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Seite:Die Gartenlaube (1877) 784.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


zupfte ihn an Rockschooße, ohne hindern zu können, daß Dreher beide Hände ausstreckte und mit der einen des Schulraths, mit der andern Rößler’s Rechte herzhaft schüttelte und dabei ausrief:

„Guten Tag, lieber Rößler! Gut bekommen? Und schon wieder so ein Stück von Schulrath da? Willkommen, alte Haut, heißt Du auch Bartsch, wie der vorige?“

Ach, wäre doch der Himmel eingestürzt und hätte den armen Rößler begraben, der fort und fort so energisch Dreher’s Rockzipfel bearbeitete, daß die Nähte drohten aus den Fugen zu gehen! Bleich war sein Gesicht; starr waren seine Augen auf den Schulrath gerichtet, der endlich der peinlichen Scene ein Ende machte, indem er sich an Dreher wandte und in gemessenem Tone sprach: „Ich bin der Schulrath Bartsch aus R. Ich habe die Schule in Bergen revidirt und nun zu gleichem Zwecke in Begleitung Ihres Collegen Rößler die kurze Strecke hierher zu Fuß zurückgelegt, da ich –“

„Des langen Fahrens bei Gelegenheit der Revisionen müde bin,“ unterbrach ihn Dreher laut lachend. „Ja, ja, ich kenne das, weiß, warum die Herren Schulräthe so gern auf Schusters Rappen reiten – kann selbst ein Lied davon singen, denn Du mußt wissen, alte Seele, daß ich von demselben Schrot und genau ein solcher Schulrath bin, wie Du, kleiner Schäker.“

Der Schulrath war erstaunt einige Schritte zurückgetreten, Dreher aber fuhr, obschon Rößler ihm wiederholt in’s Ohr raunte: „Um Gotteswillen, Dreher, halt ein! Das ist ja der wirkliche Schulrath,“ ohne Unterbrechung fort: „Wer zweifelt daran? Und in seinem Zorn kennt sich so ein Schulrath nicht? Nicht wahr, Rößler? Na komm her, alter Freund und Bürstenbinder! Du kannst Dir Deine Revision ersparen; die Fragen, die Du mir vorlegen willst, hat Dir der Rößler eingepaukt, ebenso gut, wie die Anrede; ich werde Dir also nur gleich Auskunft geben. Ich bin siebenzehn Jahre auf der hiesigen Stelle, aus deren Einkünften ich Nichts erspare, ausgenommen ab und zu eine geschenkte Wurst, die ich dann mit irgend einem halb verhungerten Schulrath verzehre. Ich bin einundvierzig Jahre alt, verheirathet und Vater von vier Kindern, die von mir niemals vierzehntausend Thaler erben werden. Ich schnupfe und rauche, aber keine Havanna und Cuba, wie die Herren ‚Schulräthe‘, die uns armen Dorfschulmeistern damit nur blauen Dunst vormachen. Meine Kinder singen nach wie vor: ‚Guter Mond du goldne Zwiebel‘, mit welchem Gewächs meine bessere Hälfte heute die Wurst braten wird, mit der ich dem Herrn Schulrath demnächst den Mund stopfen werde.“ Sprach’s und von seinem Rocke löste sich der Schooß, den Rößler soeben abgerissen hatte, der Schulrath aber rief wuthbebend:

„Herr, sind Sie von Sinnen? Wissen Sie, wen Sie vor sich haben? Ich werde Sie lehren, wie Sie sich Ihrem Vorgesetzten gegenüber zu betragen haben!“

Dreher lachte noch immer, Rößler aber wankte schlotternden Kniees an den Schulrath heran und flehte: „Ein Wort, Herr Schulrath!“ – Aus dem einen Worte aber wurden viele und als bei der langen Beichte Rößler’s des Schulraths Gesicht immer freundlicher, Rößler’s immer trüber und Dreher’s, der schließlich mit offenem Munde dastand und sich wieder, wie vor acht Tagen, mit seinem Sacktuch den Angstschweiß von der Stirn trocknete, immer länger geworden war, als endlich Rößler und Dreher, von Reuegefühlen überwältigt, ein gemeinschaftliches „Gnade, Gnade!“ anstimmten – da konnte der Schulrath nicht länger widerstehen. Er sprach: „Es sei Euch vergeben! Es möge Gnade vor Recht gehen! Aber merkt Euch für die Folge als elftes Gebot: Du sollst den Namen Deines Schulraths nicht unnützlich führen.“

Dreher aber soll so lange, bis ihm das Revisionsprotocoll vom Kreisschulinspector mitgetheilt wurde, doch noch von geheimen Zweifeln geplagt worden sein, ob er es wirklich mit einem Schulrath zu thun gehabt oder ob ihm College Rößler nicht vielleicht einen noch größeren Schabernack gespielt habe, als mit der ersten Revision.

O. K.




Blätter und Blüthen.


Mormonen in der Schweiz. Es ist Thatsache, daß in verschiedenen Cantonen sich Gemeinden der berühmten „Heiligen der letzten Tage“, wie die Mormonen sich nennen, befinden, meines Wissens im Berner Oberland eine, in Toggenburg, nicht weit von Zwingli’s bekannter Geburtsstätte, eine andere und die bedeutendste wohl in Herisau im Canton Appenzell. Ich selbst hatte Gelegenheit dieses Frühjahr einer schweizer Mormonenversammlung beizuwohnen, als gerade ein Prediger aus Utah celebrirte. In seinem Vortrage bemühte er sich, den Gläubigen aus den Verfolgungen, die seine Brüder – wie ja von jeher die Verkünder der Wahrheit – zu erdulden hätten, vorzüglich aber aus den Wundern, die sich noch täglich, wie in den ersten Christengemeinden in Utah ereigneten, die Göttlichkeit des Mormonenthums zu beweisen. Anknüpfend an die Erzählung einer wunderbaren Heilung, die der Redner selbst an seinem Sohne durch Händeauflegen bewirkt haben will, schilderte er die glücklichen Zustände im neuen Zion so verführerisch, daß es nicht Wunder nimmt, wenn schon eine Anzahl Schweizer Heimath und Familie verließen, um nach Utah auszuwandern.

