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Seite:Die Gartenlaube (1877) 738.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)

Erinnerungen aus dem Kriege mit Frankreich.
Von Moritz Busch.
Nachdruck verboten.
2. Von der Grenze bis Gravelotte.


Der vorige Abschnitt schloß an der französischen Grenze. Daß wir sie überschritten, sagten uns die Dorfbezeichnungen. Man liest an den betreffenden Tafeln: „Département de la Moselle“. Die Straße war voll Fuhrwerke und Truppen, jeder Ort voll Einquartierung. In der überall hügeligen, theilweise bewaldeten Gegend waren hie und da kleine Lager im Entstehen, Pferde an Pfählen, Kanonen, Pulverwagen, Marketender.

Kamen nach Forbach. (Ich muß die Fülle meiner Erinnerungen zusammendrängen, und so sei gestattet, in kurzangebundenem Tagebuchstile weiter zu erzählen. Auch Lücken und Sprünge und zwar bisweilen solche, die Bedeutendes unberührt lassen, wird man mir erlauben müssen, da ich fast nur Äußerlichkeiten mitzutheilen versprochen habe.) In der Stadt französische Schilder an Werkstätten und Kaufläden, doch die Namen der Inhaber meist deutsch, z. B. Schwarz, Boulanger. Manche von den Einwohnern grüßen in die Wagen; die Mehrzahl macht ein verdrießliches Gesicht. Alle Fenster voll blauer Preußen.

So geht es fort über Thal und Hügel, durch Wäldchen, durch Dörfer nach Saint Avold, wo wir bald nach vier Uhr eintreffen und allesammt mit dem Kanzler auf der Rue des Charrons Nr. 301, im Hause eines Herrn Laity einquartiert werden. Einstöckiges Haus mit weißen Jalousien, nur fünf Fenster in der Front, aber tief; hinten hübscher Obst- und Gemüsegarten. Der Minister bewohnt das eine Vorderzimmer; die Uebrigen haben die hintern Stuben inne, wo sich auch das Bureau etablirt. Es wird fleißig gearbeitet (was ich in der Folge als selbstverständlich unerwähnt lassen werde). Abends sieben Uhr essen wir mit dem Grafen in der an dessen Zimmer anstoßenden Stube, die auf den mit Gartenanlagen geschmückten kleinen Hof hinaussieht. Die Unterhaltung bei Tische lebhaft. Chef hält einen Ueberfall nicht für unmöglich. Unsere Vorposten stünden nur drei Viertelstunden von hier und weit auseinander. Man spricht von allerlei Dingen, von der vielen Wäsche, die unser mit seiner Frau abgereister Wirth – er soll ein verabschiedeter Officier sein – zurückgelassen, von Steinmetz, von Bier, dem der Minister nicht wohl geneigt ist, und dem er einen guten Kornbranntwein vorzuziehen erklärt, von den Mormonen, von Religionsfreiheit etc.

Die Nacht ruhig verlaufen. Früh kommt Feldjäger mit Depeschen. Ist Montag, den 8. von Berlin weg, heute, den 12. hier, also, obwohl er mehrmals Extrapost genommen, nicht schneller gereist, als ich. Vormittags, während der Chef beim König, mit den Räthen in die große hübsche Stadtkirche, in der uns ein Caplan herumführt. Nachmittags, wo der Minister ausgeritten, nach dem preußischen Artilleriepark am Berge hinter dem Orte. Um vier Uhr mit dem Bundeskanzler und den Andern gespeist. Der Minister war weit weggewesen, um seine beiden Söhne, die als Gemeine bei den Gardedragonern dienen, aufzusuchen, hatte aber erfahren, daß die Cavallerie schon bis Luneville vorgeschwärmt. Er ist sehr gut aufgelegt. Als das Gespräch sich auf Mythologisches lenkt, äußert er, daß er „niemals Apollo leiden gekonnt“. Hätte „Einen aus Einbildung und Neid geschunden (Marsyas) und aus ähnlichen Gründen die Kinder der Niobe todtgeschossen“. – „Er ist der echte Typus eines Franzosen; ’s ist einer, der es nicht ertragen kann, daß Jemand besser oder eben so gut die Flöte spielt wie er.“ Auch daß er’s mit den Trojanern gehalten, hätte ihm nie zugesagt. Sein Mann wäre der ehrliche Vulcan gewesen, und noch besser hätte ihm Neptun gefallen – vielleicht wegen des Quos ego! was er aber nicht sagte.

