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Seite:Die Gartenlaube (1877) 708.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


der Reicheren und der europäischen Familien. Dann steigen sie natürlich sehr im Preise, oft bis zu zwei Franken und mehr.

Der Scheich führte uns nun weiter zu anderen Kammern, die noch mit Eiern angefüllt waren, denn da sie zu verschiedenen Perioden eingeliefert werden, ist auch die Zeit des Ausschlüpfens verschieden. In einer Kammer schien aber gerade dieser wichtige Moment gekommen zu sein, denn viele der Eier bewegten sich sichtlich, und hier und da kam bereits ein gelbes Köpfchen zum Vorschein. Die jungen Araber sprangen hinzu und halfen manchem Thierchen aus der zerbrochenen Schale vollends heraus, gaben uns auch einige Eier in die Hand, die sehr warm und schwer wie Blei waren; in einer Viertelstunde, so sagten sie, würden die Küchlein auskriechen. Und wirklich, als wir zehn Minuten später auf unserem Rundgang noch einmal an dieser Kammer vorbeikamen, war es in derselben schon ganz lebendig geworden und wenigstens hundert Küchlein sprangen, zappelten und piepten umher.

Die drückende Schwüle und mehr noch der unerträgliche Geruch trieben uns aber jetzt, trotz unseres großen Interesses an der Sache, wieder hinaus in’s Freie; wir hatten übrigens auch alles Nöthige gesehen, und etwaige weitere Notizen konnten wir uns ja auch draußen geben lassen. So athmeten wir denn förmlich auf, als wir durch die enge Thüröffnung wieder glücklich hinausgeschlüpft waren, und fanden die Luft draußen bei aller Hitze wahrhaft erquickend. Wir erfuhren noch, daß der Scheich jährlich zweimal brüten läßt, im Mai und Juni sowie im August und September, die erste Periode ist aber die bedeutendste und enthält manchmal gegen achtzigtausend Eier. Von jedem Hundert Eier nimmt der Scheich ein Drittel für seine Mühe, da er sich nicht baar bezahlen läßt, wobei er noch ein sehr gutes Geschäft machen soll. Er ist übrigens längst ein reicher Mann, nur läßt er sich nicht viel davon merken, aus Furcht vor dem Mudir, der ihn dann noch höher besteuern würde. Vater und Söhne begleiteten uns ehrerbietig zum Hofe hinaus, und hier konnte der Scheich nicht umhin, uns auf die schöne Façade seines Hauses aufmerksam zu machen, indem er zugleich stolz auf seinen ältesten Sohn wies, der all die herrlichen Dinge mit eigener Hand gemalt habe. „Allah hat ihm dabei geholfen,“ setzte er naiv hinzu, „denn sonst hätte er es unmöglich so schön machen können.“

Nun kam noch vor dem Abschied der wichtige Moment des Bakschisch, denn ohne einen solchen konnte es unmöglich abgehen. Wir gaben Jeder von uns den Söhnen, die ein hochvergnügtes Gesicht machten, einige Franken; sie küßten erst die Geldstücke und dann unsere Hände und Kleider und wünschten den Segen des Propheten auf uns herab; auch ein halbes Dutzend kleiner brauner Kinder, die sich hinzudrängten und vermuthlich zur Familie gehörten, erhielt einige Piaster und lief jubelnd in’s Haus zurück. Endlich meldete sich noch der Scheich selbst, freilich ohne direct zu bitten, aber doch mit so erwartungsvoller Miene, daß wir ihn sofort verstanden, und so bekam auch er seinen Bakschisch. Da wollte denn das Salahm alékum! (Friede sei mit Euch!) und das Kullo sanne ante taib! (Dein ganzes Jahr sei glücklich!) kein Ende nehmen, und noch beim Fortreiten riefen sie es uns wiederholt nach.




Erinnerungen aus dem Kriege mit Frankreich.
Von Moritz Busch.
1. Das mobilisirte Auswärtige Amt.[1]
Nachdruck verboten.