Beim Abschiede hatte ich eine Broschüre erhalten: „Antworten auf Fragen in Betreff der Lehren der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“, herausgegeben von J. S. Horne in Bern. Interessant ist in diesem Heftchen besonders die mit zahlreichen Stellen der heiligen Schrift begründete Beweisführung, daß Gott die Vielehe erlaubt, ja selbst eingesetzt habe. Ich bemerke indessen zur Beruhigung, daß nach den eigenen Religionsvorschriften die praktische Ausführung der Polygamie den Mormonen nur in Utah selbst gestattet ist, da sie in jeder Hinsicht den Staatsgesetzen zu gehorchen wünschten, und auch da nur den Gottesfürchtigsten, von denen zu erwarten sei, daß sie eine zahlreiche Nachkommenschaft fromm und gläubig erziehen würden.

Leider bin ich nicht in der Lage, Angaben über die Anzahl und Verbreitung der Mormonen in der Schweiz zu machen, so viel steht indessen fest, daß die alljährlich von Utah entsandten Prediger an der Hand von zahlreich in den untern Volksclassen verbreiteten Tractätchen nicht ohne Erfolg ihr Bekehrungswerk betreiben, und mit Recht kann man schon daraus, daß eine Monatsschrift für die schweizer Mormonen, „Der Stern“ aus dem obengenannten Verlage neben dem guten Absatze von verschiedenen anderen Schriften über Mormonismus schon seit einigen Jahren fortbesteht, auf zahlreiche Anhänger schließen. Man muß hoffen, daß es über kurz oder lang gelingen wird, Sicheres hierüber festzustellen und nötigenfalls dieser Lehre mit ihren verderblichen socialistischen und unmoralischen Grundsätzen schon jetzt im Entstehen entgegenzutreten.

K. B.




Weihnachts-Katalog. Alljährlich gehen uns aus den Kreisen unserer Leser zahlreiche briefliche Klagen zu, daß ihnen die Auswahl literarischer Festgeschenke Schwierigkeiten bereitet. Sehr erfreulich ist es uns daher, die Anfragenden dieses Mal auf ein großes Verzeichniß vorzüglicher Bücher, Atlanten und Musikalien verweisen zu können, das unter dem Titel „Weihnachts-Katalog“ soeben (von Fr. Volckmar in Leipzig) ausgegeben wurde. Da die hervorragendsten Verlagshandlungen dem Unternehmen die Anzeigen ihrer beliebtesten Werke, Jugendschriften etc. mit Beifügung schöner Portraits, Illustrationen und Titelverzierungen zugewendet haben, empfiehlt sich der typographisch musterhaft ausgestattete Volckmar’sche Weihnachts-Katalog zugleich als ein auch an sich selber interessantes und schmuckes Bilderbuch. Jede Sortimentshandlung wird auf Verlangen denselben gern ihren Kunden zur Durchsicht überlassen.




Von einer jungen Frau geht uns aus dem thüringischen Städtchen N. eine rührende poetische Klage zu, die wir trotz ihrer dichterischen Schwächen hier nicht unterdrücken wollen; vielleicht, daß dadurch das Glück, das sie so sehr vermißt, doch zu der einsamen Mutter zurückkehrt. Das Gedicht, dessen ersten Theil wir streichen, lautet in seinen Schlußstrophen:

Oft saß ich bei der Lampe Schein
Beim kranken Kind, voll Sorg’ und Leid,
Und pflegt’ und wachte ganz allein –
Und er war fern bei Lustbarkeit.

Beliebt ist er bei Sang und Schmaus.
Für uns: ein Gruß, ein kurzes Wort –
„Lebt wohl“ – so eilt er aus dem Haus,
„Die Freunde warten; ich muß fort.“

Was klag’ ich denn? Ich hab’s nicht schlecht,
Und dennoch zürn’ ich dem Geschick
Gar oft; vermiß ich nicht mit Recht
Sein Fragen nach der Kinder Glück?

O, wenn er doch dies Blatt einmal
Zu Händen nähm’ im Zeitvertreib!
Vielleicht ließ enden er die Qual
Und blieb’ daheim bei Kind und Weib.

J. S.




Erklärung. Den vielfach an uns gerichteten Reclamationen gegenüber sehen wir uns zu der wiederholten Erklärung genöthigt, daß wir für die Aufbewahrung unaufgefordert an uns eingesandter Manuskripte – mit alleiniger Ausnahme umfangreicherer Novellen und wissenschaftlicher Artikel – eine Garantie nicht übernehmen können. Alle geehrten Einsender wollen daher eine Abschrift ihrer Arbeiten zurückbehalten.

Die Redaction.




Kleiner Briefkasten.

L. in E. Nein, der Verleger einer Zeitung hat nicht das Recht, der Kreuzbandsendung eines abgedruckten Inserats die geschriebene Rechnung einzulegen. Der Verleger ist unbedingt strafbar.

Eine Harzerin. Bitten um Einsendung der schönen Hardanger Braut. Entscheidung erfolgt umgehend.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 784. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_784.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)