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Seite:Die Gartenlaube (1877) 700.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


und mit Recht; freilich läßt es sich der Kaiser etwas kosten, seine Sänger zu recrutiren, denn fortwährend sind competente Musiker im weiten Reich auf Reisen, nur um aus allen Ständen der Nation die besten Stimmen auszulesen und ihre Inhaber, oft mit sehr bedeutenden Opfern, zu bestimmen, in den Kirchenchor Seiner Majestät einzutreten.

Der gehobenen Stimmung gesellte sich bald eine fröhliche, und unbefangen vertheilten sich die Gäste in den schönen Räumen. Den Russen, und sogar den in Rußland lebenden Ausländern, ist die Geselligkeit mit ihren leichten, natürlichen Formen wie angeboren; in der größten Gesellschaft – und mögen auch die Leute aus den verschiedensten Sphären zusammengewürfelt sein – bilden sich einzelne kleine Clubs, wo fröhlich geplaudert wird, und in denen sich der Fremdeste sofort heimisch fühlt. Die Unterhaltung hat meist einen kosmopolitischen Anstrich, weil der Gesichtskreis des Einzelnen in einer Stadt, wo alle Nationen vertreten sind, sich nothwendig erweitert. Gewiß wird auch in Petersburg zuweilen ein Stückchen redlichen „Stadtklatsches“ auftauchen, aber so hartnäckig, wie in kleinen Orten, wo sich Alle kennen und wenig Anregung von außen hinzukommt, wird er nimmermehr sein Recht behaupten.

Bei dem wohlbekannten Sprachtalent der Russen wechselt die Redeweise jeden Augenblick, und tritt man in einen Petersburger Salon ein, so könnte man sich an den Thurm zu Babel versetzt glauben – aber wie gut verstehen sich die Leute hier und wie gut sprechen sie die fremden Sprachen! Die in Rußland lebenden Ausländer legen großen Werth darauf, daß ihre Kinder vor Allem das Russische erlernen, denn wer das inne hat, dem fällt weder Deutsch noch Französisch, weder Englisch noch Italienisch schwer. Es sei nur das Einzige hier erwähnt: die Russen haben keinen Artikel, und nur durch die veränderten Endungen wird der Fall, in dem das Hauptwort steht, angegeben. Welcher Stein des Anstoßes sind die vier Fälle in unserer Sprache für den Nichtdeutschen – die Russen haben ihrer gar sechs. Der Reichthum ihrer Sprache ist unerschöpflich; während wir für jede unserer Handlungen nur ein Zeitwort haben, bezeichnen sie durch ganz verschieden Wörter, ob sie z. B. täglich oder nur dann und wann hier oder dorthin gehen etc. Doch wohin gerathen wir? Eine grammatikalische Abhandlung sollten diese Zeilen nicht sein. Darum zurück in den behaglichen kleinen Salon, wo eben einige ältere Damen durch die großen Fensterscheiben des Erkers hinab aus das Menschen- und Wagengewirr der großen Marskoi blicken! Die Frau des Hauses nähert sich ihnen: „Darf ich bitten ein Stückchen Häring zu genießen?“ sagt sie freundlich – so lautet in Rußland stets die Aufforderung an den Tisch zu kommen – und damit führt sie die Damen nach dem Eßsaal.

Die Speisestunde ist erst um sechs Uhr; daher ist jetzt nicht wie zu einer eigentlichen Mahlzeit gedeckt. Der große Tisch in der Mitte des Saales ist mit allen erdenklichen Leckerbissen auf das Geschmackvollste beladen. Teller und Bestecke stehen auch dort, und nachdem alle Damen an kleinen Tischen Platz genommen, bringen ihnen die Herren, was sie wünschen, herbei und setzen sich erst dann, wenn sie Alle versorgt sind, zu ihnen, auch ihr „Stückchen Häring“ zu verzehren. Diese erste Bewirthung in einem neuen Hause gestaltet sich stets zu einem Piknik, und nicht die Eingeladenen sind bei dem Wirth zu Gaste, sondern eher er bei ihnen. Wie in Deutschland in so vielen Gegenden die freundliche Sitte des „Herdwärmens“ beim Wohnungswechsel besteht, so bringt auch hier jeder Eingeladene Brod und Salz an den neuen gastlichen Herd. Gar zu genau nimmt man es freilich nicht damit, und meist verwandeln sich diese unumgänglichen Zuthaten in schöne Pasteten, in Früchte oder Zuckerwaaren. Brod und Salz spielen in Rußland eine große Rolle: bereist der Kaiser nach der Krönung sein Land, so wird ihm von jeder Provinz als Huldigung Brod und Salz entgegen gebracht, und die reichen Gold- und Silberplatten, auf denen dies geschieht, stehen zu Hunderten auf den Büffets der kaiserlichen Speisesäle im Winterpalast von Petersburg.

