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Seite:Die Gartenlaube (1877) 774.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


Lieblinge unserer Jugend, und Viele, Viele, die ihn aus seinen Schriften kennen, beklagen es, daß er so früh schon dem Leben entrissen wurde. Wer von diesen fände es nicht recht und würdig, daß heute ein neuer Kranz auf sein Grab gelegt werde, und daß man das Volk an dasselbe rufe, um dem zu früh verschiedenen Dichter ein Gedächtniß zu weihen? Seine Dichter und Denker zu ehren, ist eines Volkes Stolz und Pflicht, und Wilhelm Hauff gebührt diese Ehre, weil er im echtesten Sinne ein deutscher Volksschriftsteller war.

Seines Lebens Wege von der Wiege bis zum frühen Grabe waren eben und sonnenbeschienen von der Liebe der Eltern, der Geschwister und zuletzt noch eines jungen, heiteren Weibes.

Nach dem Besuche der Tübinger Latein- und der Klosterschule zu Blaubeuren an der schwäbischen Alp öffneten sich ihm die Pforten jener Studienwelt, welche auf altgewohnter breiter Bahn abzuwandeln gleichsam ererbtes Gesetz für jeden Württemberger Sohn der gesellschaftlich anspruchsvolleren Familien ist. Diese Bahn geht durch das klösterliche niedere Seminar, dann in’s Stift als Jünger der Tübinger Hochschule; von da, wenn nicht in die Pfarre oder Schulstube, so in ein anderes Amt oder in die freie Berufswelt. Als er ins Stift nach Tübingen kam, um dort vier Jahre lang, 1820 bis 1824, Philologie, Philosophie „und leider auch Theologie durchaus zu studiren, mit heißem Bemühen“, war er immerhin nur ein schwächlicher Bursche, aber im Geiste nahm er lebendigsten Antheil an Allem, was jugendliche Gemüther in jener Periode begeisterte: die Sehnsucht nach freiheitlicher Gestaltung des politischen Lebens und die Hoffnung auf Deutschlands Einheit. In seinen wenigen Liedern, die zumeist in jenen Studentenjahren entstanden, hat er austönen lassen, was seine Seele davon erfüllte. „O, weile hier,“ ruft er die Freiheit an, „wirf ab die Adlerflügel! Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?“

„Das schöne Land soll ganz vergessen sein?
Noch denkst du fein; es wird dich wiedersehen,
Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.“

Der wüsten Außenseite des Burschenschaftswesens konnte er, eine feine, weiche Natur, keinen Geschmack abgewinnen, aber dem inneren Schmelze des brüderlichen Studentenlebens erschloß er sein volles Gemüth. Er gehörte einer unpolitischen Verbindung an, die sich „die Feuerreiter“ nannte und die in glücklichem Gemisch sämmtlicher Facultäten und gar verschiedener Charaktere um ihre vierzehn gleichgesinnten Genossen ein enges Freundschaftsband schlang, welches dieselben auch noch weit über die Universitätszeit hinaus zusammenhielt. Hauff, der durch sein in prächtigen blauen Augen sich spiegelndes geistvolles Wesen und seinen heiteren Sinn der Liebling dieses Kreises war, erfreute ihn manchmal mit einem Gebilde seiner nach poetischem Ausdruck verlangenden Phantasie. Ein Stück seiner Novelle „Der Mann im Monde“: die Kirche, trug er einmal aus seinem Manuscripte in jenem Kreise vor, wie ein Genosse desselben erst nachträglich berichtet hat. Ebenso das muntere Trinklied und die schwungvoll patriotischen Lieder zur Feier des 18. Juni, des Waterloofestes, welches alljährlich von den Burschenschaftern auf dem schattigen Wöhrd, dem Festplatze Tübingens, gefeiert wurde. Welch ein Stolz auf sein Volk, das diese Schlacht geschlagen, diese Siege über den Eroberer errungen, athmete in diesen Liedern! Enttäuscht genug über die Folgen jener Siege für die inneren Verhältnisse des Vaterlandes, lebte doch in ihm die Hoffnung von dessen endlicher Wiedergeburt, wie sie erst ein halbes Jahrhundert später aus Traum zur Wirklichkeit wurde. Und noch heute klingt es beherzigenswerth, wie Hauff damals die Jugend zum Kampf für die Erreichung der Ideale aufforderte:

„Drum tretet muthig in die Kämpferbahn!
Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen.
Für’s liebe Vaterland hinan, hinan!
Doch nur von innen kann das Werk gelingen,
Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm,
Nein, unser Weg geht durch Minerva’s Hallen;
Laßt uns vereint zum Ideal, zum höchsten, wallen,
Erschaffen uns ein echtes Bürgerthum!“

Diese Gedichte, selten noch beachtet, kennzeichnen in ihrer Gesinnung Wilhelm Hauff auch als Einen aus jenem schwäbischen Dichterkreise, der mit Altmeister Uhland so wuchtig und gesinnungsvoll für die Hoffnungen der ganzen deutschen Nation eintrat, als sie unter das Joch der engherzigsten Metternich’schen Reaction gebeugt wurde. Deutschland, möchte man sagen, war damals im Lager dieser Sänger. Wie auch sonst Hauff in der innigsten Fühlung zum Volksgemüth stand, beweisen seine zwei allbekannten, vielgesungenen Lieder: „Reiters Morgengesang“ (Morgenroth, leuchtest mir zum frühen Tod) und „Soldatenliebe“ (Steh’ ich in finst’rer Mitternacht). Dieser Zug nach der Seele des Volksthümlichen geht durch sein ganzes literarisches Schaffen mit immer wachsender Bestimmtheit.