Am 13. weiter nach Faulquemont oder Falkenberg. Durch hügelige, meist auch waldige Gegend an allerlei Kriegsbildern vorüber. Die Chaussee bedeckt mit Wagenzügen, Geschützen, fahrenden Lazarethen, Armeegensd’armen, Ordonnanzen. Unabsehbare Reihen von Infanterie auf der Straße und zur Rechten quer durch die Stoppelfelder auf den hier abgesteckten Colonnenwegen. Bisweilen sieht man einen umfallen, und hier und da liegen Marode in den Gräben; denn die Augustsonne brennt grimmig hernieder. Endlich durch eine dicke Staubwolke in das Städtchen hinein, wo ich bei Bäcker Schmidt einquartiert werde. Der Minister ist mit dem Könige nach dem Dorfe Herny weiter gefahren. Den ganzen Tag Durchmarsch von Truppen, darunter auch hessische Infanterie. Die Sachsen stehen in der Nachbarschaft. Nachmittags bringen preußische Husaren in einem Wagen mehrere Gefangene, darunter einen schwarzbraunen Turco, der seinen Fez mit einem Civilhute vertauscht hat. Meine Wirthsleute sind sehr höflich und gutmüthig; er spricht geläufig, sie nur gebrochen Deutsch. Wollen, was sie unverlangt auftragen, nicht bezahlt nehmen.

Sonntag, den 14., fort zum Minister. Tiefblauer Himmel, starke Hitze, von der es über den Feldern flimmert. Links von der Straße hessisches Fußvolk, das Feldgottesdienst hält, die katholischen Soldaten in einem, die protestantischen ein Stück davon in einem zweiten Ringe um den Geistlichen. Letztere singen: „Eine feste Burg ist unser Gott.“ Kommen in Herny an, wo der Minister in einem langen, niedrigen weißen Bauernhause mit Aussicht auf die Düngerstätte wohnt. Ziehen zu ihm, ich mit Abeken zusammen. Hatzfeld’s Stube ist zugleich Bureau. Der König hat sein Quartier beim Pfarrer gegenüber der hübschen, alterthümlichen Kirche, deren Fenster Glasmalereien zeigen. Das Dorf ist eine langgestreckte Gasse mit dicht an einander stehenden Häusern, die sich unten nach dem kleinen Bahnhofe abzweigt. In letzterem arge Verwüstung, herumgestreute Papiere. Neben dem Gebäude Soldaten mit zwei französischen Gefangenen. Nach vier Uhr mehrere Stunden dumpfer Kanonendonner aus der Gegend von Metz hörbar. Beim Thee sagte der Kanzler: „Das hätte ich vor vier Wochen auch nicht gedacht, daß ich heute mit den Herren meinen Thee in einem Bauernhause zu Herny trinken würde.“ Dann war unter Anderm von Gramont die Rede, und der Graf wunderte sich, daß Jener nach Wörth und Spicheren nicht in ein Regiment eingetreten wäre, um seine Dummheit zu sühnen. „Ich hätte es anders gemacht 1866, wenn es nicht gut gegangen wäre,“ fügte er hinzu. Als er sich auf sein Zimmer, beiläufig ein sehr ländliches Stübchen mit wenig Möbeln, zurückgezogen, wurde ich zweimal zu ihm gerufen, um Aufträge zu empfangen.

Am nächsten Morgen bald nach vier Uhr wurde in die Parterrestube, in der Abeken und ich schliefen, gemeldet: „Excellenz geht gleich fort; die Herren sollen sich parat machen.“ Sofort stand ich auf und packte. Es war indeß ein Mißverständniß; mit den Herren waren nur die Räthe gemeint. Gegen sechs Uhr fuhr der Kanzler mit Graf Bohlen fort; Abeken, Keudell und Hatzfeld folgten zu Pferde. Wir Andern blieben vorläufig in Herny, wo es zunächst genug Beschäftigung gab, und wo wir uns später anderweit nützlich machen konnten. Wiederholt gingen in dicken, gelbgrauen Staubwolken große Züge Infanterie durch das Dorf, unter Anderm drei preußische Regimenter, zum Theil Pommern, große schöne Leute. Die Musik spielte: „Heil Dir im Siegerkranz“ und: „Ich bin ein Preuße.“ Wir trugen in Eimern und Krügen Wasser herzu und reichten es während des Marsches – denn sie durften nicht Halt machen – in die Reihen und Glieder hinein. Unser Wirth heißt Matthiote; er spricht übrigens ein wenig Deutsch, seine Frau nur das französische Patois der Gegend; beide zeigen wenig guten Willen. Nach drei Uhr kommen unsere Reiter zurück, etwas später auch der Minister. Inzwischen haben sich Graf Henckel und der Reichstagsabgeordnete Bamberger eingestellt, desgleichen ein Herr von Olberg, der Präfect oder etwas der Art werden soll. König und Kanzler haben, wie man bei Tische hört, eine Art Recognoscirungstour bis etwa eine Meile vor Metz gemacht, zu der sich auch Steinmetz eingefunden hat. Die außerhalb Metz stehende französische Arrièregarde ist gestern von unseren Leuten angegriffen und in die Festung hineingeworfen worden. Beim Thee erzählt der Minister unter Anderm, daß er zweimal, in San Sebastian und zwischen Petersburg und Schlüsselburg, in Gefahr gewesen, von einer Schildwache erschossen zu werden.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 738. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_738.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)