altkluge, kaum ein Jahr ältere Töchterchen. Jetzt schallt ein schwaches Husten aus der Ferne von dreißig Meilen herüber und veranlaßt den theilnehmenden Sohn, zu fragen, was die liebe Mama mache? „Ein wenig erkältet und heiser, wie Du wohl hörst, mein Sohn; sonst ist Alles in Ordnung,“ erwiderte die gute Alte.

Sehr wider seinen Willen – denn er mag von dem „Teufelsspuk“ nichts wissen – wird nunmehr auch der fromme Großpapa in’s Gespräch gezogen. Er hatte nämlich kopfschüttelnd über die Künste der neuen Generation eine Prise genommen und so entsetzlich geniest, daß sein, wie gesagt, dreißig Meilen ferner Sohn erschreckt vom Schallloch zurückgeprallt war. Aber während er noch immer eine zweite sich ankündigende Explosion mit wunderlichem Mienenspiel erwartet, langt aus der Hauptstadt bereits ein fröhliches „Wohl bekomm’s, Väterchen!“ an, und Väterchen muß nach guter alter Sitte sich, wenn auch auf solchem verdächtigen Wege, bedanken. Noch ein paar zärtliche, sorgliche Worte von der geliebten Gattin, und die von dem Abwesenden im Stimmbereiche der Seinen froh verlebte Viertelstunde ist schnell verronnen.

Es ist klar, daß die eine Art von Allgegenwart ermöglichende Erfindung des Telephons einer sehr vielseitigen Anwendung fähig ist. Weite Reisen können gespart, Geschäfte vereinbart, Zeugen vernommen werden; das mündliche Verfahren läßt sich ohne Zeitverlust über eine ganze Provinz ausdehnen. Besonders wichtig aber dürfte sie für Privatzwecke werden, zur Verbindung von Comptoiren und Bureaus mit Werkstätten, Magazinen und Arbeitsplätzen, denn das Telephon gleicht in der Bequemlichkeit des Gebrauchs wie in der Billigkeit der Herstellung einem auf Meilen verlängerbaren Sprachrohr. In New-York ist denn auch bereits ein Herr Cheever als Agent des Erfinders thätig, um Etablissements und Institute aller Art mit dem Telephon zu versehen. So wurde z. B. daselbst das Centralbureau der Clyde-Dampfschifffahrtsgesellschaft mit ihren Abfahrts- und Landungsplätzen durch den Sprechdraht verbunden, ebenso die Haigh’sche Fabrik, welche das Material zu der neuen Riesenbrücke zwischen New-York und Brooklyn lieferte, mit dem Bureau der Bauleitung und letzteres wiederum mit den beiden Bureaus der nahezu zweitausend Meter von einander entfernten Brückenthürme. Die beiderseitigen in Harmonie zu bringenden Operationen bei dem Bau dieser Hängebrücke wurden statt wie sonst mittelst Signalflaggen viel einfacher durch die Stimme des Ober-Ingenieurs geleitet.

In den letzten Wochen sind auch in Berlin amtliche Versuche mit dem Bell’schen Telephon angestellt worden, welche unerwartet günstige Ergebnisse geliefert haben. Da das zur Verfügung stehende Instrument nur als ein solches von geringerer Empfindlichkeit bezeichnet worden war, versuchte man es zunächst nur mit einem Zwiegespräch der in zwei entlegenen Bureaus des General-Telegraphenamtes befindlichen Sachverständigen, veranlaßte aber alsbald eine Wiederholung durch die zwei Kilometer lange unterirdische Leitung zwischen dem Directorialbureau dieses Gebäudes und dem Centralbureau des General-Postmeisters. Wiederum war der Erfolg ein vollkommener. Jedes Wort war verständlich; die Modulationen der Stimmen und die Eigenthümlichkeiten der Sprache jedes Einzelnen erkennbar. Selbst versuchsweise dem Drahte anvertraute Lieder kamen nach Melodie und Text verständlich an ihr Ziel, und noch das schwächste Piano eines Violinstückes klang deutlich aus dem Apparate. Seit dem 6. November dieses Jahres verkehrt der General-Postmeister des deutschen Reiches durch ein auf seinem Arbeitstische stehendes Telephon direct mit dem Director des General-Telegraphenamtes auf diesem Papier und Arbeit sparenden mündlichen Wege. Auch veranlaßten diese günstigen Erfolge zur weiteren Ausdehnung der Versuche auf immer größere Entfernungen. Nach einander wurde der mündliche Verkehr auf der unterirdischen Linie von Berlin nach Schöneberg, nach Potsdam und endlich nach Brandenburg (einundsechszig Kilometer)

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 796. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_796.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)