Beim fröhlichen Mahl löste der perlende Wein die Zungen; im ernsten und launigen Reden gaben die Freunde ihren guten Wünschen für Haus und Herd Ausdruck, und längst spiegelten sich die funkelnden Lichter in der Newa, als sich endlich die Gäste aus dem ihnen auf’s Neue geöffneten gastlichen Hause entfernten.

L. Devrient.




Neue Arten giftiger Tapeten. Im Anfang dieses Sommers wurde von der königlichen Staatsanwaltschaft zu Altona dem dortigen Gerichtschemiker eine Tapetenprobe zur Untersuchung auf Arsenik übergeben. Diese war von einem Arzte aus dem Holsteinischen dem Krankenzimmer eines Kindes entnommen, und durch eine vorläufige Prüfung wurde darin eine nicht unwesentliche Menge Arsenik nachgewiesen.

Wenngleich nun ein direct nachtheiliger Einfluß der giftigen Zimmerbekleidung auf den Patienten nicht constatirt werden konnte, so hielt es der Arzt dennoch für seine Pflicht, diesen Fall der Behörde seines Ortes zur weiteren Verfolgung der Sache anzuzeigen. Dieser Schritt ist nur zu billigen; denn ein unnachsichtiges Auftreten der Aerzte in derartigen Fällen ist schon aus dem Grunde nothwendig, um die verbotene Fabrikationsweise von giftigen Tapeten endlich einmal auszurotten.

Es kommt dabei weniger auf die Menge des in den Tapeten enthaltenen Giftes an, als überhaupt auf das Vorhandensein desselben; denn wird das Bedrucken der Tapeten mit gifthaltigen Farben überall freigegeben, so liegt es ja eben in dem Belieben eines jeden Fabrikanten, wie viel er von dem giftigen Farbstoff in Anwendung bringen will, und das Publicum hat nicht die geringste Garantie dafür, daß die Grenze der Unschädlichkeit nicht überschritten wird.

Wir haben aber bei dem oben mitgetheilten Factum noch einen anderen Punkt in Rücksicht zu ziehen, der sehr zu beachten ist. Die eingesandte Tapetenprobe zeigte nämlich nicht die allgemein bekannte, lebhaft grüne Farbe des Schweinfurter Grüns, sondern einen blaugrünen Grundton, der mit einem dunkelgrünen Muster bedruckt worden war.

Trotzdem ergab die Analyse einen erheblichen Arsenikgehalt. Mithin war hier die giftige Farbe mit einer unschädlichen vermischt worden.

Auch soll es nicht selten vorkommen, daß hellgrüne, giftige Tapeten mit einer nicht nachtheiligen Farbe überdruckt werden. Diese Manipulationen werden von den Fabrikanten vorgenommen, um die vielseitig als giftig bekannte hellgrüne Farbennuance zu verdecken und dadurch die Waare leichter verkäuflich zu machen. Nebebei verfolgt man auch den Zweck, die Anwendung des zur Erhöhung des Farbentons sehr zweckdienlichen Schweinfurter Grüns zu ermöglichen. Daß aber blaugrüne Tapeten Gift enthalten können, dürfte dem Publicum so gut wie gar nicht bekannt sein. Ebenso wenig werden die Käufer es ahnen, daß auch in grauen, braunen und rothen Tapeten Arsenik enthalten sein kann, und doch ist dieses durch Untersuchungen von Dr. Franz Hulwa in Breslau bewiesen, und den Liebhabern des pompejanischen Roths wird es nicht uninteressant sein, zu erfahren, daß Dr. Hallwachs in Darmstadt in einer derartig gefärbten modernen Tapete ganz enorme Mengen Arsenik nachgewiesen hat.

In Anbetracht der angeführten Thatsachen muß es vom deutschen Publicum mit großer Freude begrüßt werden, daß der Herr Reichskanzler dem Vorsitzenden des kaiserliche Gesundheitsamtes zu Berlin, Herrn Dr. Struck, und dem Vorsitzenden des Reichsjustizamtes, Herrn Staatssecretär Dr. Friedberg, den Befehl ertheilt hat, neben der so dringend nothwendigen Gesetzesvorlage gegen die Verfälschungen der Lebensmittel auch eine solche auszuarbeiten gegen die gesundheitswidrige Beschaffenheit anderer Gebrauchsgegenstände.

Sämmtliche deutsche Sachverständige, denen ein erwähnenswerthes Erfahrungsmaterial in Bezug auf die Prüfung gefälschter Lebensmittel und auf die Feststellung der gesundheitsschädlichen Beschaffenheit anderweitiger Waaren zu Gebote steht, oder die in anderer Richtung sich mit dieser Frage befaßt haben, wurden öffentlich aufgefordert, bis zum 1. October dieses Jahres dem kaiserlichen Gesundheitsamte bezügliche Mittheilungen hierüber zukommen zu lassen.