Nachdem Hauff mit den Studien fertig und glücklich der philosophiae doctor geworden, stand es bei ihm fest, als Schriftsteller seine vielversprechenden Talente zur Geltung zu bringen. In edlem Ehrgeiz erfaßte er die Aufgaben dieses Berufs in hochidealem Sinne. Unklar noch, in welcher Art er seine stürmische Kraft dafür einsetzen solle, war er doch von dem heiligsten Ernst erfüllt, die Gunst des Publicums nur mit den edelsten Mitteln gewinnen zu wollen. Gelegen kam ihm demungeachtet eine Anstellung als Hauslehrer beim damaligen württembergischen Kriegsrathspräsidenten, späteren Kriegsminister Freiherrn von Hügel in Stuttgart; sie gab ihm nicht nur einen festen Boden für die ersten Versuche in der Literatur, sondern in einem feinen und geselligen Hause auch die Gelegenheit zu einer Fülle neuer Anregungen und zu näherer Bekanntschaft mit dem Leben der Wirklichkeit, welches ihm doch wesentlich noch im Licht romantischer Vorstellungen erschien. In zwei glücklichen Jahren, bis 1826, zog er diesen geistigen Gewinn aus seiner Stellung und schied daraus mit einer Mappe voll schriftstellerischer Arbeiten, die er nun hoffnungsfreudig der Oeffentlichkeit übergeben wollte. Eine Reise durch Deutschland und nach Berlin war als ein erster Abschluß dieser geistigen Vorbereitung anzusehen.

In Berlin nahm man den jungen Mann mit jener erhebenden Herzlichkeit auf, mit welcher damals jedes neue literarische Talent als ein Mitglied der geistigen Republik begrüßt wurde. Wilhelm Hauff kam mit seinem ersten junger Ruhm; im Stuttgarter Morgenblatte hatten bereits einige seiner kleinen Novellen und Genrebilder gestanden; sein Märchen-Almanach war erschienen, und der erste Band seiner Mittheilungen aus den „Memoiren des Satans“. Aus allen diesen Arbeiter leuchtete ein frischer, heller Geist, eine anmuthige Phantasie, ein oft sehr glücklicher Humor, dem zwar zu größerer Wirkung noch die Lebenserfahrung mangelte, aber der von den achtungswerthesten Instincten in Bewegung gesetzt wurde. Es war dies besonders in dem bruchstückartigen Werk der „Memoiren des Satans“ der Fall, in welchem er mit Laune und Satire das Studententreiben jener Zeit, die Streitfragen der Philosophie, gesellschaftliche Unsitten und dergleichen mehr zu geißeln suchte. Heute ist Vieles davon wegen der Anspielungen auf längst verschwundene Verhältnisse unverständlich und wirkungslos geworden. In ihrem vollen Reiz dagegen haben sich die Märchen Hauff’s erhalten, die er in freiem Phantasiespiel und mit echt poetischem Sinn älteren Erzählungen nachdichtete.

In schneller Folge erschienen 1826 und 1827 die meisten der anderen Arbeiten Hauff’s, wie sie in dessen fünf Bänden gesammelter Schriften, die nach seinem Tode Gustav Schwab herausgab, sich befinden. Zwei Jahre somit nur hat der junge Dichter Zeit gehabt, sich zu entfalten und aus der Wirkung seiner Schriften auf das Publicum die Erkenntniß zu schöpfen, welchen der eingeschlagenen Wege er weiter verfolgen müsse, um das erstrebte Ziel zu erreichen. Denn als solches Ziel schwebte ihm vor, ein populärer Schriftsteller seiner Nation zu werden und für das Edle gegen das Gemeine und Flache in der Literatur einzutreten. Unter solchem Gesichtspunkte muß man die verhältnißmäßig große Fruchtbarkeit betrachten, die Hauff in so kurzer Frist entwickelte, das Irren und Tasten seiner Phantasie nach verschiedenen Richtungen, jene kriegslustige Stimmung, die dem Ehrgeiz entsprang und sich in satirischen Sittenbildern, in humoristischen oder ernsten Angriffen auf literarische Zustände und Personen so häufig Luft machte.

In dieser Beziehung hat seine zuerst im „Morgenblatt“ erschienene Novelle „Der Mann im Monde“ eine gewisse literarhistorische Bedeutung. Sie gilt mit Recht als eine glückliche und erfolgreiche Satire gegen die Clauren’schen Romane, welche mit ihrer sentimentalen Lüsternheit und geistarmen Liebelei damals noch eine in Mode stehende Lieblingslectüre des Leihbibliotheken-Publicums bildeten. Hauff ahmte in seiner Novelle Styl und

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 774. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_774.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)