Wie ein Traum, fast wie ein Wunder kommt es mir vor, wenn ich mir vergegenwärtige, unter welchen Umständen ich vor nunmehr sieben Jahren meine erste und letzte Reise durch Frankreich machte, und doch steht mir keine andere so lebendig vor der Erinnerung. Man wird Beides begreiflich finden, wenn ich sage, daß sie von Saarbrücken über Sedan nach Versailles führte, und daß ich die Ehre hatte, mich in den sieben Monaten, die sie währte, in der unmittelbaren Umgebung des Reichskanzlers – oder, wie er damals noch hieß, des Bundeskanzlers – zu bewegen. Mit anderen Worten: diese Reise hing mit dem Feldzuge von 1870 und 1871 zusammen, und ich war dabei dem mobilgemachten Auswärtigen Amte beigegeben, welches wiederum der ersten Staffel des großen Hauptquartiers der deutschen Heere zugetheilt war. Daß ich dabei Gelegenheit hatte, nicht blos einigen entscheidenden militärischen Actionen an einem guten Platze beizuwohnen, sondern auch andere bedeutende Vorgänge aus nächster Nähe zu sehen und zu hören, war eine Fügung, die einem Manne in bescheidener Stellung, welcher acht Monate vorher nicht einmal daran hatte denken können, mit dem Kanzler in persönliche Berührung zu kommen, recht wohl damals wie später zuweilen wie ein Traum erscheinen konnte. Man sah dicht vor seinen Augen einen weltgeschichtlichen Proceß sich vollziehen, der kaum je vorher seines Gleichen gehabt hatte. Man fühlte den Odem des Geistes unseres Volkes; man hörte seine Donnerstimme über den Schlachtfeldern, empfand die Bangigkeit der Entscheidungsstunde und erzitterte freudenvoll, wenn die Siegeskunde kam. Nicht minder werthvoll und bedeutsam aber waren die stillen nüchternen Stunden, in denen man Blicke thun durfte in die Werkstatt, von wo ein wichtiger Theil jenes Processes seinen Ausgang nahm, wo die Ergebnisse des Waffenkampfes gewogen, berechnet und verwerthet wurden und wo zuletzt, in Ferrières und Versailles, täglich vielgenannte Namen, gekrönte Häupter, Prinzen, Minister, Generäle, Unterhändler, Parteiführer des Reichstags ein- und ausgingen. Wohlthuend endlich war nach des Tages Mühe der Gedanke, als eins der kleinen Rädchen zu dem Apparat zu gehören, mit dem der Meister sein Denken und Wollen auf die Welt wirken, sie nach seinen Plänen sich gestalten ließ. Das Beste war aber und blieb immer das Bewußtsein, in seiner Nähe zu sein.

Ich glaube Ursache zu haben, die Erinnerung hieran werth zu halten als den höchsten Schatz meines Lebens, und ich meine ferner, daß es jetzt erlaubt sein wird, an Einigem davon Andere theilnehmen zu lassen. Selbstverständlich kann das, was ich mittheile, meist nur in Aeußerlichkeiten bestehen. Aber ich denke, Alles ist von Interesse, was zu dem hochherrlichen Kriege gehört, der uns ein deutsches Reich und eine sichere Westgrenze gewann, und auch das scheinbar Kleinste ist werthvoll, was zu dem Antheile in Beziehung steht, den der Graf von Bismarck an den Ereignissen während desselben hatte. Alles sollte deshalb aufgehoben werden. In großer Zeit erscheint das Kleine kleiner; in späteren Jahrzehnten und Jahrhunderten ist es umgekehrt: das Große wird größer und das Bedeutungslose bedeutungsreich. Oft wird dann bedauert, daß man sich von den oder jenen Ereignissen und Persönlichkeiten kein so lebendiges, farbiges Bild machen kann, wie man möchte, weil anfangs unscheinbares, jetzt wünschenswerthes Material mangelt, da sich kein Auge, das es sah und keine Hand, die es beschrieb und bewahrte, gefunden hat, als es Zeit war. Wer wüßte jetzt nicht gern Genaueres über Luther in den großen Tagen und Stunden seines Lebens, bestünde es auch aus sehr harmlosen und wenig charakteristischen Zügen, Umständen und Beziehungen? In hundert Jahren wird Fürst von Bismarck in den Gedanken unseres Volkes seine Stelle neben dem Wittenberger Doctor einnehmen: der Befreier unseres politischen Lebens vom Drucke des Auslandes neben dem Befreier der Gewissen von der Wucht Roms, der Schöpfer des deutschen Reiches neben dem Schöpfer des deutschen Christenthums. Viele haben unserm Kanzler diesen Platz in ihrem Gemüthe und unter den Bildern ihrer Wände schon eingeräumt, und so will ich’s auf die Gefahr ankommen lassen, daß Einer oder der Andere sagt, ich hätte nur von der Schale zu erzählen, und der Kern bliebe unberührt. Vielleicht ist mir später gestattet, in bescheidener Weise den Versuch zu machen, auch von letzterem ein Bild zu geben, das einige neue Züge zeigt. Für jetzt verfahre ich solchen Unternehmungen gegenüber nach dem Spruche: „Sammelt die übrigen Brocken, auf daß nichts umkomme!“

Am 31. Juli fuhr der Kanzler, begleitet von seiner Gemahlin und der Comtesse Marie, aus seiner Wohnung nach dem Bahnhofe, um sich mit König Wilhelm auf den Kriegsschauplatz

  1. Die späteren Capitel werden illustrirt erscheinen.
    D. Red.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 708. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_708.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)