Möge die sehr beachtenswerthe Aufforderung in den betreffenden Kreisen eine allseitige Berücksichtigung finden und es Keiner versäumen, seine Kenntnisse und Erfahrungen zum Vortheil des öffentlichen Interesses an oben bezeichnetem Orte niederzulegen! Es liegt für Jeden, der an diesem Werke mitarbeitet, eine Befriedigung darin, dem Gemeinwohl einen wichtige Dienst geleistet zu haben, entweder durch ein rückhaltloses Auftreten gegen das schändliche Gewerbe der Lebensmittelfälschung oder durch die Warnung vor dem Gebrauch der die Gesundheit benachtheiligenden Gegenstände.

Dr. Julius Erdmann.




Die Ausbildung von Krankenpflegerinnen, für welche wir jüngst die von Fräulein Emilie von Bunsen in Karlsruhe geleitete Anstalt empfohlen haben, erfreut sich auch im deutsche Norden, in Bremen, einer Heimstätte. Von einem Verein gegründet und erhalten, besitzt die Anstalt bereits ein eigenes, neu erbautes Asyl mit Wohnräumen für vierzehn Pflegerinnen, Barackenlager für sechsundzwanzig Kranke und steht unter der Oberin Fräulein Johanna Mentzel, die im französischen Kriege sich ausgezeichnete Verdienste erworben hat. Wenn wir in den „Grundgesetzen des Vereins“ Paragraphen finden, wie: „Der Verein zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen stellt bei Mobilmachung des deutschen Heeres sein Krankenhaus mit allen Einrichtungen, sowie sein ganzes Personal für die Pflege kranker und verwundeter Krieger in Bereitschaft“ – und „Auf das Religionsbekenntniß wird bei der Aufnahme in die Anstalt keine Rücksicht genommen, doch wird bestimmt erwartet, daß alle im Dienste oder unter dem Schutze des Vereins stehenden Personen jede religiöse Ueberzeugung achten und niemals versuchen, ihre eigenen Ansichten anderen aufzudrängen“, so hat sich damit der Geist der Vereins-Anstalt am besten gekennzeichnet.




Entlaufen oder entführt. Vor fünf Jahre verließ der zwölfjährige Sohn des Schuhmachers Johann Doublon in Nürnberg (Gestenhof, Bauerngasse 9), Georg Michael Wolfgang Doublon, die elterliche Wohnung und ist seitdem für die Seinen spurlos verschwunden. Man weiß nur, daß zur Zeit seines Verschwindens in dem Dorfe Buch hinter der Veste, in unmittelbarer Nähe Nürnbergs, eine wandernde Künstlergesellschaft verweilte, bei der er gesehen worden sein soll. Der Knabe war blond, sehr schlank und im Gesicht voll Blatternarben. Da der Vater, ein armer Handwerker, bisher nicht die Mittel erschwingen konnte, um kostspielige Nachforschungen nach dem Verschollenen anstellen zu lassen, so wollen wir es auf diesem Wege versuchen, der durch die Theilnahme unserer Leser schon manchmal zum Ziele geführt hat.

D. Red.




„Ein helfender Hausfreund“ ist mit Recht das Werk genannt worden, durch welches unser heimgegangener Karl Ernst Bock sich den Dank von Tausenden verdient hat: sein „Buch vom gesunden und kranken Menschen“. Wie die heutige Beilage zur „Gartenlaube“ anzeigt, auf die wir für diesen Fall ausnahmsweise hinweisen, erscheint es nunmehr in der zwölften Auflage, nachdem bereits anderthalbhunderttausend Exemplare desselben in den Händen des deutschen Volkes sind. Wenn auch der Erfolg nicht immer der richtige Werthmesser einer Sache oder Erscheinung ist, so wird doch hier, wo nicht die schwankenden Richtungen des Geschmackes, sondern einfach die Erfahrungen von der Nützlichkeit des Werkes das Urtheil bestimmen, dem außerordentlichen Erfolg auch der außergewöhnliche Werth desselben zur Seite stehen. Bock hat in seinem Berufe als Arzt und Schriftsteller nie eine Zeile geschrieben, mit welcher es ihm nicht heiliger Ernst gewesen wäre, etwas Gutes durch Lehre, Warnung oder Mahnung zu wirken, und diese Ehrlichkeit seines Strebens ist es, die im Volke erkannt worden ist und dem Worte des Mannes das volle Vertrauen noch lange nach seinem Tode sichert.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 700. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_700.jpg&oldid=- (Version vom 29.12.2019)